Shutter Island

Shutter Island

(Regie: Martin Scorsese – USA, 2010)

1954: US-Marshal Teddy Daniels (Leonardo Di Caprio) und sein neuer Kollege Chuck Aule (Mark Ruffalo) werden mit einem verzwickten Fall betraut. In einer Anstalt für geisteskranke Schwerverbrecher auf der Insel Shutter Island ist eine Frau spurlos aus ihrer Zelle verschwunden. Ein Zettel mit seltsamen Notizen ist der einzige Anhaltspunkt für die Beiden, den Fall zu lösen. Doch das unkooperative Verhalten der Anstaltsleitung um Dr. Cawley (Ben Kingsley) und einige mysteriöse Vorkommnisse regen in Teddy einen furchtbaren Verdacht…

Nach seinem weltweiten, riesigen Erfolg in James Camerons “Titanic” wollte man Leonardo DiCaprio nicht so recht als Schauspieler ernstnehmen, zu sehr warf der effektheischende und platte Film einen Schatten auf das Können des Schauspielers, der immerhin schon Rollen in “Gilbert Grape”, “This Boy’s Life” und “Jim Carroll – In den Straßen von New York” übernommen hatte. Es brauchte einen Regisseur vom Kaliber eines Martin Scorsese, um diesen Schnitzer in seiner Filmographie auszubessern und endlich auch bei der Filmkritik abseits von Yellow Press und Teeniemedien anzukommen.
Seit 2002 und “Gangs of New York” dauert die Zusammenarbeit zwischen Scorsese und seinem neuen Schützling nun an und wird gerade in “The Wolf of Wall Street” fortgesetzt. Natürlich provoziert dies Vergleiche zum ehemaligen Verhältnis De Niro/Scorsese, wenn DiCaprio auch ein ganz anderer Typ Schauspieler ist.
In “Shutter Island” begibt er sich mit Martin Scorsese auf ein Terrain, das dieser bisher eher selten beackerte; diese Mischung aus Mystery- und Psychothriller, Film Noir und Horror schlägt am ehesten noch in die Kerbe von “Kap der Angst”.
Trotzdem bietet das düstere Verwirrstück zum Mitpuzzlen eine andere Herangehensweise, als Scorseses Filme über Einzelgänger aus dem großstädtischen Milieu (“Taxi Driver”, “Wie ein wilder Stier”) oder aus der italo-amerikanischen Welt der Mafia (“Mean Streets”, “Good Fellas”, “Casino”).
“Shutter Island” ist mehr Ratespiel als Film (eine Zweitsichtung ist sicherlich erwünscht, manchmal vielleicht sogar nötig) und so darf der Zuschauer aufmerksam auf Details achten, die er dann in neue Zusammenhänge stellt und mit dem abgleicht, was er für die Realität oder die Halluzinationen Teddys hält. Es gibt gleich mehrere Ebenen zu erkunden, die sich aus Vergangenheit, Gegenwart, Traum und Psychose zusammensetzen. Meist aber leicht zu erkennen, Scorsese inszeniert eben nicht wie David Lynch.
Eine der großen Stärken von “Shutter Island” ist dann auch die Optik. Die Insel wurde stimmungsvoll eingefangen, die Aufnahmen aus Block C sind wahrhaft beklemmend und auch der Sturm, der ein zentrales Motiv des Films ist, kann eine beeindruckende Wucht entwickeln. Schleierhaft ist mir nur, warum ein Multimillionendollarfilm sich keine versierten Special-FX-Leute leisten kann. Der Bluteffekt des sterbenden Nazikommandanten in Dachau wirkt absolut billig (und dafür ist er zu oft und zu prominent im Bild), ähnlich die Blue Screen-Aufnahmen, wenn DiCaprio z.B. an einer Klippe rumturnt.
Man darf bei “Shutter Island” auch ruhig von einem Puzzle sprechen, weil Scorsese sich bei Versatzstücken der Filmgeschichte bedient und sie nicht immer ganz neu, aber tauglich für seinen Plot zusammensetzt. Die 132 Minuten rufen durchgehend Erinnerungen an die Kinogeschichte wach, kein Wunder bei diesen Motiven: Eine abgelegene, mysteriöse Insel. Eine Irrenanstalt für gefährliche Geisteskranke, untergebracht in geschichtsträchtigen Gebäuden. Ärzte mit Nazivergangenheit. Der gebrochene Cop mit dunkler Vorgeschichte. Der große Sturm, das große Unwetter.
Und mittendrin Ben Kingsley und Leonardo DiCaprio, die darum wetteifern, wer die fiesere Ganovenfresse ziehen kann, um den Zuschauer vollends zu verwirren.
“Shutter Island” ist ein Film für Freunde des gepflegten Mindfucks, die Freude daran haben mitzuraten, wie die Geschichte schließlich ausgehen wird und sich im Kino gerne eine Gänsehaut verpassen lassen. Ein solider Film mit einigen tollen Momenten, jedoch lange keine Meisterleistung Scorseses. Unterhaltung im besten Sinne. 7/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 02.09.2013)
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