PAURAnoia: So eine Art Inhaltsverzeichnis

Ein paar Gedanken und Bewertungen zum (eher) abseitigen Film. In der Reihenfolge, wie sie mir vor die Füße liefen. (Zur spezielleren Navigation einfach die Tags nutzen.)

001. Dogtooth – Kynodontas (2009)

002. Zabriskie Point (1970)

003. Die Verachtung (1963)

004. La Bête – Die Bestie (1975)

005. Tausendschönchen – Sedmikrásky (1966)

006. Viva la muerte – Es lebe der Tod (1970)

007. Der Gott des Gemetzels (2011)

008. Amer – Die dunkle Seite deiner Träume (2009)

009. Let Sleeping Corpses Lie (1974)

010. Drive (2011)

011. Kabinett außer Kontrolle (2009)

012. The Burrowers (2008)

013. Kika (1993)

014. Henry – Portrait Of A Serial Killer (1986)

015. A Serious Man (2009)

016. Meet The Feebles (1989)

017. Barracuda – Vorsicht Nachbar! (1997)

018. Possession (1981)

019. The Killing Fields (1984)

020. Permanent Vacation (1980)

021. eXistenZ (1999)

022. Der Saustall (1981)

023. Howl – Das Geheul (2010)

024. Workingman’s Death (2005)

025. Insignificance – Die verflixte Nacht (1985)

026. Lärm & Wut (1988)

027. Ruinen (2008)

028. Der Leichenverbrenner (1968)

029. Confessions – Kokuhaku (2010)

030. Die Bettwurst (1970)

031. The Card Player – Il Cartaio (2004)

032. The Investigator – A Nyomozó (2008)

033. Leben und Tod einer Pornobande (2009)

034. Clean, Shaven (1993)

035. Bad Boy Bubby (1993)

036. Nails – Cruel Behaviour (2003)

037. Maniacts (2001)

038. Lifeforce – Die tödliche Bedrohung (1985)

039. Jesus’ Son – The Funny Life of Fuckhead (1999)

040. The Virgin Suicides (1999)

041. Punishment Park – Strafpark (1971)

042. Tagebuch einer Kammerzofe (1964)

043. Viridiana (1961)

044. Tristana (1970)

045. The Loved Ones – Pretty in Blood (2009)

046. Moon (2009)

047. Alice, Sweet Alice (1976)

048. Die Körperfresser kommen (1978)

049. Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte (2010)

050. Tokyo Sonata (2008)

051. Der Affe im Menschen (1988)

052. Deliver Us From Evil (2009)

053. Stranger Than Paradise (1984)

054. Im Glaskäfig (1987)

055. Shutter Island (2010)

056. This Is England ’86 (2010)

057. Erwartungen und Enttäuschungen (1981)

058. Heaven’s Burning – Paradies in Flammen (1997)

059. Antichrist (2009)

060. The Substance: Albert Hofmann’s LSD (2011)

061. Attack The Block (2011)

062. Delicatessen (1991)

063. Belladonna der Trauer (1973)

064. Attenberg (2010)

065. Das Gespenst (1983)

066. Benny’s Video (1992)

067. Chillerama (2011)

068. The Honeymoon Killers (1969)

069. Russ Meyer’s Vixen (1968)

070. Van Diemen’s Land (2009)

071. Russ Meyer’s Megavixens (1970)

072. Whores’ Glory (2011)

073. Russ Meyer’s Supervixens (1975)

074. Koyaanisqatsi (1982)

075. Russ Meyer’s Up! (1976)

076. Im tiefen Tal der Superhexen (1979)

077. Der rote Rausch (1962)

078. Forbidden Zone (1982)

079. Theater des Grauens (1972)

080. Berberian Sound Studio (2012)

081. Fear X (2003)

082. Rubber (2010)

083. Zombie Lake (1981)

084. Arrebato (1980)

085. Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod (2010)

086. Grand Piano – Symphonie der Angst (2013)

087. The Tomb (2007)

088. Der Diktator (2012)

089. Slipstream Dream (2007)

090. EMR – Swallow Your Fear (2007)

091. Zombi 4: After Death – Das Böse ist wieder da (1988)

092. Coherence (2013)

093. Escape From Tomorrow (2013)

094. The Cabin In The Woods (2012)

095. Tusk (2014)

096. God Told Me To (1976)

097. Poltergeist 3D (2015)

098. Psycho Legacy (2010)

099. Carnival of Souls (1962)

100. The Psychic (1977)

101. White Lightnin’ (2009)

102. Murder Rock (1984)

103. DIG! (2004)

104. The Tall Man (2012)

105. I Shot Andy Warhol (1996)

106. Rare Exports – Eine Weihnachtsgeschichte (2010)

107. Die Maschine (1994)

108. The Cell (2000)

109. The Attic Expeditions (2001)

110. Pontypool (2008)

111. Gospel According To Harry (1994)

112. Love (2015)

113. Anthropophagus (1980)

114. The Wicker Man (1973)

115. I Want To Be A Soldier (2010)

116. Es begann um Mitternacht (1974)

117. Alexandra’s Project (2003)

118. Barbarella (1968)

119. Bedevilled – Zeit der Vergeltung (2010)

120. Wonderwall (1968)

121. My Dinner With Jimi (2003)

122. Eden und danach (1970)

123. Picknick am Valentinstag (1975)

124. Coraline (2009)

125. Footprints on the Moon – Le Orme (1975)

126. Red, White & Blue (2010)

127. Mann beißt Hund (1992)

128. Blut an den Lippen (1971)

129. Singapore Sling (1990)

130. Opium – Tagebuch einer Verrückten (2007)

131. Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes (1971)

132. Overlord (1975)

133. Neverlost (2010)

134. Firecracker (2004)

135. Das 10. Opfer (1965)

136. Soft for Digging (2001)

137. Reality (2014)

138. Maggie (2015)

139. Livid – Das Blut der Ballerinas (2011)

140. Ink (2009)

141. Der Satan (1971)

142. Eden Log (2007)

143. Midnight Special (2016)

144. Puppet Master 3: Toulon’s Revenge (1991)

145. A Boy And His Dog (1975)

146. Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood (1985)

147. Black Moon (1975)

148. Baskin (2015)

149. Punk Love (2006)

150. A Fantastic Fear of Everything (2012)

151. La Antena (2007)

152. Liebe mich, wenn du dich traust (2003)

153. Dunkirk (2017)

154. Die Weibchen (1970)

155. Ich Seh Ich Seh (2014)

156. The Eyes of My Mother (2016)

157. Der Bunker (2015)

158. Arrival (2016)

159. Stung – Sie werden dich stechen! (2015)

160. Izbavitelj – Der Rattengott (1976)

161. Laurin (1988)

162. Der Umleger (1976)

163. Und erlöse uns nicht von dem Bösen (1971)

164. Picking up the Pieces (1989)

165. Captain Fantastic (2016)

166. Adrenochrome (2017)

167. Hagazussa – Der Hexenfluch (2017)

168. Another (2014)

169. Anderland – Den bysomme Mannen (2006)

170. Africa Addio (1966)

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Africa Addio

Africa Addio

(Regie: Gualtiero Jacopetti/Francesco Prosperi – Italien, 1966)

Grausames Afrika! Wilderei, politische Missstände, Bürgerkrieg, Rassenhass und Hinrichtungen dominieren das “neue” Afrika während dem Wechsel zur eigenen Regierung nach der britischen Imperialherrschaft. Nachdem sich die Ureinwohner unter Gewalteinwirkung das zurücknehmen, was ihnen angeblich zusteht, versinkt der “schwarze” Kontinent in einem Sumpf voller Terror und Gewalt. Rassismus steht an der Tagesordung, denn der weiße Mann wird als Unterdrücker verkannt und soll nun für seine Schandtaten büßen. Doch auch die Tierwelt ist einigen Veränderungen ausgesetzt: Schwarze Wilderer töten aus Profitgier Unmengen von Nilpferden und aus Freizeit werden unschuldige Elefanten abgeschossen.Außerdem verkauft sich Elfenbein hervorragend auf dem Weltmarkt. So wird einem auch gegen Ende klar, wer das grauenvollste Tier in Afrika ist – der Mensch!

