Das Gespenst

Das Gespenst

(Regie: Herbert Achternbusch – Deutschland, 1983)

Eine Christusfigur in einem Kloster wird lebendig, steigt vom Kreuz und geht über Wasser. Danach wandert sie zusammen mit einer Äbtyssin, die sich in sie verliebt, durch ein fremdes, heutiges Bayern. Christus selbst erinnert sich dabei nicht mehr an sein vorheriges Leben und philosophiert über die unterschiedlichsten Themen. Auf seinem Weg kommt er mit unterschiedlichen Personen in Konflikt…

Ein Gespenst geht um in Bayern – das Gespenst des Jesus Christus. Die christliche Fantasiefigur des Zimmermanns aus Nazareth spukt auch heute noch in den Köpfen vieler Menschen, besser gesagt ein weiteres Abbild davon. In Herbert Achternbuschs zum Skandal gemachten Film tritt dann auch nicht Jesus Christus auf, sondern der 42. Lattenjupp eines bayerischen Klosters, eine der vielen launischen Holzschnitzereien mit Dornenkrone aus diesem Nonnenbunker.
Fortan wandelt er durch das südlichste der deutschen Bundesländer, verwirrt von den Gebräuchen der Einheimischen und der Vergangenheit, die sie ihm andichten. Er begreift weder das Konzept der Sexualität zwischen Frau und Mann, noch kann er sich mit kannibalistischem Unfug wie dem Abendmahl abfinden.
Zuerst gibt man ihm eine Anstellung im Kloster – als “Ober”. Tatsächlich schenkt die verkrüppelte Christusfigur (kaputte Hände, kaputte Füße, stets ausgestreckte Arme, juckende Narben) Schnaps in der klostereigenen Kneipe aus. Frequentiert wird dieses Lokal meistens durch die herrschende Ordnungsmacht (ob nun römische Legionäre oder bayerische Polizisten), die sich durch ihren Stumpfsinn und ihren Alkoholismus auszeichnet. Das selbstoffenbarende Gebrabbel der Bajuvarencops Poli und Zisti führt zur ersten Aufgabe des Heilandabbilds in der neuen Welt: Er macht sich auf, um “Scheiße für die Polizei” aufzutreiben. Fündig wird er schließlich auf der Wache, wo seine Freunde und Helfer unter großen Mühen, aber leider vergebens, versuchen in die Schnapsgläser zu scheißen. Wieder legen sie dabei ihren Untertanencharakter offen, der sie einerseits als einfallslose Befehlsempfänger zeigt, andererseits als stets bemüht etwas Gutes zu tun. Das Bild eines braven Christenmenschen, aber auch treffende und respektlose Kritik an der Polizei.
Regisseur Herbert Achternbusch filmt dies in klaren Schwarzweißbildern, die durchaus eigentümlich sind, aber nie so sehr die Oberhand gewinnen, dass sie die vielen Wortspiele und den oft doppeldeutigen Kontext der Dia- und Monologe erdrücken würden. Kleinere Fehler seiner Darsteller ließ er im fertigen Film, vieles erinnert an Theater. Das gesprochene Wort, ja, auch die Gleichnisse sind das Zentrum des Films, wenn es auch ein paar bemerkenswerte visuelle Einfälle gibt, etwa die Froschkreuzigung, die an den ähnlich religionskritischen Film “The Holy Mountain” von Alejandro Jodorowsky erinnert.
Achternbuschs Intention liegt nicht so sehr darin, Jesus Christus zu einer Witzfigur abzustempeln oder das Christentum all seiner Lächerlichkeit preiszugeben, sondern die Gläubigen vorzuführen, die einem Kult anhängen, der aus idiotischen, verbohrten und erstarrten Regeln und Geboten besteht, die größtenteils als Folklore und Tralala gepflegt werden, aber trotzdem einen großen und erdrückenden Einfluss auf das Leben der Menschen haben. Auch dies zeigt er nicht als die Schuld Jesus Christus, sondern die seiner dämlichen Jünger und Nachfolger auf Erden, in einem pointierten Wortgefecht in der Kneipe zwischen Oberin und “Ober”.
Grund genug, dass ein deutschnationaler und klerikalfaschistischer Dummkopf wie Friedrich Zimmermann (damals Bundesinnenminister der CSU) die Filmförderung für “Das Gespenst” streichen wollte und die groteske Satire als “widerwärtig, blasphemisch und säuisch” bezeichnete. Daraufhin wurde dem Film in Deutschland eine Freigabe durch die FSK verweigert (ein kommerzielles Todesurteil). Dies konnte aber nicht aufrechterhalten werden und so wurde der Film erst mit einer FSK 18, später mit einer FSK 12 bedacht. “Das Gespenst” ist in Österreich bis heute wegen Blasphemie verboten.
Herbert Achternbusch geht ähnlich anarchisch wie die 1983 gerade stark abebbende und verschwindende Punkbewegung vor, ohne jedoch deren Duktus zu verfallen. Er zelebriert ein wortverliebtes, hintergründiges Spektakel, das die Anhänger des Christentums von vielen Seiten beleuchtet und sie als armselige Kreaturen bedauert.
Nie zynisch, dafür pointiert humorvoll, durchwandert er die “Wachstumsstadien” der Gläubigen vom einfachen Getauften bis hin zum Bischof; immer darauf bedacht, den Unsinn der gesamten Veranstaltung einzufangen. Ein Heidenspaß. “Ich brauche Scheiße. Scheiße bitte. Gebt mir Scheiße für die Polizei.” 8/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 25.10.2013)
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