This Is England ’86

This Is England ’86

(Regie: Shane Meadows – Großbritannien, 2010)

Woody, Lol, Smell, Milky und die anderen sind inzwischen keine Teenager mehr. Aber viel hat sich eigentlich nicht geändert. Es gibt kaum Jobs und auch sonst ist nicht viel los in dem öden Städtchen. Alle sind auf der Suche nach Spaß, Liebe, Geld und einer Zukunft. Woody und Lol wollen eine richtig schräge Hochzeit feiern, was allerdings gründlich daneben geht, und als ihr Dad plötzlich wieder zuhause einzieht, steht die schöne, coole Lol vor einer harten Entscheidung. Denn es gibt etwas in ihrer Vergangenheit, über das sie noch nie gesprochen hat…

Nach dem Kinofilm “This Is England” erzählt Shane Meadows den weiteren Werdegang seiner Figuren in einer vierteiligen TV-Serie, die den hohen Standards des Vorgängers locker gerecht wird.
Vier Jahre später angesiedelt als “This Is England”, merkt man immer noch die Auswirkungen des Falklandkrieges und der menschenverachtenden Sozialpolitik Margaret Thatchers. Während Kriegsgegner Deutschland schon lange prosperiert, liegen die Arbeiterviertel Großbritanniens brach. Man wohnt in heruntergekommenen, dunklen Wohnungen, die mehr als einen neuen Anstrich vertragen könnten. Dennoch haben auch hier die “Segnungen der 80er” Einzug gehalten: Videokassetten und der Commodore 64 sind das neue, heiße Ding, außerdem steht mit der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko eine weitere Möglichkeit an, um die Langeweile und Tristesse in den Arbeitersiedlungen totzuschlagen.
Die Ereignisse beginnen humorvoll und leicht, wenn auch am Anfang direkt eine abgebrochene Hochzeit und der Herzinfarkt eines Mitglieds der Gruppe stehen. Teil 3 und 4 der TV-Miniserie sind bedeutend dramatischer und trauriger.
Das Beeindruckende an der Inszenierung von Shane Meadows und Tom Harper ist aber die Koexistenz von Witz und Dramatik, fein verzahnt und so gestaltet, dass weder das Eine noch das Andere aufgegeben werden muss, um die gewünschte Stimmung vom Fernseher auf den Zuschauer zu übertragen.
Dabei hilft auch der Soundtrack, wenn etwa Shaun zu Beginn des dritten Teils das Kriegsgefallenendenkmal zu den Klängen von “English Rose” von The Jam besucht und dort um seinen Vater trauert. Noch mehrere seiner Freunde werden im Laufe der Handlung einen Elternteil verlieren.
Außerdem kann man in der Serie Songs von den Buzzcocks, Dr. Feelgood, The Style Council und den Housemartins hören. Auch Nena und UB40 tauchen auf, sowie Instrumentales von Ludovico Einaudi.
Ian Brown von den Stone Roses (einer Band, die den Britpop maßgeblich prägte) übernimmt sogar eine kleine Rolle als Polizist und schreitet ein, wenn sich Shaun und seine Freunde mit einer Bande Scooterboys prügeln, die ihn schon länger drangsalieren. Auch diese Schlägerei ist hervorragend inszeniert und lässt die durchgestylte Herangehensweise aus Hollywoodfilmen glücklicherweise vollkommen vermissen. Raufhändel ist von außen betrachtet eine ziemlich lächerliche Sache – und genau das zeigt man hier auch.
Die Themen drehen sich im Grunde wieder um Beziehungen, seien es Liebe, Freundschaft oder Eltern-Kind-Verhältnisse. Gab es zu Teenagerzeiten schon eine Menge Trubel, so ist die Welt in “This Is England ’86” noch eine ganz Spur härter und gefährlicher geworden: Die Anforderungen des Arbeitsmarktes, die Ansprüche von Liebhabern und Familien, Geheimnisse aus der Vergangenheit und das Auseinanderbrechen der Gruppe durch all diese Dinge. “These wedding bells are breaking off that old gang of mine”, wie Gene Vincent schon sang.
Zwischen die dramatischen Vorkommnisse schneiden Meadows und Harper immer wieder authentisches TV-Material zur Fußball-WM, das etwa die Spannungen vor dem Spiel zwischen England und Argentinien aufgreift oder den Musikclip der englischen Nationalmannschaft zeigt, der es an Peinlichkeit durchaus mit dem vier Jahre später entstandenen “Wir sind schon auf dem Brenner” aufnehmen kann. Ein weiterer kleiner Seitenhieb auf Thatchers Politik, wenn man die durchkommerzialisierten Fußballprofis um Lineker den Hobbykickern aus Shauns Clique gegenüberstellt.
Apropos Shaun: War er in “This Is England” noch der Mittelpunkt der Handlung, verschiebt sich hier der Fokus auf Woody und Lil, auch von den anderen Freunden erfährt man vieles, was im Kinofilm ausgespart oder nur angeschnitten wurde.
Ich möchte also jedem, der “This Is England” feierte oder auch nur mochte, dringend ans Herz legen, sich diese Fortsetzung anzuschauen. Ich freue mich schon auf “This Is England ’88” und “This Is England ’90”, der sich zur Zeit noch in der Produktionsphase befindet. Fab! 8,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 09.09.2013)
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