Eine der ersten öffentlichen anti-rassistischen Aktionen in der noch jungen BRD, zeigte sich in den Protesten von in Deutschland studierenden Afrikanern, zusammen mit dem SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), gegen den Film “Africa Addio”, der 1967 in die deutschen Lichtspielhäuser kam. Die italienischen Regisseure Gualtiero Jacopetti und Francesco Prosperi hatten im Stil ihres sehr erfolgreichen Vorgängerwerks “Mondo Cane” einen weiteren Mondofilm gedreht, der sich speziell auf den afrikanischen Kontinent fixierte. Die nach eben diesem “Mondo Cane” benannten Filme führten exotische Szenen aus dem Leben fremder Völker auf fernen Kontinenten vor, oftmals sensationsheischend und semi-dokumentarisch, mit dem Fokus auf Sex, Gewalt und Tod. Aus dieser kleinen Welle von exploitativen (Pseudo-)Dokumentationen entwickelte sich später der italienische Kannibalenfilm und Videoreihen wie “Gesichter des Todes”, wobei vor allem letztere nur noch den niedersten voyeuristischen Bedürfnissen des Publikums huldigten.
Jacopettis und Prosperis Vision des Mondofilms suhlt sich noch nicht in der niederträchtigen Verwertungslogik der krassen Nachrichtenbilder von Unfällen, Suiziden und Morden, sondern vereinigt Jacopettis vorherige Arbeit als Kriegsberichterstatter mit dem wissenschaftlichen Interesse an Flora und Fauna von Prosperi. Auch die cinematographische Brillanz der Bilder des Kameramanns Antonio Climati hebt “Africa Addio” weit über den Videothekenschmuddel, welcher überwiegend in den 1980ern produziert wurde. Wir erfahren durch ihn Afrika vor allem aus der Totalen, meist aus einem Hubschrauber heraus gefilmt. Climati pflegt eine Vorliebe für Massenszenen: Er nutzt die Weite des Kontinents, die Masse der Menschen und Tiere, um in einer Kombination aus Schönheit und Schrecken, die Leichen und Kadaver in ihrer erstaunlich geometrischen Anordnung mit den Spektakeln der Natur und den Bauwerken der Zivilisation abzugleichen. Die kunstvolle Spielfilmästhetik und die eingängige Filmmusik von Riz Ortolani, der schon an “Mondo Cane” beteiligt war und später den sehr bekannten Soundtrack zu “Cannibal Holocaust” komponieren sollte, verweisen deutlich auf eine Inszenierung der Wirklichkeit, die der gewöhnliche Dokumentarfilm oft zu verschleiern versucht, gerade auch durch bewusst “unprofessionelle” Kameraarbeit, Tonaussetzer, Beleuchtungsprobleme und ähnliche Kniffe. Ironischerweise bleiben Jacopetti und Prosperi “aufrichtiger” in der Wahl ihrer filmischen Mittel als die ehrbaren Kollegen des Dokumentarfilms, die im Mondo nur den schmuddeligen kleinen Bruder sehen, der die Welt nach dem Bauchgefühl des Pöbels inszeniert.
Jacopetti behauptete bis zu seinem Tod, keine der Szenen sei gestellt gewesen, was ihm unter anderem den Vorwurf einbrachte, er habe weiße Söldner bezahlt und betrunken gemacht, um Exekutionen an afrikanischen Soldaten filmen zu können. Vor Gericht konnte er sich dieser Anschuldigungen erwehren, ein negativer Beigeschmack bleibt, sprechen die Bilder von “Africa Addio” doch eine lautere Sprache als Beteuerungen, Eide und Gerichtsurteile. Die Menschen wurden getötet und anstatt zu versuchen ihnen zu helfen, hat Jacopetti vor allem dafür gesorgt, fantastische Einstellungen der Hinrichtung einzufangen. Üblicherweise reden sich Dokumentarfilmer mit einer verschwurbelten Objektivitätspflicht aus Situationen dieser Art heraus, da sie “die Aufgabe haben, die Wirklichkeit abzubilden, anstatt sie zu gestalten”, doch selbst der filmische Laie weiß um die Inszenierung und Subjektivität eines jeden auf Zelluloid festgehaltenen Vorgangs. Einem Profi nehme ich diese Blauäugigkeit nicht ab. Ich halte sie für eine Lüge.
Problematisch wird “Africa Addio” vor allem durch sein pro-kolonialistisches Weltbild. Zu Zeiten des Drehs, in der Mitte der 1960er Jahre, erlebten viele afrikanische Völker die Befreiung von der Knute des Kolonialismus: Briten und Franzosen traten den Rückzug an, nachdem sie den Kontinent Jahrhunderte ausgebeutet und ausgeblutet hatten. Das daraufhin entstehende Machtvakuum bereitete den Boden für Kriminalität und Grausamkeiten aller Couleur – und das Voice-Over des Erzählers lässt wenig Zweifel daran, dass dies auf die afrikanische Bevölkerung zurückzuführen ist, die ihren ehemaligen europäischen Herren, die Zucht, Recht und Ordnung aufrecht erhielten, in allen sozialen und politischen Aufgaben hoffungslos unterliegt. Tenor: Weitere Jahrzehnte unter europäischer Herrschaft hätten Afrika blühende Landschaften beschert.
Neben den atemberaubenden Aufnahmen des Naturpanoramas, die meist auf Prosperis Kappe gehen, ergießt sich eine Flut von verstörenden Bürgerkriegsszenen, Hinrichtungen, Aufständen, Massengräbern und Tiertötungen von der Leinwand herab, welche den gesetzlosen Zuständen der jeweiligen Länder Rechnung tragen. Tierfreunde sollten einen Bogen um “Africa Addio” machen, denn wem die aufgeknüpften Affen zu Beginn des Films und kurz darauf die Kühe mit den durchgeschnittenen Hinterläufen noch nicht genug sind, der kommt spätestens mit dem Nilpferdschlachthof, wo nach Quote getötet wird und man Föten aus den trächtigen Kühen herausschneidet, an seine Grenzen. Beeindrucken kann die folgende Einstellung, die unzählige Kieferknochen geschlachteter Flußpferde an den Ufern des Stroms einfängt. Ein gespenstischer Friedhof, von der Kamera be(d)rückend in ein Stilleben übersetzt.
Ich muss zugeben, dass mir der Tier-Snuff näher geht als die Gewalttätigkeiten der Menschen untereinander. In dieser Hinsicht bin ich wohl abgestumpft und bar jeder Hoffnung. Die Konflikte der Menschen im Afrika der 1960er sind auch heute noch die Konflikte der Menschen in Afrika – mehr als 50 Jahre später. Als ein Beispiel dient das Massaker an Arabern in Sansibar, von dem Jacopetti und Prosperi die einzigen bekannten Aufnahmen anfertigten: Massengräber von Menschen in weißen Roben, die wie reglose Gespenster wirken.
Über weite Strecken von “Africa Addio” würde ich den Ton der Darstellung als pro-kolonialistisch bezeichnen, nicht mal als anti-afrikanisch, leider schlägt der Film kurz vor dem Schluss noch ins Rassistische um. Die Szenen in Südafrika verhöhnen das zuvor abgebildete Morden und Schlachten und der Erzähler breitet genüsslich aus, warum Südafrika das “reichste Land der Erde” (war es das damals?) ist: Weil man hier nach europäischem Modell verfährt, unter Anleitung von weißen Menschen (den Buren). Unterlegt mit fetziger Pop-Musik, zu der junge, weiße Damen in Bikinis am Strand tanzen. Grotesk, infam. Der Mund bleibt einem offen stehen.
Ruggero Deodato entwickelte dieses zurückgebliebene Weltbild im Kannibalenschocker “Cannibal Holocaust” weiter. In seinem Abkömmling der Mondofilme wirken Europäer und Amerikaner nicht besser als die “Wilden” – und Filmemacher wie Jacopetti kriegen ebenfalls ihr Fett weg, zeichnet Deodato sie doch als rücksichtslose Manipulatoren. Einen Vorwurf, den sich Jacopetti gefallen lassen muss, immerhin vertraute er für die Arbeit an “Africa Addio” auf die Hilfe des berüchtigten Nazis Kongo-Müller.
Die FSK sah keine Probleme und verteilte eine Freigabe ab 18; VZM/X-Rated nutzt sogar den alten widerwärtigen Klappentext (siehe weiter oben) für die Blu-ray-Neuveröffentlichung des Films, die seit Ende 2018 in jeder Elektronik- und Drogeriekette ausliegt.
Wie stehe ich zu “Africa Addio”? Einem Film, der in seiner Aussage belegbar rassistisch ist, aber voll wunderbar komponierter Bilder und Szenen steckt? Der mir eine Welt vorführt, die mir nicht schmecken mag, aber dies auf eine Art und Weise tut, die mich unmittelbar anspricht? Ich entscheide mich, wie in anderen Fällen, für den Sieg der Ästhetik über die Moral: 7/10.

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 02.02.2019)
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Anderland – Den bysomme Mannen

Anderland – Den bysomme Mannen

(Regie: Jens Lien – Norwegen, 2006)

In einer seltsamen Stadt, in der alle Einwohner über alle Maßen zufrieden scheinen, betritt ein neuer Mann das gesellschaftliche Parkett und sorgt für Ärger, indem er zu viele Fragen stellt.

