Erwartungen und Enttäuschungen

Erwartungen und Enttäuschungen

(Regie: Ken Loach – Großbritannien, 1981)

Im Jahr 1980 bleibt den beiden jungen Männern Mick und Alan in ihrer Heimatstadt Sheffield eigentlich nur die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit und Militär. Während sich Alan für letzteres entscheidet und zum Dienst nach Nordirland geschickt wird, versucht Mick weiter, einen Job zu ergattern. Etwas Licht in Micks Leben bringt die Verkäuferin Karen, mit der er eine Beziehung eingeht. Als Alan auf Heimaturlaub von der Armee schwärmt, kommt Mick ins Grübeln.

33 Jahre nachdem die Handlung von “Looks And Smiles” (Originaltitel) angesetzt war, gab es für viele Briten der Arbeiterklasse einen Grund für Partys auf den Straßen – und das die ganze Nacht: Margaret Thatcher hatte endlich ins Gras gebissen.
Die rücksichtslose und engherzige Drachenlady war vor allem für ihre Einschnitte in der Sozialpolitik, sowie für die Entfesselung der “freien” Märkte bekannt. Zusammen mit Ronald Reagan und Helmut Kohl bildete sie eine unheilige Allianz, deren Auswirkung man noch heute spüren kann.
In Ken Loachs Film schlägt sich Hauptperson Mick aber mit den direkten Problemen seiner Zeit herum, die vor allem aus Arbeitslosigkeit und Geldmangel bestehen. Trotz erweiterten Schulabschlusses, will es ihm nicht gelingen in einem Beruf Fuß zu fassen. Selbst die Tante vom Arbeitsamt muss zugeben, dass sie nicht mehr tun kann, als die Not zu verwalten. Natürlich muss man jede zweite Woche zum Stempeln antreten, sonst wird die Unterstützung gestrichen. Die Bürokratie schikaniert, wo sie kann.
Gleichzeitig macht das Militär in Schulen und auf Informationsveranstaltungen Jagd auf perspektivlose Jugendliche, die sie mit peinlich auf Coolness getrimmten Werbefilmen für die Armee begeistern wollen. Eine Option, wenn man sonst keine Optionen hat. Mick bleibt dieses Schicksal erspart, weil seine Eltern (vor allem sein Vater, der noch Zwangsdienst leisten musste) ihm den Eintritt verweigern. Sein bester Freund Alan jedoch wird Soldat und später dann auch im Nordirlandkonflikt eingesetzt. Brutal muss er gegen die Zivilbevölkerung vorgehen, doch dank der “Gehirnwäsche” durch die Ausbildung in der Armee, sieht er in Katholiken und Iren eine Art Untermenschen, die nichts mit den Engländern gemeinsam haben.
Währenddessen versucht Mick die Zeit totzuschlagen, aber Sheffield ist eine öde, im Niedergang begriffene Industriestadt, die keinen Platz für Heranwachsende hat. Die Lage bessert sich ein wenig, als er eines Abends Karen in der Discothek kennenlernt. Auf den ersten Blick scheint sie das Leben erfolgreicher zu meistern als Mick, später erkennt man aber auch hier die Risse in der Fassade. Die Scheidung ihrer Eltern, der neue Freund ihrer Mutter und die angespannte Arbeitssituation stürzen sie in eine beginnende Depression.
Wie immer beobachtet Ken Loach die Ereignisse aus der Distanz, die Kamera hält sich zurück und gibt den Figuren mehr Platz als gewöhnlich, um sich in den tristen Schwarzweißbildern zu entwickeln. Die Handlung ist fragmentarisch, der Stil schon fast dokumentarisch. Wie auch in “Poor Cow” geht es nicht um das Erzählen einer Geschichte inklusive eines Klimax, sondern um die Darstellung von Lebensweisen und vielleicht -wahrheiten. “Erwartungen und Enttäuschungen” lässt sich mit einem Dokumentarfilm vergleichen, den man in leicht fiktionalisierter Form noch einmal mit Laienschauspielern verfilmte.
Zeitweise etwas dröge, zeigt Loachs Film die Monotonie des Lebens eines Jugendlichen aus der Arbeiterklasse. Trotz vieler Ansätze und Bemühungen, werden die Erwartungen nicht erfüllt und es bleibt größtenteils bei Enttäuschungen: Zum Ende des Films ist keines der Probleme gelöst und Mick steht wieder in der Stempelschlange, sich fragend, ob er doch zum Militär gehen soll. Life is so incredibly dull. 6,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 18.09.2013)
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