Lärm & Wut

Lärm & Wut

(Regie: Jean-Claude Brisseau – Frankreich, 1988)

Irgendwo in den sozialschwachen Betonvorstädten von Paris lebt der 13jährige Bruno, ein verträumter Junge mit seiner Mutter, die er fast nie sieht, da sie ständig arbeiten muß. Bruno ist phantasievoll und lebt nicht selten in einer Traumwelt, in der ihm eine in weiß gekleidete Frau erscheint. In der Schule freundet sich Bruno mit dem wilden Jean-Roger an, einem Jungen aus zerrüttetem Haus, der machen kann, was er will. Als eine halb entmutigte Lehrerin dem talentierten Bruno Extrastunden geben will, kommt es durch den eifersüchtigen Jean-Roger zu einer Katastrophe…

Nicolas Sarkozy, Ehemann von Carla Bruni von eher schlichtem Gemüt und kleiner Gestalt, bezeichnete die jugendlichen Bewohner der Pariser Vorstädte als “bande de racailles”, also als Pack und Gesindel, während die gleichgültige Politik der bürgerlichen Mitte dieser gerade um die Ohren flog. Crack wurde ebenfalls erst dann zum Problem, als dessen Auswirkungen die weiße Mittelschicht betrafen.
Dabei gab es genügend Vorwarnungen: Etwa zehn Jahre zuvor “La Haine” von Matthieu Kassovitz, der mit echten Bildern der Krawalle startete, die durch die Hinrichtung eines dunkelhäutigen Einwohners der Banlieue in einem Polizeirevier ausgelöst wurden.
Noch einmal sieben Jahre zuvor setzte Regisseur Jean-Claude Brisseau seine Erfahrungen als Lehrer in sozialen Brennpunkten im Film “De bruit et de fureur” (Originaltitel) um. Wegen der ungeschönten und offensiven Darstellung der Gewalt in den Vierteln, musste er sich viel Kritik gefallen lassen, in Interviews betont er aber, dass er eher “untertrieben als übertrieben” habe.
Im Gegensatz zu amerikanischen Milieufilmen wie “Boyz N Tha Hood” oder “Menace II Society” ist die Banlieue bei Brisseau kein mythisch überhöhter Ort, in dem Dreck und Sterben immer auch Glamour haben und fast erstrebenswert wirken. Er lässt die Kamera lieber das Viertel sezieren und zeigt die riesigen Blocks, die von künstlich erschaffenen Inseln des Grüns umgeben sind, wie einen monolithischen, außerirdischen Fremdkörper, der die von der Stadt Ausgespuckten auffängt und einsaugt, ihnen die Flucht verwehrt wie in einem Gefängnis. Der Charme des Kasernenhofs aus dem Kopf des Architekten in Beton gegossen.
Es wird auch deutlich, dass die in der Banlieue lebenden Menschen weder Pack noch Gesindel sind, sondern die von der herrschenden Klasse ausgenutzten, verletzten und dann weggeworfenen Untertanen, die sich keinen Illusionen über das Leben und schon gar nicht der bürgerlichen Heuchelei hingeben.
Die Hauptfigur Bruno ist ein gutes Beispiel, wie sich eine trostlose Umgebung auf den Menschen auswirkt. Er ist eigentlich ein sanfter, verträumter und recht intelligenter Junge, der Spaß an Literatur und Kunst hat. Durch die ständige Abwesenheit der Mutter und die rauhen Sitten im Block, den fehlenden Halt ohne eine grobe Orientierung, rutscht er in die bösen Streiche und Gebräuche seiner Umgebung, die wenig später für seinen Klassenkameraden Jean-Roger in einer Jugendgang enden.
Immer wieder taucht in den fantastischen Sequenzen von “Lärm & Wut” eine engelähnliche Gestalt auf, die sowohl einem pubertären Bedürfnis Ausdruck verleihen kann, als auch eine Projektion der abwesenden Mutter darstellt. Diese schwarzhaarige Frau in Begleitung eines großen Greifvogels bedingt auch Brunos Entscheidung zum Schluss des Films.
Die Darsteller sind gut ausgewählt, die Bilder von “Lärm & Wut” wirken lange nach, außerdem zeigt Jean-Claude Brisseau eine wunderbare filmische Umsetzung des Elternspruchs “Wenn dieser oder jener aus dem Fenster springt, springst du dann auch?”.
Das Ende liegt schwer im Magen, erzählt jedoch auch von Erlösung und einem kleinen Hoffnungsschimmer, dass nicht jeder Platz, der von Menschen bevölkert wird, ein so trostloser wie die Pariser Banlieu Seine-Saint-Denis sein muss. 9/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 02.04.2013)
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