Die stets leicht flackernden Züge der Rama-Familie, mit ihrem Stich ins Psychopathische, illustrieren vorbildlich die Gruselkabinette einer heilen Welt, wie sie den Vorstellungen von Werbegrafikern und statistisch abgesicherten Erkenntnissen zur Mehrheitsgesellschaft entsprungen sind. Jens Lien, Regisseur von “Anderland”, kitzelt die kafkaesken Schrecken aus den Oberflächen des IKEA-Katalogs und bildet die Wunschvorstellung der Normalos als durchgehend reizloses, aber psychologisch verheerendes Gelingen des Gewöhnlichen ab, nach Abzug aller Eventualitäten, von Spontanem und Unplanbarem.
Der ins Groteske vergrößerte und verlängerte Abschiedskuss in der U-Bahn-Station, zu Beginn des Films, läutet den Selbstmord der Hauptfigur Andreas ein. Nach dem Sprung vor die U-Bahn, erwacht er einige Zeit später (dem glattrasierten Thirtysomething ist ein beeindruckender Vollbart gewachsen) als einziger Passagier eines Reisebusses, der ihn vor einer Tankstelle inmitten einer Wüstenei absetzt. “Velkommen” prangt dort auf einem Banner; man erwartet ihn schon. Kurz das Gefährt gewechselt und nach einigen weiteren Kilometern weist man ihn in sein neues Leben ein: Wohnung, Job, Klamotten – alles liegt an seinem Platz für ihn bereit. Wir wissen nicht aus welcher Art Lebensüberdruss Andreas handelte, er gibt dem Neuanfang jedoch eine Chance, rasiert sich glatt und fügt sich in seinen neuen Job (die Krönung des Mittelmaßes: Buchhaltung in einer Baufirma), nimmt Kontakt zu den Kollegen auf und schließt sich deren Aktivitäten an: Mittagessen, nach Arbeitsschluss ein Barbesuch.
Dort kommen ihm auf dem Herrenklo erste Zweifel: Obwohl er seit Stunden trinkt, wird er nicht betrunken; ein weiterer Gast, von dem nur seine schwarzweißen Schuhe unter einer Toilettentür hervorschauen, beklagt sich über das fade Leben: Nichts schmeckt, nichts macht Spaß. Keine Erregung, keine Sensation – nur die abgesicherte Existenz im ewig gleichen Trott.
Spätestens hier musste ich an die Songzeile “Heaven is a place where nothing ever happens” von den Talking Heads denken. Ist Andreas wirklich im Himmel gelandet? Oder doch in der Hölle, in seiner Eigenschaft als Selbstmörder? Vielleicht befindet er sich auch noch auf dem Weg dorthin: Wie auch immer die fegefeuerartige Etappe heißen mag, er findet bald heraus, dass er sie nicht durch erneuten Suizid verlassen kann. Dies geschieht in einer beindruckend getricksten Sequenz, die das Unter-die-Räder-Kommen schmerzhaft verdeutlicht. Erfreulicherweise hat Regisseur Jens Lien kein Problem mit der Darstellung von blutigen Exzessen, auch wenn er diese humorvoll bis ins Groteske steigert und den restlichen Ton des Filmes eher ruhig (wenn auch paranoid) anlegt.
Die Farben wirken zurückgenommen und weichgezeichnet, fast wie in Watte gepackt, trotzdem lasten die Schatten und drückenden Rahmungen eines Traums auf der Szenerie. Lien verlässt sich nicht auf eine plump invertierte Welt des IKEA-Gefühls, sondern zieht die Merkwürdigkeiten und Depressionen aus den Nischen und Ritzen des weit verbreiteten Einrichtungskatalogs.
Andreas versucht sich als Normalo, geht sogar eine stabile Beziehung ein, die ihm aber schnell vorführt, in eine Falle geraten zu sein, zwischen Menschen, die wenig fühlen und erfahren, dafür umso emsiger vorgegebenen Plänen, Spielregeln und Konventionen folgen. Eine Affaire, eine neue Liebschaft, soll ihn daraus befreien. Anstatt halbwegs glücklich zu werden, muss er die Bindungsunfähig- und extreme Oberflächlichkeit seiner Mitmenschen noch deutlicher als zuvor erkennen.
Grund zur Hoffnung bietet ein kleines Loch in der Wand, versteckt hinter einem Gemälde, das er im Keller des Mannes entdeckt, der ihm in den schwarzweißen Schuhen durch die Klotür die Fadheit seiner Existenz klagte. Aus dem Loch entweichen Melodien und Gerüche, manchmal auch ein Kinderlachen. Beide Männer sitzen oft stundenlang gebannt davor. Bewusst bricht Lien hier den “Einrichtungsstil” und taucht aus perfekt aufgeräumten Bürotürmen und Hochglanzwohnzimmern in ein staubiges Kellerambiente ab, das merkwürdig erleuchtet wie ein in sich geschlossenes Universum wirkt, ein Refugium unter der Erde mit eigenem Sternenhimmel.
Schließlich treibt die Sehnsucht Andreas dazu, das Loch zu vergrößern, einen Durchbruch zu schlagen in diese vermeintlich bessere Welt. Es kommt, wie es kommen muss: Eine normierte Gesellschaft wird immer eine Gesellschaft der Petzen sein, geht es doch um die Versicherung des eigenen Status durch die Anzeige des Außer- und Ungewöhnlichen. Andreas und sein Kumpel werden von den seltsamen grauen Glatzköpfen in Kastenautos verhaftet, die sich schon zuvor um alle Unwägbarkeiten kümmerten, unter anderem auch um Kranke und Verletzte, die schnellstmöglich aus dem öffentlichen Bild entfernt wurden. Während sein Kumpel katzbuckelnd jede Schuld von sich weist und nur zu froh ist, Andreas als eigentlichen Rädelsführer und Anstifter zu denunzieren, bleibt dieser stumm und gerät in die Verbannung; seinen servilen Kumpel lässt man laufen.
Man bringt Andreas schnurstracks zur Tankstelle im Nirgendwo und verfrachtet ihn dort in das Gepäckfach des Busses, mit dem er die Rückreise antritt. Als er sich aus dem Bus befreien kann, bleibt er in einer Eiswüste zurück.
“Anderland” (Originaltitel: “Den bysomme Mannen”) gelingt das Kunststück, eine surreale Satire zu sein, die sich der Gesellschaft der Angepassten mit schneidendem Humor nähert, und zugleich eine kleine Sammlung an depressiven Stimmungen aufzufächern, die blitzschnell von zu Boden schmetternden Erkenntnissen in die Höhen neuer Hoffnungen aufsteigen können. Visuell in sich geschlossen, musikalisch treffend untermalt (u.a. mit der Musik Edvard Griegs) und mitfühlend erzählt, schlägt Regisseur Jens Lien einen Bogen von den Gestimmtheiten Kafkas, über den absurden Humor Dupieuxs bis zur lakonischen Lebensbetrachtung der Coen-Brüder. You don’t care? Well, I KEA. 8,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 07.01.2019)
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Another

Another

(Regie: Jason Bognacki – USA, 2014)

Am Tage ihres 18. Geburtstages erhält die hübsche Jordyn von ihrer merkwürdigen Tante Ruth nicht nur eine lecker aussehende Geburtstagstorte, sondern auch die Nachricht, dass sie ganz genau so aussieht wie ihre selige Mutter, die just an ihrem 18. Geburtstag das Zeitliche segnete. Danach stößt sich Tantchen ein Tranchiermesser in den Bauch. Fortan wird Jordyn von albtraumhaften Visionen und Tagträumen geplagt, die allesamt darauf hindeuten, dass sie für große, wenn auch nicht unbedingt gute Taten vorbestimmt ist.

Nicht nur die Kreuze, alle Dinge stehen Kopf, wenn man der Zeichnung des Bösen im zeitgenössischen Horrorfilm folgen will und diese mit dem Bild des Guten in der Wirklichkeit abgleicht. Gott hat ein schwerwiegendes Problem mit seinem Bodenpersonal. Waren es in vergangenen Zeiten gierige und größenwahnsinnige Menschenschinder, die im Namen der Weltreligionen Angst und Schrecken schürten, trifft man heutzutage auf Schwächlinge mit automatischen Schusswaffen und Raketenwerfern, die bei allergrößter Anstrengung einige Wolkenkratzer pulverisieren, während sie meist nicht in der Lage sind, den Bauplänen für Bomben zu folgen und deshalb lieber wahllos in Weihnachtsmärkten herumstochern. Auch die Jünger Jesu waren vor allem dumm und gewöhnlich, kein Vergleich zu den Satanssöhnen und -töchtern, die in den Okkultschockern der späten 1960er bis heute ihre Auftritte hatten. Angefangen bei “Rosemary’s Baby” über “Das Omen” bis hin zu “Another” weist die Brut des Unaussprechlichen Charisma, Intelligenz, außergewöhnliche Begabung und Bildung auf, die den Witzfiguren mit AK-47 im Dienste des HERRn völlig abgehen.
So verwundert es wenig, wenn Jason Bognacki in seinem Spielfilmdebüt, das auf einem seiner Kurzfilme gleichen Namens beruht, viele der Cadragen mit einem Porträt der auffällig hübschen Hauptdarstellerin Paulie Rojas beginnt und diese dann sukzessive auf durchgestaltete Räume ausweitet, welche den Stilwillen des Giallos atmen und in dessen Tradition einen Spagat zwischen der klassischen Schönheit der Hochkultur und den visuellen Camp-Sensationen des Horrorfilms der 70er und frühen 80er wagen. Sobald die Sicherheitsmarkierung der Rolltreppen mit dem gesetzten Licht und Schuhen und Kleid der Hauptdarstellerin farblich übereinstimmen und bewusst perspektivisch zusammengeführt werden, weiß man um die Präferenzen des Regisseurs, der sich hier als Auteur ebenfalls um Drehbuch, Schnitt und Fotografie kümmert, dazu bedarf es nicht erst der kleinen Danksagung im Abspann an Jess Franco und Dario Argento.
“Another” weist in der Herangehensweise Ähnlichkeiten zu den Filmen von Cattet und Forzani (“Amer”, “L’étrange couleur des larmes de ton corps”) auf, gibt sich im Ablauf jedoch weniger kryptisch und hilft dem Zuschauer durch einige erklärende Dialoge bei der Orientierung in den Bildwelten. Diese bauen nicht unbedingt aufeinander auf, sondern entspringen einem Potpourri aus filmischen Stilen, die sich von dekorativer Werbung bis hin zum psychedelischen Farbenrausch erstrecken. Ein Nebeneinander der optischen Einfälle des letzten Jahrhunderts, nicht ganz so unverbunden, wie es in manchen Szenen wirken mag. In das Knallige und Farbenfrohe mischen sich bedrohliche Bilder des Mystischen und Okkulten, oft mit Wurzeln in der Natur, etwa die symbolisch eingesetzten Raben und das Ritual in einer Felsenhöhle. Unterschwellig durchziehen christliche Motive den Film, Mönchskutten und Latein künden am Offensichtlichsten davon, auch wenn Regisseur und Schauspieler in Interviews selbst auf die griechische Mythologie verweisen. (So wie Satanisten christliche Symbole umkehren, findet die Geburt der Hauptfigur durch den Mund der Mutter statt. Eine ganz neue Definition von Kopfgeburt und Muttermund.)
Bognacki erfreut sich offensichtlich sehr an einer eklektischen Auswahl von Schönheit, die er auf immer anderen, neu ausgestalteten Wegen mit dem Publikum teilen möchte. Die drei starken weiblichen Charaktere geben dem Leitmotiv einen Drall ins Hexische; die Männerfiguren hingegen bleiben unwichtige Karikaturen, Nebensächlichkeiten in den Kämpfen dieser Welt, zu goofy für eine echte Rolle. Weil Schönheit (ob nun weiblich, natürlich oder gegenständlich) auf Dauer ermüdend wirkt, nutzt er das Böse (und mitunter Hässliche) um die Spannung in “Another” aufrechtzuerhalten. Dies gelingt – bis auf den etwas dialogreicheren Mittelteil, der sich für mein Empfinden schon etwas zu geschwätzig und informativ ausbreitet, vor allem im Vergleich zum Rest des Films, welcher sich bei einer Spielzeit von knappen 80 Minuten noch den Luxus eines fast 10-minütigen Abspanns gönnt. Ganz im Sinne des Regisseurs erhascht man hier aber einen ausführlichen Blick auf eine weitere Stilfacette; man sollte den Abspann also eher als abschließende Szene betrachten, denn als Bilderrahmen für die Credits.
Im Aufeinandertreffen der stark stilisierten Einstellungen und ausgewählter klassischer Musik von Händel, Chopin, Puccini und Beethoven wirkt “Another” wie ein Werbefilm für das Böse: Elegant, verführerisch, sinnlich – mit so beunruhigenden wie transzendenten Momenten des Abgrunds, oft in Zeitlupe, deren ätherischer Effekt die Außerweltlichkeit zu unterstützen weiß.
Alle Dinge stehen Kopf, nicht nur die Kreuze, auch die Sterne und Punkte im Internet: Die lächerlich niedrigen Wertungen von “Another” bei imdb.com oder anderen Filmportalen zeichnen kein vorteilhaftes Bild der Abstimmenden. Apostel der ewig gleichen Erzählweise – möge der HERR ihren lahmen Seelen gnädig sein. 7,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 14.12.2018)
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Hagazussa – Der Hexenfluch

