Antichrist

Antichrist

(Regie: Lars von Trier – Deutschland/Dänemark/Frankreich/Italien/Polen/Schweden, 2009)

Ein trauerndes Paar zieht sich in ihre einsame Hütte “Eden” in den Wäldern zurück. Sie kämpft nach dem Tod des kleinen Sohnes mit Trauer und Schuldgefühlen, die in ihr eine Depression hervorrufen. Er ist Psychiater und will sie dort im Wald, vor dem sie sich so sehr fürchtet, therapieren. Doch er muss bald erkennen, dass sehr viel mehr hinter dem Verhalten seiner Frau steckt, und beide stürzen in der Abgeschiedenheit der Hütte in eine Spirale aus Sex und Gewalt.

Im Wald versammeln sich Dinge, die sich den Blicken von eindimensionalen Menschen, die ihren Zustand selbst als “rational” bezeichnen würden, oft entziehen. Er ist der Schauplatz von Märchen und Fabeln, die Heimat von Monstern und Zauberwesen, dient als Versteck (für Beute, Leichen und Geheimnisse), als Zufluchtsort und kann ebenso beruhigend wie unheimlich wirken.
Ob nun beim Pilze-Picknick im schönsten Sonnenschein auf einer Lichtung oder beim hektischen Durchqueren eines Waldstückes nach Einbruch der Dunkelheit, der Wald setzt tiefliegende Gefühle in uns frei. Der romantische Dichter Joseph von Eichendorff nennt ihn sogar einen “Hallraum der Seele”.
Lars von Trier steckt uns wie ein junges Kätzchen, das ertränkt werden soll, in einen Sack und schleift uns in den Wald, den er sich während seiner Depression herbeifantasiert hatte. Im Film liegt er in den USA, die Location in Wirklichkeit aber im Rhein-Sieg-Kreis in Deutschland und höchstwahrscheinlich ist dieses “Eden” auf gar keiner Karte verzeichnet, sondern ein Ort aus Mythos und Allegorie.
Bevor dies aber passiert, erklärt der Prolog, der in einer hypnotisierenden Melange aus hochstilisiertem Parfum-/Modewerbefilm und eines Albtraums die Vorgeschichte zeigt (unterstützt durch die großartige klassische Musik von Händel), dass hier etwas Grundlegendes nicht stimmt. Man könnte meinen, dass man nur den Kreislauf des Lebens sieht, ein Paar, das kopuliert, ein Kind, das aus dem Fenster stürzt und stirbt. Stattdessen wohnt man einem pervertierten Zeugungsakt bei, der, anstatt neues Leben zu schaffen, mit einem zerschmetterten Kinderkörper auf den schneebedeckten Straßen endet. Für Überraschung kann die explizit gezeigte Penetration sorgen, abseits von Pornographie herrscht im Film immer noch eine erstaunliche Prüderie. Die beiden Hauptdarsteller Willem Dafoe (als “ER”) und Charlotte Gainsbourg (als “SIE”) werden in diesen Nahaufnahmen gebodydoubelt.
Auf dem Weg zur Beerdigung ihres Sohnes, die man aus dem Rückfenster des Leichenwages betrachten kann, bricht SIE zusammen und kommt für mehrere Wochen zur Behandlung in ein Krankenhaus. Dort erfährt SIE, dass sie einem atypischen Trauermuster verfallen ist. ER, ein Therapeut, zweifelt an den Methoden der Ärzte und kritisiert vor allem die hohe Medikamentendosierung. ER möchte seiner Frau helfen, sie selbst therapieren. Etwas, von dem jedem Therapeuten abgeraten wird.
Schließlich setzt ER sich durch und beginnt mit seiner Arbeit in den eigenen vier Wänden. Um Fortschritte zu machen, beschließt man jedoch, bzw. ER drängt SIE dazu, eine Ferienhütte am Rande der Zivilisation in einem Wald aufzusuchen. SIE hatte diese Hütte und den umgebenden Wald als Ort ihrer größten Angst genannt.
Die ersten Bilder von diesem Ort erhält der Zuschauer durch eine Hypnose während einer Zugfahrt. Von diesem Moment an hat “Antichrist” die Ebene der “Realität” verlassen. Nicht nur, dass man alles Folgende als Teil eines Traums oder der Hypnose sehen könnte, ab diesem Augenblick mehren sich auch die surrealen bis verstörenden Bilder.
