Jesus’ Son – The Funny Life of Fuckhead

Jesus’ Son – The Funny Life of Fuckhead

(Regie: Alison McLean – Kanada/USA, 1999)

1974, irgendwo im Mittleren Westen: Fuckhead (Billy Crudup) ist auf der Suche nach seiner Freundin Michelle (Samantha Morton), die mit einem Typen namens John Smith (Will Patton) durchgebrannt ist. Er steht zugedröhnt im strömenden Regen am Straßenrand und hält den Daumen raus, als tatsächlich ein Wagen anhält. Obwohl Fuckhead es im Gefühl hat, dass dieses Auto, in dem eine ganze Familie sitzt, in einen Unfall verwickelt werden wird, steigt er ein. Und tatsächlich – einige Zeit später passiert ein Unglück…

In “Jesus’ Son – The Funny Life Of Fuckhead” erfahren wir episodenhaft vom ziellosen Leben eines Mittzwanzigers Anfang der 70er Jahre in den USA, das von seinem Drogenkonsum und durch die komplizierte Beziehung zu einem Mädchen namens Michelle bestimmt wird. Er ist einer der Ausgespuckten, einer der Hinterbliebenen des großen Traums vom Aufbruch, von einer neuen Gesellschaft. John Lennon bemerkte 1971 auf einem Konzert: “Flower Power didn’t work. So what?” – “Was soll’s?” denkt sich auch Fuckhead, der seine eigene Geschichte per Voice-Over erzählt, im Duktus eines Drogenkonsumenten: Er holt weit aus, schlägt viele Haken, um sich zu verheddern und wieder neu anzusetzen. Manchmal lauscht man erstaunlich tiefgründigen, drogeninduzierten Weisheiten, die jedoch ebenso schnell von stumpfsinnigem, aber lustigem Schwachsinn abgelöst werden. Humor ist eine der großen Stärken von “Jesus’ Son”, ohne dass dieser die ernste Geschichte des jungen, unbedarften Drifters verraten würde. Es ist ein eigenständiger Humor, der nur in Symbiose mit der speziellen Atmosphäre und der Figur von Fuckhead funktioniert.
Naheliegend wäre eine aufwendige, audiovisuell verzerrte Darstellung des dauerbreiten Lebenswandels gewesen, Regisseurin Alison McLean verlässt sich aber (bis auf kleinere Ausnahmen) vollständig auf Dia- und Monologe, sowie Erzählstruktur und den Inhalt des Geredeten, um den Trip erlebbar zu machen. Die Ereignisse des Drehbuchs schlingern auch mal an der Grenze zum Phantastischen, diese Grenze wird aber nie überschritten, höchstens leicht verschoben, so dass es durchaus sein könnte, dass Fuckheads Roadtrip so oder so ähnlich stattgefunden hat. Geholfen hat sicherlich auch die Riege von talentierten Darstellern, die von Billy Crudup in der Hauptrolle angeführt werden. Selbst ein nervtötender Kasper wie Jack Black hält sich hier auffallend zurück und macht aus seiner Rolle einen liebevollen Auftritt, den man getrost zu den Höhepunkten von “Jesus’ Son” zählen kann. Denis Leary, Holly Hunter und Dennis Hopper sind weitere bekannte Namen, die den Cast bereichern – und es scheint passend Dennis Hopper für einen Film dieser Art zu besetzen, wenn auch nur für eine kleine Szene. Auch diese: ein Highlight (“Talk into my bullet hole, tell me I’m fine.”).
“Jesus’ Son – The Funny Life Of Fuckhead” ist mitreißend, sedierend, einlullend, witzig, stumpf, philosophisch, profan, traurig, lakonisch, phantasievoll, real, anziehend, grotesk, zärtlich und immer mit guter Musik unterlegt. Auf dem Soundtrack geben sich neben Wilco, Bob Dylan und Neil Young mit Crazy Horse auch die Louvin Brothers und ihr Hit “Satan Is Real” die Ehre, weiterhin hört man Tracks von Dick Dale, den McCoys, Paul Revere & The Raiders und Booker T. & The MGs – nur “Heroin” (ein Song von Velvet Underground) fehlt, obwohl sich der Film (bzw. die literarische Vorlage von Denis Johnson, eine Kurzgeschichtensammlung) aus diesem seinen Titel leiht.
Fuckhead beginnt zum Schluss seinen Platz in der Welt der (V)erwachsenen zu finden, steht aber noch so mancher Einstellung der Menschen dieses Planeten ratlos gegenüber. Als ein Patient in einem Pflegeheim, in dem er zwischenzeitlich einen Job gefunden hat, die Scheidungspapiere von seiner Frau erhält, einen Nervenzusammenbruch erleidet und sich nicht bemüht seine Gefühle zu verbergen, meint er erstaunt: “He was completely and openly a mess. Meanwhile, the rest of us go on pretending to each other.” Viel wichtiger aber: “All this work is messing with my high.” I can dig this. 8/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 07.06.2013)
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