Hagazussa – Der Hexenfluch

(Regie: Lukas Feigelfeld – Deutschland/Österreich, 2017)

Eine Ziegenhirtin im Alpenraum des 15. Jahrhunderts wird nach dem traumatisierenden Tod ihrer Mutter von einer dunklen Präsenz aus den alten Wäldern heimgesucht. Als im psychotischen Wahn langsam die Grenzen von Realität und Alptraum verschwimmen, wird sie allmählich mit dem Bösen in ihr selbst konfrontiert.

Der geschmolzene Schnee des Winters gibt die Überreste von Albruns Kindheit frei; eine Kindheit, die sie im Schatten ihrer Mutter verbrachte, selbst eine Außenseiterin des dörflichen Lebens in den Alpen. Während die beruhigend weiße Decke der Natur zurückgezogen wird, deren schützende und lärmschluckende Schicht in der Sonne glitzert, entdeckt man Knochen, Schädel und Splitter, die sich zu Mosaiken des Missbrauchs zusammenfügen lassen. Im Kleinen die übergriffigen Handlungen zwischen Mutter und Tochter, das elende Eltern-Kind-Verhältnis seit Anbeginn der Zeit, eine Ebene darüber, im Größer- und Gröberen, die Drohungen der Dorfgemeinschaft gegenüber der Alleinerziehenden und ihrem Nachwuchs.
Lukas Feigelfelds Langfilmdebüt “Hagazussa – Der Hexenfluch” erschien fast zum gleichen Zeitpunkt wie “The VVitch” in der Kinolandschaft, auch wenn er produktionsbedingt länger in der Mache war (mal wieder ging es um das liebe Geld, die vermaledeite Filmförderung in Deutschland und ein Happy End durch Crowdfunding), einen Vergleich wird er sich also mit dem Hexenalbtraum aus Übersee gefallen lassen müssen. Der augenfälligste Unterschied sind die Bemühungen von “The VVitch” den Film übernatürlich aufzulösen, etwas, das Feigelfeld in “Hagazussa” vermeidet: Die außergewöhnlichen psychischen Zustände seiner Hauptfigur sind in der filmischen Wirklichkeit verankert und haben rationale Auslöser. Während die Bilder manchmal aus dem klar gegliederten Korsett der Naturaufnahmen, eingerahmt durch die Alpen, delirierend in Horrorvisionen ausbrechen, bleiben die eigentlichen Vorgänge nachvollziehbar. Der Wahnsinn der Einsamkeit wurzelt in familiärem Übel, bedingt durch die unbarmherzigen Einwirkungen der dörflichen Gemeinschaft, der Gesellschaft. Auf ein verkohltes Skelett reduziert, dreht sich hier alles um die Rolle von alleinerziehenden Außenseitern im Verhältnis zur argwöhnischen Mehrheitsgesellschaft, die ihre Sündenböcke gerne zur Herde vermehren möchte und nach geeigneten Opfern Ausschau hält.
Im zweiten Teil des Films, welcher sich insgesamt streng in die Abschnitte “Schatten”, “Horn”, “Blut” und “Feuer” einteilt, nimmt Albrun selbst die Mutterrolle ein, ihr wird (wie schon ihrer Mutter) ein Mann verwehrt, das Verhältnis zu den Dörflern mutet immer noch gespannt an, aber es herrscht Tauwetter. Albrun scheint eine Freundin, eine Verbündete zu finden, wäre da nicht dieses aufgesetzte, gezwungene Lächeln gleich den Tränen der Krokodile.
Bis zu diesem Zeitpunkt verlässt sich der Regisseur weitgehend auf die Naturaufnahmen seiner Kamerafrau, zuerst die bergige Schneelandschaft, später der alpine Frühling. Nach und nach schleichen sich beunruhigende Momente ein, der Wald entwickelt ein Eigenleben, er starrt nicht nur zurück, er starrt in die Hauptfigur hinein, womöglich um gedankliche Samen zu pflanzen. Das erinnert manchmal an “Antichrist”, Lars von Triers zum Skandal feuilletonisierten Film, verfällt aber nie in dessen Hysterie. Das angemessen träge voranschreitende Tempo verhindert dies. Von den Drone-Klängen der griechischen Gruppe MMMD untermalt, mehren sich nun Eindrücke aus dem Innern der Hauptfigur, in den Wald projiziert und manchmal verstärkt von ihm zurückgeworfen. Den ästhetischen Höhepunkt erreicht “Hagazussa” im Anschluss an einen Pilztrip, wenn sich der Infantizid in einem Tümpel zum Abbild des Kosmos ausweitet. Die Einheit des Scores von MMMD und der Bilder von Mariel Baqueiro wirkt so stark und schlüssig, dass ich mich zumindest im deutschen Film kaum an ähnliche berückende Momente erinnern kann. Diese mehrminütige Sequenz stellt definitiv das Highlight in “Hagazussa” dar und leitet das Finale ein: “Feuer”.
Wo die Übermacht des Dorfes stets spürbar bleibt, selbst wenn es kaum abgebildet wird, kann sich der Einzelne auf normalem Weg nicht aus dessen Fesseln befreien. Er muss die Gesetze und Grenzen der Mehrheit übertreten und sich schließlich selbst reinigen. “Hagazussa” kommt also zu einem eher gewöhnlichen Ende, wenn auch in ungewöhnlichen Bildern. Er liefert durch die Symbiose der einfach von “außen” gefilmten Vorgänge mit Darstellungen des Inneren ein Amalgam, das zumindest oberflächlich einleuchtend erklärt, wie der Glaube an Hexen funktionieren kann und welche gesellschaftlichen Umstände ihn entstehen lassen. Der Dämon, der hinter den sicheren Begrenzungen des Dorfes auf die Bewohner wartet (das Wort “Hagazussa” kommt aus dem Althochdeutschen und bezeichnet eine “Zaunreiterin”, später wurde daraus “Hexe”), entstammt einfach ihrer eigenen Borniertheit, ihrer beschränkten Sicht auf die Welt, ihrem Hang zum Simplifizieren. Nicht umsonst legt Feigelfeld in seinem fast dialogfreien Film der zwielichtigen Bekannten Albruns die Abscheu gegenüber “Juden und Heiden” in den Mund.
“Hagazussa” bleibt über gut 100 Minuten ein bildgewaltiger, aber stark entschleunigter Maelstrom von Vignetten zur Gewalt der Gesellschaft gegenüber dem Individuum, unterlegt mit einem perfekten Drone-Soundtrack, der die visuellen Eindrücke auf musikalischer Ebene ins Monolithische überhöhen kann. Definitiv ein Film für die große Leinwand, definitiv ein Soundtrack, um ihn mit dem ganzen Körper zu spüren. Definitiv ein Hoffnungsschimmer für den deutschen Film. 8/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 16.11.2018)
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Adrenochrome

Adrenochrome

(Regie: Trevor Simms – USA, 2017)

Surfen, Frauen und Parties – das ist Venice Beach. Und wo könnte man sich besser ein neues, gutes Leben aufbauen? Der junge Army-Veteran West versucht genau das – ein kompletter Neustart. Nachdem er jedoch während eines Drogentrips einen blutigen Mord beobachtet, wird er immer tiefer in eine brutale Welt aus Gewalt und Verbrechen hineingezogen und kann bald nicht mehr unterscheiden zwischen Wirklichkeit und Phantasie…

