PAURAnoia: So eine Art Inhaltsverzeichnis

Ein paar Gedanken und Bewertungen zum (eher) abseitigen Film. In der Reihenfolge, wie sie mir vor die Füße liefen. (Zur spezielleren Navigation einfach die Tags nutzen.)

001. Dogtooth – Kynodontas (2009)

002. Zabriskie Point (1970)

003. Die Verachtung (1963)

004. La Bête – Die Bestie (1975)

005. Tausendschönchen – Sedmikrásky (1966)

006. Viva la muerte – Es lebe der Tod (1970)

007. Der Gott des Gemetzels (2011)

008. Amer – Die dunkle Seite deiner Träume (2009)

009. Let Sleeping Corpses Lie (1974)

010. Drive (2011)

011. Kabinett außer Kontrolle (2009)

012. The Burrowers (2008)

013. Kika (1993)

014. Henry – Portrait Of A Serial Killer (1986)

015. A Serious Man (2009)

016. Meet The Feebles (1989)

017. Barracuda – Vorsicht Nachbar! (1997)

018. Possession (1981)

019. The Killing Fields (1984)

020. Permanent Vacation (1980)

021. eXistenZ (1999)

022. Der Saustall (1981)

023. Howl – Das Geheul (2010)

024. Workingman’s Death (2005)

025. Insignificance – Die verflixte Nacht (1985)

026. Lärm & Wut (1988)

027. Ruinen (2008)

028. Der Leichenverbrenner (1968)

029. Confessions – Kokuhaku (2010)

030. Die Bettwurst (1970)

031. The Card Player – Il Cartaio (2004)

032. The Investigator – A Nyomozó (2008)

033. Leben und Tod einer Pornobande (2009)

034. Clean, Shaven (1993)

035. Bad Boy Bubby (1993)

036. Nails – Cruel Behaviour (2003)

037. Maniacts (2001)

038. Lifeforce – Die tödliche Bedrohung (1985)

039. Jesus’ Son – The Funny Life of Fuckhead (1999)

040. The Virgin Suicides (1999)

041. Punishment Park – Strafpark (1971)

042. Tagebuch einer Kammerzofe (1964)

043. Viridiana (1961)

044. Tristana (1970)

045. The Loved Ones – Pretty in Blood (2009)

046. Moon (2009)

047. Alice, Sweet Alice (1976)

048. Die Körperfresser kommen (1978)

049. Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte (2010)

050. Tokyo Sonata (2008)

051. Der Affe im Menschen (1988)

052. Deliver Us From Evil (2009)

053. Stranger Than Paradise (1984)

054. Im Glaskäfig (1987)

055. Shutter Island (2010)

056. This Is England ’86 (2010)

057. Erwartungen und Enttäuschungen (1981)

058. Heaven’s Burning – Paradies in Flammen (1997)

059. Antichrist (2009)

060. The Substance: Albert Hofmann’s LSD (2011)

061. Attack The Block (2011)

062. Delicatessen (1991)

063. Belladonna der Trauer (1973)

064. Attenberg (2010)

065. Das Gespenst (1983)

066. Benny’s Video (1992)

067. Chillerama (2011)

068. The Honeymoon Killers (1969)

069. Russ Meyer’s Vixen (1968)

070. Van Diemen’s Land (2009)

071. Russ Meyer’s Megavixens (1970)

072. Whores’ Glory (2011)

073. Russ Meyer’s Supervixens (1975)

074. Koyaanisqatsi (1982)

075. Russ Meyer’s Up! (1976)

076. Im tiefen Tal der Superhexen (1979)

077. Der rote Rausch (1962)

078. Forbidden Zone (1982)

079. Theater des Grauens (1972)

080. Berberian Sound Studio (2012)

081. Fear X (2003)

082. Rubber (2010)

083. Zombie Lake (1981)

084. Arrebato (1980)

085. Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod (2010)

086. Grand Piano – Symphonie der Angst (2013)

087. The Tomb (2007)

088. Der Diktator (2012)

089. Slipstream Dream (2007)

090. EMR – Swallow Your Fear (2007)

091. Zombi 4: After Death – Das Böse ist wieder da (1988)

092. Coherence (2013)

093. Escape From Tomorrow (2013)

094. The Cabin In The Woods (2012)

095. Tusk (2014)

096. God Told Me To (1976)

097. Poltergeist 3D (2015)

098. Psycho Legacy (2010)

099. Carnival of Souls (1962)

100. The Psychic (1977)

101. White Lightnin’ (2009)

102. Murder Rock (1984)

103. DIG! (2004)

104. The Tall Man (2012)

105. I Shot Andy Warhol (1996)

106. Rare Exports – Eine Weihnachtsgeschichte (2010)

107. Die Maschine (1994)

108. The Cell (2000)

109. The Attic Expeditions (2001)

110. Pontypool (2008)

111. Gospel According To Harry (1994)

112. Love (2015)

113. Anthropophagus (1980)

114. The Wicker Man (1973)

115. I Want To Be A Soldier (2010)

116. Es begann um Mitternacht (1974)

117. Alexandra’s Project (2003)

118. Barbarella (1968)

119. Bedevilled – Zeit der Vergeltung (2010)

120. Wonderwall (1968)

121. My Dinner With Jimi (2003)

122. Eden und danach (1970)

123. Picknick am Valentinstag (1975)

124. Coraline (2009)

125. Footprints on the Moon – Le Orme (1975)

126. Red, White & Blue (2010)

127. Mann beißt Hund (1992)

128. Blut an den Lippen (1971)

129. Singapore Sling (1990)

130. Opium – Tagebuch einer Verrückten (2007)

131. Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes (1971)

132. Overlord (1975)

133. Neverlost (2010)

134. Firecracker (2004)

135. Das 10. Opfer (1965)

136. Soft for Digging (2001)

137. Reality (2014)

138. Maggie (2015)

139. Livid – Das Blut der Ballerinas (2011)

140. Ink (2009)

141. Der Satan (1971)

142. Eden Log (2007)

143. Midnight Special (2016)

144. Puppet Master 3: Toulon’s Revenge (1991)

145. A Boy And His Dog (1975)

146. Guinea Pig 2: Flowers of Flesh and Blood (1985)

147. Black Moon (1975)

148. Baskin (2015)

149. Punk Love (2006)

150. A Fantastic Fear of Everything (2012)

151. La Antena (2007)

152. Liebe mich, wenn du dich traust (2003)

153. Dunkirk (2017)

154. Die Weibchen (1970)

155. Ich Seh Ich Seh (2014)

156. The Eyes of My Mother (2016)

157. Der Bunker (2015)

158. Arrival (2016)

159. Stung – Sie werden dich stechen! (2015)

160. Izbavitelj – Der Rattengott (1976)

161. Laurin (1988)

162. Der Umleger (1976)

163. Und erlöse uns nicht von dem Bösen (1971)

164. Picking up the Pieces (1989)

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Picking up the Pieces

Picking up the Pieces

(Regie: Dean Tschetter – USA, 1989)

In Pittsburgh geht ein geheimnisvoller Prostituiertenkiller um, der seinen Opfern verschiedenste Körperteile entfernt. Zwei etwas derangierte Cops, Joe und Sweeney, machen sich an die Aufklärung, unterstützt von der Tochter eines verschwundenen Kollegen aus Las Vegas der vor Jahren in einem ähnlichen Fall ermittelte. Bei den Leichen gefundene Hieroglyphenprophezeiungen führen ins ägyptische Viertel, wo der Täter tatsächlich Großes vorbereitet…

