Fear X

Fear X

(Regie: Nicolas Winding Refn – Dänemark/England/Kanada, 2003)

Seit dem Tod seiner Frau lebt der Wachmann Harry (John Turturro) völlig apathisch vor sich hin. Berge von Überwachungsvideos aus dem Kaufhaus, in dem er arbeitet und in dem seine Frau unter ungeklärten Umständen getötet wurde, stapeln sich in seiner Wohnzimmer. Ein vermeintlich leer stehendes Haus in der Nachbarschaft weckt sein Interesse, als er dort heimliche Besuche zu bemerken meint. Er dringt in das Haus ein und stößt dort auf ein Foto, auf dem er einen Zusammenhang mit dem Tod seiner Frau zu entdecken meint. Harry begibt sich auf eine Reise durch das ganze Land voller mysteriöser Zwischenfälle, merkwürdiger Begegnungen und angsterfüllter Visionen…

Nach der rohen “Pusher”-Trilogie und dem in eine ähnliche Kerbe schlagenden “Bleeder”, war “Fear X” das erste internationale, englischsprachige Projekt von Nicolas Winding Refn, das einen Hollywooddarsteller verpflichtete. John Turturro – wohl am bekanntesten durch seine zahlreichen Rollen in den Filmen der Coen-Brüder (“Miller’s Crossing”, “Barton Fink”, “The Big Lebowski”) – spielt in diesem Film, der ungewöhnlicherweise in chronologischer Reihenfolge gedreht wurde, die Hauptrolle des Kaufhaussicherheitsmannes Harry Caine, der den Verlust seiner Frau durch ein Attentat verkraften muss.
Es ist auffällig, dass sich Refn zu diesem Zeitpunkt wohl an einem Wendepunkt in seinem künstlerischen Schaffen befand, denn “Fear X” hat nichts von der harschen, genrefilmifizierten Realität der “Pusher”-Reihe, setzt aber auch nur zu einem kleinen Teil auf die atmosphärischen, assoziativen Elemente, die Refns folgende Projekte auszeichnen sollten.
Man kann eine kleine Prise Lynch finden, muss diese aber nicht überbewerten, auch wenn der Regisseur (ähnlich wie David Lynch) den Film dem Publikum zur freien Interpretation überlässt.
In meinen Augen ist “Fear X” die Darstellung menschlicher Trauerarbeit, gekleidet in das Gewand eines leicht paranoiden Thrillers. Dazu passt das offene Ende, das den elliptischen Charakter der Trauer erfasst; der Verlust eines geliebten Menschen wird nie vollständig überwunden und die nicht geklärten Umstände tragen dazu bei, sich im Kreis zu drehen, sich immer wieder den (gleichen) Problemen zu widmen.
“Fear X” basiert auf einer Geschichte von Hubert Selby jr. (“Last Exit To Brooklyn”) und beteiligte den Autor auch am Drehbuch. Es war eines seiner letzten Projekte, ehe er im Frühjahr 2004 verstarb. Für die musikalische Untermalung wurde ebenfalls ein “big shot” verpflichtet: Brian Eno ist für den Soundtrack zuständig, der “Fear X” passend untermalt, sonst aber nicht weiter auffällig ist oder hervorzuheben wäre. John Turturro glänzt in seiner Rolle und geht vollkommen in ihr auf, ohne die Grenze zum Overacting jemals zu passieren. Nur die Landschaften Wisconsins und Montanas können nicht mit einem originären Beispiel ihrer Vorzüge glänzen, sie werden durch Kanada und ein Filmstudio in Dänemark gedoubelt.
Refns dritter Film ist leise und bedächtig (die sanft gleitende Kamera und die eigensinnige Farbgebung unterstützen diesen Eindruck), die Paranoia lauert im Hintergrund, es entsteht nie Panik aus ihr. Um die versteckten Fallen bei diesem gemächlichen Erzähltempo wissend, konzentriert sich der Filmemacher auf das Wesentliche und entlässt den Zuschauer nach gut 80 Minuten aus dem Kinosaal.
Schwer zu sagen, ob “Pusher”- oder “Drive”-Fans hier auf ihre Kosten kommen, auch die Anhänger von “Valhalla Rising” werden “ihren” Nicolas Winding Refn nicht unbedingt in “Fear X” entdecken. Wenn man jedoch Interesse an der Entwicklung eines Künstlers zeigt, sollte man diesem für sich stehenden Verbindungsstück eine Chance geben. 6,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 11.07.2014)
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