Ein-Mann-Armee Trevor Simms produziert, schauspielert, schreibt das Drehbuch, führt Regie und hat in allen anderen Bereichen des Filmemachens (vom Schnitt bis zu den Special FX) seine Finger im Spiel, nutzt er seinen ersten Spielfilm “Adrenochrome” doch ausgiebig zur Selbstdarstellung. Dreh- und Angelpunkt aller Geschehnisse ist Simms in seiner Hauptrolle als Irakkriegsveteran West, der – nach der Rückkehr aus George W. Bushs unter falschen Angaben und Lügen zustandegekommenem Angriffsfeldzug gegen das Böse in Form von Saddam Hussein (seines Zeichens Diktator ohne Massenvernichtungswaffen) – in Venice Beach, Kalifornien, einen Neuanfang wagt. Beim Versuch etwas Geld aufzutreiben, mischen ihm ein paar knapp beschürzte Strandmädels etwas in den Tee, so dass die Jobsuche zugunsten eines bizarren Drogentrips zurückgestellt werden muss, denn an dessen Ende wird er von der Polizei verhaftet, nachdem er nur mit Müh und Not einer kannibalischen Surfersekte auf der Suche nach dem neuesten Drogenkick entkommen war.
Klingt jetzt schon konfus? Nun – übersichtlicher wird es nicht mehr. Simms hat sich mit Haut und Haaren der trippigen Gegenkultur der späten 60er und frühen 70er verschrieben, schon in den ersten Szenen hat Raoul Duke (aus Hunter S. Thompsons “Fear and Loathing in Las Vegas”) einen Gastauftritt, später im Film fällt der Name von Colonel Kurtz, bekannt aus “Apocalypse Now”. Man mache jetzt nicht den Fehler und assoziiere mit Gegenkultur den angepassten, milden Quark, welchen Ökofritzen und Friedensbewegte in den Mainstream gespült haben; in “Adrenochrome” geht es um Sex, Drogen und Gewalt, einen Todestrip, nicht darum die Welt oder gar die Menschheit zu retten. Schon bei der Geburt des Regisseurs im Jahr 1987 war der konservative Rollback in den USA so ausgeprägt, dass er selbst im Säuglingsalter die Informationen über die portraitierten Aussteiger nur durch den Gang in Biblio- und Videotheken erhalten hätte. Nachdem die Generation der 68er in den Positionen ihrer Väter und Großväter angekommen war, mühte sie sich um ein bereinigtes Bild der Ereignisse, um ein Vorbild, das die dunklen, bedrohlichen (und damit spannenden) Schwingungen und Verzweigungen innerhalb der Bewegung aussparte. Stellt Robert Habeck von der Partei Die Grünen das eine, furchtbar falsch wirkende Ende dieser Entwicklung dar, sitzt auf der gegenüberliegenden Seite der grinsende Geist Charlie Mansons auf dem Thron, den ihm die kollektive Hysterie errichtete. Trevor Simms Zugang zur psychedelischen Seite von Venice Beach erfolgt in rasanter Motorradfahrt, wehrmachtsbehelmt, über beide Ohren zugedröhnt und bis an die Zähne bewaffnet.
Neben dem US-amerikanischen Originaltitel “Misirlou” verweist auch ein Großteil des Surf-Soundtracks wenig verschämt auf “Pulp Fiction” und das exploitative Zitatkino Quentin Tarantinos. Als Nachgeborener montiert Simms Erzählungen, Bilder und Klänge aus liebgewonnenen Büchern, Filmen und Schallplatten, ausgewählt nach dem Grad ihrer Eindrücklichkeit. Er verbindet altbekannte Sensationen miteinander, um deren Durchschlagskraft noch zu erhöhen. Manchmal gelingt ihm dies, vor allem, wenn er nicht versucht einen Gegenwartsbezug herzustellen (im zeitgenössischen Kino stellt der Krieg im Irak meist nur einen wenig erfreulichen Nam-Abklatsch dar), strahlt die durch Digitalkameras eingefangene Gegenwart doch auch ohne sein Zutun schon heftig auf die Szenen des Films ab. “Adrenochrome” verliert viel von seinem Charme, sobald der Zuschauer die Anwesenheit des Hier-und-Jetzts bemerkt, etwa in innerstädtischen Szenen. Potenziert wird dies durch manche Einstellungen, in denen man stärker erkennen kann, mit welch geringem Budget gearbeitet wurde – oft von einem einzigen Mann: Trevor Simms. Exploitatives Autorenkino im wörtlichsten Sinne, gerade oberhalb der Wahrnehmungsgrenze des Amateurfilms. Sich der Tatsache bewusst, dass ein Film wie “Adrenochrome” in den 80ern und 90ern als VHS-Futter in den Videotheken ohne Kinorelease geendet wäre, sorgte der Regisseur schon während der Dreharbeiten für kleinere Skandälchen um den Film (meist ging es dabei um nicht erteilte Drehgenehmigungen oder zerstörtes Equipment), die genug Aufmerksamkeit für einen internationalen Verleih sicherten – und wieder Trevor Simms in den Mittelpunkt stellten, der die Grenzen zwischen seinem Film und seiner Person absichtlich verwischen will.
Simms inszeniert sich als post-traumatisch belasteten Kriegsveteranen in Rambo-Manier, den Halluzinogenen nicht abgeneigt, mit einem Traum vom Leben am Strand zwischen vollbusigen, willigen Gespielinnen und der Freiheit der Straße. Ziemlich amerikanisch, kein Wunder, destilliert er “Adrenochrome” doch aus unzähligen Episoden der US-Gegenkultur. Das eigentliche Adrenochrom wurde bei Versuchen mit Schizophrenie-Patienten entdeckt und hatte den Ruf von körpereigenem LSD, bis sich die Messreihe als schwer fehlerhaft entpuppte. Nun müsste nur noch jemand den Kannibalen in Simms Film beibiegen, dass sie dem Placebo-Effekt aufgesessen sind… 6,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 26.10.2018)
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Captain Fantastic

Captain Fantastic

(Regie: Matt Ross – USA, 2016)

Ben Cash (Viggo Mortensen) und seine sechs Kinder leben in einer Hütte im Wald. Das Sextett wird nur von dem Vater unterrichtet. Doch dann erreicht sie die Nachricht, dass ihre Mutter verstorben ist. Ben, der nach dem Prinzip lebt, seine Kinder nicht anzulügen, erzählt ihnen, dass seine Frau sich die Pulsadern aufgeschnitten hat. Bei der Beerdigung ist Ben nicht willkommen, dies macht sein Schwiegervater ihm unmissverständlich deutlich. Doch auf Drängen der Kinder macht sich Ben mit seinen Schützlingen auf den Weg. Und dabei prallen im wahrsten Sinne Welten aufeinander.

Auch die Langsameren unter den Zuschauern schärfen ihren Blick für den Hurrapatriotismus mancher Filmproduktionen der USA. Es gehört als durchschnittlicher Filmfan fast schon zum guten Ton, zu erwähnen, mit dem Pathos und Flaggengeschwenke nichts anfangen zu können. Meist bricht sich hier keine Filmkritik Bahn, sondern anti-amerikanische Ressentiments, die von außen an das Kino herangetragen werden. Coca-Cola-Imperialismus und die Schergen der Micky Maus geben freilich ein hervorragendes Ziel ab, trotzdem scheint es weiterhin ein Problem zu sein, den Elefanten im Porzellanladen anzuvisieren und auszuschalten, selbst wenn Mutter Vorsicht gerade außer Haus (und damit nicht in rettender Reichweite der Porzellankiste) weilt. Falls dies irgendwann gelingen sollte, muss man sich in Hollywood keine grauen Haare wachsen lassen, denn es existiert noch ein perfideres Mittel der Diskreditierung alternativer Lebensentwürfe als der große vaterländische Kampf: Die Umarmung des Gegners – wahlweise in Strangulation oder mit einem Messer im Rücken endend.
So geriert sich “Captain Fantastic”, Regiezweitling des Schauspielers Matt Ross, im deutschen Zusatztitel “Einmal Wildnis und zurück” schon die Pointe vorwegnehmend, zunächst als Portrait vom Familienleben fern der Mehrheitsgesellschaft. Viggo Mortensen als Vater Ben lehrt seine Kinderschar das Überleben abseits industrieller Abhängigkeiten, im Einklang mit der Natur. Neben dem archaisch anmutenden Survivaltraining (inklusive dem offenbar unverzichtbaren Mannbarkeitsritual, mit dem der Film eröffnet) steckt er viel Zeit und Energie in die akademische Bildung seiner Nachkommen, es bleibt aber auch Muße, um sich künstlerisch zu betätigen. Hier setzt Regisseur Ross schon die ersten Nadelstiche, wenn er noch recht subtil ausstellt, wie die Familie von Waren der kapitalistischen Gesellschaft abhängig ist, z.B. durch Nutzung hochmoderner Jagdmesser, die sie mit ihren Möglichkeiten auf keinen Fall herstellen könnte. Auch das Betreiben eines Busses (und damit dem Verbrauch von Benzin, großindustriell verarbeitetem Öl) zu Transportzwecken stellt das Selbstverständnis autarker Lebensweise der Familie in Frage.
Immer weitere Zweifel werden gestreut, schließlich in Beziehungsfragen kulminierend, die oft den “Höhepunkt” eines Hollywoodfilms bilden: Der Vater wird durch das Aufbegehren der Söhne und den Selbstmord seiner psychisch erkrankten Frau in Frage gestellt. Eine plumpe Manipulation des Publikums, der Versuch durch emotionale Geiselnahme einen Vorteil zu erringen, die jeder denkende Zuschauer nur als Affront wahrnehmen kann. Verwehrt Ben Kindern und Frau die Teilhabe an der Mehrheitsgesellschaft, verwehrt er ihnen damit auch ihr Lebensglück, behaupten die Standardautoren (das Drehbuch stammt ebenfalls aus der Feder von Matt Ross), für die Lebensglück natürlich deckungsleich mit Liebesglück ist. Zumal Ben eigentlich einen vorbildlichen Umgang mit seinen Kindern pflegt: Er nimmt sie ernst und versucht nach bestem Wissen und Gewissen mit ihren Fragen und Problemen umzugehen, auch wenn ihm dies nicht immer ganz leicht fällt. Diese Szenen sind die Höhepunkte des Films, getragen vor allem durch Viggo Mortensens Spiel, der mit nur wenigen Gesten und Blicken eine präzise Zeichnung des inneren Hin und Hers anfertigt. Wie Ben sich immer für die “Wahrheit” und gegen Moral entscheidet, könnte ein Grund sein, sich “Captain Fantastic” anzuschauen.
Eigentlich müsste man davon ausgehen können, Hollywoodproduktionen (dank Unmengen an Geld, Fachkräften und kleinteiligster Spezialisierung) in handwerklicher Hinsicht mindestens im gehobenen Mittelmaß ansiedeln zu können, die Kinokatastrophen der letzten Jahre und das eher geringe Budget von “Captain Fantastic” lassen mich jedoch ausdrücklich betonen, dass der Film ansprechend gestaltet, fotografiert und geschnitten wurde. Die Musikauswahl passt, die Dialoge sitzen und auch die Darsteller überzeugen. Einzig die immer wieder aufblitzende, aber bis fast zum Schluss mehr schlecht als recht im Schrank versteckte Ideologiewalze mindert das Vergnügen an “Captain Fantastic” erheblich. Es gab selten einen deprimierenderen Schluss im zeitgenössischen Film: Wie Bens Kinder freudig vor ihren verzuckerten Weizenzerealien sitzen und sich darüber freuen, den Schulbus nehmen zu können, hat etwas von lobotomisierter Seligkeit, wie sie selbt die breite Masse abstoßen müsste. Ganz zu schweigen von Bens Gang nach Canossa, Buße tuend für seine Ideale, ja, für sein ganzes Leben! Ein reuiger Sünder, der ein Einsehen hat und den Rest der Gesellschaft über das Glück seiner Kinder entscheiden lässt.
Versteht mich nicht falsch: Ich habe eher wenig Sympathien für das Selbstversorger-Waldläufertum, das hier skizziert wird, vor allem in Zeiten, in denen eine Partei wie Die Grünen ihr wahres Gesicht zeigt und sich als FDP mit Thoreau-Psychose entpuppt. Das ist der kleine Traum vom wilden Schrebergarten einiger Besserverdiener. Umso mehr fuchst mich aber, wenn Bens Familie im Film (wahrscheinlich zu weiteren Diskreditierungszwecken) von sich selbst als Marxisten spricht. Jetzt stehen wir endlich an der Schwelle zur endgültigen Automatisierung der meisten ätzenden Arbeiten und ihr wollt zurück in die Steinzeit? Zu Ackerbau und Viehzucht oder noch eher zum Jagen und Sammeln? Welche Art Marxist soll das bitte sein?
“Captain Fantastic” scheitert vor allem an seinem hässlichen Anspruch auf die durch Konformität behauptete Realität und die hinterfotzige Anscheißerei alternativer Lebensweisen, die auch noch verkürzt und ideologisch falsch verortet dargestellt werden. Zur Unterhaltung bestens geeignet, solange man sein Gehirn am Eingang abgibt. Stick it to the man! (Ja, Matt Ross, du bist gemeint.) 5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 23.08.2018)
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Picking up the Pieces

