Arrebato

Arrebato

(Regie: Iván Zulueta – Spanien, 1980)

Was für ein beschissener Tag! Unzufrieden mit der Arbeit an seinem billigen Horrorfilmchen kommt José völlig entnervt nach Hause, wo seine zugedröhnte Freundin Ana bereits auf ihn wartet und ein mysteriöses Päckchen von Pedro, einem alten Bekannten, der die Welt scheinbar nur durch den Sucher seiner Kamera wahrnimmt. Der Inhalt des Päckchens: eine Super8-Filmrolle, ein Tonband und ein Wohnungsschlüssel. Als José gelangweilt das Tonband anwirft, holt ihn zunächst die Erinnerung an seinen seltsamen Freund wieder ein. Nach und nach realisiert er jedoch, welch unfassbare Geschichte Pedro ihm da eigentlich gerade erzählt. Ungläubig fällt sein Blick auf Filmrolle und Schlüssel…

“Arrebato” ist der Film eines Junkies. Darauf verweisen nicht nur die vielen Betten, von denen aus (und um die herum) die Protagonisten von Iván Zuluetas Film ihr Leben organisieren, auch der variable und extrem wichtige Umgang mit Zeitspannen und -räumen illustriert die verschiedene Wahrnehmung von Abläufen des Lebens (sogar vom Ablaufen des Lebens) – ob nun während des Highs (der Euphorie, wie auch der Stille nach dem Schuss) oder den Durststrecken zwischen erneutem Konsum und Beschaffung der Droge.
“Arrebato” ist der Film eines Künstlers. Er sieht das Besondere im Gewöhnlichen, die Attraktionen im Alltag, das Monument in der Umgebung. Er zeigt den Leerlauf, das weiße Blatt Papier, die Angst vor dem weißen Blatt Papier. Er demonstriert Versuch und Irrtum, Konstruktion und Destruktion. Zerstörung und (Wieder)aufbau.
“Arrebato” ist ein Vampirfilm. Im selben Maße wie die Hauptdarsteller von ihrem künstlerischen Schaffen ausgesaugt werden, schlürft sie die Droge leer und werden sie von ihren Beziehungen bis auf den Flaschenboden getrunken, bis runter auf den Filter geraucht. Wir wissen: Der Vampir ist ein Gestaltwandler. Er tritt in vielen Formen, Farben und Variationen auf, er bedeutet aber immer den Konsum der Lebenskraft. Wird dich deine Arbeit töten? Deine Sucht? Deine Obsessionen? Ziemlich egal. Es ist derselbe Vampir, jedoch stets in einen neuen Umhang gekleidet.
“Arrebato” ist ein Autorenfilm im wahrsten Sinne des Wortes. Zulueta bezieht sich nicht nur auf sein eigenes Leben, sondern auch auf sein eigenes Werk. Er hält sich nicht mit Episoden der Vergangenheit auf, sondern baut offensiv und direkt die die Dreharbeiten umgebenden Lebenswirklichkeiten ein.
“Arrebato” ist kein Dokumentarfilm.
“Arrebato” lässt die Heteronormativität weit hinter sich, “Arrebato” ist ein Hassliebe(s)film. Nicht wirklich ein Erotik-, aber auch kein richtiger Agapefilm.
“Arrebato” ist ambivalent.
“Arrebato” ist ein Film aus dem vergangenen Jahrtausend. AIDS war noch eine unbekannte Möglichkeit im Losbeutel der Gehässigkeiten des Universums und der Evolution, Burnout war ein Problem der Eliten des Systems und keine Massendiagnose für die Mehrheitsgesellschaft.
“Arrebato” war jahrelang ein obskurer Film. Keine Videoveröffentlichungen und wenige TV-Ausstrahlungen ließen das Filmjuwel zu einem Kultfilm werden, den nur wenige gesehen hatten. Unter diesen Glücklichen befanden sich Pedro Almodóvar (der auch an der Produktion beteiligt war: als Synchronstimme) und Álex de la Iglesia – heute wahrscheinlich die bekanntesten und phantasievollsten Filmemacher Spaniens.
“Arrebato” wird nur die mitreißen, die das verzehrende Gefühl einer Leidenschaft oder besser eines Leidensweges kennen, der nicht so sehr durch ein zu erreichendes Ziel, sondern durch Selbstzerstörung und Selbstauslöschung geprägt ist.
“Arrebato” ist ein kathartischer Film.
“Arrebato” ist kein kathartischer Film.
Ob “Arrebato” viele neue, bereitwillige Opfer findet und zu ewigem Leben verdammt ist, wird sich in den nächsten Jahrzehnten zeigen. Sein Schöpfer starb im Dezember 2009. Iván Zulueta hatte sich selbst auf Film gebannt. Die private Wiederaufführung der letzten Nacht: Ein Ignorieren des Kopfschüttelns, das Hereinbitten des Vampirs. 9/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 27.11.2014)
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