Delicatessen

Delicatessen

(Regie: Marc Caro/Jean-Pierre Jeunet – Frankreich, 1991)

Das alleinstehende Haus am Rande der Stadt wirkt unheimlich und bedrohend. Im Erdgeschoss gibt es Delikatessen. Seine Bewohner sind seltsame, spleenige Leute – auf absurde Weise aufeinander eingespielt. Alle interessiert nur eins: Frischfleisch. Sobald das Fleisch knapp wird, tritt ein kannibalisches Gesetz in Kraft; denn für die Gourmets von Herz und Leber muss gesorgt werden. Wer kommt als nächstes als Frikassee auf den Tisch? Als der Clown Louison als Hausmeister einzieht, wird die Serie des Sonntagsbratens unterbrochen. Die kurzsichtige Tochter des Schlachters möchte Louison nicht scheibchenweise auf dem Teller, sondern ganz und gar für sich. Eine Hausverschwörung bahnt sich an. Startschuss für eine Vegetarier-Gang, die in der Kanalisation auf ihre Chance zum Angriff wartet. Denn mit dem perversen Schlachter haben sie noch eine Rechnung offen…

Mit “Delicatessen” haben sich Marc Caro und Jean-Pierre Jeunet ein Puppenhaus gebaut, in dem sie die kleinen Episoden um ihre skurrilen Figuren und Einfälle aufführen können, ohne jeden einzelnen Mikrokosmos mit einer ausformulierten Geschichte ausstatten zu müssen. Dies wird durch eine archetypische Lovestory zusammengehalten, die von einer durch Familie und Gesellschaft bedrohten Liebe erzählt.
Klingt zuerst unspektakulär und auch ein bisschen nach schluderiger Arbeit, aber weit gefehlt: Caro und Jeunet sind detailverliebte Schöpfer eigener Welten und einprägsamer Bilder, die sich sowohl beim Stummfilm und dem zur gleichen Zeit populären Slapstick bedienen, wie auch bei Märchenmotiven, Horroreinflüssen und den damit zwangsläufig eng verbundenen Surrealismen und Traumbildern.
Angesiedelt ist das ehrenwerte Schlachthaus am Rande der Stadt in einem postapokalyptischen Paralleluniversum. Kleidung, Wohnungsinterieur, Autos und Elektrogeräte lassen auf das Frankreich der späten 40er und frühen 50er Jahre schließen, mit dem Unterschied, dass der Zweite Weltkrieg einen etwas anderen Verlauf genommen haben muss. Ein Atomschlag ist denkbar, scheint doch ein Großteil der Fauna ausgerottet. Der Ursprung dieser Situation interessiert die Filmemacher nicht, ihnen geht es wohl vor allem um den Stil. Teilweise erinnert das in düsteres, grün-gelbliches Zwielicht getauchte Ambiente an die Arbeiten von Terry Gilliam, der seine Filme ähnlich zwischen vergangenen Zeiten, der Gegenwart und Fantasiewelten oszillieren lässt.
Eine der beeindruckendsten Sequenzen findet man gleich zu Beginn des Films, nachdem ein wunderbar eigenständiger Vorspann über die Leinwand flimmerte, der die Namen der an der Produktion Beteiligten liebevoll, wenn auch naheliegend, im Stile des Films in Bilder umsetzte: Der Metzger ist der uneingeschränkte Herr des Hauses und der Schwanz dieses Patriarchen gibt den Lebensrhythmus seiner Mitbewohner vor. Mit den quietschenden Federn des Schlachterbettes beim Liebesspiel beginnend, zeigen uns Caro und Jeunet alle Mieter des Hauses und einen Teil ihres Lebens, durch sorgsam aufeinander abgestimmte Alltagsgeräusche, die zusammen mit dem Cellospiel der Metzgerstochter eine kleine Symphonie ergeben, die diese Gemeinschaft in Tönen nachzeichnet.
Dabei ist der große Zusammenhang weniger wichtig, als man denken mag. Der Hauptfaden der Geschichte dient vor allem dazu, die Schicksale der Bewohner des Hauses zu erzählen. Viele kleine Welten, innerhalb einer großen. Alle unter einem Dach.
Den Regisseuren (Caro kümmerte sich größtenteils um den Look, Jeunet um die schauspielerische Seite) gelingen fantastische Einstellungen, egal, ob sie die erfolglosen (und urkomischen) Selbstmordversuche einer Stimmen hörenden Frau illustrieren oder einen verschrobenen, alten Mann besuchen, der glaubt, ein Frosch zu sein und sich durch die Aufzucht von Schnecken in seiner klammen (eher nassen) Wohnung, eine kleine Extra-Fleischbeilage genehmigt.
In “Delicatessen” gibt es keine künstlichen Grenzen und aufs Erwachsensein wird vollends gepfiffen. Die Filmemacher bewahren sich ihre kindliche Fantasie und geben dieser auch immer Raum, wenn es sie überkommt, ohne sich den starren Regeln des Geschichtenerzählens zu unterwerfen. So ziehen auch kleine magische Momente aus Zirkus und Kindheit in den Film ein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die beiden Lausbuben des Hauses (denen eine eher kleine, aber wichtige Rolle zukommt) die Alter Egos von Caro und Jeunet darstellen.
Eine Welt in der Optik eines Albtraums, bevölkert von Kannibalen, dennoch voller Zauber und Humor. Neben gekonnten und perfekt getimeten Slapstick-Einlagen (u.a. auch wieder synchron zur Musik), überzeugen die schwarzhumorigen Dialoge und der trockene Witz, der durch die verschrobenen Handlungen der Bewohner zustande kommt.
Sowohl für Freunde des Horrors und Fans von düsteren Märchenfilmen, als auch für Anhänger des Surrealismus bietet diese französische Groteske genug Nahrung für einen gehaltvollen Filmabend. Bon appétit! 8,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 02.10.2013)
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