Als eine der bemerkenswertesten Fehlentscheidungen der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien stellte sich im Jahr 2004 die Indizierung von “Blood Feast” auf Liste B heraus. Damit war dieser Klassiker zur Begutachtung durch ein Gericht vorgesehen, das über eine mögliche Beschlagnahmung zu bestimmen hatte (und diese auch anordnete). Hier ging es nicht um irgendeinen Horrorfilm, sondern um den Grundstein des Splatterkinos, den Herrschell Gordon Lewis gut 40 Jahre vorher legte. “Blood Feast” birgt in seiner blutrünstigen, humorvollen und günstigen Machart die Blaupause für spätere Filme, die vor allem in den 1980ern als Heimvideo ein sehr großes Publikum finden sollten. Man mag sich gar nicht ausmalen, welche Art besorgter Bürger im zuständigen Gremium hockte und diesem charmanten, aber auch leicht angestaubten Film schwerste Jugendgefährdung attestierte.
“Picking up the Pieces” könnte als Remake von H.G. Lewis Werk durchgehen, die Parallelen in der Geschichte sind sicher kein Zufall. Für den vom Theater stammenden Bühnenbildner Dean Tschetter, dessen erster Ausflug ins Regiefach dies war, ergaben sich durch sein bisheriges Engagement in der Hochkultur einige Schwierigkeiten, das ihm vorgelegte Treatment als Hommage zu erkennen, besaß er doch zu Beginn des Projekts so gut wie keine Genre-Erfahrung. Dementsprechend beeindruckt (um nicht zu sagen schockiert) war er von Filmen wie “The Texas Chainsaw Massacre” und “Evil Dead”, die er sich im Rahmen seiner Recherche in Videotheken ausgeliehen hatte. Im Bewusstsein der Cash-In-Motivation der Produzenten setzte er alles daran seine künstlerischen Standards mit der offenherzigen Darstellung von Sex und Gewalt zu vereinen.
Ende der 80er Jahre waren die heftigsten Filme des Horror-/Splatter-Genres schon abgedreht und viele Streifen dieser Art bewegten sich fort von der bloßen Schock- und Ekelwirkung, hin zur Unterhaltung, so dass auch vermehrt komödiantische Elemente eine Rolle zu spielen begannen. Tschetter greift dies in seinem Script auf und schreibt einige nette Gags um die Polizeiarbeit und den Killer, die in ihrer Tonlage manchmal an die zu diesem Zeitpunkt sehr populären “Die nackte Kanone”-Filme anknüpfen, in die eher düstere Geschichte um einen ägyptischen Kult, der aus Menschenopfern das ewige Leben schaffen möchte. Darüber vergisst er jedoch nicht die wichtigen Eckpfeiler des Splatterfilms und geizt ebenfalls nicht mit ausgefallenen und blutigen Morden, die er in eine morbide, leicht sleazige Atmosphäre bettet, welche in den dunklen Bildern des Films ihren Widerhall findet.
Für die Special FX konnte man eine Koryphäe ihres Fachs engagieren: Niemand geringeres als Tom Savini (“Dawn of the Dead”, “Maniac”, “Friday the 13th”) bastelt Latex, Prothesen und Blutpacks zusammen. Leider wurde seine Arbeit vor dem endgültigen Release durch die MPAA (Filmzensurbehörde der USA) beschnitten, die tiefgreifende Kürzungen für ein R-Rating verlangte. Lediglich in Japan findet man heute noch eine besondere Langfassung, welche einige Morde in längeren Einstellungen aufweist; auch der in Deutschland auf DVD veröffentlichte “Director’s Cut” fußt auf dem zensierten R-Rating-Material. So ist “Picking up the Pieces” nicht die ursprüngliche Splattergranate, weist aber noch genug blutiges Material auf, um Genre-Fans zu erfreuen. (Mich amüsierte vor allem der Rückbezug auf Abel Ferraras “The Driller Killer”, dem von phantasielosen Zuschauern, die auf ihre Realität pochten, die Nutzung einer Bohrmaschine zu Tötungszwecken auf offener Straße, ohne eine einzige Steckdose in Sichtweite, vorgeworfen wurde. Dementsprechend zieht Tschetters Bösewicht einen Handkarren mit Generator hinter sich her. Ein großer Spaß!)
Die Schauspieler fügen sich den überspitzten Charakteren, vor allem die beiden ermittelnden Polizisten, was zu Theatralik und Overacting führt, die einem solchen Unterhaltungsprodukt jedoch angemessen scheinen. Herschell Gordon Lewis selbst nahm die Konstellation zwischen abgebrühtem und dauerkotzendem Cop in seiner Fortsetzung “Blood Feast II: All U Can Eat” wieder auf; eine nette Geste, um die Grenzen zwischen Original und Hommage zu verwischen.
Als Handlanger von kommerziellen Produzenteninteressen wurde schon vielen Regisseuren das Herz gebrochen und auch im Falle von Dean Tschetters erstem Baby sollte es nicht anders laufen: Man fuhrwerkte ihm nicht nur im endgültigen Schnitt dazwischen, er musste auch die Umbenennung des Projekts in “Bloodsucking Pharaohs in Pittsburgh” verkraften, den der Regisseur noch Jahre später als “scheußlichsten Filmtitel aller Zeiten” verschmähte. (Vielleicht tröstet ihn die DVD-Neuauflage unter seinem ursprünglichen Titel “Picking up the Pieces” ein wenig.)
Schließlich kaufte Paramount den Film und veröffentlichte ihn ohne viel Aufhebens auf Video. Über die Jahre sammelte er eine kleine Fangemeinde um sich, die den verschrobenen Charme des Low-Budget-Reißers zu schätzen weiß: Der dreckige, dunkle Look, die blutigen Kills, ein wenig nackte Haut und einige mal mehr, mal minder gelungene Gags sorgen für 90-minütiges Vergnügen. Die Fans jubeln, Erika Mustermann verlässt vorzeitig und würgend den Saal: “Tomato salmon casserole?” 6,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 23.05.2018)
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Und erlöse uns nicht von dem Bösen

Und erlöse uns nicht von dem Bösen

(Regie: Joël Séria – Frankreich, 1971)

Die Klosterschülerinnen Lore (Catherine Wagener) und Anne (Jeanne Goupil) sind beste Freundinnen und verbringen gemeinsam die Sommerferien. Doch Unternehmungen wie Radfahren sind nur auf den ersten Blick die Hauptbeschäftigung der beiden jungen Mädchen. Lore und Anne haben sich dem Teufel verschrieben und setzen nun alles daran, ihr Leben mit möglichst vielen schlechten Taten zu füllen…

Der erste Tag nach den Sommerferien beginnt in Schulklassen oft mit dem Austausch von Eindrücken der vergangenen freien Tage und Wochen. Vom Lehrer angeleitet, erzählen die Schüler von ihren Reisen mit Familie und Freunden oder berichten von außergewöhnlichen Ereignissen aus Balkonien. Im Falle von Anne und Lore wird nur noch Annes Tagebuch Einblicke in die letzten Sommermonate der beiden Schulfreundinnen geben können. In einem finalen Akt der Selbstbehauptung gegenüber ihrer trostlosen Umwelt, entzünden sie die jungfräulich weißen Kleidchen, die man ihnen angelegt hat, nicht nur, um sich selbst im Feuer zu reinigen, sondern auch, um dem Daseinskerker der Verwachsenen zu entgehen und einen spiritusgetränkten Neustart in die Freiheit zu wagen.
Ein solch radikaler Schritt erwächst aus den Leiden einer christlichen Erziehung in katholischen Einrichtungen, die Regisseur Joël Séria als Heranwachsender erdulden musste, ähnlich wie Österreichs abgründigster Filmemacher Ulrich Seidl. Kein Wunder, dass “Mais ne nous délivrez pas du mal” (Originaltitel) die grausamen und schwachsinnigen Riten des Katholizismus mit Vergnügen durch den Dreck zieht und sich über Priester, Nonnen und weiteres Erfüllungsgesindel des Wortes Gottes lustig macht. Séria hat seinem Vater nie verziehen, dass er seine frühe Jugend in Gefängnissen dieser Art fristen musste, obwohl dieser als Kriegsgefangener nur zu gut wusste, welche lebensmutauslöschende Wirkung eine solche Umgebung begünstigt.
So meint man, in der den Film eröffnenden Einstellung, den alle Sinne vernebelnden Gestank des Weihrauchs in der Nase zu spüren, während die Kamera auf den Behälter des heiligen Krauts zufährt und im Hintergrund bedrohliche Orgelmusik die Demutsklaviatur in Erinnerung ruft, die ein Gottesdienst durch Architektur, Liturgie und Musik so perfide bedient. Er ist der HERR, dein Gott und du sollst keine anderen Götter haben neben ihm.
Anne und Lore zeigen wenig Respekt für den eifersüchtigen Größenwahnsinnigen, dem man prunkvolle Kathedralen baute, sie entfernen sich im Laufe ihrer einsetzenden Pubertät von der Herde, um herauszufinden, warum die Gemeindemitglieder sich den Spaß am Sex verderben lassen und sich grundlos einem Willen unterwerfen, der in seiner machtgeilen Kleingeistigkeit bemerkenswert einfach zu durchschauen ist. Ihre Verweigerungshaltung wird von den Künsten befeuert, besser gesagt durch Werke von Lautréamont (“Die Gesänge des Maldoror”) und Baudelaire (“Die Blumen des Bösen”), die in Totalopposition zur Kirche mündet: In einer selbstgestalteten Zeremonie, welche die Schändung von einhundert Hostien beinhaltet, verheiraten sich die Backfische mit Satan. Im weiteren Verlauf nutzen sie ihre knospenden, weiblichen Reize, um den Männern des Dorfes die Köpfe zu verdrehen. Die Darstellerinnen von Anne (Jeanne Goupil, liiert mit Joël Séria) und Lore (Catherine Wagener) waren zur Zeit des Drehs schon Twens, sehen in “Und erlöse uns nicht von dem Bösen” aber keinen Tag älter als 14 aus, was zur provokanten Atmosphäre des Films beiträgt. Sie bringen die Herren des Dorfes um ihre mühsame Selbstbeherrschung. Eine Maske, die stets fällt und die wertlose Sexualmoral des Christentums enthüllt.
Gleichzeitig präsentiert uns Sérias Film den Sommer zweier Mädchen, deren Freundschaft von einem leichten Machtgefälle bestimmt wird. Anne scheint intelligenter und hemmungsloser als Lore, sie treibt das Duo zu immer weiteren Taten (z.B. der Tötung von Haustieren) an. Dabei behält sie nicht immer den Überblick und die Kontrolle, woraus einige sehr unangenehme Erfahrungen für Lore entstehen, aber auch die wunderbare Ambivalenz des Films: Die Mädchen sind nicht böse und schon gar nicht vom rechten Weg abgekommen, sondern erschließen sich ihre Möglichkeiten abseits ausgetretener Pfade, nicht ohne hin und wieder zu scheitern. Sobald sich die erwachsenen Dorfbewohner der Gewalt bedienen, ihres körperlichen Vorteils, stecken Anne und Lore in Schwierigkeiten.
Neben den Neckereien, der Konfrontation und dem Provokanten entfalten sich hitzeglühende Bilder eines Sommers auf dem Land, die pastoralen Postkartenmotiven entspringen könnten, im Grunde aber auf die Künstlichkeit der Idylle hinweisen. Das christliche Zusammenleben ist eine behauptete Fassade, zwar in Steintafeln gemeißelt, aber doch dem verfälschenden Licht der Erinnerung preisgegeben, die in etwa den Wert einer Ansichtskarte besitzt. Anne und Lore als Lebende unter den auf Erlösung wartenden Toten, die jeden Akt für bare Münze nehmen, wenn er in die richtige Kulisse gestellt wird. Eindrucksvoll geschildert in den Minuten des Finales, wenn die vermeintlich sichere Umgebung einer Schulaufführung den Großteil der Erwachsenen nicht bemerken lässt, was gerade vor ihren Augen geschieht.
Da man 2018 immer noch diskutieren muss, wo die rückständigen Folterknechte des Christentums ihre Hoheitszeichen befestigen dürfen oder nicht, scheint es schon fast normal, dass “Und erlöse uns nicht von dem Bösen” bei seinem Erscheinen in Frankreich wegen blasphemischer Elemente verboten und der Export in andere Länder untersagt wurde. Staatliche Stellen hassen autoritätszersetzende Filme mit Leidenschaft und nehmen nur zu gerne die Komplizenschaft mit faschistoiden Kulten in Kauf, um Hierarchien zu zementieren. Eltern schlafen ruhiger, wenn ihren Kindern mit den Abenteuern von “Bibi und Tina” (auf Amadeus und Sabrina) der Kopf gewaschen wird, um wertvolle Mitglieder der Gemeinschaft zu werden. Ich freue mich hingegen über jeden Film wie diesen oder “Tausendschönchen – Sedmikrásky”, der einem wirklich die Wahl lässt, ohne durch die Hintertür eine weitere engstirnige Sicht auf die Welt zu propagieren. 8/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 03.05.2018)
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Der Umleger

