PAURAnoia: So eine Art Inhaltsverzeichnis

Ein paar Gedanken und Bewertungen zum (eher) abseitigen Film. In der Reihenfolge, wie sie mir vor die Füße liefen. (Zur spezielleren Navigation einfach die Tags nutzen.)

001. Dogtooth – Kynodontas (2009)

002. Zabriskie Point (1970)

003. Die Verachtung (1963)

004. La Bête – Die Bestie (1975)

005. Tausendschönchen – Sedmikrásky (1966)

006. Viva la muerte – Es lebe der Tod (1970)

007. Der Gott des Gemetzels (2011)

008. Amer – Die dunkle Seite deiner Träume (2009)

009. Let Sleeping Corpses Lie (1974)

010. Drive (2011)

011. Kabinett außer Kontrolle (2009)

012. The Burrowers (2008)

013. Kika (1993)

014. Henry – Portrait Of A Serial Killer (1986)

015. A Serious Man (2009)

016. Meet The Feebles (1989)

017. Barracuda – Vorsicht Nachbar! (1997)

018. Possession (1981)

019. The Killing Fields (1984)

020. Permanent Vacation (1980)

021. eXistenZ (1999)

022. Der Saustall (1981)

023. Howl – Das Geheul (2010)

024. Workingman’s Death (2005)

025. Insignificance – Die verflixte Nacht (1985)

026. Lärm & Wut (1988)

027. Ruinen (2008)

028. Der Leichenverbrenner (1968)

029. Confessions – Kokuhaku (2010)

030. Die Bettwurst (1970)

031. The Card Player – Il Cartaio (2004)

032. The Investigator – A Nyomozó (2008)

033. Leben und Tod einer Pornobande (2009)

034. Clean, Shaven (1993)

035. Bad Boy Bubby (1993)

036. Nails – Cruel Behaviour (2003)

037. Maniacts (2001)

038. Lifeforce – Die tödliche Bedrohung (1985)

039. Jesus’ Son – The Funny Life of Fuckhead (1999)

040. The Virgin Suicides (1999)

041. Punishment Park – Strafpark (1971)

042. Tagebuch einer Kammerzofe (1964)

043. Viridiana (1961)

044. Tristana (1970)

045. The Loved Ones – Pretty in Blood (2009)

046. Moon (2009)

047. Alice, Sweet Alice (1976)

048. Die Körperfresser kommen (1978)

049. Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte (2010)

050. Tokyo Sonata (2008)

051. Der Affe im Menschen (1988)

052. Deliver Us From Evil (2009)

053. Stranger Than Paradise (1984)

054. Im Glaskäfig (1987)

055. Shutter Island (2010)

056. This Is England ’86 (2010)

057. Erwartungen und Enttäuschungen (1981)

058. Heaven’s Burning – Paradies in Flammen (1997)

059. Antichrist (2009)

060. The Substance: Albert Hofmann’s LSD (2011)

061. Attack The Block (2011)

062. Delicatessen (1991)

063. Belladonna der Trauer (1973)

064. Attenberg (2010)

065. Das Gespenst (1983)

066. Benny’s Video (1992)

067. Chillerama (2011)

068. The Honeymoon Killers (1969)

069. Russ Meyer’s Vixen (1968)

070. Van Diemen’s Land (2009)

071. Russ Meyer’s Megavixens (1970)

072. Whores’ Glory (2011)

073. Russ Meyer’s Supervixens (1975)

074. Koyaanisqatsi (1982)

075. Russ Meyer’s Up! (1976)

076. Im tiefen Tal der Superhexen (1979)

077. Der rote Rausch (1962)

078. Forbidden Zone (1982)

079. Theater des Grauens (1972)

080. Berberian Sound Studio (2012)

081. Fear X (2003)

082. Rubber (2010)

083. Zombie Lake (1981)

084. Arrebato (1980)

085. Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod (2010)

086. Grand Piano – Symphonie der Angst (2013)

087. The Tomb (2007)

088. Der Diktator (2012)

089. Slipstream Dream (2007)

090. EMR – Swallow Your Fear (2007)

091. Zombi 4: After Death – Das Böse ist wieder da (1988)

092. Coherence (2013)

093. Escape From Tomorrow (2013)

094. The Cabin In The Woods (2012)

095. Tusk (2014)

096. God Told Me To (1976)

097. Poltergeist 3D (2015)

098. Psycho Legacy (2010)

099. Carnival of Souls (1962)

100. The Psychic (1977)

101. White Lightnin’ (2009)

102. Murder Rock (1984)

103. DIG! (2004)

104. The Tall Man (2012)

105. I Shot Andy Warhol (1996)

106. Rare Exports – Eine Weihnachtsgeschichte (2010)

107. Die Maschine (1994)

108. The Cell (2000)

109. The Attic Expeditions (2001)

110. Pontypool (2008)

111. Gospel According To Harry (1994)

112. Love (2015)

113. Anthropophagus (1980)

114. The Wicker Man (1973)

115. I Want To Be A Soldier (2010)

116. Es begann um Mitternacht (1974)

117. Alexandra’s Project (2003)

118. Barbarella (1968)

119. Bedevilled – Zeit der Vergeltung (2010)

120. Wonderwall (1968)

121. My Dinner With Jimi (2003)

122. Eden und danach (1970)

123. Picknick am Valentinstag (1975)

124. Coraline (2009)

125. Footprints on the Moon – Le Orme (1975)

126. Red, White & Blue (2010)

127. Mann beißt Hund (1992)

128. Blut an den Lippen (1971)

129. Singapore Sling (1990)

130. Opium – Tagebuch einer Verrückten (2007)

131. Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes (1971)

132. Overlord (1975)

133. Neverlost (2010)

134. Firecracker (2004)

135. Das 10. Opfer (1965)

136. Soft for Digging (2001)

137. Reality (2014)

138. Maggie (2015)

139. Livid – Das Blut der Ballerinas (2011)

140. Ink (2009)

141. Der Satan (1971)

142. Eden Log (2007)

143. Midnight Special (2016)

144. Puppet Master 3: Toulon’s Revenge (1991)

145. A Boy And His Dog (1975)

146. Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood (1985)

147. Black Moon (1975)

148. Baskin (2015)

149. Punk Love (2006)

150. A Fantastic Fear of Everything (2012)

151. La Antena (2007)

152. Liebe mich, wenn du dich traust (2003)

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Liebe mich, wenn du dich traust

Liebe mich, wenn du dich traust

(Regie: Yann Samuel – Belgien/Frankreich, 2003)

Seit sie sich als Achtjährige auf den Straßen einer belgischen Kleinstadt kennen und schätzen lernten, sind Julien Janvier (Guillaume Canet) und Sophie Kowalski (Marion Cotillard) treue Freunde. Doch vor allem verbindet sie ein konsequent geführtes Spiel, bei dem einer den anderen mit immer wagemutigeren Streichen stets zu übertreffen sucht. Nach zehn Jahren, in denen sie sich nicht gesehen haben, kommt es zur alles entscheidenden “Top oder Flop”-Frage…