Picking up the Pieces

(Regie: Dean Tschetter – USA, 1989)

In Pittsburgh geht ein geheimnisvoller Prostituiertenkiller um, der seinen Opfern verschiedenste Körperteile entfernt. Zwei etwas derangierte Cops, Joe und Sweeney, machen sich an die Aufklärung, unterstützt von der Tochter eines verschwundenen Kollegen aus Las Vegas der vor Jahren in einem ähnlichen Fall ermittelte. Bei den Leichen gefundene Hieroglyphenprophezeiungen führen ins ägyptische Viertel, wo der Täter tatsächlich Großes vorbereitet…

Als eine der bemerkenswertesten Fehlentscheidungen der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien stellte sich im Jahr 2004 die Indizierung von “Blood Feast” auf Liste B heraus. Damit war dieser Klassiker zur Begutachtung durch ein Gericht vorgesehen, das über eine mögliche Beschlagnahmung zu bestimmen hatte (und diese auch anordnete). Hier ging es nicht um irgendeinen Horrorfilm, sondern um den Grundstein des Splatterkinos, den Herrschell Gordon Lewis gut 40 Jahre vorher legte. “Blood Feast” birgt in seiner blutrünstigen, humorvollen und günstigen Machart die Blaupause für spätere Filme, die vor allem in den 1980ern als Heimvideo ein sehr großes Publikum finden sollten. Man mag sich gar nicht ausmalen, welche Art besorgter Bürger im zuständigen Gremium hockte und diesem charmanten, aber auch leicht angestaubten Film schwerste Jugendgefährdung attestierte.
“Picking up the Pieces” könnte als Remake von H.G. Lewis Werk durchgehen, die Parallelen in der Geschichte sind sicher kein Zufall. Für den vom Theater stammenden Bühnenbildner Dean Tschetter, dessen erster Ausflug ins Regiefach dies war, ergaben sich durch sein bisheriges Engagement in der Hochkultur einige Schwierigkeiten, das ihm vorgelegte Treatment als Hommage zu erkennen, besaß er doch zu Beginn des Projekts so gut wie keine Genre-Erfahrung. Dementsprechend beeindruckt (um nicht zu sagen schockiert) war er von Filmen wie “The Texas Chainsaw Massacre” und “Evil Dead”, die er sich im Rahmen seiner Recherche in Videotheken ausgeliehen hatte. Im Bewusstsein der Cash-In-Motivation der Produzenten setzte er alles daran seine künstlerischen Standards mit der offenherzigen Darstellung von Sex und Gewalt zu vereinen.
Ende der 80er Jahre waren die heftigsten Filme des Horror-/Splatter-Genres schon abgedreht und viele Streifen dieser Art bewegten sich fort von der bloßen Schock- und Ekelwirkung, hin zur Unterhaltung, so dass auch vermehrt komödiantische Elemente eine Rolle zu spielen begannen. Tschetter greift dies in seinem Script auf und schreibt einige nette Gags um die Polizeiarbeit und den Killer, die in ihrer Tonlage manchmal an die zu diesem Zeitpunkt sehr populären “Die nackte Kanone”-Filme anknüpfen, in die eher düstere Geschichte um einen ägyptischen Kult, der aus Menschenopfern das ewige Leben schaffen möchte. Darüber vergisst er jedoch nicht die wichtigen Eckpfeiler des Splatterfilms und geizt ebenfalls nicht mit ausgefallenen und blutigen Morden, die er in eine morbide, leicht sleazige Atmosphäre bettet, welche in den dunklen Bildern des Films ihren Widerhall findet.
Für die Special FX konnte man eine Koryphäe ihres Fachs engagieren: Niemand geringeres als Tom Savini (“Dawn of the Dead”, “Maniac”, “Friday the 13th”) bastelt Latex, Prothesen und Blutpacks zusammen. Leider wurde seine Arbeit vor dem endgültigen Release durch die MPAA (Filmzensurbehörde der USA) beschnitten, die tiefgreifende Kürzungen für ein R-Rating verlangte. Lediglich in Japan findet man heute noch eine besondere Langfassung, welche einige Morde in längeren Einstellungen aufweist; auch der in Deutschland auf DVD veröffentlichte “Director’s Cut” fußt auf dem zensierten R-Rating-Material. So ist “Picking up the Pieces” nicht die ursprüngliche Splattergranate, weist aber noch genug blutiges Material auf, um Genre-Fans zu erfreuen. (Mich amüsierte vor allem der Rückbezug auf Abel Ferraras “The Driller Killer”, dem von phantasielosen Zuschauern, die auf ihre Realität pochten, die Nutzung einer Bohrmaschine zu Tötungszwecken auf offener Straße, ohne eine einzige Steckdose in Sichtweite, vorgeworfen wurde. Dementsprechend zieht Tschetters Bösewicht einen Handkarren mit Generator hinter sich her. Ein großer Spaß!)
Die Schauspieler fügen sich den überspitzten Charakteren, vor allem die beiden ermittelnden Polizisten, was zu Theatralik und Overacting führt, die einem solchen Unterhaltungsprodukt jedoch angemessen scheinen. Herschell Gordon Lewis selbst nahm die Konstellation zwischen abgebrühtem und dauerkotzendem Cop in seiner Fortsetzung “Blood Feast II: All U Can Eat” wieder auf; eine nette Geste, um die Grenzen zwischen Original und Hommage zu verwischen.
Als Handlanger von kommerziellen Produzenteninteressen wurde schon vielen Regisseuren das Herz gebrochen und auch im Falle von Dean Tschetters erstem Baby sollte es nicht anders laufen: Man fuhrwerkte ihm nicht nur im endgültigen Schnitt dazwischen, er musste auch die Umbenennung des Projekts in “Bloodsucking Pharaohs in Pittsburgh” verkraften, den der Regisseur noch Jahre später als “scheußlichsten Filmtitel aller Zeiten” verschmähte. (Vielleicht tröstet ihn die DVD-Neuauflage unter seinem ursprünglichen Titel “Picking up the Pieces” ein wenig.)
Schließlich kaufte Paramount den Film und veröffentlichte ihn ohne viel Aufhebens auf Video. Über die Jahre sammelte er eine kleine Fangemeinde um sich, die den verschrobenen Charme des Low-Budget-Reißers zu schätzen weiß: Der dreckige, dunkle Look, die blutigen Kills, ein wenig nackte Haut und einige mal mehr, mal minder gelungene Gags sorgen für 90-minütiges Vergnügen. Die Fans jubeln, Erika Mustermann verlässt vorzeitig und würgend den Saal: “Tomato salmon casserole?” 6,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 23.05.2018)
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Und erlöse uns nicht von dem Bösen

Und erlöse uns nicht von dem Bösen

(Regie: Joël Séria – Frankreich, 1971)

Die Klosterschülerinnen Lore (Catherine Wagener) und Anne (Jeanne Goupil) sind beste Freundinnen und verbringen gemeinsam die Sommerferien. Doch Unternehmungen wie Radfahren sind nur auf den ersten Blick die Hauptbeschäftigung der beiden jungen Mädchen. Lore und Anne haben sich dem Teufel verschrieben und setzen nun alles daran, ihr Leben mit möglichst vielen schlechten Taten zu füllen…