Der Umleger

(Regie: Charles B. Pierce – USA, 1976)

In dem kleinen Städtchen Texarkana geht im Frühjahr 1946 ein geheimnisvoller Killer mit einem Mehlsack über dem Kopf um, der vorzugsweise Frauen angreift und dann brutal erschießt oder mit Stichwaffen ermordet. Die Police Officers Morales (Ben Johnson) und Ramsey (Andrew Prine) setzen alles daran, den Unbekannten zu fassen, bevor weitere Morde geschehen…

Gemeinhin kann man sich in Horrorfilmkreisen auf Mario Bavas “Reazione a catena” als aus dem Giallo entstandenen Proto-Slasher einigen. Anstoß zu einem der populärsten Filmgenres der frühen 1980er Jahre, so einflussreich, dass Regisseur Sean S. Cunningham eine komplette Todessequenz daraus in seinem Klassiker “Friday the 13th” zitierte. Es ist die Figur des jungen Kevin Bacon, deren Kehle mit einem Pfeil durchbohrt wird und ans Bett gepinnt stirbt; Bild für Bild wie in Bavas knapp zehn Jahre vorher veröffentlichter, blutrünstiger und sehr stylishen Vision des Zehn-Kleine-Negerlein-Prinzips. Die Faktenlage wird unklarer, je näher man sich John Carpenters allgemein als Startschuss des Slasherfilms angesehenen “Halloween” im Jahr 1978 nähert. Stark vereinfacht liegt hier der Ursprung des maskierten Killers, der es vor allem auf Heranwachsende aus den Vor- und Kleinstädten abgesehen hat. Die ganze Wahrheit ist dies indes nicht. Schon Jahre vorher handhabten US-amerikanische und kanadische Filmproduktionen sowohl Sujets als auch Stilmittel des Slashers; etwa in Bob Clarks “Black Christmas” aus dem Jahre 1974, im knallhart-ruralen “Savage Weekend” (erst 1979 veröffentlicht, aber schon 1976 fertiggestellt) oder eben auch in “Der Umleger”, dessen knalltütiger deutscher Verleihtitel einen anderen Film vermuten lässt als das englischsprachige Original “The Town That Dreaded Sundown”.
Die reale Mordserie um den “Phantom Killer” von Texarkana, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sorgt für die wahren Begebenheiten der Hintergrundgeschichte, die Charles B. Pierce in seiner 400.000 Dollar teuren Independentproduktion frei ausgestaltet, auch wenn der nüchterne Ton des Voice-Overs einen dokumentarischen Anstrich antäuscht, der in den Tötungsszenen vollkommen gebrochen wird.
So wie Texarkana zwei unabhängige Städte an der Grenze zwischen Texas und Arkansas des gleichen Namens sind, zerfällt auch “Der Umleger” in zwei unterschiedliche Teile. Dort findet man einerseits die beklemmenden, irreal ausgestalteten Streifzüge des Phantoms, roh und brutal, aber visuell ansprechend in Szene gesetzt, andererseits die Polizeiarbeit und das Leben in der Stadt, mehr den gängigen Unterhaltungskonventionen verpflichtet. Auf die verstörenden Morde folgt stets ein komödiantischer Einschub um den Polizeisergeant; gespielt vom Regisseur, der die Gewalt auf recht plumpe Art und Weise konsumierbar machen soll.
Interessant erscheinen mir vor allem die Szenen, welche die Ermordung der Opfer zeigen, im Fan-Jargon “Kills” genannt. Sind diese in frühen Genrebeiträgen wie “Halloween” noch unspektakulär und meist an Hieb- und Stichwaffen gebunden, findet man in “Der Umleger” schon den Einfallsreichtum, der die besseren Werke der Slasher-Welle kennzeichnet. Auch wenn in Pierces Film standardmäßig mit dem Revolver umgelegt wird, verfehlen die Morde nicht ihre Wirkung, erst recht nicht, wenn der Killer sich aus einem Blechblasinstrument und einem Jagdmesser ein sadistisches Spielzeug konstruiert. Zudem trägt er eine Maske, atmet dadurch schwer und bewegt sich ähnlich wie Jason Voorhees in “Friday the 13th, Part II”: Zuerst den Kopf, dann den Rest des Körpers. “The Town That Dreaded Sundown” etabliert ikonische Slasherstandards ein halbes Jahrzehnt vor deren endgültiger Popularisierung.
Ebenso lässt der unaufgeklärte Kriminalfall ein für Fortsetzungen offenes Ende zu, wie sie typisch für Slasher scheinen, im Umfeld von True-Crime-Adaptionen hingegen als unbefriedigend gelten. Man denke an die Zodiac-Morde in den 1960er Jahren oder ganz klassisch an die Taten Jack the Rippers, deren Verfilmungen sich oft eines Kniffs bedienen, um dem Publikum einen Täter präsentieren zu können.
“Der Umleger” endet sehr amerikanisch in einer mit Bluthunden geführten Hetzjagd durch die Sümpfe von Arkansas, schwelgt kurzzeitig in Western-Einstellungen, die aus der schönen Zeitlupensequenz der Schießerei kurz zuvor überlappen, welche den Geist von Sam Peckinpahs “The Wild Bunch” atmet, um im finalen Shot eine Pointe in die Dunkelheit des Lichtspielsaals zu entlassen, die wenige Jahre später in Bigas Lunas “Angustia – Im Augenblick der Angst” auf die Spitze getrieben wird: Der Killer steht in der Schlange vor dem Kino an.
Für den gelegentlichen Horrorfilmgenuss mag “The Town That Dreaded Sundown” heute nicht mehr spektakulär genug erscheinen, für jeden Genrefreund und Filminteressierten erweist sich dieser Film aber als wichtiger “missing link” zwischen Mario Bavas Initialisierung und John Carpenters und Sean S. Cunninghams “Vollendung” des Slasher-Films, zumal erst 2015 (aufgrund des Kinostarts eines Remakes) die lange überfälligen DVD- und Blu-ray-Veröffentlichungen in ungekürzter Form erschienen. 7/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http:/hhp-hangover.de am 13.04.2018)
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Laurin

Laurin

(Regie: Robert Sigl – Deutschland/Ungarn, 1988)

Ein idyllischer Hafenort im Jahre 1901. Der Tod in der Gestalt eines schwarzen Mannes geht um. Kleine Jungen verschwinden und kehren nie wieder zurück. Das Dorf lebt in Angst. Als eines Tages eine junge Frau mysteriös ums Leben kommt, scheint alle Hoffnung verloren. Nur die Tochter der Getöteten, Laurin, scheint sich dem ganzen Spuk zu stellen. Mit Hilfe ihres “zweiten Gesichts” versucht sie die Rätsel um den schwarzen Mann aufzuklären.

