Kika

Kika

(Regie: Pedro Almodóvar – Frankreich/Spanien, 1993)

Die narbengesichtige Reality-TV-Moderatorin Andrea Caracortada ist ständig auf der Jagd nach grausamen Alltagssensationen. Die verführerisch-naive Kika ist Kosmetikerin und weckt durch ihre Behandlung Ramón von den Toten auf. Die beiden verlieben sich, obwohl sie sich eigentlich nicht verstehen. Kika schläft aber auch mit Ramóns Stiefvater, und zwischendurch wird sie von einem Pornostar vergewaltigt. Um sie herum öffnet sich ein Abgrund aus Perversion, Mord und Eifersucht – und Caracortada ist mit ihrer Kamera stets zur Stelle…

“Kika” war meine erste Begegnung mit den Filmen Pedro Almodóvars. Wie vielen anderen Zuschauern, war mir die grelle Farbgebung zu Beginn erstmal suspekt, da es für mich (auf den ersten Blick) so aussah, dass sie den Film unnötig trashig und billig wirken lässt. Hat man sich darauf eingelassen, merkt man, dass dies weniger durcheinander und planlos ist, als man zunächst vermutete, wenn etwa die Bettwäsche während der Vergewaltigung und Kleid und Knebel der Haushälterin (zwei Frauen, die man gegen ihren Willen zur “Kooperation” zwingt) ein sehr ähnliches rot-weißes Muster zeigen.
Almodóvar beginnt seine Groteske/Farce in hohem Tempo und kommentiert über den Film verteilt das Verlangen des Publikums nach Sex und Gewalt in Literatur, Kino und Fernsehen. Erstaunlicherweise hält er das wohl für ein Pulp-Phänomen, denn hier treten nur vernarbte Reality-TV-Moderatorinnen auf oder üble Groschen- und Kolportageromanschreiber – die sogenannte “Hochkultur” wird komplett ausgespart.
Diese Szenen der Kritik machen aber einen Heidenspaß, etwa wenn der Pornodarsteller und Serienvergewaltiger vor der Polizei (die ihre Arbeit so macht, wie sie sie aus dem Fernsehen kennt) über den Balkon flieht, dabei unbedingt noch einen vierten Orgasmus erreichen will und der sensationsgeilen TV-Moderatorin, die früher Psychologin war, ins Gesicht wichst. Damit hat Almodóvar seinen Standpunkt unumstößlich klargemacht, abgesehen davon, dass die Beziehung von Gewalttätern und Boulevardjournalisten eine treffende Darstellung erfährt.
Die teilweise sehr abgefahrenen Kostüme (z.B. der Kamera-Suit) wurden in Zusammenarbeit von J.P. Gaultier und Gianni Versace entworfen, während des Films bekommt man Musik von Kurt Weill und Bernard Hermann zu hören (einen Auszug aus “Psycho”), nicht nur zur musikalischen Untermalung der Szene, sondern auch als festen Bezug im Plot.
Im dritten Viertel von “Kika” scheint dem Regisseur etwas die Puste ausgegangen zu sein, er driftet in gewöhnlichere Thrillergefilde ab, die er mit dem Schluss des Films aber wieder aufwerten kann.
“Kika” ist eine bunte, laute und überdrehte Farce, die sich mit der Darstellung von Sex und Gewalt in der Unterhaltung beschäftigt und dabei das Kunststück schafft, selbst ein Teil des Pulp-Zirkels zu werden. Sie hat mich auf weitere Filme von Pedro Almodóvar neugierig gemacht. 7,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 04.02.2013)
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