Wenn die Nacht hereinbricht, und die Abgeschmackteren unter ihnen in ihren Betten liegen und mit geschlossenen Augen in die Finsternis starren, werden dann die Lohnschreiber der Kulturindustrie manchmal von bedrohlichen Gedanken umzingelt, die ihnen ihre vergifteten Federn vor Augen führen, die im Akkord, zum lächerlichen Tariflohn, die Liebe aus dem Leben der Menschen herausschreiben? Die mit ihrem grob nachempfundenem Stümperhandwerk Gedanken und Gefühle in ihre Werkstatt ziehen, welche unter den Schlägen des Verseschmieds mit jedem Hieb zurechtgestutzt werden, bis sie völlig verkrüppelt in der Gewöhnlichkeit enden?
Beschleicht diese Menschen, die nur ihren Job machen, wie alle immer nur ihren Job machen, nie der Skrupel, dass sie Weltenvernichter sind, und wenn schon nicht Weltenvernichter, dann Gefühlsauflöser, die ihren Mitmenschen nur kleine, gespaltene Häufchen Zynismus übrig lassen, abgehobelt und zur Seite gespant, letztendlich kleinkariert zusammengefegt?
Wie unappetitlich sie mit ihren wurstigen Fingern auf die Kunstwerke zeigen, die der Dunkelheit entrissen wurden. Wie empört sie tun, wenn es zu Mord und Totschlag kommt. Wie sicher sie sich sind, hier läge der Hund begraben, ein Wolf des Menschen. Wie sie ihren Dackeln noch eine Leberwurst in die Kehle streichen.
Ob sich diese Leute, wenn sie alleine sind und nur ihre Rolle vor sich selbst spielen müssen, jemals gefragt haben, ob ihre Liebesschlager, ihre Liebesschwüre, ihre romantischen Komödien und Tragödien, die Ursache für die Auslöschung der Liebe in der unterhaltenden Kunst sind? Dass ihre wertlose Worthülsenbeschwörung der Liebe zu einem nihilistischen Zynismus geführt hat, der schon Blut erbricht, sobald auch nur ansatzweise ein positiver Gedanke ins Rampenlicht gestellt wird?
Es fällt leicht in “Liebe mich, wenn du dich traust” den Einfluss von Jean-Pierre Jeunets quicklebendig gestalteten Surrealismen (“MicMacs”, “Die Karte meiner Träume”) zu sehen: Die Farben lehnen sich unbekümmert ins Warme, ins Gelb-Orange, die Kamera pulst, schwelgt und läuft mit dem Leben der Geschichte um die Wette, die Yann Samuel erzählt. Er ist kein verbissener Totenwächter der in Stein gemeißelten Konventionen der Liebe, sondern ein neugieriger Naseweis, der sich an der Wiedererweckung des romantischen Unterhaltungsfilms versucht, jederzeit die Gefahr in Kauf nehmend kitschig zu wirken.
Dank seiner ungestümen kindlichen Energie, die manche Szenen vor Einfallsreichtum bersten lassen, nehme ich ihm seine positiven Gefühle ab. Ich fühle mich nicht verraten, ich fühle mich nicht verkauft. Der Nährboden seiner spielerischen Weltsicht sind die Tragödien, die alle Menschen umgeben, aber immer nur uns selbst zu betreffen scheinen: Rassismus, der Tod geliebter Menschen, die Gesellschaft als bedrohliches Gefängnis – um wenige von vielen zu nennen.
In seinem Drehbuch, seinen Storyboards und schließlich auch in der Inszenierung des Films von Yann Samuel basteln die Hauptfiguren, Julien und Sophie, aus jedem der bleiernen und potentiell geistesverödenden Schicksalsschläge ein Wagnis, eine Herausforderung, eine Leiter mit angesägten Sprossen zur nächsten Ebene, die durch die Missachtung gesellschaftlich vereinbarter Regeln erreicht wird, ausgestattet mit lebensklugen Aphorismen und respektlosen Frotzeleien, dynamischen Bildwelten und diversen Einspielungen von “La vie en rose”. Die erste ist Teil einer Wette: Sophie singt das Lied bei der Beerdigung von Juliens durch Krebs getötete Mutter, unbekümmert auf dem Grab tänzelnd. Ein Affront, welcher nur die Ausgangsqualität der noch kommenden Wetten bedeutet.
Während sich die Wagnisse in immer schwindelerregendere Höhen schrauben, funkt Sophie und Julien die Liebe dazwischen, mit der sie beide nicht umzugehen wissen. Selbst das Schutzschild der Wetten stellt sich schnell als nutzlos und gräbenvertiefend heraus. Die Probleme des Erwachsenwerdens scheinen winzig, im Gegensatz zu den Problemen des Erwachsenseins. Hier nimmt Yann Samuel Tempo aus “Liebe mich, wenn du dich traust” und lenkt die Handlung in konventionellere Bahnen, gleichbedeutend mit der Vergeudung von Lebenszeit, die Sophie und Julien mit der Aufnahme des Erwachsenen- und Familienlebens begehen.
Die deprimierende Visualisierung eines Durchschnittlebens in Zahlen melancholisiert die endlosen Wiederholungen und Schleifen des geregelten Daseins. Im Zentrum steht eine Überblendung des Friedhofs mit dem Grab der Mutter zur Großbaustelle, die Julien als Architekt betreut: Schmucklose Gräber und mit Beton zu füllende, abgeriegelte Planquadrate gehen Hand in Hand, verschmelzen für Sekunden. Wie gewöhnlich der Tod geworden ist, wie sehr Juliens öder Job dem Totsein gleicht. (Zugleich ein Schlüsselmoment, der mit der ersten Szene des Films und dem Schluss die Koordinaten bestimmt, wie “Liebe mich, wenn du dich traust” gelesen werden kann.)
Der französische Originaltitel “Jeux d’enfants”, also “Kinderspiele”, mag besser auf die makabere Komödie vorbereiten, die Regisseur Samuel spielen lässt, in ihr findet sich altersunabhängig ein Weg, um der Welt entgegenzutreten und sich trotzig zu behaupten. “Liebe mich, wenn du dich traust” spricht von der anderen Seite der Spiele, von dem Moment der Überwindung, der mehr verlangt als das sture Einhalten einer Wette. Yann Samuel gelingt die Verschmelzung beider Geisteshaltungen, lässt dennoch eine tiefschwarze, aber wiederum sehr romantische Reprise der Kinderspiele zu.
Beide Hauptdarsteller (Guillaume Canet als Julien, Marion Cotillard als Sophie) sind perfekt besetzt, wobei ich mich besonders über das Wiedersehen mit Canet gefreut habe, der sich in “Barracuda” den mörderischen Avancen eines seltsamen Nachbarn erwehren musste. Auch in “Liebe mich, wenn du dich traust” nimmt er die Herausforderungen an – und hält Schritt.
Aufgrund der anpreisenden Zitate der sogenannten “Frauenzeitschriften” (Brigitte, Petra, Joy), die die Hülle der deutschen DVD von “Jeux d’enfants” schmücken, wird so mancher Liebhaber des verschrobenen Films einen Bogen um diese Veröffentlichung gemacht haben. So entging ihm einer der fantasievollsten und rasantesten Liebesfilme der letzten Jahrzehnte, gespickt mit waghalsigen und genickbrechenden Wetten, einer am Rad drehenden Optik und zitierbaren Sprüchen in Hülle und Fülle. Ein Vergnügen, ein seltsamer Quell an Lebensfreude, der seine Inspiration aus der Finsternis fischt.
Vielleicht haben im Gegenzug einige Brigitte-Abonnenten “Liebe mich, wenn du dich traust” gesehen und trauen dem Schlock nicht mehr, den ihnen die Kulturredakteurin unter der zu Tode geklöppelten Unkategorie “Liebe, Lust & Leidenschaft” unterjubeln will. Ein unterdrückter, kehliger Schrei, sich fahrig aus dem schweißnassen Kopfkissen wühlend. Schläfst du nicht gut, Herr Rosenkavalier? 9/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 13.05.2017)
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La Antena

La Antena

(Regie: Esteban Sapir – Argentinien, 2007)

Die Stadt ohne Stimmen siecht schon seit 20 Jahren in Lethargie dahin. Eine Mediendiktatur hat die Bewohner zu stummen Konsumenten gemacht. Es fehlen ihnen die Stimmen, die Worte sind jedoch geblieben. Doch Señor T.V., ein skrupelloser Machtmensch, will mit einem Störsignal aus einer geheimen Maschine auch die Worte der Bewohner rauben, um so ein Volk aus willenlosen Verbrauchern zu schaffen, die seine Macht nicht mehr gefährden können. Dazu benötigt er die mysteriöse Sängerin La Voz, die als einzige noch eine Stimme besitzt. Ein Fernsehtechniker durchschaut jedoch Señor T.V.s Plan. Seine Tochter Ana kam durch einen Zufall auf das Geheimnis von La Voz, die ihren blinden Sohn vor der Außenwelt versteckt hält, der ebenfalls eine Stimme besitzt. Mit seiner Hilfe könnte in einer alten Antennenstation in den Bergen der diabolische Plan des Medienmoguls noch vereitelt werden. Doch als Señor T.V. durch den listigen Dr. Y auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht wird, beginnt eine mörderische Hetzjagd durch die surreale Welt der Stadt ohne Stimmen…

