Workingman’s Death

Workingman’s Death

(Regie: Michael Glawogger – Deutschland/Österreich, 2005)

Regisseur Michael Glawogger zeigt in seinem Film “5 Bilder zur Arbeit im 21. Jahrhundert”: Er begleitet illegale Arbeiter in stillgelegten ukrainischen Kohleminen, die, um sich zu ernähren, unter schwersten Bedingungen dort noch tätig sind, desweiteren reist er mit seiner Kamera nach Indonesien, um dort die schwere körperliche Arbeit der Schwefelträger zu dokumentieren. Die drei letzten Kapitel schließlich führen den Zuschauer nach Afrika, Pakistan und China.

Bevor unsere Reise rund um die Welt beginnt und Michael Glawogger extreme Formen des Arbeitslebens zeigt, stellt er seinem brillanten Dokumentarfilm ein Zitat von William Faulkner voran: “Man kann nicht acht Stunden am Tag essen oder trinken. Und auch Liebe machen kann man nicht so lange. Nur arbeiten kann man acht Stunden lang – daher rührt es, dass der Mensch sich und andere so unglücklich und verzweifelt macht.”
Damit ist der Grundtenor gegeben, der auch während der 120 Minuten immer wieder aufgegriffen wird: Arbeit erfüllt nicht, Arbeit stumpft ab und macht unzufrieden. Nur todesmutige Verzweiflung und der Glaube an einen gnädigen Gott halten die Arbeiterschaft über Wasser.
Beginnend mit Bildern der Stachanow-Bewegung, die alter Sowjet-Propaganda entnommen sind, blicken wir auf ukrainische Habenichtse, die mit dem gefährlichen, illegalen Abbau von Kohle ihren Lebensunterhalt verdienen. Die Stachanow-Legende ist für sie nicht mehr als ein Märchen, ihr Antrieb zur Arbeit ist der pure Kampf ums Überleben, keine Übererfüllung des Plans, keine Ehre und kein Ruhm.
Was Glawoggers Film deutlich von denen seiner Kollegen unterscheidet, sind die gut überlegten Einstellungen und die daraus resultierenden fantastischen Bilder. Er verzichtet auf den üblichen, simulierten Handkamera-Realismus und komponiert die “fünf Bilder zur Arbeit” wie einen großen, künstlerischen Kinofilm durch. Viele Spielfilmregisseure würden ihn um seine mit Kameramann Wolfgang Thaler eingefangenen Einstellungen beneiden, wenn nicht gar ihr letztes Hemd für diese geben. Das brachte ihm den Vorwurf ein, er bilde nicht nur die Realität ab, sondern gestalte sie, seine Dokumentation sei nicht unverfälscht. Er verzichtet außerdem bis zum Epilog komplett auf Kommentare aus dem Off und lässt ausschließlich die Arbeiter zu Wort kommen.
Teilweise erkennt man in “Workingman’s Death” Elemente des Horrors und des Surrealen. Oft werde ich an “Eraserhead” erinnert, sei es nun von den Bildern oder den Tönen, die aus dem Arbeitsmoloch dringen. Der surrealistische Abstieg der Schwefelträger aus Indonesien, die zentnerschwere Lasten vom Gipfel der Schwefelberge bis zum Wiegen ins Tal tragen und dabei auf fotografierende Touristen und feixende Schulklassen treffen, sich über Alkohol, Kneipenschlägereien und Prostituierte unterhalten, aber auch Bon Jovi und die Scorpions zum Thema machen, wird unterstützt durch den minimalistischen, aber genialen Score von John Zorn, der das hypnotische Wippen der Schwefeleimer aufnimmt und verarbeitet. Manchmal gleicht es einem bösartigen Tanz, wenn die Arbeiter getrieben durch ihre schwere Last über Trippelpfade durch die felsigen Berge absteigen.
Ein Abstieg in die Hölle folgt kurz darauf. Wir befinden uns in Nigeria auf einem Open-Air-Schlachthof, einem Marktplatz, auf dem Tiere getötet, verwertet und verkauft werden. Für sensiblere Naturen, die das Schlachten ihres Mittagessens dem Schlachter in der Fabrik außer Hör- und Sichtweite überlassen, wird dieser Teil von “Workingman’s Death” eine schwere Prüfung sein. Überall stapeln sich durch einen Kehlenschnitt getötete Tiere, ausblutend, in völliger Agonie. Nebenan brennen Feuer, die dicken, schwarzen Rauch verbreiten, hier wird geröstet. Es gibt verschiedene Arten einer Ziege das Fell über die Ohren zu ziehen. Die Schlachter und Händler waten im Blut, ziehen Rindsköpfe durch den Dreck hinter sich her. Dazu immer Geröchel, Tierlaute und -schreie, wieder Schnitte und spritzendes Blut. Die Kamera bleibt immer in Bewegung, man verliert die Orientierung auf diesem riesigen Gelände, das vollgestopft mit Menschen ist. Hieronymus Bosch hätte diese Höllenfahrt nicht besser malen können.
Geradezu entspannend mutet da der folgende Abschnitt in Pakistan an, wären die Arbeiter einer Schiffswerft, die ausschließlich Schiffe zerlegen, nicht ständig selbst in Lebensgefahr. Ohne Sicherung turnen sie auf riesigen Wracks herum, ausgerüstet mit einem mickrigen Schweißbrenner und zerlegen diese tonnenschweren Ungetüme, diese Kolosse in Einzelteile. Das harte Los der Werftarbeiter gerät aber leicht in den Hintergrund, denn man ist fasziniert von der Demontage, die (allerdings nur für den Zuschauer) schon fast etwas Meditatives hat. Wieder kann man nur über die perfekte Einheit der Musik von John Zorn und der spektakulären Bildern staunen.
In China keimt dann erstmal so etwas wie Hoffnung auf. Die Arbeiter sprechen von technischem Fortschritt und verbesserten Arbeitsbedingungen. Sie wollen trotzdem die Maschinen der Vergangenheit bewahren, um der Welt jederzeit vorführen zu können, was sie in den letzten 50 Jahren geleistet haben, wie sie ihr Land voranbrachten.
“Workingman’s Death” schließt mit einem Epilog, der Kinder und Jugendliche zeigt, die ihre Freizeit im Landschaftspark Duisburg-Nord verbringen, einem ehemaligen Hüttenwerk in Duisburg-Meiderich. Vor wenigen Jahrzehnten ging es hier noch ähnlich zur Sache wie im heutigen China. Wird die Globalisierung andere Regionen auch auf das heutige Niveau in Mitteleuropa bringen?
Über diesen Fragen schwillt die bisher eher zurückhaltende Musik von John Zorn an und besetzt prominent den Abspann, der noch zusätzliches Material aus den zuvor besuchten Orten bereithält. Unbedingt anschauen! 9/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 20.03.2013)
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