Tagebuch einer Kammerzofe

Tagebuch einer Kammerzofe

(Regie: Luis Buñuel – Frankreich/Italien, 1964)

Celestine (Jeanne Moreau) tritt aus Paris kommend ihre neue Stelle als Kammerzofe im Hause Monteuil an. Schon die unfreundliche Begrüßung des wortkargen Joseph (George Géret), der sie am Bahnhof abholt, deutet auf eine nicht ganz einfache Anstellung hin.
Madame Monteuil stellt sich als leicht verbitterte Dame des Hauses heraus, die ihre sexuellen Probleme am liebsten mit dem katholischen Pfarrer teilt. Ihr Mann (Michel Piccoli) hat aus Notgeilheit schon die letzte Kammerzofe geschwängert, was seine Frau vor allem wegen der Alimente ärgert. Und Madames Vater nutzt Celestines elegante Pariser Erscheinung, um seinem Schuh-Fetischismus zu fröhnen.
Doch auch die Dienstboten führen ein Eigenleben. So ist Joseph nicht nur ein unsympathischer Zeitgenosse, sondern noch ein rechtsradikaler Aktivist, der zusammen mit seinen Kameraden Hetzschriften gegen Juden und Bolschewisten verfasst. Eine solche Umgebung erfordert schon eine gewisse Anpassungsfähigkeit, aber Celestine zeigt sich der Situation durchaus gewachsen…

Luis Buñuel wird, wenn überhaupt, in der breiten Öffentlichkeit immer der Mann bleiben, der 1929 einen Augapfel mit einem Rasiermesser zum Platzen brachte; der graphischste Moment aus “Ein andalusischer Hund” wird stets wieder bemüht, wenn es um Provokation oder Gewaltdarstellung im Film geht.
In “Tagebuch einer Kammerzofe” lässt er surrealistische Einstellungen und Spielereien außen vor, dafür beschäftigt er sich ausgiebig mit seinen übrigen Kernthemen: Einmal mit der degenerierten Bourgeoisie und ihren Lakaien (dem Brutplatz des Faschismus in jeglicher Ausformung), der bigotten, heuchlerischen und zerstörerischen (katholischen) Kirche, sowie männlichen Obsessionen, deren Ziel immer Frauen sind.
Wie in vielen anderen Filmen Buñuels, steht eine Frau im Mittelpunkt der Ereignisse, die aber vor allem damit beschäftigt ist, sich der Unverschämtheiten der (meist bürgerlichen) Männer zu erwehren. So ist Celestine gar nicht so sehr ein Charakter für sich, sondern vor allem eine Projektionsfläche, die die Sehnsüchte und Gedanken der anderen Personen aufnimmt bzw. widerspiegelt.
Buñuel setzt dies in nüchternen, klaren s/w-Bildern um und konzentriert sich auf Dia- und Monologe, welche die wahren Menschen unter ihren Fassaden zeigen sollen. Leider gereicht das “Tagebuch einer Kammerzofe” etwas zum Nachteil, denn wenn sich in den ersten drei Vierteln des Films alle Personen offenbart haben, bringt das Finale nur noch das Offensichtliche, das zu Erwartende zum Ausdruck.
Vorher darf man aber dem dümmlichen Dünkel der Bürgerlichen lauschen, denen es vor allem ums Haben, anstatt ums Sein geht; genauso wie man erfährt, dass einen die gesellschaftliche Stellung, sowie Liebe zu Vaterland, Kirche und Militär vor der Strafverfolgung durch die geblendete Justiz und Polizei schützen kann. Wenn man ein anständiger, hart arbeitender und gedienter Vaterlandsgeselle ist, wer wird einem da schon eine Straftat zutrauen?
Der besondere Reiz an “Tagebuch einer Kammerzofe” sind dann auch die Szenen, in denen sich die Charaktere selbst entblättern, in denen Judenhass, Nationalismus oder Klassismus offensichtlich auf den Plan treten. So gefährlich Bürgerliche, Antisemiten und Rassisten auch sein mögen: Sie können nicht die Idiotie ihrer Reden und Bemühungen verstecken, so sehr sie sich auch anstrengen. Clowns, Cretins, Holz- und Dummköpfe. Wenn auch furchtbare. 7,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 02.07.2013)
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