The Virgin Suicides

The Virgin Suicides

(Regie: Sofia Coppola – USA, 1999)

Die fünf Töchter der Familie Lisbons haben alles andere, als ein normales Leben. Von ihren hochreligiösen Eltern werden Sie von der Umwelt isoliert aufgezogen. Und der Selbstmord der jüngsten Tochter macht alles nur noch schlimmer. Trotzdem gelingt es dem Casanova Trip (Josh Hartnett), Lux (Kirsten Dunst), die zweitjüngste der fünf Mädchen, zum Abschlussball einzuladen. Doch dieses Ereignis nimmt einen unerwarteten Verlauf, welches die Familie für immer zerstört.

Es gibt Gegenden, da möchte man nicht tot überm Gartenzaun hängen. Die amerikanische Vorstadt, Suburbia, der Hort des heuchlerischen Spießertums, ein Biotop des Bürgerlichen, ist solch eine Gegend. Und natürlich entführt uns Sofia Coppola an diesen Platz. Aber zu welchem Zweck? Was will sie uns zeigen, das wir nicht schon längst geahnt hätten? Der ebenfalls 1999 entstandene Film “American Beauty” hatte eine selbstgefällige Bevölkerung dieses Gutbürgersumpfes gezeigt, die damit beschäftigt war, sich gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen. Da braucht es keinen messerschwingenden Maskenmann mit übernatürlichen Kräften wie in John Carpenters “Halloween”, der den Terror in den gepflegten Vorgärten aussät. Der hundsgemeine Mittelstand und dessen Sprösslinge sind furchteinflößender und gnadenloser, als es jeder als Naturgewalt inszenierte Schlitzer jemals sein kann.
Sofia Coppola verhandelt dieses Thema nun erneut in “The Virgin Suicides”, wenn auch weitaus kühler, distanzierter und emotionsloser. Keine der Figuren bietet eine Tür zum Geschehen, einen Einstieg für den Zuschauer. Man guckt immer auf die platte 2D-Welt der Vorstädte und ihre völlig egalen Bewohner, die ihrem tristen Alltag nachgehen. Da mag es verlockend sein, 08/15-Mimen wie Josh Hartnett oder Kirsten Dunst zu besetzen, es tut aber selbst diesen eindimensionalen Charakteren der bürgerlichen Mitte nicht gut, wenn das geschieht. James Woods und Kathleen Turner beweisen das im selben Film, als strenges, den Regeln des Spießerspiels gehorchendes Ehepaar.
Immerhin gelingt der Regisseurin eine weichgezeichnete, melancholische Bilderwelt, die treffend vom Score der Gruppe AIR untermalt, sowie in einigen Szenen durch schmalzigen 70er Pop unterstützt wird. Selbst dadurch entsteht Distanz. “The Virgin Suicides” geht nie dorthin, wo es wehtut, es bleibt bei einer oberflächlichen Betrachtungsweise, die den Bezug des Zuschauers zu den Personen blockiert. Die Selbstmorde der Mädchen, die Annäherungsversuche der Jungen sind nahezu so unbedeutend wie das sonstige Leben in Suburbia. Und wenn die Stimme aus dem Off immer wieder aufs Neue beteuert, dass man noch Jahre später damit beschäftigt war, die Vorgänge zu einem stimmigen Bild zusammenzupuzzlen, glaubt man ihr das nicht wirklich. Warum sollte ausgerechnet dieser Mensch die große Ausnahme im Pool der Heuchler und Versteckspieler sein? Er wird die Mädchen nach und nach genau so vergessen haben, wie alle anderen auch. Schließlich gibt es wichtigere Dinge im Leben: Beruf, Familie, Altersvorsorge. Laut Ulrike Meinhof ist “Selbstmord der letzte Akt der Rebellion”. In “The Virgin Suicides” ist es eine Rebellion, die folgenlos bleibt. Das gleichförmige Leben der Vorstädter: Eine Endlosschleife, in das verblassende und milde Licht der Erinnerung getaucht. 6,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 10.06.2013)
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