Der Siegeszug des Tonfilms erstreckte sich in kürzester Zeit über alle Sterne und Planeten innerhalb des bekannten Spielfilmuniversums und ließ nur wenige obskure Galaxien aus, die heute ausschließlich von Kurz- und Experimentalfilmern aufgesucht werden, meist mit limitiertem Budget und ohne Beteiligung eines größeren Publikums. “The Artist” gewann im Jahre 2012 den Oscar, weil die Wahrscheinlichkeit für einen Feature-Film ohne gesprochene Dialoge lächerlich gering war, so lächerlich, dass allein das Vorhandensein eines solchen Academy-Award-Anwärters genügte, um ihn letztendlich auch auszuzeichnen.
Im Falle von “La Antena”, geschrieben und inszeniert von Esteban Sapir, nötigt schon die Geschichte (eine etwas plumpe politische Parabel, um eine der mündlichen Sprache bestohlenen Bevölkerung, deren endgültige Niederlage in der Konfiszierung der geschriebenen Wörter durch eine Clique faschistoider Herrscher liegt) zu einer Erzählform, welche die Protagonisten mundtot hinterlässt. Warum also nicht auf die Ästhetik längst vergangener Zeiten zurückgreifen und einen Stummfilm drehen? Das meint nicht nur die Abwesenheit von (vernehmbaren) Dialogen und Soundeffekten, sondern auch konkret einen Rückgriff auf die Bilder der 1920er Jahre, vor allem die des Deutschen Expressionismus. Neben diesem Haupteinfluss gibt Esteban Sapir durch offensichtliche filmische Zitate zu verstehen, dass Fritz Langs Klassiker “Metropolis”, Charlie Chaplins “Moderne Zeiten” und “Die Reise zum Mond” für die visuelle und inhaltliche Seite von “La Antena” Pate standen.
Von Anfang an schöpft der Zuschauer seine Freude aus dem Detailreichtum der Darstellungen, die den Stummfilm nicht nur emulieren, sondern sich kopfüber in dessen Techniken stürzen und die Atmosphäre von “La Antena” entwickeln. Vermutlich hilft hier auch das Wissen um die geschichtlichen Vorgänge, die dem “goldenen Zeitalter” folgten, denn über den Visionen des Stummfilms hängen (vor allem aus heutiger Sicht) der Niedergang der Weimarer Republik und der Mussolini-Hitler-Franco-Faschismus, der den größten Teil Europas Kopf und Rückgrat gekostet hat.
Neben den Filmtechniken erschafft man auch die Technik innerhalb der Geschichte aus den Möglichkeiten der 20er und 30er Jahre, dadurch fällt es schwer, “La Antena” als Warnung vor kommendem Unheil anzusehen, weil diese Welt schon “passiert” ist. Mit anderen Vorzeichen, zu anderen Bedingungen, aber in all ihren ekelhaften Auswüchsen. Vielleicht ist das besser so, denn wie (fast) alle Dystopien, die ihre Lehren aus dem Faschismus ziehen (wollen), macht auch “La Antena” den Fehler, die Übel einer kleinen Gruppe von Psychopathen zuzuschreiben, die das Volk gegen seinen Willen unterdrückt und ausbeutet. Als wären plötzlich ein paar Außerirdische in Rom oder Berlin gelandet und hätten die Staatsgeschäfte übernommen – ein Joch für die Bevölkerung, die zu diesen Widerlingen in keinem Verhältnis steht. Noch dazu erkennt man Sapirs größenwahnsinnige Herrscher an ihren körperlichen Gebrechen.
Solche Vereinfachungen stoßen mir sauer auf, gerade die Zeichnung eines “guten” Volkes, das nur in die falschen Hände geraten ist und letztendlich durch die wiedervereinte Kleinfamilie errettet wird. Ich würde nicht soweit gehen, die transportierte Botschaft “gefährlich” zu nennen, mir scheint sie nur äußerst kurzsichtig, wurzelt doch die Gewalt des Staates in der stumpfen Zusammenrottung der Individuen zu einem “Volkskörper”, der – geistig völlig vernichtet und seelisch auf den Hund gekommen – eine Massenidentität zu kreieren versucht, in die sich jeder zu fügen hat, wenn er nicht passend gemacht werden will. Die Kompromittierung jedes politischen Systems liegt auf der Hand, wenn man die Dinge von der breiten Masse her betrachtet: Egal, ob Kommunismus oder die Demokratie des freien Marktes, der Stumpfsinn und die Gewalt, der Hass und die Ausgrenzungen müssen stets Oberhand gewinnen, wo sich ein Mainstream entwickelt. (Noch dazu in Bevölkerungen, die, durch das Christentum verdorben, eine dichotomische Weltsicht gewohnt sind und ausschließlich in Kategorien wie “Gut und Böse”, “Wir gegen die” und “Schuld vs. Unschuld” existieren.)
Dies ist ein kleiner Schnitzer, der die fabelhaft konstruierte Schwarzweißwelt von “La Antena” kaum tangiert und fast völlig hinter dem effektiven Soundtrack verschwindet, der in ausladenden Gesten und kleinen Preziosen die schwermütige Stimmung durch Spannungsmusiken und instrumental nachempfundene Geräusche und Toneffekte auflockert. Zusätzlich verschafft eine kleine “Neuerung” weiteren Reiz: Die Dialoge werden nicht auf Schrifttafeln zwischen die Szenen geblendet, sondern in variablen Lettern über die Aufnahmen gelegt; Sapirs Figuren können sogar mit ihnen interagieren. (Zehn Jahre nach Erscheinen des Films, der auf 16mm gedreht wurde, amüsiert natürlich auch die haarige Koinzidenz zwischen dem “Führer” der Mediendiktatur und Donald Trump – respektive Recep Tayyip Erdoğan.)
Für die Menschen in “La Antena” ist es von größter Bedeutung, die gesprochene Sprache zurückzugewinnen, eine Stimme zu haben. Deshalb sind die wenigen tatsächlich ausgesprochenen Sätze behutsam eingesetzt und gipfeln schließlich in einem Ur-Wort, das den Beginn der Sprachfähigkeit verkündet – und den Gang der Welt nach Vernichtung der Wörter und Begriffe in den Zustand eines weißen Blatt Papiers zurücksetzt: “Mama”.
Obwohl “La Antena” kaum etwas neu erfindet und sich fast ausschließlich bei alten Techniken bedient, überstrahlt dieser argentinische Film den Großteil seiner Konkurrenten um die Publikumsgunst, allein weil er sich des abscheulichen Trends widersetzt, filmische und schauspielerische Leistungen auf “Subtiles” und “Nuancen” zu reduzieren. Er entwickelt seine Ideen aus Bildern, übersetzt diese auch gerne mal in große Gesten, treibt auf diese Weise ebenfalls die Geschichte an und rettet uns vor der Dialogflut, die sonst alles zerlabern muss, was weniger begabte Regisseure nicht ins Optische übersetzen, geschweige denn aus ihm entstehen lassen können. 8,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 28.04.2017)
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A Fantastic Fear of Everything

A Fantastic Fear of Everything

(Regie: Crispian Mills – Großbritannien, 2012)

Eingeschlossen irgendwo hoch oben über der Themse in seinem knarzenden Altbauappartement wohnt und arbeitet der scheue Kriminalliterat Jack, studiert die Lebensläufe berühmter Londoner Mörder (an denen nie Mangel herrschte), und fürchtet sich dabei zu Tode vor allem und jedem, am meisten aber vor einem, der ihn womöglich ermorden wollen könnte. Als er sich mal zum Wäschewaschen vor die Tür wagt, lernt er zwar ein Mädchen kennen, aber prompt drohen auch seine schlimmsten Albträume wahr zu werden.

Als würde er seinen Fans versichern wollen, hier handele es sich tatsächlich um einen Film von ihm, spielt Crispian Mills in den ersten Realszenen seines Debüts “A Fantastic Fear of Everything”, welches mit einer viktorianisch-märchenhaften Animationssequenz beginnt, den Track “I See You” der Pretty Things aus deren Psych-Phase ein, dessen Sound einen hörbaren Einfluss auf Kula Shaker hatte. Richtig, Kula Shaker, eine der Größen des Britpop, die auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs mit Oasis gleichzogen, aber einen weitaus differenzierteren musikalischen Stil pflegen – und bis heute Crispian Mills eigentliche Lebensaufgabe verkörpern.
Im Laufe der Jahre verminderten sich die Gitarrenwände und fragile Folkstrukturen kamen zum Vorschein, nie verblasste hingegen der Einfluss indischer Ragas und psychedelischer Ideen in Crispian Mills Musik, die tief im britischen Pop der 1960er wurzelt.
Wenn der Sohn einer bekannten Schauspielerin plötzlich Interesse am Schreiben von Filmscripts bekundet, sollte man also davon ausgehen, hier keine gewöhnliche Geschichte vorgesetzt zu bekommen, die ein Rockstar während einer musikalischen Schreibblockade ausbaldowert hat. Auch wenn dieses Thema ein wenig in Mills erstem Film anklingt, handelt “A Fantastic Fear of Everything” doch vor allem von den Altlasten der Kindheit, die das (Nicht-)Tun und (Nicht-)Handeln in der Gegenwart bestimmen. Von Ängsten, die bisher durch kontinuierliche Arbeit verdrängt wurden. Im Falle von Protagonist Jack (in einer immer ein wenig exaltierten und sehr britischen Darstellung von Simon Pegg) mit dem Schreiben von Kinderbüchern, die die Erinnerungen an sein Kindheitstrauma bannten, bis er diese für ein ambitionierteres Projekt zurückstellt: Er möchte einen Bestseller über Serienmörder in Großbritannien verfassen. Innerhalb kürzester Zeit brechen alte Wunden wieder auf und Jack verbringt die Tage eingeschlossen in seiner geräumigen, aber verwahrlosten Wohnung, um unsichtbaren Feinden und Dämonen nachzujagen. Ein Paranoiker wie er im (selbstverfassten) Buche steht, wortwörtlich verängstigt von seinem eigenen Schatten.
Zusammen mit Co-Regisseur Chris Hopewell, der zuvor Werbefilme und Musikvideos (u.a. für Radiohead) drehte, achtet Mills präzise auf den Ton seines Films: Hier soll keine bedrückende Studie über einen Briten, der dem Wahnsinn verfällt, entstehen, sondern eine Sammlung unterhaltsamer Marotten, die ihre düsteren Untertöne nicht an oberflächliche Gags verschwendet. “A Fear of Everything” vermeidet zu intellektuelles Fahrwasser, bedient sich aber gerne popkultureller und filmhistorischer Querverweise. Die Diskussion über die Genre-Zugehörigkeit des lästigen Hits “The Final Countdown” von Europe z.B., zu dem ein verhinderter Serienkiller seinen Einmarsch in den Keller eines Waschsalons inszeniert. Dieser beharrt darauf, der Track sei “classic rock”, während Jack vehement die Ansicht verteidigt, es handele sich hierbei eindeutig um “80s hair metal”. (Zuvor rüstete sich Jack schon mit einem Rap-Mixtape namens “Uzilicious” für den Weg zum Waschsalon, Ort seines Kindheitstraumas, den er breitbeinig zu “The Wrong Nigga To Fuck Wit” von Ice Cube beschreitet, bis ihn ein Zusammenstoß mit dem Weihnachtsmann aus dem Takt bringt.) Mills setzt weniger auf Punchlines und Gags als skurrile Situationen, die sich aus den Spleens der Figuren ergeben.
Mitunter fließt diese Exzentrik auch in die visuelle Gestaltung von “Die fürchterliche Furcht vor dem Fürchterlichen” (deutscher Verleihtitel, fragt lieber nicht) ein, der im Grunde einen sehr märchenhaften Eindruck hinterlässt, obwohl mir der Ausdruck “children’s story” passender als das Wort “fairytale” erscheint. Einige Bilder sind eigen und farblich treffend komponiert, auffällige Spitzen in einer auch ansonsten liebevoll umgesetzten Gestaltung, die im Finale mit einer Stop-Motion-Animation glänzt, welche nicht nur Jacks Kinderbücher detailreich in Szene setzt, sondern auch das Gefühl vergangener Fernsehsonntagnachmittage der Kindheit auferstehen lässt.
Neben Seitenhieben auf die Polizei und die fadenscheinige Welt der Kulturindustrie, frotzelt Crispian Mills ein wenig über die Auflösung von Hitchcocks “Psycho” und gesellt sich zu den Künstlern, die Waschmaschinen eine tiefere, mysteriöse Bedeutung zugestehen, freilich nochmal auf einem ganz anderen Level als “Uzumaki” oder “Das brandneue Testament”.
Zuletzt findet sich auch der langjährige Kula-Shaker-Fan in “A Fantastic Fear of Everything” wieder, in der Verbindung des Großflächigen, Plakativen und sofort Zugänglichen mit den kontemplativen Elementen fernöstlicher Mystik, sowie den spinnerten Einfällen aus Volkstümlichem, aus dem Kleinmädchentraum, geträumt im Garten eines englischen Anwesens des viktorianischen Zeitalters an einem heißen Sommertag. Wer aufmerksam lauscht, vernimmt vielleicht sogar das Lachen von Grimble Crumble. Very whimsical, jolly good. 7,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 21.04.2017)
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Punk Love

