Zabriskie Point

Zabriskie Point

(Regie: Michelangelo Antonioni – USA, 1970)

Los Angeles Ende der 60er: An der Uni proben die Studenten den Aufstand. Während die Spekulanten von ‘Sunny Dunes’ eine Luxussiedlung in der Wüste planen, geht die Polizei radikal gegen Hörsaalbesetzer vor. Mark will nicht diskutieren sondern handeln und kauft sich eine Waffe. Als vor seinen Augen die Polizei auf einen Farbigen schießt, will er seine Waffe gegen den Schützen einsetzen. Irgendjemand kommt ihm jedoch zuvor und er flieht im Schock. Er entwendet ein Sportflugzeug und entkommt in die Wüste. Aus der Luft entdeckt er unten auf dem Highway einen einsamen Wagen: Die Studentin Daria ist unterwegs von LA nach Phoenix, wo sie für einen Mitarbeiter von ‘Sunny Dunes’ als Sekretärin jobbt…

Michelangelo Antonioni, Sohn einer gutbürgerlichen Familie aus Italien, zuerst Filmkritiker, dem man später immer wieder seine positiven Besprechungen von Filmen wie “Jud Süß” um die Ohren hauen würde, später Regisseur, sympathisiert in “Zabriskie Point” offen mit den radikaleren Kreisen der US-Studentenbewegung der 60er Jahre.
Der Film beginnt mit einer erhitzten Diskussion zwischen Black Panthers und weißen, mittelständischen Studenten, die eigentlich bis heute andauert: Man verhandelt das Für und Wider der Gewalt im Kampf gegen das Establishment und den eigenen Führungsanspruch in der Revolution.
Trotz aller Verbalradikalität ist Hauptcharakter Mark unzufrieden und beschließt sich im Anschluss eines üblen Zusammenpralls mit der faschistoiden Polizei zu bewaffnen.
Durch eine unglückliche Verkettung der Umstände, bei der ein Polizist stirbt, ist Mark gezwungen zu fliehen – und tut dies im ultimativen Symbol der Freiheit, in einem Flugzeug. Bevor Mark jedoch den Flugplatz erreicht, nutzt Antonioni die Gelegenheit die von Konsumrotz zugepflasterten Straßen der Stadt vorzuführen.
Zur gleichen Zeit macht sich Daria, die zunehmend weniger mit ihrem Beruf und dem konsumorientierten Leben anfangen kann, auf die Reise, so dass sich ihre Wege kurz vor “Zabriskie Point” kreuzen. Antonioni packt dies in großartige Bilder des Flugzeugs, das in einem etwas morbiden Balzverfahren immer wieder auf Darias Auto herabstürzt, ähnlich der Maschine in Hitchocks “North By Northwest”, die Cary Grant heimsucht.
Es kommt wie es kommen muss: In der bizarren Landschaft am Zabriskie Point, die so völlig anders als die mit Werbebotschaften zugekleisterte und mit Gewalt aufgeladene Stadt ist, befreien sich Mark und Daria von ihren Zwängen, um erst neckisch wie Kinder zu spielen, doch später trotzdem beim Sex zu landen, der von Antonioni ausführlich, jedoch nicht voyeuristisch in Szene gesetzt, dann sogar potenziert, abstrahiert und auf eine surreale Ebene gehoben wird – dazu die Musik von Jerry Garcia (Grateful Dead).
Nach dem Abklingen dieses Rauschs beschließt Mark das entführte – und mittlerweile hippiesk umgestaltete – Flugzeug zurückzubringen. Auch Daria macht sich wieder auf den Weg zum Haus ihres Bosses, um ihren geschäftlichen Verpflichtungen und Zwängen nachzukommen.
Man ahnt in dieser Situation schon, dass es kein gutes Ende nehmen wird, zu ignorant, zu gewalttätig und unflexibel sind die Herrschenden. Tatsächlich wird Mark bei der Landung von mehreren Schüssen aus Gewehrläufen der Polizei durchsiebt und stirbt.
Daria ist inzwischen in dem dekadent-bourgeiosen Anwesen ihres Chefs eingetroffen und ekelt sich vor der opulent zur Schau gestellten Selbstherrlichkeit, sowohl in der Einrichtung des Hauses als auch in der Art ihres Bosses mit ihr umzugehen. Sie beschließt zu verschwinden.
Beim Verlassen des Hauses blickt Daria noch einmal zurück und Antonioni lässt das herrschaftliche Haus in Zeitlupe und ohne Ton explodieren. Danach erfolgt eine Explosion des Gebäudes mit Ton und als sei das noch immer nicht genug, lässt er den großkotzigen Klotz nicht nur ein-, zwei- oder dreimal, sondern immer und immer wieder (aus verschiedenen Blickwinkeln) explodieren. Der Hass auf die Ignoranz der Bourgeiosie findet hier einen heißblütigen, adäquaten filmischen Ausdruck.
Dies geht über in die Zerstörung von Konsumgütern, die zur Musik von Pink Floyd am blauen Himmel der Wüste kaleidoskopartig explodieren – und endet mit dem versonnenen, zufriedenen Gesicht von Daria.
“Zabriskie Point” ist ein radikaler Vertreter des experimentellen Films der ausklingenden 60er, der sich trotz seiner wunderschönen surrealen Momente von “Love & Peace” losgesagt hat und sowohl spöttisch als auch voller Zorn die selbstgerechten Bürgerfratzen, deren Lebensart und ihren Staat ins Visier nimmt. Um abzudrücken. Großartig. 9/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 26.06.2012)
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