Der erste Tag nach den Sommerferien beginnt in Schulklassen oft mit dem Austausch von Eindrücken der vergangenen freien Tage und Wochen. Vom Lehrer angeleitet, erzählen die Schüler von ihren Reisen mit Familie und Freunden oder berichten von außergewöhnlichen Ereignissen aus Balkonien. Im Falle von Anne und Lore wird nur noch Annes Tagebuch Einblicke in die letzten Sommermonate der beiden Schulfreundinnen geben können. In einem finalen Akt der Selbstbehauptung gegenüber ihrer trostlosen Umwelt, entzünden sie die jungfräulich weißen Kleidchen, die man ihnen angelegt hat, nicht nur, um sich selbst im Feuer zu reinigen, sondern auch, um dem Daseinskerker der Verwachsenen zu entgehen und einen spiritusgetränkten Neustart in die Freiheit zu wagen.
Ein solch radikaler Schritt erwächst aus den Leiden einer christlichen Erziehung in katholischen Einrichtungen, die Regisseur Joël Séria als Heranwachsender erdulden musste, ähnlich wie Österreichs abgründigster Filmemacher Ulrich Seidl. Kein Wunder, dass “Mais ne nous délivrez pas du mal” (Originaltitel) die grausamen und schwachsinnigen Riten des Katholizismus mit Vergnügen durch den Dreck zieht und sich über Priester, Nonnen und weiteres Erfüllungsgesindel des Wortes Gottes lustig macht. Séria hat seinem Vater nie verziehen, dass er seine frühe Jugend in Gefängnissen dieser Art fristen musste, obwohl dieser als Kriegsgefangener nur zu gut wusste, welche lebensmutauslöschende Wirkung eine solche Umgebung begünstigt.
So meint man, in der den Film eröffnenden Einstellung, den alle Sinne vernebelnden Gestank des Weihrauchs in der Nase zu spüren, während die Kamera auf den Behälter des heiligen Krauts zufährt und im Hintergrund bedrohliche Orgelmusik die Demutsklaviatur in Erinnerung ruft, die ein Gottesdienst durch Architektur, Liturgie und Musik so perfide bedient. Er ist der HERR, dein Gott und du sollst keine anderen Götter haben neben ihm.
Anne und Lore zeigen wenig Respekt für den eifersüchtigen Größenwahnsinnigen, dem man prunkvolle Kathedralen baute, sie entfernen sich im Laufe ihrer einsetzenden Pubertät von der Herde, um herauszufinden, warum die Gemeindemitglieder sich den Spaß am Sex verderben lassen und sich grundlos einem Willen unterwerfen, der in seiner machtgeilen Kleingeistigkeit bemerkenswert einfach zu durchschauen ist. Ihre Verweigerungshaltung wird von den Künsten befeuert, besser gesagt durch Werke von Lautréamont (“Die Gesänge des Maldoror”) und Baudelaire (“Die Blumen des Bösen”), die in Totalopposition zur Kirche mündet: In einer selbstgestalteten Zeremonie, welche die Schändung von einhundert Hostien beinhaltet, verheiraten sich die Backfische mit Satan. Im weiteren Verlauf nutzen sie ihre knospenden, weiblichen Reize, um den Männern des Dorfes die Köpfe zu verdrehen. Die Darstellerinnen von Anne (Jeanne Goupil, liiert mit Joël Séria) und Lore (Catherine Wagener) waren zur Zeit des Drehs schon Twens, sehen in “Und erlöse uns nicht von dem Bösen” aber keinen Tag älter als 14 aus, was zur provokanten Atmosphäre des Films beiträgt. Sie bringen die Herren des Dorfes um ihre mühsame Selbstbeherrschung. Eine Maske, die stets fällt und die wertlose Sexualmoral des Christentums enthüllt.
Gleichzeitig präsentiert uns Sérias Film den Sommer zweier Mädchen, deren Freundschaft von einem leichten Machtgefälle bestimmt wird. Anne scheint intelligenter und hemmungsloser als Lore, sie treibt das Duo zu immer weiteren Taten (z.B. der Tötung von Haustieren) an. Dabei behält sie nicht immer den Überblick und die Kontrolle, woraus einige sehr unangenehme Erfahrungen für Lore entstehen, aber auch die wunderbare Ambivalenz des Films: Die Mädchen sind nicht böse und schon gar nicht vom rechten Weg abgekommen, sondern erschließen sich ihre Möglichkeiten abseits ausgetretener Pfade, nicht ohne hin und wieder zu scheitern. Sobald sich die erwachsenen Dorfbewohner der Gewalt bedienen, ihres körperlichen Vorteils, stecken Anne und Lore in Schwierigkeiten.
Neben den Neckereien, der Konfrontation und dem Provokanten entfalten sich hitzeglühende Bilder eines Sommers auf dem Land, die pastoralen Postkartenmotiven entspringen könnten, im Grunde aber auf die Künstlichkeit der Idylle hinweisen. Das christliche Zusammenleben ist eine behauptete Fassade, zwar in Steintafeln gemeißelt, aber doch dem verfälschenden Licht der Erinnerung preisgegeben, die in etwa den Wert einer Ansichtskarte besitzt. Anne und Lore als Lebende unter den auf Erlösung wartenden Toten, die jeden Akt für bare Münze nehmen, wenn er in die richtige Kulisse gestellt wird. Eindrucksvoll geschildert in den Minuten des Finales, wenn die vermeintlich sichere Umgebung einer Schulaufführung den Großteil der Erwachsenen nicht bemerken lässt, was gerade vor ihren Augen geschieht.
Da man 2018 immer noch diskutieren muss, wo die rückständigen Folterknechte des Christentums ihre Hoheitszeichen befestigen dürfen oder nicht, scheint es schon fast normal, dass “Und erlöse uns nicht von dem Bösen” bei seinem Erscheinen in Frankreich wegen blasphemischer Elemente verboten und der Export in andere Länder untersagt wurde. Staatliche Stellen hassen autoritätszersetzende Filme mit Leidenschaft und nehmen nur zu gerne die Komplizenschaft mit faschistoiden Kulten in Kauf, um Hierarchien zu zementieren. Eltern schlafen ruhiger, wenn ihren Kindern mit den Abenteuern von “Bibi und Tina” (auf Amadeus und Sabrina) der Kopf gewaschen wird, um wertvolle Mitglieder der Gemeinschaft zu werden. Ich freue mich hingegen über jeden Film wie diesen oder “Tausendschönchen – Sedmikrásky”, der einem wirklich die Wahl lässt, ohne durch die Hintertür eine weitere engstirnige Sicht auf die Welt zu propagieren. 8/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 03.05.2018)
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Der Umleger

Der Umleger

(Regie: Charles B. Pierce – USA, 1976)

In dem kleinen Städtchen Texarkana geht im Frühjahr 1946 ein geheimnisvoller Killer mit einem Mehlsack über dem Kopf um, der vorzugsweise Frauen angreift und dann brutal erschießt oder mit Stichwaffen ermordet. Die Police Officers Morales (Ben Johnson) und Ramsey (Andrew Prine) setzen alles daran, den Unbekannten zu fassen, bevor weitere Morde geschehen…