Punk Love

(Regie: Nick Lyon – Italien/USA, 2006)

Sarah ist eine 15-jährige Teenagerin, die unter dem Missbrauch ihres Vaters leidet. Spike ist ein 21-jähriger junger Mann, der seine Hoffnung, als Musiker berühmt zu werden, fast aufgegeben hat. Beide halten sich mit kleineren Gaunereien gerade eben so über Wasser. Aber beide haben auch ihre hingebungsvolle und bedingungslose Liebe für einander – und diese lässt sie die größten Probleme wie ihre Drogensucht wenigstens zeitweise vergessen. Als Spike mit seiner Band erste Erfolge feiert, können die beiden zunächst auf eine bessere Zukunft hoffen. Wird ihre Liebe stärker sein als die Steine die ihnen überall in den Weg gelegt werden?

Nick Lyon fingiert ein vermeintlich realistisches Indie-Drama, indem er mit einem niedrigen Budget von knapp zwei Millionen Dollars und unter exzessivem Einsatz des Blaufilters oft kolportierte Schauergeschichten von sozialem Abstieg (bedingt durch Drogen und Ungehorsam gegenüber Familie und Gesellschaft) in Filmschablonen gießt, die seit “Christiane F.” auch gerne von Erdkunde- und Sportlehrern während einer Freistunde an der städtischen Realschule gezeigt werden.
Hier kann man etwas lernen, hier gibt es eine erbauliche Message, gut getarnt hinter düsteren Bildern von Sex, Gewalt und Sucht, die Jugendliche begeistern sollen, nein, die Jugendliche leimen sollen dem biederen Stumpfsinn in die Falle zu gehen, der sich aus “Punk Love” ableiten lässt: Der warme Schoß einer gewöhnlichen Existenz, die Gemütlichkeit der Mehrheitsgesellschaft, die nette Schlammpackung des bürgerlichen Sumpfes.
Ist man erst mal mit diesem Anspruch angetreten, müssen natürlich auch die Motive drastisch genug sein, um verständlich darzulegen, wie sich zwei nette Teenager in den Fängen von Drogen und Sub- oder Gegenkulturen verlieren konnten – freiwillig macht sowas schließlich keiner. Nein, der Wunsch in einer Punkrockband Bass zu spielen oder einfach mal ein Blech zu rauchen, entsteht ausschließlich durch kaputte Familienverhältnisse: Sexueller oder seelischer Missbrauch. Begangen vom eigenen Vater. Mütter, die nichts davon wussten. Sonst hätten sie ihren Kindern zur Seite gestanden. Es ist zum Speien.
Das Perverse daran ist die hinterhältige Inszenierung des Regisseurs und Drehbuchautors Nick Lyon, die schon im Vorspann vorgibt eine bedingungslose Liebe zwischen jungen Menschen zu zeigen, ja, diese Liebe sogar würdevoll zu feiern. Leider sind die poetischen (Sprach-)Bilder ein wenig zu abgeschmackt, um wirklich begeistern zu können und kurz darauf offenbart sich auch, warum dies so ist: Nick Lyon belügt sein Publikum. Er borgt sich die Ästhetik eines alternativen Lebenswandels, um für den Mittelweg der breiten Masse zu werben. Nick Lyon ist ein Faker, ein Blender, ein Poseur und noch viel schlimmer: Ein Verräter.
Jede Abweichung von der Norm wird in “Punk Love” heftigst bestraft, so dass die beiden Protagonisten nach kurzer Zeit in einer verfahrenen Lebenssituation stecken, die Bonnie und Clyde und Romeo und Julia alle Ehre machen würde. Der Ausweg kann nur der Tod sein, weil Lyon das jugendliche Paar für seinen Lebenswandel (Harte Drogen, freier Sex, Verachtung der Autoritäten) bestrafen muss und obendrein für ihn noch ein tragisches, romantisches Ende dabei abfällt.
Abfall wäre auch genau das richtige Wort, um “Punk Love” auf den Punkt zu bringen, wäre da nicht der melancholische Soundtrack, leicht hingekratzt von Violinen und Celli, welcher einige Szenen in würdevoller Schönheit schweben lässt, wenn Lyon sein durchaus vorhandenes inszenatorisches Geschick nicht wieder in künstlichem Regen, stereotypen Großstadt-bei-Nacht-Aufnahmen (Portland, Oregon, that is) und dem anfangs schon erwähnten Blaufilter ertränkt. Im Schneideraum gibt er sich experimentierfreudig, brilliert aber eher darin Indie- und Musikvideoklischees aufzuwärmen. Dies sorgt auch für den Würgereiz: In seinen Bilderwelten spricht Lyons Film von anderen Dingen als auf der erzählerischen Ebene. Ein schizophrener Versuch, der durchaus zu gefallen weiß, wenn man die kräftige reaktionäre Strömung im Hintergrund ausblenden kann. Leider ist dies nur minutenweise möglich, bevor Lyon seinem Publikum brutal ins Gedächtnis zurückruft, wer in dieser Gesellschaft die Ansagen macht und wer ihnen zu gehorchen hat.
Dieses Trauerspiel setzt sich selbst im internationalen Verleih des Films fort: “Punk Love” (Originaltitel) erschien zunächst unter dem romantisch-verklärenden Verleihtitel “Fallen Angels – Jeder braucht einen Engel”, der auf die Eingangs- und Schlusssequenz des Films Bezug nimmt, bevor man ihn bei erneuter Veröffentlichung auf Blu-ray lapidar “Junkies” nannte – selbst hier spürt man den mitleidslosen Tonfall der Feierabendbiertrinker, der sich so hinterfotzig durch den gesamten Film zieht. 4,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 13.04.2017)
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Baskin

Baskin

(Regie: Can Evrenol – Türkei, 2015)

Unterwegs auf einer routinemäßigen Nachtstreife wird eine Polizeieinheit als Verstärkung zu einem verlassenen Haus gerufen, über das so einige beunruhigende Geschichten kursieren. Auf dem Weg dorthin provoziert eine merkwürdige Kreatur einen Unfall, der die Gruppe zwingt, ihr Ziel zu Fuß zu erreichen – wo sie nur noch auf einen leeren Polizeiwagen trifft. Von den Kollegen fehlt jede Spur. Auf der Suche nach ihnen arbeiten sich die Männer immer tiefer in das Gebäude vor und finden sich plötzlich als ahnungslose Ehrengäste inmitten einer schwarzen Messe wieder: In einer Welt der Finsternis und unvorstellbaren Qualen, aus der es kein Entkommen gibt. In dieser Hölle auf Erden wünschen sie sich bald nur noch den Tod, aber auch der bringt nicht immer die erhoffte Erlösung…

