Tausendschönchen – Sedmikrásky

Tausendschönchen – Sedmikrásky

(Regie: Vera Chytilová – Tschechoslowakei, 1966)

Am Anfang waren zwei Mädchen: Marie 1 und Marie 2 hocken in einem Schwimmbad. Wenn sie ihre Arme und Beine bewegen, quietscht es als öffne der Prinz die seit 100 Jahren verschlossene Tür zum Zimmer Dornröschens. Beide sind sich einig: Die Welt ist verdorben. Also beschließen sie, ab jetzt eben auch verdorben zu sein. Gesagt, getan – und wie es sich für zwei verdorbene und quietschende Mädchen gehört, ohrfeigen sie sich aus dem Schwimmbad erstmal direkt ins Paradies. Von da an tun sie, was ihnen gefällt: Es wird geschlemmt und sich daneben benommen bis am Ende nicht mal mehr der Film selbst vor ihnen sicher ist.

Warum einer der bekanntesten und schönsten Titel der Tschechischen Neuen Welle, der, nachdem der Prager Frühling verblüht war, kurzerhand verboten wurde, in Deutschland über 35 Jahre nicht zu sehen oder erhältlich war, mögen allein Rechteinhaber, Händler, Angebot und Nachfrage wissen.
Vielleicht liegt es aber auch an der Janusköpfigkeit, mit der Regisseurin Vera Chytilová “Tausendschönchen” gestaltet: Hier treffen reaktionäre Einstellungen auf anarchistisches Treiben, werden normierte Verhaltensweisen lächerlich gemacht und in den Dreck gezogen, dies daraufhin aber auch heftig bestraft.
Noch dazu spielen die Protagonistinnen ein böses Spiel mit den Männern, die hier durchgehend tumbe, alte Esel sind, die sich für einen vorgegaukelten Flirt Geld und Ansehen aus der Tasche ziehen lassen. Die dummen, jungen Esel betört man ebenso und macht sie sich durch ihre Verliebtheit untertan, meldet sich am Telefon mit “Stirb! Stirb! Stirb!” und während einer dieser Lächerlinge seine Liebe am Hörer gesteht, zerschneidet man phallusartige Nahrungsmittel wie Würstchen, Bananen und längliche Eier mit einer Schere, um sie in eine große Pfanne zu werfen oder direkt zu verspeisen.
Dies könnte man für radikal-feministisch halten, wären die beiden augenscheinlich sehr schönen Maries nicht immer nur leicht bekleidet bzw. in Unterwäsche zu sehen. Noch dazu strahlen sie etwas puppenhaftes aus und kichern den ganzen Film über wie alberne Backfische – Chytilová tut vieles, um das Publikum zu irritieren, wenn hier Experimentalfilm auf Slapstick trifft.
Überhaupt dürfte die visuelle Komponente des Films, die eigentliche Attraktion sein. Es wird in einer einzigen Szene zwischen Schwarz-Weiß-Bildern und knalligen Farben gewechselt, in Zwischensequenzen blubbert es psychedelisch, Zugfahrten verkommen zu einem farbenprächtigen Drogenrausch, Polka-Dot-Muster auf den Kleidern der Mädchen vergrößern sich einfach mal während eines Kusses und schließlich zerschneiden sich die Mädchen nicht nur gegenseitig mit einer Schere (diverse Gliedmaßen werden dabei abgetrennt), nein, sie zerschnippeln einfach mal die ganze Szene, ein Höhepunkt der kindlichen Zerstörungswut, die sich durch den Film zieht.
Die passende Musikuntermalung trägt dazu bei, dass die 73 Minuten von “Tausendschönchen” wie im Flug vergehen und man mit dem eigentlich ziemlich avantgardistischen Kunstfilm genauso eine oberflächlich-vergnügte Zeit haben kann, wie er sich auch für tiefere Interpretationen eignet, zu denen das Booklet der wieder einmal hervorragend restaurierten und aufgemachten Bildstörung-VÖ einige Anregungen gibt. Lasst uns verdorben sein! 8,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 08.10.2012)
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