Possession

Possession

(Regie: Andrzej Zulawski – Deutschland/Frankreich, 1981)

Mark und Anna haben sich nichts mehr zu sagen. Nach einem Auslandsaufenthalt von Mark hat sich das junge Paar voneinander entfremdet. Während Anna die Trennung mit erstaunlicher Kühle hinnimmt, kann Mark die emotionale Kälte und Ungewissheit über die Ursache von Annas Verhalten nicht ertragen und lässt seine Frau von einem Privatdetektiv beschatten. Der entdeckt ihr Geheimnis – zwei sehr unterschiedliche Liebhaber – und bezahlt dies mit dem Leben…

Es wird kolportiert, dass der polnische Regisseur Andrzej Zulawski seinem Produzenten auf dessen Frage, worum es sich bei seinem neuen Projekt handele, antwortete: “It’s about a woman fucking an octopus!”
“Possession” ist aber weit mehr als das. Weit mehr als die glibberige Kreatur, die der vor einigen Monaten Verstorbene Carlo Rambaldi “(“E.T.”, “Alien”, “Profondo Rosso”) im Halbdunkeln entstehen lässt und auch eine antropomorphe Manifestation verschiedener Sehnsüchte und Ängste von Anna (Isabelle Adjani) ist. Ihr Kleinod, dem sie so verfällt, dass sie das Monströse gegen jede Einmischung von außen verteidigt. Anna spricht von Glaube.
Und so wie “Possession” die Veränderung und die Vernichtung von Persönlichkeiten im Laufe einer Trennung/einer Scheidung (Zulawski hatte zu diesem Zeitpunkt selbst eine zerbrochene Liebesbeziehung hinter sich) zeigt, beschreibt er auch die Verwerfungen, die durch Religion entstehen können.
Die oft in Blautönen gehaltenen Bilder verstärken die kühle und morbide Atmosphäre, die das geteilte Berlin Anfang der 80er ausmachte; als Popmusikfan schießen einem unweigerlich Assoziationen zu David Bowie und Iggy Pop durch den Kopf. Die ständig eingefangenen Bilder der Mauer, der deutsch-deutschen Grenze, beweisen, dass West-Berlin nicht nur ein hässlicher Moloch, sondern eine belagerte Stadt im Kriegszustand ist.
Dorthin hat es Mark (Sam Neill) verschlagen, der einer zwielichtigen Tätigkeit im Agentenbusiness nachzugehen scheint, aber auch einen Sohn mit Anna und gewaltige Beziehungsprobleme hat. Er ist selten zuhause und seine Frau betrügt ihn schon über eine lange Zeit. Zulawski setzt die Streitigkeiten des Paares rasant in Szene, er lässt die Kamera tanzen, wirbeln und kreisen bis er den Zuschauer schwindelig gedreht hat, um ihm dann eine schallende Ohrfeige zu verpassen. Derweil glänzen Sam Neill und Isabelle Adjani mit einer theatralischen Darbietung ihres Konfikts, den Zulawski zeitweise bis zur Hysterie eskalieren lässt. Eine der eindrucksvollsten Szenen des Films, vielleicht sogar der Filmgeschichte, ist die (metaphorische) Fehlgeburt von Anna, die mit einem Nervenzusammenbruch beginnt und in blankem Wahnsinn endet.
Dies ist der absolute Höhepunkt eines Films, der an Höhepunkten nicht gerade arm ist, mir fällt sofort die latent homo-erotische Szene mit Heinz Bennent ein, die einem Tanz gleicht, auch hier ist die Kamera von Bruno Nuytten immer in Bewegung und umkreist und belauert die Akteure, vielleicht in der Hoffnung einen massiven Gewaltausbruch einzufangen – der dann auch prompt folgt.
Gewalt ist über weite Teile des Films ein zentrales Thema, es finden sich auch einige blutige Szenen, vielmehr zeigt Zulawski aber die besitzergreifenden Kräfte von Beziehung und Glaube, die die Protagonisten nicht nur verändern, sondern auch mit dem Tode bedrohen. Tiefer als jedes elektrische Fleischermesser schneiden die Dinge, die sich Mark und Anna selbst, sowie den Personen in ihrer Umgebung antun, immer in dem Glauben das Richtige zu tun oder ein Recht auf ihre Handlungen und Worte zu haben.
Worüber ich mir nicht ganz im Klaren bin, ist die Verwandlung des Tentakelmonsters. Für mich sieht es so aus, dass es im Laufe des Films immer menschlichere Züge entwickelt und es zum Schluss sogar Mark ersetzt; es also die aus der Trennung/der Scheidung geborene neue Persönlichkeit ist. Anna tötet, um dieses Wesen zu beschützen und bewahrt die zerstückelten Körper der Opfer in einem Kühlschrank auf. Zuerst dachte ich, dass sie das Monster damit füttert und ihm so hilft eine menschliche Form zu bekommen, ich glaube mittlerweile aber eher, dass die Bedrohung des Außen abgewendet werden musste und Anna eine Möglichkeit brauchte die Leichen verschwinden zu lassen.
Analog zu diesem Vorgang taucht auch in Marks Leben eine “verbesserte” Version von Anna auf; die Lehrerin (auch gespielt von Isabelle Adjani), die sich rührend um den Sohn der beiden Streithähne kümmert.
Tentakel-Mark und Lehrer-Anna finden am Endes des Films (wieder) zusammen, nur getrennt durch eine Tür, in einem Weltuntergangsszenario, das durch die Tonkulisse den dritten Weltkrieg in Berlin andeutet. Schweres bevorstehendes Unheil fürchtet auch der Sohn von Mark und Anna, der entsetzt in die Badewanne stürzt und dort versucht so lange unter Wasser zu bleiben, bis das Grauen abgewendet ist.
Das furchteinflößende Ende ist der Paukenschlag, der eine hysterische Symphonie des Horrors beendet. Ich habe mich schon lange nicht mehr so gegruselt und teilweise auch unwohl gefühlt wie während “Possession”. Dazu kommen die stilvolle und nicht nur visuell einfallsreiche Umsetzung des Themas, die großartigen Leistungen des Ensembles, ein karger, aber passender Soundtrack und eine Menge Dinge, die mich noch eine Weile beschäftigen werden. Ein Film zum Wiedersehen, ein Meisterwerk. 10/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 25.02.2013)
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