Confessions – Kokuhaku

Confessions – Kokuhaku

(Regie: Tetsuya Nakashima – Japan, 2010)

Der letzte Schultag vor Beginn der Frühlingsferien. Yûko Moriguchi (Takako Matsu), Klassenleiterin der 7B, erklärt ihren Schülern, wie wichtig das in der Milch enthaltene Kalzium für das Wachstum ist, spricht von konfiszierten Pornos, bei denen die Verpixelung fachmännisch entfernt wurde und davon, dass sie nach Ablauf des Monats nicht mehr als Lehrerin arbeiten wird. Die Aufmerksamkeit der Klasse hält sich in Grenzen, bis sie ganz beiläufig vom Tod ihrer kleinen Tochter Manami (Mana Ashida) erzählt. Laut Polizei ist diese kürzlich bei einem Unfall gestorben, doch Yûko weiß es besser. Ihre Tochter wurde ermordet – von Schülern, die sich gegenwärtig im Klassenraum befinden. Da Kinder unter 14 Jahren für derartige Verbrechen kaum strafrechtlich belangt werden können, sieht sie sich in der Pflicht, selbst für eine angemessene Strafe zu sorgen: In die inzwischen leergetrunkenen Milchtüten der Täter hatte sie HIV-infiziertes Blut gespritzt. Der Anfang eines perfiden Racheplans, der die Mörder ihrer Tochter lehren soll, den Wert des Lebens zu schätzen…

Freuen wir uns für das tote kleine Mädchen, das dort im Swimmingpool treibt. Freuen wir uns über ihren frühen und gnädigen Tod. Freuen wir uns, denn ausnahmlos alle Menschen in Tetsuya Nakashimas “Kokuhaku” sind hundsgemeine, niederträchtige und egozentrische Empathiekrüppel, deren Rachsucht nur noch von ihrer Mitleidslosigkeit übertroffen wird. Das kleine Mädchen hätte auf die gleiche Art und Weise enden können. Sie wäre auch ein von Hass und Kälte deformiertes Wesen geworden, unfähig irgendetwas außer dem eigenen Schmerz zu fühlen und gelten zu lassen. Die Unbarmherzigkeit ihrer Umgebung hat ihr diesen Prozess erspart. Sie treibt im gräulichen Sonnenlicht friedlich durch den schmutzigen Pool.
Dem ersten Anschein nach ist Manami, das getötete Kind, der Auslöser für den nun folgenden Rachefeldzug einer Mittelstufenlehrerin, in deren Hirn eine gefährliche Brühe brodelt, die so oder so ähnlich auch Marianne Bachmeier vergiftete oder bis heute eine halbwegs konstruktive, öffentliche Diskussion zum Thema Kindesmord unmöglich macht. Etwas Reptilienhaftes versucht hier zu seiner Jahrtausende alten Geltung zurückzukommen. Später im Film erkennt man, dass dies nur ein Teil des Problems ist. In “Kokuhaku” gibt es keine Bindungen, keine Partnerschaft, keine Liebe. Einzig und allein das eigene Dasein ist wichtig und Mittelpunkt aller Betrachtungen des Lebens. Mütter, die durch die permanente Beschäftigung mit sich selbst ihre Kinder abweisen und zerstören. Kinder, die Mitschüler und Lehrer terrorisieren und schikanieren. Keine durchgeknallten Einzelfälle, sondern ein großes Krebsgeschwür, das schon lange und ausgiebig Metastasen streut. Eine Gesellschaft, die den Aufprall längst hinter sich hat, sich aber noch immer im freien Fall wähnt.
Nakashima zeigt diese trostlosen Begebenheiten in Zeitlupe, immer wieder in Zeitlupe, die den Großteil von “Kokuhaku” ausmacht. Er unterlegt die eleganten und sphärischen Bilder mit Musik von Radiohead und Boris und schafft aus dieser Kombination einen teuflischen Mahlstrom von Verhängnis und Untergang, den man aus verschiedenen Perspektiven der Protagonisten stets neu zusammengesetzt und erläutert bekommt. Auch wenn kurz die Sonne durch die Wolken blinzelt, eine Rettung vor der Höllenfahrt ist nicht in Sicht. In “Kokuhaku” sind alle Menschen schlecht, alle Beziehungen und Kommunikationsmöglichkeiten vergiftet.
Inhaltlich wie stilistisch ist Nakashimas sechster Film nahezu perfekt, wäre da nicht der überkonstruierte Racheplan, der den psychologischen und philosophischen Film gerade zum Ende hin in die Nähe eines durchschnittlichen Rache- oder Psychothrillers rückt. Wenn man sich davon nicht stören lässt, erwartet einen einer der beeindruckendsten und hoffnungslosesten Filme der letzten Jahre.
“Kokuhaku” basiert auf einem Buch der Schriftstellerin Kanae Minato, die ihre Inspiration wiederum aus den Kobe child murders und dem Sasebo slashing gewann. Diese zusätzliche Verbindung zur vermeintlichen Realität hätte es gar nicht gebraucht, erkennt man die eigene Umwelt doch oft genug in “Kokuhaku” wieder. 9/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 12.04.2013)
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