In beängstigenden und gespenstischen Zeitlupen, die zu schaurigen Gemälden verlaufen, erkundet von Trier den Wald. Für Bruchteile von Sekunden schneidet er verzerrte Fratzen in das grüne Dickicht. Die Natur ist immer noch bezaubernd, aber von einer dunklen, bösen Art. Jedes Geräusch des Waldes zeugt von einer Feindseligkeit, die sich vor allem gegen IHN richtet. Bilder von Tod, Wahnsinn und Infantizid scheinen IHN zu verfolgen: Ein Reh mit einer Totgeburt, ein durch einen Elternteil verschlungener Nestflüchter, ein Fuchs, der sich selbst zerfleischt.
In der Szene mit dem Fuchs entscheidet sich schließlich, auf welcher Seite der Zuschauer steht. Ist er ein blasierter, aufgeklärter und rationaler Mensch, der nichts außer den Naturwissenschaften gelten lässt, oder jemand, dem bewusst ist, dass es weitaus mehr gibt, als wir mit unseren recht trüben Sinnen wahrnehmen können? Das Chaos regiert. Nicht unbedingt eine Aussicht auf Gott, aber immerhin ein System, das dem lächerlichen “1+1=2” der Naturwissenschaft locker die Stirn bietet.
Bis zum Epilog bekämpfen sich nun diese unterschiedlichen Wahrnehmungen der Welt. SIE (als Verkörperung des Chaos und der Natur) fällt immer wieder über IHN (die Aufklärung, die Ratio, die Logik) her und versucht so, ihn dazu zu zwingen, seine arrogante, verkopfte Sicht aufzugeben. Dies geschieht mit voller Körperlichkeit (für Frauen mag es nichts Besonderes sein aus ihrem Geschlechtsteil zu bluten, für Männer stellt sich dieser Vorgang schon anders dar), mit viehischer Sexualität und roher Gewalt.
Kinogänger und Kritiker, die dem Fuchs nicht folgen wollten, sahen hierin Provokation und Skandal, vor allem in der weiblichen Selbstverstümmelung. Ein Mensch, der sich für gebildet und intelligent hält, fühlt sein Wesen schnell durch diese Mixtur beleidigt. Porno und Splatter? Pfui, Teufel!
Zu diesem wird dann auch eine Verbindung gezogen, SIE kommentiert: “Nature is Satan’s church.” Diese Erkenntnis ist schnell nachvollziehbar, wenn man täglich das Chaos erlebt, das einem absolutistisch-diktatorisch herrschendem Schöpfungswesen spottet.
Eine andere Verbindung erscheint mir weniger einleuchtend, nämlich diese zum Gynozid. Der Mann/Frau-Problematik wird in meinen Augen viel zu viel Bedeutung beigemessen, hier geht es eher um den Kampf von Systemen oder Lebenseinstellungen. Die Frau ist nicht der Hort des Bösen und der Mann muss sich nicht von ihr befreien; eher verkörpert SIE das Universum mit all seinen Tücken und ER die Menschheit, die mit ihrer beschränkten Sicht der Dinge, jedem Teil der Welt ihren Willen aufzwingen will, dem sie habhaft werden kann.
Sicher, da sind die hysterischen Anfälle, die Gewaltausbrüche, die wahnsinnig wirkenden Gedankengänge und nicht zuletzt auch Kindesmisshandlung und ein Hinweis darauf, dass der Tod des Kindes gar kein Unfall gewesen sein muss. Dies macht aber das Leben aus, nicht die idealisierte Vorstellung wie sie in SEINEM Kopf herumspuken mag.
Weil ER nicht bereit ist von seiner Sicht der Dinge abzurücken, bringt ER SIE schließlich um. (Auffallend, dass SIE sich aber nicht dagegen wehrt. SIE nimmt den Mord hin.)
Im Epilog greift von Trier wieder die Musik von Händel auf und inszeniert einen magisch wirkenden Schluss, der den Zuschauer nochmal verwirren kann/soll. Trotz der Erhabenheit des Moments, der völlig zufrieden und gelassen wirkt, musste ich direkt an Joe Spinells Ende in “Maniac” denken. “Antichrist” bricht vorher ab, es ist nicht sicher, was passieren wird und ob überhaupt etwas passieren wird. Chaos reigns. 8/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 25.09.2013)
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