Tokyo Sonata

Tokyo Sonata

(Regie: Kiyoshi Kurosawa – Japan, 2008)

Die Sasakis sind eine ganz gewöhnliche Familie in Tokyo. Vater Ryuhei widmet sich mit Leib und Seele seiner Arbeit als Buchhalter. Seine Frau Megumi hat ihre Arbeit aufgegeben, um den Haushalt zu führen und die beiden Kinder zu betreuen. Der ältere der Buben ist Takashi. Er besucht das College und macht der Mutter das Leben nicht einfach. Der jüngere, Kenji, ist ein sensibler Junge und steckt noch in der Primarschule. Eines schönen Tages verliert der Vater seine Anstellung. Er erzählt seinen Söhnen und der Frau nichts davon, packt weiterhin jeden Morgen seine Aktentasche und macht sich auf den Weg zu seiner nunmehr fiktiven Arbeit. Allmählich tauchen aber Brüche in der vermeintlichen Normalität der Familie Sasaki auf…

Kiyoshi Kurosawa, der sich mit Akira Kurosawa die Leidenschaft für den Film und einen Nachnamen teilt, aber weder mit ihm verwandt, noch verschwägert ist, steht international vor allem für dunkle, intelligente Horrorfilme wie “Pulse”.
In “Tokyo Sonata” zeichnet er das Porträt einer dysfunktionalen Familie, die zwar unter einem Dach lebt, deren Mitglieder ihre Lebenswege aber streng separiert beschreiten und so mit ihrem Scheitern vollkommen auf sich allein gestellt sind.
Die Kommunikation im Hause Sasaki ist gestört. Man redet miteinander, aber man teilt sich nicht mit. Über die üblichen Oberflächlichkeiten kommt man nicht hinaus und dies wird schlimmer als Vater Ryuhei seinen Job verliert und dadurch einen Verlust seiner Autorität fürchtet. Unter großem Aufwand versucht er Frau und Kindern vorzugaukeln, dass er weiter jeden Tag zur Arbeit geht.
Mutter Megumi ist dagegen fast unsichtbar und an die Küche gefesselt. Ihre Kinder und Ryuhei nehmen sie nicht als eigenständige Person war, man spricht mit ihr übers Essen, das heißt man bedankt sich artig, aber desinteressiert, für die Mahlzeiten, um Mutter dann alleine in der Wohnung zurückzulassen.
Auch die Kinder sind größtenteils sich selbst überlassen und versuchen zu entscheiden, was sie wirklich wollen. Aufmerksamkeit gibt es nur in Form von Ermahnungen, die so gut wie immer Schule, Ausbildung oder Job betreffen.
Überhaupt: Arbeit. Kurosawa zeigt die durchrationalisierte Welt der Globalisierung, die ausschließlich Verlierer produziert. Ryuhei ist nicht der einzige Vater, der mithilfe dieses Versteckspiels versucht die Fassade aufrechtzuerhalten. Er trifft einen alten Schulfreund, dem es ähnlich ergangen ist, der aber eine gewisse Professionalität in der Vortäuschung eines Arbeitsplatzes erworben hat. Gemeinsam besuchen sie das Arbeitsamt, beantragen Arbeitslosengeld und holen sich ihr Mittagessen in der Suppenküche.
Dafür stehen sie immer wieder und scheinbar endlos Schlange. Diese begrenzte und von außen bestimmte Bewegung macht die Ohnmächtigkeit der Protagonisten erfahrbar. Sie ist die Hauptbewegungsart in “Tokyo Sonata”, die im späteren Teil des Films von einer anderen (auch eher negativen) Bewegungsform abgelöst wird – der Flucht.
Warten oder flüchten – andere Möglichkeiten scheint dieses Leben nicht zu bieten. Kurioserweise ist es vor allem der Vater, der trotz seiner Geschäftigkeit auf der Stelle tritt und erst spät im Film das Hetzen durch Tokio beginnt. Auslöser: Geld. Die Mutter muss von einem Fremden, einem absoluten Loser, entführt werden, um ihren Willen zum Ausbruch zu aktivieren; während die Kinder aus eigenem Antrieb flüchten. Der eine in einem dummen Jungenstreich durch die Stadt, der andere als US-Söldner in den Nahen Osten.
Zugespitzt hatte sich die Situation als Ryuhei eines Tages vom erweiterten Selbstmord seines ehemaligen Schulfreundes und Partner-In-Unemployment erfuhr.
Das klingt alles furchtbar bitter und deprimierend, aber “Tokyo Sonata” ist kein düsterer Film, er kann den niederschmetternden Ereignissen immer eine leichte, eine humorvolle Seite abgewinnen. Ein hervorragender Zug, da der ansonsten stille Film hiermit eine Lebendigkeit gewinnt, die ihn über zwei Stunden trägt. Wäre hier alles nur düsteres Drama und schmerzende Tragik, ich glaube nicht, dass “Tokyo Sonata” ein so wundervoller, unterhaltsamer Film wäre.
Kurosawasa Bilder sind nüchtern, die Erzählweise manchmal lakonisch, das auf einem Mellotron gespielte Titelthema erfasst die Stimmung des Films überraschend genau. Ob in der rücksichtslosen Konsumwelt der Shopping Malls, in den Personalbüros der Unternehmen (die Arbeitslose mit seltsamen Spielchen quälen) oder einfach am Meer: “Tokyo Sonata” zeigt in aller Nüchternheit poetische Bilder einer Stadt, die man sich als Europäer anders vorstellt. Vielleicht weil andere Filmemacher lieber ein anderes Bild von Tokio zeigen.
Während man also auf das tragische Ende der Familie Sasaki wartet, ob nun in einem großen Knall oder eher leise, steht der schon totgeglaubte Vater aus einem Müll- und Blätterhaufen auf und Kiyoshi Kurosawa präsentiert uns eine Katharsis, die letztendlich in einer Performance von Debussys “Claire de lune” gipfelt, die der Familie alles zurückgibt, was sie mit dem Job des Vaters und ihrem vorherigen Leben verloren hatte: Sinn, Befriedigung, Stolz, gesellschaftliches Ansehen und die Versöhnung der Zukunftswünsche der Kinder mit den Vorstellungen der Eltern. Ein Neubeginn oder nur die Rückkehr an den Anfang der Spirale? 8/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 09.08.2013)
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