The Honeymoon Killers

The Honeymoon Killers

(Regie: Leonard Kastle – USA, 1969)

Martha Beck ist eine linkische, übergewichtige und verzweifelt einsame Krankenschwester. In ihrem Verlangen nach Zuneigung tritt sie dem Aunt Carrie’s Friendship Club bei. Auf diese Weise lernt sie Ray Fernandez kennen, einen wortgewandten, charismatischen Gigolo, der Marthas Mann ihrer Träume sein könnte – oder vielleicht nur ein skrupelloser Schwindler, der sie in einen Strudel reißt, der in Verbrechen und Mord mündet.

Wenn man Shirley Stoler in ihrer Rolle als Martha Beck auf der Leinwand sieht, kann man sich vorstellen, dass die Geschichte darüber, wie sie die Rolle bekam, stimmen könnte: Man gab sie ihr, weil sich niemand traute Stoler eine Absage zu erteilen. Sie verkörpert eine finstere Frau, deren emotionsloses Handeln nicht mit dem Idealbild einer Krankenschwester übereinstimmt, die ihren eisigen Kältepanzer aber aus all den Kränkungen zusammengesetzt hat, die sie über die Jahre als übergewichtige Frau ertragen musste, ganz zu schweigen von der stets als Selbstverständlichkeit vorausgesetzten Pflichterfüllung, mit welcher sie sich um ihre Mutter und das Krankenhaus kümmerte.
Das seltsame Liebespaar, bestehend aus Stationsleiterin Martha und Gigolo Ray (hervorragend dargestellt von Tony Lo Bianco), das sich über einen Briefkontakt durch einen Lonely Hearts Club kennenlernt, spornt sich gegenseitig zu immer neuen Taten an, die mit der Zeit wesentlich drastischer werden. Während der Zuschauer rätselt, was die beiden aneinander finden, kann man ihre Zuneigung und Liebe nicht von der Hand weisen. Etwas Besonderes verbindet Martha und Ray.
Der Film, geschrieben von Opernkomponist Leonard Kastle, beruht auf einer wahren Begebenheit. In den 1940er Jahren zogen Raymond Fernandez und Martha Beck durch die USA und töteten wahrscheinlich 20 Menschen – immer nach dem gleichen Muster: Er schmierte den Damen Honig um den Mund, schwärmte von einer Hochzeit. Gemeinsam erleichterten sie die alleinstehenden Frauen dann um ihr Vermögen. Später folgte die Ermordung der Opfer. Die Mordepisoden sind nicht ganz so explizit gestaltet, wie sie in vielen Filmen der folgenden Exploitationswelle auftreten sollten, aber schaurig genug, um im Gedächtnis des Zuschauers zu bleiben. Ganz besonders der aufgesetzte Kopfschuss zum Ende des Films ist eindrucksvoll inszeniert – und das ganz ohne Blutvergießen.
Dies alles erscheint in nüchternen Schwarz-Weiß-Bildern auf der Leinwand. Kastle erzählt die Geschichte chronologisch und unaufgeregt, lässt aber genügend Raum, um seine Hauptfiguren und deren Charaktereigenschaften und Motive beobachten und darstellen zu können, sowie hin und wieder einen satirischen Blick auf den spießigen US-amerikanischen Lebenswandel der damaligen Zeit zu werfen. Kastle verkneift sich nicht den Spott über das Gewese um Präsidentengeburtstage, den Abgott Geld, sowie die selbsterrichteten Gefängnisse der Bürgerlichkeit, die man heute unter “suburbs” subsumiert.
Ein weiterer interessanter Fakt ist die Tatsache, dass eigentlich Martin Scorsese bei “The Honeymoon Killers” Regie führen sollte, aber nach nur wenigen Szenen und vielen Differenzen ziemlich am Anfang des Projekts gefeuert wurde. Daraufhin übernahm Leonard Kastle selbst die Regie. Sein Leinwanddebüt sollte gleichzeitig sein letzter Kinofilm bleiben. Das ist schade, denn seine schroffen Szenen in Schwarz und Weiß, die er mit Auszügen aus den Stücken von Gustav Mahler unterlegt, stellen eine beunruhigend zwielichtige Version des amerikanischen Traums dar. Statt vom Tellerwäscher zum Millionär, von der Krankenschwester zur abgebrühten Mörderin in wenigen Jahren.
Man könnte sogar mit einem Happy End für Martha und Ray rechnen, würde nicht Marthas krankhafte Eifersucht immer wieder zu Situationen eskalieren, die heikel sind und sowohl das finanzielle, als auch das emotionale Wohlergehen des Paares belasten. Dies führt bis zur Verhaftung, ins Gefängnis und schließlich auf den elektrischen Stuhl.
Der echte Raymond, die echte Martha, die echten “Honeymoon Killers” fanden 1951 ihr Ende in Sing-Sing. Sie gestanden zwölf Morde und plädierten auf Unzurechnungsfähigkeit. Die Geschworenen kannten keine Gnade und verurteilten sie zum Tode.
Nachdem der Film in den 70er und 80er Jahren unbeachtet blieb, obwohl Francois Truffaut ihn gar als seinen “liebsten amerikanischen Film” betitelte, erfolgte Anfang der 90er ein kleines Revival, das 2006 in einem Remake von Todd Robinson gipfelte, der die Hauptrollen mit Jared Leto und Salma Hayek besetzte – und damit bestätigte, dass er weder Kastles Film verstanden, noch einen aufmerksamen und aufrichtigen Zugang zu den Taten des echten Killer-Pärchens hatte. 7/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 25.11.2013)
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