Gemeinhin kann man sich in Horrorfilmkreisen auf Mario Bavas “Reazione a catena” als aus dem Giallo entstandenen Proto-Slasher einigen. Anstoß zu einem der populärsten Filmgenres der frühen 1980er Jahre, so einflussreich, dass Regisseur Sean S. Cunningham eine komplette Todessequenz daraus in seinem Klassiker “Friday the 13th” zitierte. Es ist die Figur des jungen Kevin Bacon, deren Kehle mit einem Pfeil durchbohrt wird und ans Bett gepinnt stirbt; Bild für Bild wie in Bavas knapp zehn Jahre vorher veröffentlichter, blutrünstiger und sehr stylishen Vision des Zehn-Kleine-Negerlein-Prinzips. Die Faktenlage wird unklarer, je näher man sich John Carpenters allgemein als Startschuss des Slasherfilms angesehenen “Halloween” im Jahr 1978 nähert. Stark vereinfacht liegt hier der Ursprung des maskierten Killers, der es vor allem auf Heranwachsende aus den Vor- und Kleinstädten abgesehen hat. Die ganze Wahrheit ist dies indes nicht. Schon Jahre vorher handhabten US-amerikanische und kanadische Filmproduktionen sowohl Sujets als auch Stilmittel des Slashers; etwa in Bob Clarks “Black Christmas” aus dem Jahre 1974, im knallhart-ruralen “Savage Weekend” (erst 1979 veröffentlicht, aber schon 1976 fertiggestellt) oder eben auch in “Der Umleger”, dessen knalltütiger deutscher Verleihtitel einen anderen Film vermuten lässt als das englischsprachige Original “The Town That Dreaded Sundown”.
Die reale Mordserie um den “Phantom Killer” von Texarkana, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sorgt für die wahren Begebenheiten der Hintergrundgeschichte, die Charles B. Pierce in seiner 400.000 Dollar teuren Independentproduktion frei ausgestaltet, auch wenn der nüchterne Ton des Voice-Overs einen dokumentarischen Anstrich antäuscht, der in den Tötungsszenen vollkommen gebrochen wird.
So wie Texarkana zwei unabhängige Städte an der Grenze zwischen Texas und Arkansas des gleichen Namens sind, zerfällt auch “Der Umleger” in zwei unterschiedliche Teile. Dort findet man einerseits die beklemmenden, irreal ausgestalteten Streifzüge des Phantoms, roh und brutal, aber visuell ansprechend in Szene gesetzt, andererseits die Polizeiarbeit und das Leben in der Stadt, mehr den gängigen Unterhaltungskonventionen verpflichtet. Auf die verstörenden Morde folgt stets ein komödiantischer Einschub um den Polizeisergeant; gespielt vom Regisseur, der die Gewalt auf recht plumpe Art und Weise konsumierbar machen soll.
Interessant erscheinen mir vor allem die Szenen, welche die Ermordung der Opfer zeigen, im Fan-Jargon “Kills” genannt. Sind diese in frühen Genrebeiträgen wie “Halloween” noch unspektakulär und meist an Hieb- und Stichwaffen gebunden, findet man in “Der Umleger” schon den Einfallsreichtum, der die besseren Werke der Slasher-Welle kennzeichnet. Auch wenn in Pierces Film standardmäßig mit dem Revolver umgelegt wird, verfehlen die Morde nicht ihre Wirkung, erst recht nicht, wenn der Killer sich aus einem Blechblasinstrument und einem Jagdmesser ein sadistisches Spielzeug konstruiert. Zudem trägt er eine Maske, atmet dadurch schwer und bewegt sich ähnlich wie Jason Voorhees in “Friday the 13th, Part II”: Zuerst den Kopf, dann den Rest des Körpers. “The Town That Dreaded Sundown” etabliert ikonische Slasherstandards ein halbes Jahrzehnt vor deren endgültiger Popularisierung.
Ebenso lässt der unaufgeklärte Kriminalfall ein für Fortsetzungen offenes Ende zu, wie sie typisch für Slasher scheinen, im Umfeld von True-Crime-Adaptionen hingegen als unbefriedigend gelten. Man denke an die Zodiac-Morde in den 1960er Jahren oder ganz klassisch an die Taten Jack the Rippers, deren Verfilmungen sich oft eines Kniffs bedienen, um dem Publikum einen Täter präsentieren zu können.
“Der Umleger” endet sehr amerikanisch in einer mit Bluthunden geführten Hetzjagd durch die Sümpfe von Arkansas, schwelgt kurzzeitig in Western-Einstellungen, die aus der schönen Zeitlupensequenz der Schießerei kurz zuvor überlappen, welche den Geist von Sam Peckinpahs “The Wild Bunch” atmet, um im finalen Shot eine Pointe in die Dunkelheit des Lichtspielsaals zu entlassen, die wenige Jahre später in Bigas Lunas “Angustia – Im Augenblick der Angst” auf die Spitze getrieben wird: Der Killer steht in der Schlange vor dem Kino an.
Für den gelegentlichen Horrorfilmgenuss mag “The Town That Dreaded Sundown” heute nicht mehr spektakulär genug erscheinen, für jeden Genrefreund und Filminteressierten erweist sich dieser Film aber als wichtiger “missing link” zwischen Mario Bavas Initialisierung und John Carpenters und Sean S. Cunninghams “Vollendung” des Slasher-Films, zumal erst 2015 (aufgrund des Kinostarts eines Remakes) die lange überfälligen DVD- und Blu-ray-Veröffentlichungen in ungekürzter Form erschienen. 7/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http:/hhp-hangover.de am 13.04.2018)
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Laurin

Laurin

(Regie: Robert Sigl – Deutschland/Ungarn, 1988)

Ein idyllischer Hafenort im Jahre 1901. Der Tod in der Gestalt eines schwarzen Mannes geht um. Kleine Jungen verschwinden und kehren nie wieder zurück. Das Dorf lebt in Angst. Als eines Tages eine junge Frau mysteriös ums Leben kommt, scheint alle Hoffnung verloren. Nur die Tochter der Getöteten, Laurin, scheint sich dem ganzen Spuk zu stellen. Mit Hilfe ihres “zweiten Gesichts” versucht sie die Rätsel um den schwarzen Mann aufzuklären.

Die Idee und die ganze Geschichte zu “Laurin” entwickelte Regisseur Robert Sigl aus einem Bild seiner kindlichen Vorstellungswelt, einem albtraumartigen Gedankenblitz, der ein kurzes Schlaglicht auf eine kapuzenbemantelte Frau wirft, die in einer sturmtosenden Gewitternacht über einen verfallenen Friedhof eilt. Mehr ein Stimmungseindruck als der Beginn einer Erzählung, folgt hieraus das düstere Märchen über ein seherisch begabtes Mädchen an der Schwelle zur Pubertät, deren Sinne für das Morbide durch den Tod der Mutter und die Abwesenheit des Vaters geschärft sind. Letztlich sorgt sie für die Entdeckung und Bestrafung eines Knabenmörders, der wie der “Fänger im Roggen” heranwachsende Jungs vor dem Leid schützen will, das ihm sein eigener Vater, der Dorfpfarrer, in der Kindheit angetan hat.
Neben den tiefenpsychologischen und manchmal latent homo-erotischen Vater-Sohn-Konflikten, die sich unterschwellig durch den Film ziehen, glänzt an der Oberfläche eine Rotkäppchen-Variante, die sich ebenso von den Schauergeschichten eines E.T.A. Hoffmann inspirieren lässt, wie sie auch den “gothic horror” der britischen Hammer-Studios für sich nutzt, um schließlich in den stark stilisierten Bildwelten Mario Bavas aufzugehen.
Ein Filmprojekt, welches einem suggestiven Einzelbild entspringt, darf nicht im Nacherzählen von gängigen Topoi versanden und Robert Sigl erweist sich als talentiert und einfallsreich genug, um “Laurin” vom Sehen her auf die Füße zu stellen. Der Großteil der Einstellungen kann quasi als Gemälde für sich stehen und dient nicht als bloßes Abbild einer Handlungseinheit. Manchmal verstärkt Sigl den gemäldeartigen Effekt, indem er die Bewegungen innerhalb der Kadrierung sehr zurücknimmt oder sie zu Beginn der Szene pausieren lässt. Eine Abfolge von detailgenau inszenierten Tableaux ergießt sich über den Zeitraum, den “Laurin” auf der Leinwand einnimmt, manchmal unterbrochen durch Nahaufnahmen, die einzelne Gegenstände mit eigensinnigem Leben aufzuladen scheinen.
Mit Mitte 20 und gerade frisch von der Filmhochschule befindet sich Sigl in seinen besten Momenten auf Augenhöhe mit Vorbildern wie Dario Argento, ohne jedoch deren augenscheinliches Interesse an fetischisierter Gewalt zu teilen. Ironischerweise bezeichneten Arthaus-Kreise “Laurin” zur Zeit seiner ersten Aufführungen als “blutrünstiges Machwerk für ein Nischenpublikum”, obwohl der Film, bis auf ein kurzes, moderat splatteriges Finale, der Gewalt keine besondere Rolle zugesteht. Vieles spricht also für einen Dünkel der deutschen Filmschaffenden, die die Qualitäten des Genrefilms, besonders des Horror- oder Fantasyfilms, nicht auszumachen wissen. Sigl beklagt diese heutzutage immer noch vorhandene Einstellung in Interviews, spricht ansonsten aber mit erstaunlicher Langmut über seine heftigst torpedierte künstlerische Karriere. Man enthielt ihm den “Deutschen Filmpreis” mit der Begründung vor, sein Debüt sei nicht in Deutschland gedreht und “weise überhaupt zu viele byzantinische Gesichter auf”.
Aus Kostengründen verlegte man die Produktion von “Laurin” nach Ungarn, wo man auf 35mm-Film und mit einheimischen Schauspielern drehte. Ursprünglich an der Nordsee angesiedelt, verstärkt die wie aus der Zeit gefallene Wirkung der ungarischen Dörfer, Gebäude und Naturansichten die Jahrhundertwendeatmosphäre und sorgt für den nötigen, verwunschenen Märchenton, kombiniert mit der robusten Ruralität, die man an der deutschen Küste nie gefunden hätte.
DIe ungarischen Darsteller empfehlen sich durch die Bank mit ihrem Spiel (besonders Hauptdarstellerin Dóra Szinetár, deren Antlitz wunderbar das Vexierspiel zwischen Kind und junger Frau ausdrückt), obwohl einige die englischsprachigen Dialoge phonetisch lernen und imitieren mussten, was der außerweltlichen Wirkung von “Laurin” jedoch eher nützt, denn schadet.
“Laurin” gehört eindeutig zu den Großtaten des neueren deutschen Films, wie peinlich wirkt da die Information, dass man Robert Sigl bis heute kein Projekt nach eigener Vorlage mehr finanzierte, sondern ihm Auftragsarbeiten fürs internationale TV zuschusterte (wenn’s besser lief) oder er gleich an Krimiquatsch für ein Idiotenpublikum wie “Alarm für Cobra 11”, “Tatort” oder “Der Ermittler” verschwendet wurde – nicht ohne hin und wieder diesen Produktionen seinen Stempel aufzudrücken. Selbst im Umfeld dieser Tristesse wirkt Sigls Gespür für brillant bebildertes Genrekino noch so eigen und aufrührend, dass die BILD-Zeitung eine (leider erfolgreiche) Kampagne gegen einen seiner Saarbrücker Tatorte führte, die zu Schnittauflagen seitens des Senders führten, einen Tag vor der angesetzten Ausstrahlung.
Kein Grund sich den Abend von Provinzfernsehfürsten und der Journaille verderben zu lassen, denn die Jungs von BILDSTÖRUNG, einem fantastischen Kölner Filmlabel, haben “Laurin” für die Blu-ray-Veröffentlichung in digital restaurierter 2K-Abtastung vom eigentlich verschollen geglaubten Originalnegativ aus der Versenkung geholt. So exquisit wie dort, sah Robert Sigls erster Film wahrscheinlich höchstens bei seiner Premiere aus: Das bava’eske Farbenspiel kommt in der kargen Umgebung der ungarischen Dörfer erst richtig zur Geltung. Hungarian Gothic, wenn man so will. Ein prächtiges Kleinod, das im Deutschen Film seinesgleichen sucht. 9/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-partisan.de am 16.03.2018)
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