Die Idee und die ganze Geschichte zu “Laurin” entwickelte Regisseur Robert Sigl aus einem Bild seiner kindlichen Vorstellungswelt, einem albtraumartigen Gedankenblitz, der ein kurzes Schlaglicht auf eine kapuzenbemantelte Frau wirft, die in einer sturmtosenden Gewitternacht über einen verfallenen Friedhof eilt. Mehr ein Stimmungseindruck als der Beginn einer Erzählung, folgt hieraus das düstere Märchen über ein seherisch begabtes Mädchen an der Schwelle zur Pubertät, deren Sinne für das Morbide durch den Tod der Mutter und die Abwesenheit des Vaters geschärft sind. Letztlich sorgt sie für die Entdeckung und Bestrafung eines Knabenmörders, der wie der “Fänger im Roggen” heranwachsende Jungs vor dem Leid schützen will, das ihm sein eigener Vater, der Dorfpfarrer, in der Kindheit angetan hat.
Neben den tiefenpsychologischen und manchmal latent homo-erotischen Vater-Sohn-Konflikten, die sich unterschwellig durch den Film ziehen, glänzt an der Oberfläche eine Rotkäppchen-Variante, die sich ebenso von den Schauergeschichten eines E.T.A. Hoffmann inspirieren lässt, wie sie auch den “gothic horror” der britischen Hammer-Studios für sich nutzt, um schließlich in den stark stilisierten Bildwelten Mario Bavas aufzugehen.
Ein Filmprojekt, welches einem suggestiven Einzelbild entspringt, darf nicht im Nacherzählen von gängigen Topoi versanden und Robert Sigl erweist sich als talentiert und einfallsreich genug, um “Laurin” vom Sehen her auf die Füße zu stellen. Der Großteil der Einstellungen kann quasi als Gemälde für sich stehen und dient nicht als bloßes Abbild einer Handlungseinheit. Manchmal verstärkt Sigl den gemäldeartigen Effekt, indem er die Bewegungen innerhalb der Kadrierung sehr zurücknimmt oder sie zu Beginn der Szene pausieren lässt. Eine Abfolge von detailgenau inszenierten Tableaux ergießt sich über den Zeitraum, den “Laurin” auf der Leinwand einnimmt, manchmal unterbrochen durch Nahaufnahmen, die einzelne Gegenstände mit eigensinnigem Leben aufzuladen scheinen.
Mit Mitte 20 und gerade frisch von der Filmhochschule befindet sich Sigl in seinen besten Momenten auf Augenhöhe mit Vorbildern wie Dario Argento, ohne jedoch deren augenscheinliches Interesse an fetischisierter Gewalt zu teilen. Ironischerweise bezeichneten Arthaus-Kreise “Laurin” zur Zeit seiner ersten Aufführungen als “blutrünstiges Machwerk für ein Nischenpublikum”, obwohl der Film, bis auf ein kurzes, moderat splatteriges Finale, der Gewalt keine besondere Rolle zugesteht. Vieles spricht also für einen Dünkel der deutschen Filmschaffenden, die die Qualitäten des Genrefilms, besonders des Horror- oder Fantasyfilms, nicht auszumachen wissen. Sigl beklagt diese heutzutage immer noch vorhandene Einstellung in Interviews, spricht ansonsten aber mit erstaunlicher Langmut über seine heftigst torpedierte künstlerische Karriere. Man enthielt ihm den “Deutschen Filmpreis” mit der Begründung vor, sein Debüt sei nicht in Deutschland gedreht und “weise überhaupt zu viele byzantinische Gesichter auf”.
Aus Kostengründen verlegte man die Produktion von “Laurin” nach Ungarn, wo man auf 35mm-Film und mit einheimischen Schauspielern drehte. Ursprünglich an der Nordsee angesiedelt, verstärkt die wie aus der Zeit gefallene Wirkung der ungarischen Dörfer, Gebäude und Naturansichten die Jahrhundertwendeatmosphäre und sorgt für den nötigen, verwunschenen Märchenton, kombiniert mit der robusten Ruralität, die man an der deutschen Küste nie gefunden hätte.
DIe ungarischen Darsteller empfehlen sich durch die Bank mit ihrem Spiel (besonders Hauptdarstellerin Dóra Szinetár, deren Antlitz wunderbar das Vexierspiel zwischen Kind und junger Frau ausdrückt), obwohl einige die englischsprachigen Dialoge phonetisch lernen und imitieren mussten, was der außerweltlichen Wirkung von “Laurin” jedoch eher nützt, denn schadet.
“Laurin” gehört eindeutig zu den Großtaten des neueren deutschen Films, wie peinlich wirkt da die Information, dass man Robert Sigl bis heute kein Projekt nach eigener Vorlage mehr finanzierte, sondern ihm Auftragsarbeiten fürs internationale TV zuschusterte (wenn’s besser lief) oder er gleich an Krimiquatsch für ein Idiotenpublikum wie “Alarm für Cobra 11”, “Tatort” oder “Der Ermittler” verschwendet wurde – nicht ohne hin und wieder diesen Produktionen seinen Stempel aufzudrücken. Selbst im Umfeld dieser Tristesse wirkt Sigls Gespür für brillant bebildertes Genrekino noch so eigen und aufrührend, dass die BILD-Zeitung eine (leider erfolgreiche) Kampagne gegen einen seiner Saarbrücker Tatorte führte, die zu Schnittauflagen seitens des Senders führten, einen Tag vor der angesetzten Ausstrahlung.
Kein Grund sich den Abend von Provinzfernsehfürsten und der Journaille verderben zu lassen, denn die Jungs von BILDSTÖRUNG, einem fantastischen Kölner Filmlabel, haben “Laurin” für die Blu-ray-Veröffentlichung in digital restaurierter 2K-Abtastung vom eigentlich verschollen geglaubten Originalnegativ aus der Versenkung geholt. So exquisit wie dort, sah Robert Sigls erster Film wahrscheinlich höchstens bei seiner Premiere aus: Das bava’eske Farbenspiel kommt in der kargen Umgebung der ungarischen Dörfer erst richtig zur Geltung. Hungarian Gothic, wenn man so will. Ein prächtiges Kleinod, das im Deutschen Film seinesgleichen sucht. 9/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-partisan.de am 16.03.2018)
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Izbavitelj – Der Rattengott

Izbavitelj – Der Rattengott

(Regie: Krsto Papić – Jugoslawien, 1976)

Die Weltwirtschaftskrise hat Jugoslawien fest im Griff. Auch dem Philosophiestudenten Ivan geht es nicht gut, als er von seiner Vermieterin auf die Straße gesetzt wird. Als er im Stadtpark auf einer Bank übernachten will, zeigt ihm der Parkwächter, ein alter Bekannter, ein leerstehendes Gebäude. Dort kommt er hinter eine Verschwörung der Rattenmenschen, die finstere Absichten hegen. Von nun an schwebt Ivan in Lebensgefahr, doch findet er Unterstützung bei Professor Boscovic und seiner hübschen Tochter Sonja. Wird es ihnen gelingen, die drohende Machtübernahme durch die Rattenmenschen zu verhindern?