Wenn die Jungs der Kriminalpolizei Istanbul unterwegs sind, zerschneiden die orange-glühenden Scheinwerfer des Streifenwagens die Nacht und legen, zusammen mit den im Takt der Sirene an die Häuserwände geworfenen Blau- und Rotlichtern, den Grundstock der Farbpalette fest, in die “Baskin” getaucht wird, solange die zähe Finsternis der Unterwelt noch durchdringbar ist. Die herzlichen Gesetzesmänner mit den rüden Umgangsformen schlagen die Wartezeit ihres Bereitschaftsdienstes in einem kleinen Lokal tot, wo sie die Grillspeisen des Hauses mit unanständigen Geschichten und Machismo-Prahlereien nachwürzen, die manchmal seltsame Haken schlagen und vor allem dazu dienen, die unterschiedlichen Gemütsverfassungen der Polizisten aufzuschlüsseln: Großmaul und Heißsporn, Zögerer und Zauderer, Vaterfigur und Meister gruppieren sich um den Rookie, der hier Arda heißt und sich seine ersten Sporen verdienen muss.
In der abendfüllenden Spielfilmfassung seines gleichnamigen Kurzfilms “Baskin” aus dem Jahr 2013, zu der Regisseur Can Evrenol von einem enthusiastischen Eli Roth während einer Vorführung im Sitges quasi genötigt wurde, bricht das Bebilderte immer wieder aus dem Rahmen aus, setzt zu bizarren Sprüngen an und offenbart sich erst in der letzten Szene einer größeren, erzählerischen Klammer, die den Bildersturm zusammenhält. Vorher gibt Evrenol die Phantasmagorien, welche den Schrecken der Kindheit mit der Furcht vor dem Sterben und die Faszination der Alpträume mit dem Wunsch nach einem Leben nach dem Tod kurzschließen, keinen Millimeter an das (wunderbar minimale) Narrativ preis: Er schwelgt in Atmosphäre und Gefühlen; sein Kino ist ein Kino des Unterbewussten, der Farben und Symbole, des Okkulten und des Blutes. Sein Kino ist das Horrorkino der späten 70er und frühen 80er Jahre, vornehmlich italienischer Bauart. Wenn Evrenol in Interviews auch auf amerikanische Vorbilder wie John Carpenter verweist, fabuliert “Baskin” selbst von den assoziativ-surrealen Blutgranaten eines Lucio Fulci – oder stellt direkt die Verbindung zu Ruggero Deodatos “Cannibal Holocaust” her, mit ein paar geschickt eingeschobenen Takten des Scores von Riz Ortolani, welcher der grausamen Blendung von Cop Yavuz noch ein paar unangenehme Flashbacks aus dem Brutalitätendschungel hinzufügt.
Die Farbdramaturgie erinnert natürlich an Dario Argento, wenn auch roher und weniger ausgefeilt, der Kult um Baba und seine “Wilden” sind den Höllen- und Fiebervisionen Ken Russells nachempfunden, gesehen durch die Augen von Rob Zombie. Und wie diese drei Genregrößen inszeniert Can Evrenol nicht die Geschichte, sondern das Gefühl, das in den Bildern der Geschichte steckt: Zwei Jungs, die sich nachts in einer dunklen Gasse Gespenstergeschichten erzählen, kindliche Alpträume, die stets das Weglaufenmüssen-aber-nicht-Weglaufenkönnen beinhalten, die latente Sorge um das eigene Seelenheil, die Angst verrückt zu werden und ganz konkret die Vermeidung von Schmerz.
In Anbetracht der aktuellen politischen Lage der Türkei mag das okkulte Tamtam, das einen Höhepunkt in der Vereinigung mit dem hermaphroditischen Ziegenkopfträger Baphomet findet, wie eine groteske Reflexion der geschmacklosen Witzchen wirken, die sich die Turk-Völker durch ihre Nachbarn im Okzident gefallen lassen müssen, viel lauter sprechen hingegen die Taten der konservativen Bevölkerung, die sich durchaus unangenehm berührt und sprachlos zeigte, wenn Can Evrenol seine “Wilden” nackt und blutverschmiert in Linienbussen zum “Abschminken” in öffentliche Bäder fuhr, das Team aber friedlich gewähren ließ. Die Zivilgesellschaft der Türkei scheint toleranter, als so mancher Demokrat es ihr zugestehen möchte.
“Baskin” unterscheidet sich noch in einem weiteren Detail von den Horrorfilmen, die mittlerweile dutzendweise auf den Markt drängen: Er nimmt das Innenleben seiner Figuren nicht nur ernst, er setzt das innere Erleben über Logik und Handlung, traut sich dabei Szenen abzubrechen und umzuwerfen, um sie dem Gefühl zu öffnen und dem Zuschauer unmittelbar erfahrbar zu machen. Das formt “Baskin” zu einem unheimlichen Film, der trotz seiner Pulp-Elemente furchteinflößend wirkt und das Publikum mit seinen knochigen Spinnenfingern zurück in den Sitz zieht, wenn dieses meint, es hätte einen rationalen Weg gefunden sich dem Spuk auf der Leinwand zu entziehen: Das türkische Wort “Baskin” lässt sich mit “Überfall” ins Deutsche übertragen.
Könnte “Baskin” der Startschuss zu einer türkischen Horrorfilmwelle sein, welche die Tugenden der 1970er und 1980er ins 21. Jahrhundert überführt? Can Evrenol arbeitet altmodisch, investiert Unmengen an Zeit und Ideen in Storyboards, Ausstattung, Setdesign und Beleuchtung. Auch die Special FX folgen den Latexvorbildern der alten Meister, das alles bei einem niedrigen Budget, welches nicht mal die Millionengrenze streift. Diese gewissenhafte Arbeitsweise reduziert den Aufwand während der Post-Produktion nicht nur auf ein Minimum, sie sorgt auch dafür, “Baskin” aus einem Guss wirken zu lassen. Und der Soundtrack, als sinistrer Spross von John Carpenter und Goblin zur Welt gekommen, nährt die weitere Hoffnung, die Türkei möge das neue Italien sein. Oder zumindest Can Evrenol der neue Botschafter des Horrorfilms. 8,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 24.03.2017)
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Black Moon

Black Moon

(Regie: Louis Malle – Deutschland/Frankreich/Italien, 1975)

Die Jugendliche Lily (Cathryn Harrison) flüchtet vor einem grausamen Bürgerkrieg zwischen Männern und Frauen in ein abgelegenes Haus auf dem Land. In dem alten Haus trifft sie auf dessen äußerst seltsame Bewohner. Ein Schwein sitzt auf einem Stuhl am Küchentisch, eine Katze spielt im Wohnzimmer Klavier und eine alte Frau (Therese Giehse) liegt in ihrem Bett und unterhält sich in einer unbekannten Sprache mit einer Ratte und ihrem Radio. Im Garten des Landhauses begegnet Lily schließlich einem jungen Mann (Joe Dallesandro) und seiner Schwester (Alexandra Stewart), einer nackten Schar von Kindern, die mit einem riesigen Schwein spielt und einem Einhorn, das dort grast. Überaus irritiert von der skurrilen Situation, gewöhnt sich Lily langsam an die merkwürdigen Gestalten im Haus und im Garten, doch es warten noch weitere mysteriöse Begegnungen auf sie…

Das Autoradio berichtet von den Verbrechen der Großstadt, aber auch die bäuerlich geprägten Landschaften der Provinz werden schon von der Gewalt heimgesucht. Das erste Opfer in Regisseur Louis Malles untypischer Zukunftsmär ist ein Dachs, der unter die Räder der Protagonistin Lily gerät, die in einem kleinen, orangenen Auto durch das südwestliche Frankreich flieht. Die verwunschen wirkende Natur entblättert vulgäres Kriegsgerät: Panzer, Bomben, Maschinengewehre. Auf den ersten oberflächlichen Blick widmen sich die Menschen ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Blutvergießen. Die Lämmer rotten sich zusammen, ein Hirte erhängt sich. Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass Lily kostümiert ist. Sie trägt Mantel und Hut, um männlich(er) zu wirken. Nahe der nächsten Straßensperre richtet ein Trupp Soldaten Frauen in Kampfmontur mit Maschinengewehren hin. Lily wird enttarnt, entkommt aber der potentiell tödlichen Situation und beginnt eher unfreiwillig einen Off-Road-Trip durch die Fluren und Wälder Frankreichs.
Es wird nicht klar, ob dies schon den Auftakt zum letzten Gefecht bedeutet, aber Männer und Frauen befinden sich im Krieg. Hier wird nicht mehr halb-ironisch diskutiert, wer nun von der Venus und wer vom Mars stammt, der Kriegsgott hat das letzte Wort und es lautet Dauerfeuer.
Die hässliche Situation irritiert, denn Frauen in Uniform, noch dazu langhaarig, die männliche Gefangene misshandeln und töten, finden sich sogar im Kino eher selten. Louis Malle verändert nur ein Attribut und schaltet damit die Zeichen auf surreal. Man hat schon von den Amazonen gehört, die Abenteuer von Wonder Woman und Catwoman erlitten, aber “echte” Frauen in einer “richtigen” Kriegssituation gehören nicht zur normierten Vorstellungswelt. Hier sind eigentlich zur Passivität verdammte Opfer plötzlich Täter und Aggressoren.
Lilys Flucht endet vor den Toren eines bürgerlichen Landhauses, ein Imitat ländlicher Heimeligkeit, gesehen durch die Augen eines gutbetuchten Stadtbewohners. Um das eigentliche Anwesen rankt sich ein recht großer und künstlich-verwilderter Garten, der die Märchenatmosphäre verstärkt. Das Haus gehörte Louis Malle, er drehte “Black Moon” nach einem langen Indien-Aufenthalt aus Heimatverbundenheit und Bequemlichkeit an diesem Ort, wohl auch, weil er hoffte, bisher unbekannte Seiten seines Selbsts erkunden zu können.
Die Farbpalette passt sich der äußeren Umgebung an und Malle wählt warme, erdverbundene Naturtöne, manchmal akzentuiert durch ein kräftiges Burgunderrot oder ein dunkles, aber saftiges Grün. Die Inneneinrichtung spiegelt dies wider und nimmt auch die gewollte und gestaltete Unordnung des Märchengartens auf. Alles soll ursprünglich wirken, trägt aber einen übernatürlichen Schimmer von Technologie und Stadt in sich.
Und so fühlt sich Lily bald, als wäre sie wie Alice durch das Kaninchenloch gefallen, während sie das Anwesen erkundet: Eine ältere Dame (gespielt von Brecht-Schauspielerin Therese Giehse, die kurz nach den Dreharbeiten verstarb), bettlägerig und amateurfunkend, pflegt Freundschaft und Konversation mit einer Ratte, nackte Kinder tollen im Schlepptau von Schweinen und Schafen durch die Gegend, Bruder und Schwester Lily (Charakteranteile, Inzest, Adam und Eva – dem Zuschauer steht so gut wie jede Theorie offen) führen den Geschlechterkampf auf einer subtileren Ebene fort, während ein pummeliges, schwarzes Einhorn klugscheißt. Das klingt nicht nur ein wenig willkürlich und zerfasert, viele der Szenen stehen eher unverbunden nebeneinander und werden vor allem durch die Dornröschenqualität der Märchenoptik zusammengehalten, für die Sven Nykvist verantwortlich zeichnet, Lieblingskameramann und -kollege Ingmar Bergmans.
Louis Malle überließ den Film schließlich der Interpretation seines Publikums, ein wenig enttäuscht darüber, in sich selbst keinen heißspornigen Wahnsinnigen mit Visionen gefunden zu haben, sondern einen Jungen mit romantischer Vorliebe für das ländliche Frankreich. Es wirkt, als wüssten die Beteiligten nicht richtig, was “Black Moon” ihnen bedeuten solle. Ein esoterischer Film, dessen Feeling weit über seinen Assoziationen, Parabeln oder gar der Hintergrundgeschichte steht, über seine Optik funktioniert und einen stimmigen Bilderreigen ergibt, dessen spärliche Dialoge zwar zur surrealen Atmosphäre beitragen, aber nicht vonnöten gewesen wären.
Vielleicht konnte Lily der Exekution zu Beginn des Films nicht entkommen und ihre aus dem Leben gerissene, aber der Krücke des Körpers entbundene Seele verkrampft sich in irdischen Kategorien, die jederzeit so sinnlos oder sinnstiftend sind, wie man es ihnen aus dem Moment heraus zugestehen möchte. Ein ruheloser Geist, ein Gespenst an den Toren des Jenseits, unfähig eine Aussage über die eigene Wahrnehmung zu treffen. Die verfahrene Situation lässt selbst die Gänseblümchen zum Himmel schreien. 8/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 14.03.2017)
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Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood

Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood

(Regie: Hideshi Hino – Japan, 1985)

Ein Mann in einem Samurai-Kostüm entführt nachts eine Frau und bringt sie zu einem abgelegenen Keller, Ort einer bizarren Sammlung. Dort fesselt er sie an ein Bett, setzt sie unter Drogen und beginnt sie – Körperteil um Körperteil – zu zerstückeln.

Unter den ca. 6000 Videobändern, die bei der Festnahme des Serienmörders Tsutomu Miyazaki von der japanischen Polizei sichergestellt wurden, befand sich auch “Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood”, eine inhaltlich lose Fortsetzung des Splatterfilms “Guinea Pig: The Devil’s Experiment”, welcher wiederum mit der verbotenen Authentizität des Snuff-Films flirtete. Weil Tsutomu eines seiner Opfer auf ähnliche Weise tötete, wie der Protagonist in “Guinea Pig 2”, festigte sich der üble Leumund der Serie, welcher zuvor schon, durch ein Aufeinandertreffen mit der japanischen Justiz, die Öffentlichkeit erregte. Dem Vorbild des Prozesses gegen Ruggero Deodato und “Cannibal Holocaust” im Italien der frühen 1980er folgend, musste der Regisseur des ersten “Guinea Pig”-Teils vor Gericht nachweisen, dass niemand beim Dreh zu Schaden kam und sich alle Beteiligten – körperlich unversehrt – ihres Lebens erfreuten. Dazu fertigte man ein Video an, das die Spezialeffekte vorführte und ihre Funktionsweise erklärte. Teile dieses Tapes verwertete man später auch kommerziell als “Making of”-Bonusmaterial.
“Video” scheint in diesem Zusammenhang ein wichtiger Begriff zu sein, lässt sich die Rezeption der “Guinea Pig”-Filme doch alleine mit der Verbreitung der VHS-Rekorder erklären bzw. der Art, in welcher sich tabubrechende Horrorfilme unter dem Radar des Mainstreamkinos und -fernsehens weltweit über kopierte VHS-Kassetten verbreiteten.
Gut dreißig Jahre nach dem ersten Erscheinen stellt “The Devil’s Experiment” für medienerfahrene Jugendliche keine Herausforderung mehr dar: Selbst in (für seine Gewaltzensur besonders berüchtigt!) Deutschland kann man die “Guinea Pig”-Reihe als DVD- und Blu-ray-Release erwerben, remastert und mit Bonusmaterial (Teile der Reihe wurden beschlagnahmt, andere harren noch ihrer Aburteilung durch ein Gericht auf Liste B der BpjM).
Wie anders sahen die Reaktionen auf diesen Film wohl aus, wenn man Ende der 80er/Anfang der 90er die x-te Generation einer kopierten Videokassette im Freundeskreis (vielleicht auch über Brieffreundschaften im benachbarten Ausland) getauscht hatte.
“The Devil’s Experiment” behauptet zu Beginn ein wirkliches Snuff-Tape zu sein, ein Experiment “in Schmerzen”, gedreht zu pseudowissenschaftlichen Zwecken, aus den Archiven der Polizei. Ein frühes Beispiel des Found-Footage-Genres.
Manch einer mag die folgenden Folterszenen an einer jungen Frau für bare Münze genommen haben, der Authentizitätsfaktor einer von Hand beschrifteten und verrauschten VHS schlägt eine DVD-Veröffentlichung, im Kontext des Wissens um die ganze Filmreihe, um Längen. Und doch gibt es auch in “The Devil’s Experiment” auffällige Hinweise zur “Fakeness” des Geschehens: Die Beleuchtung ist professionell, die Farbgebung wirkt künstlich, um nicht zu sagen künstlerisch, und die vielen Wechsel der Kameraeinstellungen, sowie das häufige Verwenden extremer Nahaufnahmen sind ein sicheres Zeichen für das fiktionale Produkt von (splatter)filmaffinen Menschen.
“Flowers of Flesh and Blood” verzichtet auf das direkte Spiel mit dem Snuff-Feuer (vielleicht aufgrund der unschönen Begegnung mit der japanischen Gerichtsbarkeit), kann sich aber einen Bezug zur vermeintlichen Realität der Zuschauer nicht verkneifen, und behauptet, das vorliegende Video sei ein Reenactment eines 8mm-Amateurfilms, der Regisseur und Manga-Autor Hideshi Hino, zusammen mit dutzenden Fotografien und einem Brief, von einem Fan zugesandt wurde. Im Grunde auch nur eine verschärfte Version der “Based on true events”-Floskel, die den modernen Horrorfilm so gerne heimsucht, jedoch auch Nährboden für manchmal etwas plump anmutende künstlerische Ornamente, die sich abgeschmackter Bilder der Poesie bedienen, vielleicht, um die Splatter- und Gore-Effekte kitschig zu überhöhen, die hier zwar heftiger und blutiger als noch im ersten Teil ausfallen, aber schneller als Special FX auszumachen sind. Daher weiß ich auch nicht, ob ich der oft verbreiteten Geschichte trauen soll, Charlie Sheen habe nach einer privaten Videovorführung von “Flowers of Flesh and Blood” das FBI eingeschaltet, in der Annahme, er habe soeben einen echten Snuff-Film gesehen. Einem Menschen mitten aus dem Filmgeschäft muss die offensichtliche Inszenierung doch sofort ins Auge springen. Die wahrscheinlichere Variante wäre einfach ein guter Werbegag, um die Filmreihe auch in den USA und Europa bekannt zu machen, oder eine Verwechslung der Titel: “The Devil’s Experiment” könnte man eine solche Schockreaktion viel eher zutrauen.
Persönlich halte ich “Flowers of Flesh and Blood” für den gelungeneren Teil der Reihe, zum einen wegen meines Wissens um die Umstände der Entstehung von “The Devil’s Experiment”, zum anderen weil der Fokus nicht mehr auf den Qualen eines wehrlosen Menschen liegt, die sich auf ein empathisches Publikum übertragen sollen, sondern auf dem Spaß an der filmischen Umsetzung von frühkindlicher Neugier und Zerstörungswut, die mittels Splattereffekten den Geheimnissen des menschlichen Körpers auf den Grund gehen, ganz so, wie man als Dreijähriger seine Puppen und Spielzeuge auseinanderpflückte.
Kann die Zerstückelung eines Menschen als Unterhaltung dienen? Nicht unbedingt für jeden: Hideshis Film, dem ein paar Jahre später der noch phantastischere, künstlerische und poetischere “Guinea Pig 4: Mermaid In A Manhole” des selben Regisseurs folgen sollte, ist eher als filmhistorisches Dokument interessant, weil er zu den Werken gehörte, welche die Amateursplatterszene beeinflussten, die in den 1990ern ihren Höhepunkt auf Video feierte.
Dem gewöhnlichen Kinopublikum muss man Groteskes dieser Art mit einem Krimiplot unterjubeln, der ebenfalls eine moralische Rechtfertigung enthält. Wer nun immer noch ein Urteil über “Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood” und ähnlichen “filmischen Schmutz” fällen möchte, sollte sich an den Kinobesuch erinnern, bei dem ihm dieses kleine Horrorjuwel “SAW” so gut gefiel – und dann betreten schweigen. 6,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 17.02.2017)
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A Boy And His Dog

A Boy And His Dog

(Regie: L.Q. Jones – USA, 1975)

Nachdem der 4. Weltkrieg einen Großteil der Welt zerstört hat, zieht der Junge Vic, täglich auf der Suche nach Nahrung, Unterkunft und Sex, mit seinem durch Mutation sprechenden Hund durch die Gegend. Als er eines Tages eine junge Frau namens Quilla June trifft, erzählt diese ihm von einer unterirdischen Stadt, in der die Welt von früher noch erhalten sein soll. Schließlich führt die Flucht vor einer Bande von Plünderern Vic und June in besagte Stadt. Doch dort ist alles anders als erwartet…

