Der Gott des Gemetzels

Der Gott des Gemetzels

(Regie: Roman Polanski – Deutschland/Frankreich/Polen/Spanien, 2011)

Ein Streit unter 11jährigen irgendwo in New York; einer der Jungen wird geschlagen, verliert zwei Zähne. Grund genug für die Elternpaare der Beteiligten, sich zu einer Aussprache samt formeller Entschuldigung zu treffen. Die Autorin Penelope (Jodie Foster) und ihr Mann Michael (John C. Reilly) empfangen den Anwalt Alan (Christoph Waltz) und seine Frau Nancy (Kate Winslet) wollen das auch anscheinend relativ schnell und zivilisiert hinter sich bringen, doch just als man schon halb wieder aus der Tür ist, nimmt man eine freundliche Einladung an, doch noch länger zu bleiben. Das hat erhebliche Folgen, denn in dem nun folgenden Gespräch und dem daraus resultierenden Streitgespräch geht es nach und nach immer weniger um die Kinder, sondern darum, nach und nach alle Frustration, alle Vorurteile und die Fesseln der politischen Korrektheit abzuwerfen, während man aufeinander losgeht…

Roman Polanski verwandelt Yasmina Rezas Theaterstück “Der Gott des Gemetzels” in ein Kammerspiel für die Leinwand, das eine kleinbürgerliche Welt abbildet, in der Aggression und Gewalt keinen Platz mehr haben, nicht mehr ausgedrückt werden dürfen, also im Endeffekt mit einem Tabu belegt sind.
Impulse und Emotionen haben in dieser völlig verkopften und oberflächlich-sterilen Welt keinen Platz, alle Beteiligten bemühen sich um die Erschaffung eines reinen Geistwesens, natürlich immer unter Zuhilfenahme der unseligen Naturwissenschaften, die das Kleinbürgerspießertum schon lange als seinen neuen Abgott auserkoren hat.
Das Thema klingt erstmal bemüht, Crew und Cast zeigen jedoch in 77 Minuten, wie rasant und locker man der Geschichte beikommen kann. Die Dialoge sind ausgefeilt und sprühen vor bösartigem Witz, hin und wieder hat Polanski aber wohl eine kleine Stolperfalle übersehen, vor allem die sehr konstruierte Verbindung des Medikaments mit der Mutter von Michael und die allgemeine Darstellung eines Alkoholrauschs lassen die Inszenierung ab und zu etwas schlingern, kein Elchtest, aber doch spürbar.
Natürlich macht es am meisten Spaß diese affektierten und eingebildeten Schnösel scheitern zu sehen, Voyeurismus ist sowieso stets ein Teil des Kinos, hier kann man aber zusätzlich ausgiebig in Schadenfreude baden, wenn diese völlig verblödeten Bürger ihre Kartenhäuser gegenseitig zum Einsturz bringen. Zugleich ist man sofort Teil des Ganzen, weil man selbst seine Verachtung für alles Bürgerliche dieser Art durch den Film sublimiert, anstatt einen FDP- oder Die Grünen-Wählerstand aufzusuchen und dort dem ersten, der dumme Scheiße labert, auf die Fresse zu hauen. Dabei bilden sich auf der Leinwand immer wieder neue Allianzen, die sich gegenseitig attackieren, ganz im Gegensatz zu dem in der Luft hängenden Anspruch, dass man es hier mit Menschen mit Prinzipien zu tun hat – wie auch immer diese (moralisch) ausfallen mögen.
Der Hype um Christoph Waltz schien mir immer verdächtig, aber dies ist seine zweite großartige Leistung nach “Inglourious Basterds” – und “Carnage” (Originaltitel) wäre ohne seine Präsenz und die psychopathischen Gesichtszüge sicher nur halb so amüsant; seine Schauspielkollegen bemühen sich mit ihm Schritt halten zu können.
Das augenzwinkernde Ende hat mich etwas überrascht, ließe sich doch durch den Klappentext des DVD-Covers eine anbahnende Tragödie erahnen. Dies wiederum hätte aber den vorhergehenden, lächerlichen, materialistischen Verlusten etwas die Wirkung genommen. Nie haben zwei ausgeschlagene Zähne mehr Spaß gemacht! 9/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 13.01.2013)
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