In letzter Zeit kann man vermehrt beobachten, wie alle Warnungen vor keimendem Faschismus leichtsinnig in den Wind geschlagen werden. Zwar wurde er im Schulunterricht seziert, in Romanen breitgetreten, in jeder erdenklichen Form auf die Bühne gebracht, man rockte sogar gegen Rechts, aber selbst die wirklich guten Kinofilme zum Thema scheinen das Publikum nicht zu erreichen – und wenn, dann nur jenen Teil, der aus eigenem Antrieb eine Sensibilität für den Hang der Volksmassen zu gleichgeschalteter Hetze und der Lust am Lynchen entwickelt.
Der 2013 verstorbene Regisseur Krsto Papić trägt mit seiner Politparabel “Der Rattenkönig” (nach einer Erzählung des russischen Schrifstellers Alexander Grin) also Eulen nach Athen und scheint eher auf die Probleme im sozialistischen Jugoslawien der 1970er hinweisen zu wollen. Eine durchaus am Film belegbare Lesart, welche die allgemeinere Deutung mit Rückbezug zum (deutschen) Faschismus jedoch kaum überschattet, weil sich gerade auf der Bildebene eindeutige Hinweise finden lassen: Die Schergen des Rattenheilands (“The Rat Saviour” lautet der englische Titel) tragen martialische schwarze Uniformen im Stil der SS, die Tische des großen Rattenbanketts bilden aus der Vogelperspektive gesehen ein noch zu vervollständigendes Hakenkreuz – diese Gesellschaft befindet sich schon auf halbem Wege in die Niederungen des Faschismus. Irritierend wirkt dabei nur der Rückgriff auf den Schädlingsbegriff der Nazis, wenn die Menschenfeinde in Rattenform ihre Feste in einer verlassenen Zentralbank (!) feiern. Vielleicht dreht Papić den Spieß hier einfach um, vielleicht nutzt er auch nur den schlechten Ruf der Ratte, den diese seit jeher in Europa ins Fell gebrannt trägt.
Gleich zu Beginn besteht die Hauptfigur mit Augenmerk auf ihr eigenes Buch darauf, “Izbavitelj” (Originaltitel) sei keine Gruselmär über Rattenmenschen, sondern eine Metapher. Das Buch in der Handlung zeichnet ein Bild der Bürokratie, Papićs Film eine Aufnahme der infizierten Gesellschaft im Moment der irreversiblen Wiederkehr zu faschistischen Strukturen. Alle Apparate des öffentlichen Lebens sind schon infiziert und infiltriert, das Interesse an Wissenschaft und Kunst erlahmt, die Bevölkerung verhält sich aggressiv gegenüber Intellektuellen und Wissenschaftlern, deren Arbeit weder bezahlt noch gewürdigt wird – dabei erkennen sie als einzige die aufziehende Gefahr.
Zum Glück lässt Papić es nicht dabei bewenden und verhilft schemenhaften Bruchstücken aus dem Werk Franz Kafkas zu kurzen Auftritten, die wie böse Omen in der dunklen Welt des Rattengottes wabern. Kompakte Schlieren des Schreckens, die im Verbund mit der stimmungsvollen, düsteren Fotografie den Horrorton des Filmes etablieren.
Schlicht bemerkenswert ist die Ökonomie der Einstellungen und Spezialeffekte, die im Gegensatz zum sich damals anbahnenden Trend nicht im hysterischen Pomp des Blutvergießens versinkt, sondern um die Wirkung ausgesuchter Bilder weiß, die nicht ausgewalzt werden, ja, kaum länger als nötig ihren Platz einnehmen. So verwundert die Freigabe der FSK schon, die “Izbavitelj” als einen Film für Erwachsene sieht und ein “Ab 18” erteilte. Vielleicht gefiel der pessimistische Ton nicht oder man stieß sich an den Sexszenen, wahrscheinlich reagierte man einfach nur empfindlich auf ein Thema, das auch die Büttel der Zensur (ob nun staatlich oder kommerziell-“freiwillig”) betrifft.
Ebenso effizient unterstützt die Musik von Brane Živković das abgebildete Halbdunkel und bemüht sich nur wichtige Akzente zu setzen, ohne die Tonspur mit Melodien und Geräusch zu überladen. Besonders im deutschen Vorspann gelingt dies, der für die Ausstrahlung durch das ZDF in den frühen 1980er Jahren erstellt wurde und schaurige Zeichnungen aufweist, die in der etwas längeren kroatischen Fassung (1977 Jugoslawiens Beitrag zu den Oscars) des Filmes fehlen. Es sollte bis zur Jahrtausendwende dauern, ehe “Der Rattenkönig” erneut gesendet wurde und dann nochmal einige Zeit, bevor der Film seine DVD-Veröffentlichung erlebte.
Den Reichtum der Kinoproduktionen der sozialistischen Länder konnte man im Westen jahrelang nur erahnen, glücklicherweise wurden im Laufe des Siegeszugs der DVD etliche Perlen in hervorragender Qualität wiederveröffentlicht, die dem Klischeebild von unterentwickelten Arbeiter-und-Bauern-Staaten widersprechen, deren Künstler sich ausschließlich mit dem Stumpfsinn der Zensur und fehlenden Produktionsmitteln herumschlagen mussten.
Das Kino hinter dem Eisernen Vorhang besitzt oft magisch wirkende Qualitäten, die Intellekt und Emotion vereinen, ohne das Eine gegen das Andere auszuspielen. Krsto Papićs “Der Rattengott” mag kein Meisterwerk sein, besitzt aber genügend dieser Vorzüge, um die Missachtung, mit der er weithin gestraft wird, unverständlich erscheinen zu lassen.
Gerade heute wieder ein wichtiger Film, aber was nützt die Mühe, wenn die Freunde der Realität, die den “Systemmedien” nur soweit trauen, wie sie sie schmeißen können und im Facebookpulk ihre Regression zur Menschenratte behende vorantreiben, einfach nicht zuhören? Der Ruf nach nationaler Identität und Volksgemeinschaft endet zwangsläufig in einem Rattenkönig. 7,5/10

Ausschnitt

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 13.02.2018)
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Stung – Sie werden dich stechen!

Stung – Sie werden dich stechen!

(Regie: Benni Diez – Deutschland/USA, 2015)

Mrs. Perch veranstaltet ihre alljährliche Gartenparty in ihrer abgelegenen Villa auf dem Land. Eigentlich ist alles wie immer, doch dann läuft der illegal importierte Pflanzendünger aus und eine ansässige Insektenspezies verwandelt sich in zwei Meter große Killerwespen. Klar, dass diese Mutationen nicht lange vor der Festgesellschaft Halt machen. Nun liegt es an den Catering-Mitarbeitern Paul (Matt O’Leary) und Julia (Jessica Cook) die angreifenden Bestien aufzuhalten.

Praktisch seit Beginn des Horrorfilms existiert die Nebensparte des “creature horror”, welche schon seit Jahrzehnten nicht mehr solche kommerziellen Höhen wie mit Steven Spielbergs “Jaws” erreichte, aber eine eingeschworene und treue Fangemeinde versammelt, die sich oft mit lieblosen Schnellschüssen für den Heimvideomarkt zufrieden geben muss. Dies geht soweit, dass sich in den letzten Jahren eine scheinbar endlose Serie von ultra-trashigen Haifilmen etablierte, die aufgrund ihrer unterdurchschnittlichen Schauwerte geliebt werden, wenn auch meist nur ironisch.
“Stung” von Regisseur Benni Diez schlägt da in eine andere Kerbe, sein Monsterfilm bezieht die Inspiration nicht aus dem Tierhorror, sondern bedient sich eher bei den “Alien”-Filmen, genauer gesagt bei “Aliens”, der von mir eher wenig geschätzten Action-Interpretation des Themas durch James Cameron. Vermutlich keine schlechte Wahl, wenn man wie Diez aus der Special-FX-Ecke kommt und sein Regiedebüt abliefert. Zuvor arbeitete er an den Visual Effects für Lars von Triers “Melancholia” – wahrlich keine schlechte Referenz.
Und so startet “Stung” mit überdurchschnittlicher Kameraarbeit, die etwaige Verwandtschaftsverhältnisse zu den digitalen Schrottproduktionen im Genre leugnet. Keine große Leistung, bedenkt man die künstlerischen Niederungen, in denen hier sonst gearbeitet wird, aber allemal erfreulich. Vor allem, weil man auch die Charaktere lebendig gestaltet und das Setting flott etabliert, bevor es dann zur Sache geht. (Wie in früheren Filmen dieser Horrorvariante, liegt die Ursache der amoklaufenden Fauna in Verbrechen der Oberschicht an der Natur, hier dem Beimengen von Wachstumshormonen in den Rasendünger aus dem örtlichen Baumarkt. Manche Dinge ändern sich nie.)
Ein “creature feature” steht und fällt jedoch mit seinen Effekten; in aller Regel stellen sich zwei Fragen: Wie wirkt die Kreatur auf der Leinwand? Und wie geben ihre Opfer den Löffel ab? Hier gibt es durchaus positive Antworten zu vermelden, denn während des größten Teils des Films behilft man sich mit echten Bauten und handgemachten Bluteffekten, die fachmännisch in Szene gesetzt werden, ganz im Stil der Klassiker aus den 1970er und 1980er Jahren. Überraschend wirken eher die lahmen CGI-Kreationen. Eigentlich ein grober Fauxpas für Benni Diez, der sich seines Könnens in diesem Bereich rühmt, aber altbackene Animationen auffährt, die während der eher nervigen Actionsequenz zum Schluss von “Stung” besonders ins Auge fallen.
Ansonsten sorgt das Thema (mannshohe Killerwespen!) von sich aus für den nötigen Ekel, der durch blutige Fress- und Schlüpfszenen der Wespen forciert und zum Schluss noch mit Braindead’schem Mutter-Sohn-Konflikt unterfüttert wird. Diez bedient sich geschickt bei den bekannten Genrezutaten und bastelt seine eigene Version der Dinge, ohne auch nur einen Gedanken an Innovation zu verschwenden. Dafür besitzt er ein sicheres Händchen, um den Wechsel zwischen drastischen Horrorszenen und Humoreinschüben zu timen, welche viel dazu beitragen, den Unterhaltungswert über 90 Minuten nicht einbrechen zu lassen.
Als Fan hat es Diez sicher gefreut, Lance Henriksen (“Aliens”) für eine Nebenrolle zu verpflichten, die Hauptrollen übernehmen Matt O’Leary (“In Time”, “Death Sentence”) und Jessica Cook. Die US-amerikanischen Schauspieler täuschen fast darüber hinweg, dass “Stung” eine deutsche Produktion ist, die nicht nur in Brandenburg gedreht wurde, sondern auch eine komplett deutsche Crew beschäftigte. Ungewöhnlich, noch dazu für einen Horrorfilm, denn Genrekino aus Deutschland muss man wirklich mit der Lupe suchen, wenn es sich nicht um Amateurproduktionen handelt.
Wer hier das nächste große Horrording erwartet, wird unverrichteter Dinge von dannen ziehen müssen; wer hingegen genreaffinen Spaß für die nächsten anderthalb Stunden sucht, liegt mit “Stung” goldrichtig. Das Brandenburg Wespen Massaker grinst höhnisch über Menschen, die ihr Glas mit einem Bierfilz abdecken. Endlich sind Wespen so fies wie ihr Ruf. Seien Sie hysterisch! (Die Tagline des geschmackvoll gestalteten Blu-ray-Covers “Sie werden dich stechen!” dürfte die Untertreibung des Jahrzehnts sein.) 6/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 24.01.2018)
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Arrival

