Der rote Rausch

Der rote Rausch

(Regie: Wolfgang Schleif – Deutschland, 1962)

Josef Stief (Klaus Kinski) bricht aus einer psychiatrischen Anstalt aus. Landarbeiter finden ihn im Schilf und halten ihn für einen politischen Flüchtling. In ständiger Angst, entdeckt zu werden, beginnt Stief sich unter dem Namen Martin Waldner als Mechaniker bei einem Bauern (Jochen Brockmann) und dessen Tochter Katrin (Brigitte Grothum) einzuleben, deren Verehrer Karl (Sieghardt Rupp) ihn jedoch eher feindselig betrachtet. Während er der Polizeifahndung zu entkommen sucht, muss Stief gleichzeitig die inneren Dämonen bekämpfen, die ihn einst zum vierfachen Mörder werden ließen.

Im letzten Jahr machte der Name Klaus Kinski vor allem in Verbindung mit Anschuldigungen seiner Töchter, die ihn des sexuellen Missbrauchs bezichtigten, große Schlagzeilen. Damit verbunden war die gehässige Feststellung, dass Kinski kein echter Künstler, sondern bestenfalls ein Wahnsinniger sei, der es irgendwie auf die Bühnen der Theater und die Kinoleinwände gebracht hatte.
Doch 2013 veröffentlichte Filmjuwelen schließlich auch “Der rote Rausch”, einen Kinofilm aus dem Jahre 1962, der Anfang der 60er von der Kritik verissen und vom Publikum ignoriert wurde. Das ZDF unternahm 1967 einen wenig beachteten Ausstrahlungsversuch und der Film sollte als verschollen gelten, bis er 2002 wiederentdeckt wurde. Das Interessante daran: Hier spielt Klaus Kinski seine erste große Hauptrolle – einen geisteskranken Verbrecher.
Seine Physis kann der Lieblingsfeind Werner Herzogs nicht verleugnen. Die unheilvollen, großen Augen rollen und starren, sie fackeln im Wahnsinn. Auch die dünne, leise Stimme, die immer zum Zerreißen gespannt wirkt, die stets einen bedrohlichen Unterton anschlägt, wenn sie nicht im Gebrüll seiner Ausbrüche versinkt, ist hier schon so vorhanden, wie man sie auch in späteren Filmen schätzen oder ablehnen wird. Es zuckt verräterisch um den Mund.
Trotzdem erlebt man in “Der rote Rausch” einen weitaus weniger chargierenden Kinski, als den aus den etwa zur gleichen Zeit entstehenden Edgar-Wallace-Verfilmungen. Die Verletzlichkeit des Charakters Josef Stief wird deutlich. Er ist ein nach Zuneigung gierender Mensch, der in einem furchtbaren Zustand lebt: Man hat ihn in einem Heim für kriminelle Geisteskranke eingesperrt und ihm medizinisch die Erinnerung an seine Taten genommen. Er ist gefangen und weiß nicht warum.
Regisseur Wolfgang Schleif, der eher für leichte, unverfängliche Unterhaltungskost wie die “Immenhof”-Filme bekannt ist (und zur Zeit des NS-Regimes am Schnitt von “Jud Süß” beteiligt war), verfolgt Josef Stiefs Ausbruch und lässt diesen halb tot vor Angst und Erschöpfung durch ein riesiges Schilf irren. Hier entstehen die stimmungsvollsten Bilder des Films, hier wird auch das Finale stattfinden und die Rückkehr Josef Stiefs einläuten, umrahmt von einem großflächigen Schilfbrand.
Eines der Hauptthemen, die in “Der rote Rausch” angeschnitten werden, ist der Umgang mit geisteskranken Verbrechern. Leider bleiben die Argumente gegen die Blutgier von Staatsgewalt und Landbevölkerung eher dünn, argumentiert Stiefs behandelnder Arzt doch ebenso einseitig, wie wenig überlegt damit, dass Stief krank sei – und daher für seine Taten nichts könne.
Genauso bitter muss der vierfache Frauenmörder erleben, dass es, abseits von einer Strohmannrolle in Beziehungsgeflechten und Intrigen, keinen Platz für ihn in der Welt außerhalb seines deprimierenden Gefängnisses gibt.
Auch wenn man noch kleinere Hinweise auf den Kalten Krieg, die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs und das Familienbild der damaligen Zeit erkennen kann, bleiben die Szenen in der Dorfgemeinschaft oft nur eine lästige Unterbrechung, bis Kinski sich wieder in seine verzweifelten Alleinauftritte einfindet, die durchaus melancholisch-komisches Potenzial haben, ähnlich der Szenen, die Ringo in Richard Lesters Beatles-Klassiker “A Hard Day’s Night” alleine bestreitet.
“Der rote Rausch” ist ein solider Mix aus Kriminalfilm und Drama in der ländlichen Umgebung Nachkriegsdeutschlands, der vor allem mit den Szenen im Schilf zu Beginn und zum Ende des Films punkten kann. Nachteilig wirkt sich das hastig niedergeschrieben wirkende Plädoyer für einen menschlichen Umgang mit kriminellen Straftätern aus, weil es über ein paar wenig einleuchtend geschilderte Gemeinplätze nicht hinausgeht – trotzdem besitzen diese Szenen eine emotionale Kraft, sie verpuffen nicht ungehört.
Und schließlich ist “Der rote Rausch” auch ein Film für Klaus-Kinski-Fans. Die Apologeten von Wahnsinn und Vergewaltigung wird man auch hiermit nicht umstimmen können. 6,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 20.01.2014)
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