Als dann endlich die Zivilisation unterging, tat sie es fünf Tage lang im psychedelischen Leuchten der Nuklearwaffenarsenale; der letzte große Auftritt des naturwissenschaftlichen Genies der Menschheit, bevor alles unter Schlamm und Schlacke begraben wurde. Doch selbst der größte anzunehmende Unfall, den man im Falle eines Krieges besser die “größte anzunehmende Dummheit” nennen sollte, bewahrt die Menschen nicht vor den Kategorien Rasse, Klasse und Geschlecht, so dass in der postapokalyptischen Welt von “A Boy And His Dog” ein paar Bessergestellte in einer künstlichen, unterirdischen Welt hausen, die sie aus den Trümmern der alten Welt errichteten und in der ewigen, himmellosen Dunkelheit des Bunkers bewohnen, während marodierende Truppen des Prekariats und abenteuerliche Einzelgänger auf der verheerten Oberfläche des Planeten ihr Überleben unter der sengenden Hitze der Sonne, die das wüste Land verbrennt, organisieren.
Regisseur L.Q. Jones zweiter Film ist so offensichtlich ein Vorbild für die “Mad Max”-Reihe, dass sogar in “Fury Road” noch Ideen aufblitzen, die 1975 schon in Don Johnsons Leinwanddebüt auftauchten. Der auf dem Truck festgezurrte Gitarrenspieler? Ganz sicher ein Einfall von Jones, der auch das Drehbuch nach einer 1969 erschienenen Kurzgeschichte von Harlan Ellison anfertigte und zuvor in vielen Western schauspielerte. Am Bekanntesten dürften seine Auftritte in den Filmen von Sam Peckinpah sein – und wie in den Filmen Peckinpahs, kann man in “Der Junge und sein Hund” (deutscher Verleihtitel) Probleme mit dem Frauenbild haben, das gezeichnet wird, vielleicht sogar schon von Frauenfeindlichkeit sprechen, obwohl das Science-Fiction-Abenteuer deutlich humorvollere Töne anschlägt als die grimmigen Gewaltorgien von “Bloody Sam”.
Der junge Vic (gespielt von Don Johnson, bekannt aus “Miami Vice”), von seinem vierbeinigen Begleiter fast durchgehend Albert genannt, zieht mit seinem Hund Blood durch die Wüste. Beide scheint eine längere Freundschaft zu verbinden, die auf den Annehmlichkeiten einer Zweckgemeinschaft beruhen: Vic besorgt das Futter, Blood kümmert sich um die Miezen. Richtig, der abgebrühte Wüstenköter kann nicht nur (telepathisch?) mit Vic kommunizieren und enzyklopädisches Wissen über die letzten Tage der Erde vorweisen, er hat auch einen untrüglichen Riecher für die Anwesenheit von Frauen. Diese sind Mangelware in den Tagen der Endzeit, mit der Betonung auf Ware: “A Boy And His Dog” beginnt mit einer Vergewaltigung, die weggeworfene und aufgeschlitzte Frauenleiber zurücklässt. Vic bedauert unter diesen Umständen nur, dass er nicht auch zum Stich kam.
Die beschränkten Lebensaussichten in der verdorrten Ödnis federt L.Q. Jones durch beeindruckend schöne und durchdachte Aufnahmen der Wüste ab, in deren Abbildung sich ein Freiheitsgefühl findet, das den Menschen aufgrund ihrer Lebensart verlorengegangen ist. Während diese im Dreck wühlen und sich um Nahrung prügeln, trotzt die Natur den hässlichen Tatsachen des Atomkriegs und atmet eine majestätische Selbstverständlichkeit, die Jones durch ständige Perspektivwechsel in immer neuen Variationen zeigt. Später orientiert sich der Blick der Kamera an den labyrinthischen Gängen, Rohren und Maschinen, die die Reste der Vorkriegswelt knapp unter der Oberfläche hinterlassen haben, um schließlich eine surreale Welt des Spießertums vorzuführen, die einem amerikanischen Postkartenidyll gleicht, das in die Schwärze der ewigen Finsternis getaucht wurde. Das herrschende Zwielicht setzt entlarvende Schlaglichter auf den keimenden, eher sogar aufblühenden Faschismus aus den Schößen des Bürgertums, das hier eine oberflächlich zivilisierte, aber rücksichtslose und brutale Gesellschaft installiert hat, die Werten wie Gehorsam huldigt und den “Law & Order”-Gedanken auf die subtile Bösartigkeit aus George Orwells “1984” reduziert.
Die Botschaft hinter dem ausnahmslos großartig fotografierten Film und seinen skurrilen Einfällen liegt in der Verteidigung der schönen Künste. Eine Welt ohne Musik, Film, Literatur und Philosophie degradiert den Menschen zu einem eindimensionalen Lumpensammler, dem die natürliche Würde abhanden gekommen ist. Der Mensch kann nicht leben, ohne sich über den Existenzkampf zu erheben. Natürlich reicht das nicht aus, wenn man sich die unterirdische Gesellschaft der Bessergestellten anschaut: Ihre angebliche Transzendenz des Überlebenskampfes sind dumme Regeln, verblödete Rituale, affige Vorschriften, stumpfe Traditionen und zurückgebliebene Folklore, die nur immer wieder in der Gewalt des Mobs gegen den Einzelnen münden. Beide Gesellschaften, oberirdisch wie unterirdisch, funktionieren auf ihre Art, dieses Vegetieren innerhalb der Fesseln der Gewalt bietet jedoch keine Alternative zu einem l(i)ebenswerten, inspirierten Dasein, das vor allem Blood hinter den Hügeln des Ödlands vermutet – Treibstoff: Hoffnung.
Diese Auffassung der Welt deckt sich mitunter auch mit Ray Manzareks (Organist und Komponist der Rockband The Doors) Ansichten, der zusammen mit Tim McIntire, der Vierbeiner Blood seine Stimme lieh, die Filmmusik komponierte und einspielte, welche zwischen populären Americana-Skizzen, dräuenden Synthesizern und Sci-Fi-Sounds changiert.
Über die audiovisuelle und gesellschaftskritische Klarheit von L.Q. Jones Endzeitvision kann man gleichzeitig so erfreut und von ihr fasziniert sein, dass einem die bissige, aber völlig beiläufig dargebrachte Schlusspointe entgehen könnte. Das krönende Beispiel des derben Humors, der “A Boy And His Dog” so unterhaltsam macht, abseits seiner pessimistischen Darstellung der Menschheit und der klugen Gedanken zu den (falschen) Formen ihrer Organisation. “Wer vertraut schon einem Polizeihund?” 8/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 11.02.2017)
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Puppet Master 3: Toulon’s Revenge

Puppet Master 3: Toulon’s Revenge

(Regie: David DeCoteau – USA, 1991)

Berlin, 1941: Dr. Hess arbeitet für die Nazis an der Wiederbelebung toter Wehrmachtssoldaten. Zur gleichen Zeit begeistert der Puppenspieler André Toulon sein Publikum, denn Toulons Puppen scheinen wirklich zu leben. Die Gestapo unter Major Krauss versucht, hinter das Geheimnis der Figuren zu kommen. Bei der Verhaftung Toulons wird dessen Frau Elsa erschossen. Toulon flieht und sinnt mit seinen lebendigen Puppen auf Rache…