Arrival

(Regie: Denis Villeneuve – USA, 2016)

An zwölf Stellen des Planeten Erde sind gewaltige muschelförmige Raumschiffe außerirdischer Besucher aufgetaucht und schweben aktionslos in der Landschaft. Obwohl die Aliens alle 18 Stunden einen Eingang zwecks Kommunikationsaustausch öffnen, können die gängigen Verfahren keinen verständlichen Kontakt hervorbringen. So verfällt das US-Militär unter Leitung von Colonel Weber (Forest Whitaker) auf die Idee, die Linguistin Louise Banks (Amy Adams) mit dem Mathematiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) zu paaren, um Verständnis für die Absichten der Aliens zu entwickeln, die keinen linearen Zeitbegriff kennen und in leicht verwischten Zeichnungen zu kommunizieren scheinen. Doch die vielen vergeblichen Versuche machen andere Nationen nervös, die sich anschicken, gegen die Besucher aggressiv vorzugehen…

Viele der Filme von Denis Villeneuve zeichnen sich durch die Wiederbelebung gängiger Filmtopoi aus, die schon verbraucht und ausgebrannt erschienen, bis der kanadische Regisseur sie aus einem neuen, leicht veränderten Blickwinkel betrachtete und dem vermeintlich ausgelutschten Stoff neue Seiten abgewinnen konnte.
Die Publikumserfolge “Prisoners” und “Sicario” sind zwei gute Beispiele, wie man aus Standardsituationen des Thrillers und des Actionfilms ein neues Garn spinnt, das nicht nur die Geschichten verändert, sondern auch den emotionalen und intellektuellen Zugang erfrischend intensiviert.
So löst auch die Hintergrundstory zu “Arrival” erst mal einen Flashback aus, der mich zurück zu zwei Filmerlebnissen meiner Kindheit führt. Als Vorschüler hatte ich eine leicht traumatische Begegnung mit “E.T.”, dessen Kontaminationssequenz mich längere Zeit in Albträumen heimsuchte und durch die klobigen, roten Schutzanzüge in “Arrival” reaktiviert wurde. Weiterhin das Aufeinandertreffen der Recken in “Independence Day” mit einem Wissenschaftlerhälse-zerdrückenden Alien, das urplötzlich aus dem Nebel hinter einer Sicherheitsglaswand auftaucht. Während E.T. nur ein Schusselchen war, das beim interstellaren Picknick Raum und Zeit vergessen hatte, wollten die Tentakel in “Independence Day” die Vernichtung der Menschheit, was der Prinz von Bel-Air nicht ohne Weiteres auf sich sitzen lassen konnte – Adel verpflichtet.
In Villeneuves zehntem Langfilm müssen sich die Außerirdischen keine antropomorphe Verniedlichung gefallen lassen, sie gleichen eher den Schleimbolzen aus Roland Emmerichs überpatriotischem Kawummspektakel, zeigen aber eine Intelligenz, die sowohl den zerknautschten Nachhausetelefonierer als auch die Weltraum-Warlords weit in den Schatten stellt. Villeneuve und sein Team waren gut beraten, ihre Geschichte um die Kontaktaufnahme zwischen völlig unterschiedlichen Wesen nicht nur oberflächlich in Szene zu setzen, sondern aufgrund der Bedürfnisse der Kurzgeschichtenvorlage von Ted Chiang und des Drehbuchs eine Sprache zu entwickeln, die möglichst wenig Gemeinsamkeiten mit menschlicher Kommunikation aufweist. Idealerweise in einer sehr visuellen Form, die für das Kino geeignet scheint.
Inspirieren ließ man sich von den Mustern der Tintenkleckse der Tintenfische, die diese bei Gefahr ausstoßen und entfernt an die Abdrücke von Kaffeetassen erinnern. Die semantischen Modelle mit ihrer eigenen inneren Logik stapelten sich auf dem Tisch des Regisseurs, der die Entwicklung der Aliensprache für einen der faszinierendsten Teilaspekte der Filmproduktion hält. Aus der Laienperspektive gut gelöst, wünschte ich mir im Verlauf des Films dennoch, die Entschlüsselung der Sprache wäre ausführlicher erläutert (und vor allem auf die Leinwand gebracht) worden, viele der betreffenden Szenen scheinen gerafft und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner heruntergebrochen, wahrscheinlich auch, um dem Publikum die Überlänge zu ersparen.
Die kieselförmigen Raumschiffe schweben wie schwarze Monolithen über der Landschaft, konstruiert aus einem erdfremden Material, ausgestattet mit fortgeschrittener Technologie, die etwa die Schwerkraft mühelos beeinflussen kann. Im Vergleich zu anderen Sci-Fi-Filmen wirken die UFOs weniger dem Traum eines Techniknerds entsprungen, der vor allem Glas, Metall und blinkende Lichter liebt, sondern sehr organisch und archaisch, als hätten sich die heiligen Berge ihrer planetaren Wurzeln entledigt, um durch den Kosmos zu streifen.
Die Entscheidung gegen CGI und für reale Bauten kann man Denis Villeneuve gar nicht hoch genug anrechnen; allein die Nutzung von Licht und Schatten, durch Kameramann Bradford Young im Modell eines der Raumschiffe, erzeugt die richtige Mischung aus überzeugender Plastizität und traumartiger Phantasievorstellung, welche eine quasireligiöse “Erleuchtung” neben die triste (und in der Lichtgebung oft entsättigt und schattig wirkende) Alltagswelt der Menschheit stellt, die selbst im Angesicht des Außergewöhnlichen ihrem vorprogrammierten Verhalten nicht entkommen kann: Ignoranz, Gewalt, Desinformation.
Im letzten Drittel von “Arrival” versucht Denis Villeneuve ein von der Geschichte vorgegebenes non-lineares Zeitkonzept einzuführen, eine Herkulesaufgabe, ist der Film doch klassischerweise ein lineares Medium par excellence. Die wahrgenommene Bewegung, das Lebensnahe und -ähnliche auf der Leinwand, besteht aus Einzelbildern, die in passender Reihenfolge (und schnell genug) abgespielt werden müssen, um Film überhaupt zu ermöglichen. Um die Grenzen des Mediums (und vor allem der Zuschauer) wissend, findet er keine befriedigende visuelle Lösung, sondern muss sich mit einem Amalgam aus (vermeintlichen) Flashbacks und Voice-Over-Erklärungen behelfen, die “Arrival” etwas sehr emotional auflösen. Dabei bereitet mir weniger die Art und Weise, wie die Menschheit vor einer Dummheit bewahrt wird, Kopfschmerzen, sondern die Entscheidung der Hauptfigur (gespielt von Amy Ames) für eine stets vorhandene Verlusterfahrung, denn die Zukunft wird nicht nur vorausgesagt und wiederholt, alle Ereignisse finden immer wieder im selben Moment statt. Und ich kann es mir einfach nicht vorstellen, wie die negativen Elemente die positiven überwiegen sollen. So gesehen entscheidet sich Amy Ames Charakter für die ewige Verdammnis. Ein bisschen versöhnlicher stimmt dagegen der Beweggrund der Aliens, die diese weite Reise nicht ganz uneigennützig angetreten sind.
Das “desire for more cows” liegt meiner Sicht auf die Menschen jedenfalls näher als die Selbstaufopferung für das Leben der Geliebten. Steckt hier vielleicht die Botschaft? Wenn nicht, dann wurden wir zumindest knappe zwei Stunden auf höchstem Niveau mit spannender Science Fiction unterhalten. Bravo. 8,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 15.12.2017)
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Der Bunker

Der Bunker

(Regie: Nikias Chryssos – Deutschland, 2015)

Für seine wissenschaftliche Arbeit sucht der Student (Pit Bukowski) Ruhe und Abgeschiedenheit. Diese scheint er zunächst in einem Bunker zu finden. Dort leben Vater (David Scheller), Mutter (Oona von Maydell) und der achtjährige Sohn Klaus (Daniel Fripan). Die eigentümliche Familie beschließt schnell, dass der Student den Jungen unterrichten soll, um damit seine angeblichen Mietschulden zu begleichen. Allerdings gerät das Familiengefüge dadurch in erhebliche Schieflage.

