Der Leichenverbrenner

Der Leichenverbrenner

(Regie: Juraj Herz – Tschechoslowakei, 1968)

Prag, Ende der 1930er: Karl Kopfrkingl führt ein perfektes Leben: Alles darin ist sauber und hat seinen Platz. Er liebt die Arbeit so innig wie seine Familie, kümmert sich um seine Frau und die beiden Kinder genauso rührend wie um die Toten, die er täglich einäschert. Dank seiner buddhistischen Überzeugung, dass die Verbrennung das irdische Leid verkürzt, geht er seiner Arbeit denn auch mit Begeisterung nach. Die Rechnung dabei ist simpel: während ein Leichnam im Sarg jahrelang verrottet, dauert eine Einäscherung nur 75 Minuten – sozusagen das Expressticket ins Himmelreich. Bislang leistete er zufrieden im kleinen Rahmen seinen Beitrag. Doch als ihm ein alter Freund von einer Partei erzählt, die gerade in Deutschland große Erfolge feiert, stellt sich für ihn plötzlich die Frage, ob er wirklich schon genug Erlösungsarbeit leistet…

Die Karriere von Regisseur Juraj Herz lief nie so, wie sie bei seinem Talent eigentlich hätte laufen müssen. Von den Kollegen der Tschechischen Neuen Welle geschnitten, von Staat und Zensur verfolgt und von Steven Spielberg plagiiert, gab es trotzdem einen großen Lichtblick im Laufe seines künstlerischen Schaffens: “Spalovac mrtvol” (Originaltitel), den er 1968 völlig nach seinen eigenen Vorstellungen drehen konnte. Jeder Fehler, den man dort finden könne, sei einzig und allein auf ihn selbst zurückzuführen, da man ihm freie Hand ließ, betont er stets in Interviews.
Die Darstellung der Lebens- und Gedankenwelt eines Kleinbürgers, der zunehmend einer menschenverachtenden Ideologie verfällt, dies aber immer wieder vor sich rechtfertigt und schönredet, da er einen eigenen Vorteil daraus zieht, wird nicht nur hervorragend von Rudolf Hrusínský (in der Rolle des Karl Kopfrkingl) gespielt, sondern spiegelt sich auch in den ungewöhnlichen Bildern wider, die vom deutschen Expressionismus inspiriert erscheinen. Kontrastreiche, verfremdete Schwarz-Weiß-Bilder, oft surrealistisch gefärbt und aus ungewöhnlichen Perspektiven und Winkeln aufgenommen, ziehen sich durch “Der Leichenverbrenner”. Der Schnitt trägt dazu bei, dass der Zuschauer sich im “stream of consciousness” von Kopfrkingl wiederfindet, aus dessen Sicht und Erleben so gut wie alle Ereignisse des Films dargestellt werden. Dass Kopfrkingl nicht ganz richtig im Kopf ist, merkt man immer wieder durch Zwischenschnitte und Rückblenden, die Vorausgegangenes mit Neuem in Verbindung bringen.
“Der Leichenverbrenner” wird bestimmt durch eine gespenstische, verstörende Atmosphäre, von der Filmmusik getragen und forciert, kann sich aber auch auf einen schwarzen, brutalen Humor verlassen, der jedoch nicht zur Auflösung der Anspannung führt, die man im gesamten Film spürt.
Gespannt verfolgt man die Exkurse Kopfrkingls, der sich seine Lebensphilosophie immer wieder vorsagt, vielleicht um sich zu vergewissern, dass er überhaupt eine besitzt, viel eher aber, um diese der neuen Situation entsprechend anzupassen. Dabei greift er immer wieder auf sein Wissen über den Buddhismus zurück, das er aus einem einzigen Buch bezieht.
Juraj Herz spielt im Film auf die Nazis und den Holocaust an, sie werden aber nie explizit benannt. Ebenso könnte man Kopfrkingls Verhalten, dass er die Menschheit “erlösen” will, dass er Familie, Freunde und Bekannte verrät, um einer “hehren” Sache zu dienen, auf den Kommunismus beziehen. Nach dem kurzen Prager Frühling fiel die Endphase der Produktion von “Der Leichenverbrenner” schon mit der Niederschlagung des Aufstandes zusammen. Auch ein alternatives Ende, das gedreht wurde, aber noch vor dem Untergang des Sowjetreiches verschwand, deutet eine solche Richtung an.
“Der Leichenverbrenner” ist ein durch Mark und Bein gehendes psychologisches Horrordrama, das Humor und Härte gekonnt zu einem schaurigen Bewusstseinsmosaik des im Kleinbürgertum wohnenden und keimenden Faschismus verbindet. Meisterwerk. 9,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 10.04.2013)
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