Punishment Park – Strafpark

Punishment Park – Strafpark

(Regie: Peter Watkins – USA, 1971)

Der Film spielt in den (fiktiven) Vereinigten Staaten Anfang der 70er Jahre: Man schreibt die Zeit des Vietnamkrieges, der Hippiebewegung und studentischer Unruhen. Der Präsident verhängt den Ausnahmezustand und erlaubt via Notstandgesetz, Kriegs- und Regimekritiker festzunehmen. In der Wüste Kaliforniens begleitet eine Filmcrew die verurteilten Dissidenten der Strafgruppe 637, die sich statt einer Haftstrafe für einen 3-tägigen Aufenthalt im Bear Mountain Strafpark entschieden haben, wo sie nun in einem tödlichen Katz-und-Maus-Spiel um ihre Freiheit kämpfen. Am Rande des Strafparks steht ein großes Militärzelt, in dem parallel dazu bereits die Angeklagten der nachfolgenden Strafgruppe 638 von einem Sondergericht verurteilt werden.

In “Punishment Park” bereitet Peter Watkins (“The War Game”) die beunruhigenden sozialen und politischen Zustände Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre in den USA dokumentarisch auf, bezieht sich dabei auch auf reale Vorkommnisse (Chicago Seven Trial, Kent State Massacre), verbindet dies aber mit einem fiktiven Plot, der sich auf ein pervertiertes “capture the flag”-Spiel der US-Regierung stützt, die unbequeme Dissidenten per Schauprozess ohne rechtsstaatliche Grundlage verurteilen und anschließend wegsperren oder liquidieren lassen will. Gleichzeitig nutzt er die Gelegenheit, um Meinungen, Haltungen und Standpunkte von Konservativen wie Progressiven, der Polizei und den Medien aufzuzeigen, darzulegen und gegenüberzustellen.
Die Schauspieler sind größtenteils Laien ohne vorherige Filmerfahrung, die durch Improvisation ihre eigenen Ansichten und Gedanken zu den verschiedenen Themen äußern. Sowohl die angeklagten Dissidenten, als auch die reaktionären Mitglieder des Gerichts bedienen sich ihrer eigenen Erfahrungen. Dabei tritt deutlich zutage, dass der rechte Konservatismus ein völlig ausgehöhlter, abgestorbener, alter, fauler Zahn ist, der sich vor allem durch Ignoranz und Kadavergehorsam ausweist, aber kaum schlagende Argumente bringen kann. Wenn diese selbstgefälligen, verstaubten Nutznießer des Status Quo das Maul aufmachen, zieht und mieft es wie aus einer Gruft. Ihre Antwort ist die Gewalt, ihr Lieblingsspiel und -zeitvertreib der Sadismus, ihre Lieblingsverkleidungen die Moral, die Familie und die Vaterlandsliebe. In Wirklichkeit sitzen hier ein paar alte Männer und Frauen, die ihr zutiefst faschistisches Inneres unter einem bürgerlichen Anstrich verbergen.
Anders die Angeklagten: Sie hoffen auf eine bessere Welt, mit besseren Lebensumständen für alle Menschen. Sie sind wortgewandt, von ihrer Sache überzeugt und voller Eifer bei der Sache. Dem Gericht bleibt nichts anderes übrig, als sie entweder niederzuschreien oder zu knebeln. Was die Angeklagten sagen, ist sowieso unerheblich, hier kommt niemand ohne eine Verurteilung heraus, gilt es doch “Staatsfeinde” mundtot (oder besser ganz tot) zu machen. In Anbetracht der sehr langen Gefängnisstrafen entscheiden sich alle Dissidenten für die Teilnahme am “capture the flag”-Spiel, für den Ausflug in den Strafpark.
Wie dieser abläuft, zeigt uns Peter Watkins schon zu Beginn des Films. Kamerateams aus den USA, Frankreich und Westdeutschland begleiten eine vorher abgeurteilte Gruppe von vermeintlichen Verbrechern, die verschiedene Taktiken entwickeln, um ihren Verfolgern zu entkommen und die rettende Flagge zu erreichen. Manche konzentrieren sich auf den Marsch, andere beschließen gewalttätig zurückzuschlagen und dabei auch Morde an dem völlig gefühlskalten Erfüllungsgesindel von Polizei und Armee in Kauf zu nehmen. “Punishment Park” springt immer wieder zwischen der laufenden Gerichtsverhandlung und der erbarmungslosen Verfolgungsjagd in der Wüste hin und her. Sind die Aussagen des Gerichts schon dümmlich, falsch und beschämend, präsentieren sich Polizei und Armee als uni(n)formierter Haufen Scheiße, der nachplappert, was man ihm vorbetet. Völlig unreflektiert badet der mit gefährlichen Waffen ausgerüstete Abschaum in seinen Vorurteilen, seinem Hass und seiner Brutalität.
Peter Watkins bezieht klar Stellung, an pseudo-diplomatischem Geplauder hat er kein Interesse. Trotzdem stellt er jede Gruppe des Films immer wieder infrage; zuletzt auch die Filmteams, die sich von den Ereignissen gezwungen sehen, ihre (vermeintliche) Objektivität aufzugeben. Schon ein Meta-Kommentar im Film über den Film: Ist er weniger dokumentarisch, weil er Fiktives einbaut? Sind nicht auch die Abendnachrichten ein geformtes, von Weltanschauungen beeinflusstes Abbild von Staat und Gesellschaft?
Wie man merkt, ist “Punishment Park” auch eine gewisse manipulative Art nicht abzusprechen, führt er doch bei jedem, der kein völlig verschissener Nazi ist, zu erhöhtem Blutdruck, wenn nicht gar zu Gefühlsausbrüchen. Ein aufwühlender, ein aufrührerischer und mit den Verbrechen in Guantanamo Bay oder Abu Ghuraib auch aktueller Film. Nicht umsonst fand er lange keinen Vertrieb, lief dann nur vier Tage im Kino und wurde noch nie im US-amerikanischen Fernsehen gesendet. Peter Watkins hat sich auf die richtige Seite gestellt. Meisterwerk. 9,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 14.06.2013)
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