In Nikias Chryssos Horrorgroteske “Der Bunker” hat sich das Bildungsbürgertum in Form der Mama-Papa-Kind-Kleinfamilie in eine unterirdische Behausung mitten im deutschen Wald zurückgezogen. Fallender Schnee erzeugt eine märchenhafte Umgebung, nur der Coca-Cola-Becher des namenlosen Studenten, der hier Ruhe und Konzentration zum Entwickeln seiner Ideen sucht, weist auf die Nähe zur Zivilisation hin. Er dringt in das wohlgeordnete Familienleben ein, dessen linkischer Patriarch die Vorzüge fensterloser Kellerräume vor allem darin sieht, dass weder Licht hinein- noch hinausdringt. Gäste und Untermieter scheinen nicht erwünscht, aber ein notwendiges Übel zu sein: Geldnöte drücken und Papa ist ein Knauserer vor dem Herrn. So bugsiert sich der Student auch gleich unverhofft in die Schuldenfalle, als er beim Abendessen um einen Nachschlag bittet und seine Serviette nachlässig handhabt. Der Vater nutzt diesen Hebel, um den Neuankömmling um einen Gefallen zu “bitten”: Er möge doch den Sprössling Klaus unterrichten.
Hier beginnt der Abstieg in die Kloake der Verbildeten, die mit oberflächlichem Kanonwissen auf eine bessergestellte Position im Leben schielen, die unter allen Umständen erreicht werden muss und sei es nur durch die nächste Generation. Der nach Rosenkohl müffelnde Bildungsfleiß, gelebt in beigen Zimmern unter dem drückenden Gewicht des Gelsenkirchener Barocks, entpuppt sich schnell als gewöhnliches Allmachtsgebahren, die kleinbürgerliche Sucht nach Einfluss und Geld, wie sie unauslöschlich in die Nivea-gepflegte Haut der Mittelschicht eintätowiert zu sein scheint.
In nur wenigen Minuten installiert Nikias Chryssos eine Umgebung, die Kraut und Kartoffeln atmet; mehr als nur eine schlimme Ahnung davon, was es heißt, deutsch sein zu müssen. Keine umständlichen Beschreibungen, keine Erklärungen, sondern das Aktivieren des Widerwillens, den man spürt, wenn der heiliggesprochene Dreck jetztzeitiger und vergangener Mehrheitsgesellschaft ausgebreitet wird. Es riecht unangenehm, es mieft nach Deutschland.
Eine naheliegende Idee, dieses spießige Grauen in die Bilder eines Horrorfilms zu überführen, der sich durch groteske und fantastische Elemente der Wirklichkeit versperrt, die sonst ihre Wurstfinger schon wieder im Spiel hätte, um ihren Ungeist durchzusetzen. Allerdings nicht naheliegend genug, sonst hätte dies jemand schon früher versucht. Es scheiterte am “realen Vorbild” des Bunkers: Weil durch die Filmförderung in Deutschland kein Geld für Chryssos Projekt aufzutreiben war, musste dieser sich vom Produzenten der “Lindenstraße” Hans W. Geißendörfer unter die Arme greifen lassen. Und so wie die Gremien der Filmförderung keinen blassen Schimmer davon haben, woran man Filmkunst erkennt, nutzen auch die Protagonisten im Bunker Kunst und Kultur, das vermeintliche Wissen, nur als Tonkulisse beim Abendessen oder um sich mit ausgerupften Federn der Wissenschaft zu schmücken, die sie für kleidsam halten. Wie der Vater als hundsgewöhnlicher Hanswurst nicht nur Einstein, sondern gleich die ganze Physik, mit wenigen Worten in seine Niederungen zieht, ist einer der galligen Gags, die immer wieder im seltsamen Setting von “Der Bunker” aufblitzen.
Die detailgetreue Ausstattung deutschen Hausens kann zu Beginn in ihrer braun-grünen Pracht erforscht werden, im Laufe des Films nimmt die Farbgebung vermehrt Emotionen auf und ergibt mit der bedachten und sehr schönen Fotografie einen reizvollen Kontrast zur bleiernen Ödnis der Gedanken und Werte.
Im Hintergrund thront eine übermächtige Mutterfigur, instruiert von außerirdischen Mächten (oder einer Geisteskrankheit), die Vater und Sohn durch ihre vermeintliche Schwäche kontrolliert und die Marschrichtung vorgibt. Papa steht ohne Hosen und in Pantoffeln da, seine Autorität ist jämmerlich und eingebildet.
Klaus, der Achtjährige, wird als einzige Figur namentlich vorgestellt, die anderen Charaktere entsprechen eher Stellvertretern gesellschaftlicher Typen, die das Leben im deutschen Sud so hervorbringt – und zwar stets aufs Neue. Regisseur Chryssos entschied sich gegen die Besetzung eines Kindes und so wird Klaus von Daniel Fripan gespielt, einem erwachsenen Mann, Mitte 30, dessen Physiognomie viel zur Verschrobenheit der Darstellung beiträgt. Ein sehr gelungener Entwurf, denn das erwachsene Gesicht spricht mit dem Mund eines Kindes – im Register eines Mannes. Auch die kindliche Körpersprache guckte sich Fripan genau ab und setzt sie beeindruckend um. Es entsteht ein drastischer Effekt, der neben Faszination auch Ekel auslösen kann. Klaus erscheint stur, etwas langsam und vereint etliche nervtötende Kindereigenschaften in sich. Ganz im Sinne der Eltern prügelt der Student ihn schließlich zum Erfolg.
Der Glaube an Fleiß, die Härte zu sich selbst und (vor allem) anderen, sowie die Vorstellung aus Anstrengung oder Leiden müsse Glück entstehen, wenn man es nur genug wolle, wird in “Der Bunker” durch alle Beteiligten vorgeführt und tritt – herausgelöst aus den vermeintlichen Sachzwängen der Realität – übergrotesk zu Tage. Der Kern der deutsch-bürgerlichen Weisheit ist ein lächerliches Nichts, ein bösartiges noch dazu.
“Der Bunker” könnte eine deprimierende Erfahrung sein, verquält und trüb, bereitet aber durch seine Verortung im Genrefilm und die absurde Komik mehr Spaß, als er eigentlich machen sollte, noch dazu in einer filmischen Verpackung, die ob ihrer Eigenarten den internationalen Vergleich nicht scheuen muss. Folgt den Spuren im Wald, von einem, der auszog, das Lernen zu fürchten. 8,5/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 24.11.2017)
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The Eyes of My Mother

The Eyes of My Mother

(Regie: Nicolas Pesce – USA, 2016)

Die kleine Francisca lebt mit ihrer Mutter und ihrem Vater auf einer Farm mitten im Nirgendwo, als eines nachmittags – der Vater ist gerade unterwegs – plötzlich ein Fremder vor dem Haus steht. Was an diesem Nachmittag passiert, ist unfassbar grausam. Doch damit fängt alles erst an.

Die fidele Countrymusik und die Windschutzscheibe des Trucks isolieren den Zuschauer von den Vorgängen auf der Landstraße im Hinterland der USA. Er bleibt ungeduldig zurück, während der Fahrer des Wagens seine Kabine verlässt und einer zerbrechlichen Figur, die sich mit letzter Kraft über den Mittelstreifen geschleppt hat, zur Hilfe eilt.
Schon die Eröffnungsszene in Nicolas Pesces Feature-Debüt “The Eyes of My Mother” zieht unüberwindbare Gräben, die nicht nur die Charaktere des Films in ihren Festungen der Einsamkeit zurücklassen, sondern verwehrt auch dem Publikum eine Einmischung ins Geschehen, die über hilflose Ohnmacht hinausgeht.
Auf der Suche nach Beziehungen, familiärer wie freundschaftlicher Natur, bebildert Pesce das fortgesetzte Scheitern, die zuweilen grotesken Versuche einer Installation von menschlichem Zusammenleben und Familienidyll, welches willkürlich schon im Kindesalter zerstört wurde. Aus den Fragmenten und Ruinen einer ohnehin fadenscheinigen Vater-Mutter-Kind-Konstellation lässt er Francisca nach der Ur-Katastrophe über das verwüstete Schlachtfeld irren, ihre vergeblichen Bemühungen zeigend, aus Staub und Blut die Beziehung zu ihrer Mutter, zu ihrer Familie, zum Rest der Menschheit zu rekonstruieren.
Dabei kommt ihm Kameramann Zach Kupperstein zur Hilfe, der in präzise aufgebauten Schwarz-Weiß-Bildern eine emotionale Wucht entwickelt, welche dem durchdachten Look des Filmes eigentlich widersprechen müsste. Die gezielt genutzte Künstlichkeit des abwesenden natürlichen Lichts, die dem an Originalschauplätzen gedrehten Werk oft den seltsamen Anstrich einer Studioproduktion gibt, erreicht Kupperstein in einer Verkehrung von Tag und Nacht: Durch Farbfilter und geschickte und aufwendige Ausleuchtung fotografiert er Tagesszenen im Dunkeln bzw. der Dämmerung, finstere Einstellungen dagegen, während die Sonne scheint. So kann man bei einem durch ein Fenster gefilmten, mitternächtlichen Mord die Spitzen der Grashalme fast bis zum Horizont ausmachen, obwohl es offensichtlich stockdunkel sein muss. Nicht einmal die Sterne oder der Mond werden Zeuge der beischlafimitierenden Mitleidslosigkeit des in das Fleisch gleitenden Messers.
Nicolas Pesce zeigt wenig Gewalt, er verlässt sich auf die Phantasie seiner Zuschauer und das ausgeklügelte Sounddesign, welches (abseits von aufdringlich lauten “scare jumps”) das Grauen über die Szenen hinweg verbindet, einleitet, steigert und Ereignisse suggeriert, die auf der Bildebene nicht stattfinden. Das funktioniert so hervorragend wie in Tobe Hoopers “Texas Chainsaw Massacre”, dessen Publikum meist Stein und Bein schwört, einige grausame Kettensägenmorde in all ihrer graphischen Pracht erlebt zu haben. Der sehr stille Film (man nimmt jeden Seufzer, jedes Rascheln eines Kleides wahr) intensiviert seine Wirkung durch sparsame, aber punktgenau eingesetzte Versatzstücke elektronischer Musik.
Szenengestaltung und Bildkomposition wohnt eine zeitlose und alptraumhafte Intensität inne, die nur noch von der Qualität einzelner Shots übertroffen wird: “The Eyes of My Mother” ist ein Bilderbuchbeispiel für eine Strecke von alleinstehenden Motiven, die sich zu einer Erzählung verbinden, ohne dafür ein narratives Element bemühen zu müssen. Der komplette Schrecken liegt in der atmosphärischen Fotografie, deren Tableaux auch einzeln betrachtet bestehen können und Unheimliches ausstrahlen. Dazu kommen die außergewöhnlichen schauspielerischen Leistungen von Kika Magalhães und Olivia Bond, deren Figur sich plastisch und intensiv aus ihrer Umgebung hervorhebt, klar konturiert in ihrer Präsenz, zerstört und flackernd zerissen in ihrer Persönlichkeit.
“The Eyes of My Mother” einen Horrorfilm zu nennen, weil er ängstigt und sich mit dem Tod beschäftigt, hieße ihn in Genreketten zu legen. Er zeichnet ebenfalls ein Bild unmöglicher Beziehungen, verbaut durch Ereignisse in Kindheit und Jugend, die in der Familie angelegt sind, jedoch von außen initialisiert werden. Ein Coming-of-Age-Drama, ein Thriller. Ein Film abseits von Genre und Kategorisierung. Ein schwarz-weißes Stimmungsbild von Isolation und Wahnsinn, das in fotografischer Exzellenz schwelgt und keine Berührungsängste mit künstlerischem Anspruch und den Fallstricken des menschlichen Daseins zeigt. 9/10