Es brauchte drei Davids, um aus der soliden Grundkonstellation der nach Vergeltung dürstenden Holzfiguren der “Puppet Master”-Reihe, einen unterhaltsamen Film entstehen zu lassen. Während der erste Teil von Regisseur David Schmoeller den Vorteil des Neuen auskostete und die eigentümlichen Racheengel der Leinwand vorstellte, musste sich Puppenspieler und FX-Wizard David Allen in der Fortsetzung schon mehr Gedanken machen, um das Publikum bei Laune zu halten. Er scheiterte, denn seine einzige Neuerung war eine weitere Mörderpuppe, die er durch ein gähnend langweiliges Nichts an Handlung, Optik und Kills spazieren ließ. Erst mit “Toulon’s Rache”, dem dritten Teil, einem Direct-To-Video-Prequel unter der Regie von David DeCoteau, der seit den frühen 1980ern einen Low-Budget-Horrorstreifen nach dem anderen dreht (von den meisten sind mir nicht mal die Titel geläufig, ich erinnere mich aber an die große Plüschratte und das mit seiner eigenen Nabelschnur erdrosselte Baby in “Creepozoids”), fügen sich die Versatzstücke zusammen und ergeben ein stimmiges Gesamtbild.
Neben den wieder hervorragend, u.a. im Stop-Motion-Verfahren, animierten Puppen (ein neuer Charakter namens Six-Shooter ist mit von der Partie), gelingt es, mitten im San Fernando Valley und in den re-animierten Kulissen aus James Whales “Frankenstein”, das Berlin der frühen 1940er Jahre während der Nazi-Herrschaft abzubilden. DeCoteau und seine Crew montieren Studioszenen, kurze Außenaufnahmen und historisches Filmmaterial zu einer alternativen Realität, der man ihr geringes Budget ansieht, die davon unbeeinflusst aber einen trashigen Nazi-Charme versprüht, wie er passender für diesen Film nicht sein könnte. It’s alive!
Muss man als Filmemacher stets auf der Hut sein, weil große Teile von Kritik und Publikum das “Dritte Reich” nicht zu Unterhaltungszwecken “missbraucht” sehen wollen, schafft die Pappkulisse Berlins genügend Distanz, um über den zertrümmerten Pappmachéschädel einer Hitler-Marionette lachen zu können. Darf man das denn? Aus bürgerlicher Sicht eher nicht, braucht man doch den Dämon Hitler und die fiesen Nazi-Monster, um davon abzulenken, dass es das gewöhnliche Volk (der Dichter und Denker) war, welches den Zivilisationsbruch beging – und schon wieder fleißig daran werkelt, seine ekelhaften Überzeugungen im Gleichschritt in die Welt zu morden. Andererseits begibt sich DeCoteaus Fantasy-Horror nicht mal in den Dunstkreis gescholtener Nazi-(S)Exploitation wie “Ilsa – She-Wolf of the SS” oder “SS Helltrain – Folterzug der geschändeten Frauen”, sondern setzt in der Darstellung der Nazis eher auf Vorbilder aus dem Mainstreamkino. Spielbergs Indiana-Jones-Filme könnten Pate gestanden haben.
Die Defizite in der (dem geringen Budget von 800.000 US-Dollar geschuldeten) Ausstattung versucht DeCoteau durch Liebe zum Detail wettzumachen, beispielsweise mit orthographischer und grammatikalischer Genauigkeit, sowohl in den Dialogen als auch auf Schriftstücken, Plakaten und ähnlichem. Ziemlich penibel für ein Filmgenre, das deutsche Protagonisten oft in einem “Achtung! Halt! Schnell!”-Kauderwelsch versinken lässt. Leider nicht penibel genug, denn auf einem der Fahndungsplakate bietet man 10.000 DM für den gesuchten André Toulon – zu einer Zeit als Friedrich Kraut seine Schrippen noch in Reichsmark zahlte.
In “Puppet Master 3” erfahren wir schließlich auch, warum die quasi unsterblichen Puppen so mies gelaunt sind und ein übersteigertes Rachebedürfnis haben: Sie sind Freunde André Toulons, die Opfer der Nazis wurden und deren Seelen Toulon mittels eines altägyptischen Zaubers auf handgeschnitzte Marionetten übertrug. Dies verleiht der Killertruppe ein menschlicheres Profil, zerstört aber auch die mysteriöse Aura der ersten zwei Teile, in denen man sich nie ganz sicher war, woher die Gehässigkeit der kleinen Schnitzteufel rührte und wen sie als nächstes treffen würde. Ihr “modus operandi” hat sich hingegen nicht wirklich verändert: Man bringt den Gegner auf Augenhöhe (meist durch eine Attacke auf Füße oder Beine) und bohrt ihm dann durch den Bauch, erstickt ihn unter Blutegeln oder stranguliert den Lebenssaft aus dem Halse heraus. Durchaus blutiger als die Vorgänger, würde ich noch nicht von einem Splatterfilm sprechen wollen, denn die Effekte sind gut, aber eher simpel ausgeführt. So auch die schauspielerischen Leistungen: Überdurchschnittlich für ein kleines Genreprodukt wie “Puppet Master 3”, aber oft auf dem Charisma der Darsteller beruhend. DeCoteau beweist ein Händchen für sicheres “Typen”-Casting und setzt die von Richard Band komponierte Titelmusik gewinnbringend zur Verstärkung der sepiafarbenen Comic-Atmosphäre ein, die auch am Tage einen leicht gedämpften Albtraum umgibt, der ab und zu durch schneidende Schmerzensschreie erschüttert wird, bis sich wieder die Melancholie Toulons über das versteckte Leben seiner untoten Freunde legt. Oder wenn man der Tagline glauben will: “World War II has just gotten smaller!” 7/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 02.02.2017)
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Midnight Special

Midnight Special

(Regie: Jeff Nichols – USA, 2016)

Ein Vater flieht, um seinen kleinen Sohn Alton zu schützen und herauszufinden, was es mit den ungewöhnlichen Fähigkeiten des Jungen auf sich hat. Die Flucht vor religiösen Extremisten und der örtlichen Polizei eskaliert bald zu einer landesweiten Menschenjagd, an der auch die höchste Regierungsebene beteiligt ist. Letztlich muss der Vater alles riskieren, um Alton vor dem Schlimmsten zu bewahren und sein Schicksal zu erfüllen, das Auswirkungen auf die gesamte Welt haben könnte…

Ohne jemals zuvor einen Film von ihm gesehen zu haben (trotz der Meriten, die “Take Shelter” auf sich vereinen konnte), war mir Regisseur Jeff Nichols sofort sympathisch, als er in einem Interview die herausragende Bedeutung des Plots im zeitgenössischen Kino bemängelte. Die pedantische Ausformulierung der Geschichte(n) durch Berufsschreiberlinge, die jeden weißen Fleck der Landkarte geometrisch genau einzeichnen und auch noch in den passenden Farben kolorieren, erstickt ein weitergehendes Interesse für Story und Figuren im Keim, ermöglicht aber ein schnelles Konsumieren der Schauwerte, die ebenfalls nur gedankenlose Schablonen aus früheren Blockbustern sind; im besten Falle technisch aufgewertet, upgedated und erneut dem Publikumsgeschmack angepasst.
Hier beweist “Midnight Special” Mut zur Lücke und tupft Handlung, Orte und Charaktere nur grob auf die Leinwand, deutet Motivationen verschwommen an und überlässt den Rest der Vorstellungskraft des Zuschauers, der schnell in den Bann des mysteriösen Roadmovies gezogen wird; gerade weil die wenigen Informationen, die Jeff Nichols aushändigt, die Faszination befeuern und die Spannung von Minute zu Minute steigern können.
Wir befinden uns immer noch in der sicheren Umgebung des Unterhaltungskinos Hollywood’scher Prägung und lesen über die Spielzeit von Nichols viertem Film bekannte Topoi, Figuren, Handlungsstränge und Verhaltensweisen auf, die meist nur lose verknüpft sind. Vielleicht ist die Reduktion in “Midnight Special” erst durch das allgegenwärtige Zu-Ende-Erzählen der Leinwandgeschichten möglich, hat die Übermacht der akribisch und kleinkariert leerfabulierten Geschichten die Optionen geschaffen, die dem Zuschauer die Möglichkeit geben, die Lücken aus dem Gedächtnis oder der Vorstellung heraus aufzufüllen. So kommt es ganz auf das Publikum an, ob es die ollen Kamellen neu aufkocht oder andere Wege und Aussichten imaginisiert oder vielleicht auch halluziniert.
Die Realität in “Midnight Special” ist ein treffendes Abbild der aktuellen Weltgesellschaft, deren Paranoia in Gewalt umschlägt, befeuert durch religiösen Wahn- und Stumpfsinn, den Glauben an “Law & Order” und der Rücksichtslosigkeit im Umgang mit den Bedürftigen und Schwachen. Die Weigerung etwas außerhalb der Verwertbarkeit anzuerkennen, die sich für gewöhnlich “rational” nennt, macht aus vermeintlich aufgeklärten Menschen Viehhändler, die gierig sabbern, während sie den Schinken taxieren. Argumentiert wird nur noch mit Gewalt, die gesellschaftlichen Gruppen und Grüppchen finden keine gemeinsame Sprache mehr.
Umso verständlicher wirkt die eskapistische Auflösung, die Möglichkeit einer Paralleldimension oder eines Jenseits, von extraterrestrischen Welten – und obwohl man nichts über diese weiß, scheinen sie erstrebenswerter als die ermüdenden Brutalitäten und Hetzjagden der Menschen. Den meisten Heranwachsenden wird sehr schnell klar, dass nichts weniger neu unter dieser alten Sonne ist, als der Umgang der Menschen miteinander. Im Moment tritt das Mittelalter im Kopf der breiten Masse nur wieder deutlicher zutage. Die Bereitschaft, einem Mitmenschen eine Katzenmusik darzubieten, erreicht alte und vielleicht sogar neue Höhen.
Ähnlich wie John Carpenter versammelt auch Jeff Nichols eine Hand voll Schauspieler und Crew-Mitglieder um sich, die er von Film zu Film erneut einsetzt. Er schätzt tiefere Bekanntschaften und die Fähigkeiten seiner Kollegen. Persönlich wünsche ich mir, Kirsten Dunst solle bitte keinen Zugang zum engeren Kreis finden, ihre Rolle als Mutter des außergewöhnlich begabten Alton ist ziemlich überflüssig. “Midnight Special” würde auch komplett ohne sie funktionieren, sind doch alle Emotionen und Gedanken doppelt angelegt: Einmal als Original in Altons leiblichem Vater Roy – und als schwacher Widerschein in Kirsten Dunsts Mutterdarbietung. (Erstaunlicherweise komplettiert Nichols hier die Kleinfamilie, lässt aber immerhin den Großteil ihrer Vergangenheit im Dunkeln.)
Weil “Midnight Special” sich seiner Wurzeln im Genre-Kino bewusst ist, ermöglichen kurzweilige Action- und Thriller-Momente im Verbund mit dem gelungenen Score, der immer mal wieder die 80er evoziert, Sci-Fi-Unterhaltung abseits von sterbenslangweiligen Weltraumschlachten und schlecht gekleideten Superhelden. Weder die Menschheit, noch deren Welt stehen hier zur Disposition, im Gegenteil: Sie ist eher eine bemitleidenswerte, heruntergekommene Haltestelle auf dem Weg zum wirklichen Ziel – und das Schicksal der Zurückgelassenen so gut wie egal. 7/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 27.01.2017)
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