Drive

Drive

(Regie: Nicolas Winding Refn – USA, 2011)

„Ich fahre.“ So beantwortet der „Driver“ (Ryan Gosling) die Frage nach seinem Beruf. Denn neben seinem Hauptberuf als Mechaniker in der Werkstatt von Shannon (Bryan Cranston) betätigt er sich auch als Stuntfahrer für Filmproduktionen und hat in der Unterwelt von Los Angeles einen guten Ruf als abgeklärter und emotionsloser Fluchtwagenfahrer. Erst als er seiner neuen Nachbarin (Carey Mulligan) und ihrem Sohn Benicio (Kaden Leos) über den Weg läuft, bricht sein emotionaler Panzer auf und es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen ihnen. Als Benicios Vater Standard (Oscar Isaac) aus dem Gefängnis entlassen wird, möchte der „Driver“ diesem helfen seine kriminelle Vergangenheit hinter sich zu lassen. Doch Standard hat noch Schulden bei Gangster Bernie (Albert Brooks) und weiß sich nicht anders zu helfen, als zwecks Schuldentilgung einen Überfall auf ein Wettbüro durchzuführen – natürlich mit dem „Driver“ als Fluchtwagenfahrer. Doch etwas geht schief…

Wenn der Driver leise, samtig und geschickt durch die ab und zu durch Neonlicht illuminierte Nacht fährt und einem “Nightcall” von Kavinsky & Lovefoxxx aus den Boxen entgegenschlägt, ist man gewillt sich einem wohligen Schauer zu ergeben und den Bildern nachzuhängen, die diese Mischung heraufbeschwört: Scarface, Miami Vice, GTA: Vice City – also die pastellfarbene (Kino-)Halbwelt der 80er bei Nacht. Auch die erste Begegnung mit den Figuren der Geschichte fällt wohlwollend aus, immerhin hat man Koryphäen ihres Fachs wie Bryan Cranston und Ron Perlman engagiert. Es macht sich aber zunehmend das Gefühl breit, dass hier etwas grundlegend schiefläuft. Kann man die vielen zeitlupenartigen, verlangsamten Sequenzen noch als Kniff von Regissur Nicolas Winding Refn verstehen, um die Action- und Gewaltszenen in ihrer Durchschlagskraft zu stärken oder auch als simple Stilaussage, so bringt das emotionslose Starren des Hauptdarstellers und seiner Filmnachbarin nichts rüber, was über ein dümmliches Grinsen hinausgeht. Um den geheimnisumgebenen Schweiger darzustellen, braucht es jemanden vom Kaliber eines Clint Eastwood, selbst für Steve McQueen (siehe “Bullitt”) war diese Aufgabe nicht lösbar. Ryan “Guck-in-die-Luft” Gosling ist der größte Schwachpunkt von “Drive”, ich kenne ihn aber nur aus einem weiteren Film (“Half Nelson”), in dem er ähnlich schwach agiert – sollte das ein Muster sein? Cranston wäre als Driver besser besetzt, Perlman wäre als Driver besser besetzt, selbst Christina Hendricks wäre als Driver besser besetzt! Dass ausgerechnet Gosling die Rolle bekam, liegt wohl an der Produktionsgeschichte das Films: Er ersetzte Hugh Jackman, nachdem dieser aus dem Projekt ausstieg und durfte obendrein den Regisseur frei wählen.
Die Gewaltdarstellung im Film ist laut und übertrieben und stört wie ein Senffleck auf der neuen Polstergarnitur, vor allem, weil man sich an krasser Gewalt versucht, dann aber wieder so schnell schneidet, dass es ein sinnloses Unterfangen ist. Entweder ich exploite die Gewalt inklusive Zooms und längeren Einstellungen oder ich überlege mir, ob das meinem Film überhaupt gut tut. “Drive” tun die brutal-blutigen Szenen nicht gut. Hätte man den Film aus der Eingangssequenz weiterentwickelt und vielleicht noch einige ausgeklügelte Heist-Fahrten mehr eingebaut und dafür Liebesgeschichte und Gewalt zurückgeschnitten, wäre “Drive” ein faszinierender Film. So ist es nur eine stylishe Werbung, ein knapp 100-minütiger Trailer für alles, was man am 80er-Kino lieben kann. 7,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 29.01.2013)
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