Amer – Die dunkle Seite deiner Träume

Amer – Die dunkle Seite deiner Träume

(Regie: Hélène Cattet/Bruno Forzani – Belgien/Frankreich, 2009)

Drei Momente, drei Erlebnisse aus dem Leben oder der Psyche einer Frau: als Kind erlebt Ana eine bizarr-unheimliche Situation, als sie ihrem kürzlich verstorbenen aufgebahrten Großvater eine Taschenuhr entwendet, während ihre witwenhaft verhüllte Großmutter ihr Angst macht, sie beobachtet und angreift und ihre Eltern sie nicht beachten. Als Heranwachsende erprobt sie bei einem Einkauf im Dorf ihre sexuellen Reize vor einer Gruppe von Bikern, wofür ihre Mutter sie schlägt. Als erwachsene Frau kehrt sie in das jetzt heruntergekommene Haus der Familie zurück, wo sie sich von einem Taxifahrer bedroht fühlt, der sie des Nächtens attackiert. Doch was ist davon Traum, was Trauma und was Wirklichkeit?

Im Zusammenhang mit “Amer” las ich mehrmals von der Bezeichnung “Meta-Giallo”. Die Regisseure Hélène Cattet und Bruno Forzani schwelgen hier in ihrer Vorliebe für den experimentellen italienischen Kriminalfilm, sogar der brilliant zusammengesetzte Soundtrack wurde aus Klassikern wie “Der Schwanz des Skorpions” und “Der Tod trägt schwarzes Leder” übernommen. Trotzdem geben sie ihrem Film einen ganz eigenen Twist: Die oft überkonstruierte und ermüdende Polizei-/Detektiv-Ermittlungsstory wird komplett ausgespart, Cattet und Forzani haben kein Interesse am Whodunit? und den damit verbundenen Einschränkungen.
“Amer” ist ein sinnlicher Film, einmal in der oft genutzten Konnotation des Wortes, er zeigt einen Reigen erotischer Bilder, viel zutreffender ist aber die ursprüngliche Bedeutung von “sinnlich”: Hier geht es um das Erfahren der Umgebung durch Augen und Ohren, sowie Tast- und Geruchssinn! Man kann es dem Team hoch anrechnen, dass sie es schaffen, dem Zuschauer jeden gewünschten Sinneseindruck zu vermitteln, dazu bedient man sich großzügig diverser Close-Ups (inklusive der von Leone bis Fulci ausgiebig genutzten Zooms auf die Augen), verlangsamt Sequenzen oder lenkt ein Schnitttrommelfeuer auf die Netzhaut. Ironischerweise fehlen die ausgearbeiteten, langen Kamerafahrten des großen Vorbilds Dario Argento völlig, von dessen Farbgebung in “Suspiria” und “Inferno” hat man sich aber deutlich inspirieren lassen.
Das minimale narrative Element wird von surrealistisch-fiebertraumartigen Bildern überlagert und greift – wie schon erwähnt – körperlich auf den Zuschauer über. Seien dies nun die angespannten, extrem sexuell aufgeladenen Szenen in der Mitte des Films oder der beängstigend-brutale Angriff zum Ende hin. Ab der ersten Minute ist dies ein Überfall auf allen Sinnesebenen, der nur durch Ton und Bild von der Leinwand geführt wird.
Interessant ist, dass “Amer” nur die subjektiven Eindrücke aus dem Kopf eines Mädchens/eines Teenagers/einer Frau holt, um sie in eine körperliche Erfahrung für das Publikum umzuwandeln, die größtenteils völlig identisch sein wird.
Wer Dialoge, eine klassische Erzählstruktur und eine offensichtlich-logische Auflösung für unumgänglich hält, wird an “Amer” keinen Spaß haben, alle anderen sollten sich diesen wahnwitzigen Bilderrausch antun. Tipp! 9,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 17.01.2013)
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