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(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 14.10.2017)
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Ich Seh Ich Seh

Ich Seh Ich Seh

(Regie: Veronika Franz/Severin Fiala – Österreich, 2014)

Für die Zwillingsbrüder Lukas und Elias (Lukas und Elias Schwarz) ist es eine tolle Ferienzeit: Sie spielen in Feldern Fangen, erkunden die Umgebung des Hauses, welches außerhalb eines Dörfchens liegt, entdecken einen Friedhof, entspannen auf der Luftmatratze auf dem See – was Jungs eben so machen.
Dann jedoch kommt die Mutter (Susanne Wuest) nach Hause. Ihr Gesicht ist unter einem Verband kaum zu erkennen, die Schmerzen in Folge der Operation machen ihr zu schaffen, weswegen sie neue Regeln im Haus einführt. Dabei ist sie gar nicht mehr so liebevoll zu ihren beiden Kindern, sondern wird ausfallend und verhält sich teils aufbrausend. Für Lukas und Elias ist schnell klar: Das ist nicht ihre Mutter! Die beiden Brüder suchen Mittel und Wege, um aus der Frau herauszubekommen, wo ihre echte Mama ist…

Der familiäre Bezugsrahmen von “Ich Seh Ich Seh” bleibt auch außerhalb der verstörenden Geschichte gewahrt, produziert Ulrich Seidl hier doch das Spielfilmdebüt seiner Ehefrau Veronika Franz, die Regie und Drehbuch zusammen mit dem ehemaligen Babysitter des Paares Severin Fiala erarbeitete.
Wie viele andere Größen des Regiefachs (etwa Michelangelo Antonioni oder Dario Argento) schrieb Franz zuerst Filmkritiken, bevor sie Seidl kennenlernte und seit Mitte der 90er Jahre an den Drehbüchern seiner Produktionen mitwirkte. In einem kleinen Land wie Österreich kann es schon mal vorkommen, dass man im Zuge der Finanzierung seiner Filmidee auf Menschen trifft, deren Werke man weniger günstig rezensierte. In den Gremien scheint es jedoch “zivilisierter” als in den Filmen Seidls zuzugehen, man legte Franz keine Steine in den Weg und unterstützte das gemeinsame Vorhaben mit Fiala.
Im Verlauf des Drehbuchschreibens zeichnete sich ab, dass die Hauptrolle wie für Susanne Wuest erdacht schien und auch im Zwillingscasting fand man in Lukas und Elias Schwarz schnell passende Darsteller. Sie erhielten die Rollen unter anderem deshalb, weil sie weniger Hemmungen zeigten, die Mutterfigur physisch zu traktieren. Wo andere Kinder ihre Grenze in wütendem Schreien fanden, versuchten sie, die “Wahrheit” mit dem Pieksen eines Bleistifts herauszukitzeln. (Eigentlich ein typischer Moment im Kino Ulrich Seidls, der eine diebische Freude an den Tag legen kann, wenn es um sadistische Konstellationen geht, noch dazu, wenn sie in der spielerischen Pseudorealität eines Castings auftreten.)
Auch auf der gestalterischen Ebene kann man Einflüsse des filmischen Stils von Seidl finden: Franz und Fiala arbeiten mit kalten, distanzierten Einstellungen und harten Schnitten, die geometrisch genau austariert sind, allerdings auch durch kräftige Farben akzentuiert und vitalisiert werden. Die Lebensräume der Familie sind sehr aufgeräumt und durchgestaltet, die hohe Künstlichkeit kollidiert im Laufe des Geschehens mit den aufwühlenden Gefühlsausbrüchen und schafft so einen der Reize von “Ich Seh Ich Seh”.
Die Körperlichkeiten des Genrekinos führt man in einem Versuchsaufbau mit der strengen Optik und dem beunruhigenden Gedankenspiel der Rebellion der Kinder zusammen. Kein Wunder, dass Franz, nach Vorbildern befragt, sowohl Stanley Kubrick (“2001”, “A Clockwork Orange”) und Nicolas Roeg (“Performance” “Don’t Look Now”) als auch Brian Yuzna (“Society”, “Re-Animator”) und Dario Argento (“The Bird with the Crystal Plumage”, “Tenebre”) nennt. Formale Schärfe und visuelle Disziplin (manchmal bis zur Symmetrie) treffen in Kameramann Martin Gschlachts Feinjustierungen auf Blut, Chaos und Tod. Die Leinwand fällt ins Bodenlose, färbt sich pechschwarz, wenn Gefühle artikuliert werden.
Die letztendliche Erklärung für das Verhalten der Kinder ist irrelevant, versucht aber einen rationalen Schluss zu etablieren, der auf einem Trauma fußt, das im Thriller schon ausgereizt wurde. Manche Zuschauer wollen sogar eine Verbindung zum Capgras-Syndrom (Erkrankte glauben, ihnen nahestehende Personen wurden durch einen Doppelgänger ersetzt) ausgemacht haben. Zugegeben: Die Anzeichen sind vorhanden, ich lasse mich aber lieber von den Bildern des Maisfelds und den heidnisch wirkenden Masken der Zwillinge betören, die unterbewußt Stephen Kings “Children of the Corn” evozieren. Er, der hinter den Reihen geht, statt der klinischen Lösung. Dies ist vielleicht sogar im Sinne von Fiala und Franz, die nicht nur eine Vorliebe für das Horrorgenre bestätigen, sondern auch einer Stephen-King-Verfilmung wie “Pet Sematary” ob ihres emotionalen Gehaltes positive Seiten abgewinnen können, ungeachtet der sonstigen filmischen und künstlerischen Qualität.
“Ich Seh Ich Seh” stellt Abhängigkeits- und Machtverhältnisse auf den Kopf, zeigt im Grunde also eine Revolution, die ihren Schrecken durch Methoden der Gewaltanwendung gewinnt, die als völlig legitime Mittel im Zusammenleben erschienen, bis sie von den Schwächeren gegen die Stärkeren angewandt werden. Bezeichnenderweise versuchen die Zwillinge das Geständnis der Mutter mit den Mitteln zu erzwingen, die bisher zur ihrer Erziehung bzw. Disziplinierung genutzt wurden.
Alle Figuren sind ambivalent und handeln ihrem Antrieb entsprechend rücksichtslos, die Umkehrung des Eltern-Kind-Verhältnisses entpuppt sich aber als stärkstes Motiv des Films, wenn auch die Hilflosigkeit der Eltern gegenüber ihren Kindern im makaberen Ende der Haustiere einen flammenden Ausdruck findet. (Ein weiteres, recht simples Bild der Beziehung zwischen Mutter und Kind entsteht durch die Küchenschaben, welche unter den freundlichen Oberflächen des blitzsauberen Häuschens im Grünen hervorkriechen. Sie weisen schon früh auf das Finale hin, auf das die verfahrene Situation konstituierende Trauma.)
Mit “Ich Seh Ich Seh” erschüttern Veronika Franz und Severin Fiala das Ur-Vertrauen zwischen Mutter und Kind; ihr heißkaltes Horrordrama fixiert den tiefen Graben zwischen dem Kosmos der Kinder und dem Universum der Erwachsenen. Es gibt keine verbindenden Brücken, nur Schluchten und Finsternis. Das Wiegenlied aus der heilen Welt von vorgestern, durch endlose Wiederholung als Lippenbekenntnis erkannt und exorziert, spendet keinen Trost mehr: “Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt.” Und wenn er nicht will, Mama? 8,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 09.09.2017)
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