Rubber

Rubber

(Regie: Quentin Dupieux – Frankreich, 2010)

Mitten in der Wüste des amerikanischen Westens versammelt sich eine Gruppe fremder Menschen mit Ferngläsern, um Zeuge eines außergewöhnlichen Films zu werden. Es erwacht zwischen den Sträuchern ein unscheinbarer alter Autoreifen zum Leben, rollt beinahe unentschlossen mal hierhin und mal dahin, folgt schließlich einer hübschen jungen Autofahrerin und bringt unterwegs alles um…

Ich hielt Mr. Oizo und Flat Eric bisher immer für ein Vehikel der Industrie, um Markenjeans zu verkaufen. Mit dem knuffigen Modemuppet und dem eingängigen Dancesound holte man nicht nur Teenager und junge Erwachsene ab, sondern auch Kinder an der Schwelle zur Pubertät, die noch nicht ganz sicher waren, ob sie lieber mit ihren Kuscheltieren oder mit sich selbst spielen sollten. Eine geschickte Werbekampagne eben.
Umso erstaunter war ich, als ich erfuhr, dass Mr. Oizo (auch bekannt als Quentin Dupieux) einen Film gemacht haben soll. Wahrscheinlich was mit Handpuppen. Mein erster Gedanke, aber weit gefehlt: Dupieux exerziert in “Rubber” die Schablonen und Klischees des Action- und Horrorfilms der US-amerikanischen Prägung durch, um sie per Verfremdungseffekten, die er vornehmlich dem französischen Kino entnimmt, ad absurdum zu führen und gleichzeitig eine Kritik an Filmschaffenden und -schauenden zu präsentieren.
Der Ausgangspunkt von “Rubber” könnte daher auch aus einem Film von Luis Buñuel stammen. Neben dessen französischem Spätwerk, an das man hin und wieder erinnert wird, hat sich Dupieux bei Jean-Luc Godards “Week-End” bedient und dort einige Kniffe entlehnt. So sind sich die Figuren in “Rubber” jederzeit darüber bewusst, dass sie in einem Film mitspielen und gleichzeitig auch (bei dessen Entstehung) zuschauen.
Dies führt zu einigen reizvollen Szenen, ist aber auch der größte Schwachpunkt: Ein Film über einen mordenden Autoreifen ist so offensichtlich ein Kommentar zu den ewig gleichen Slasher- und Actionmetzeleien, dass es die explizit ausformulierte Kritik gar nicht gebraucht hätte; das schwingt alles im Subtext mit. Allein der Reifen als Protagonist spiegelt den ewig gleichen Hauptcharakter in diesen Filmen wider: Austauschbar und profillos (!), eine seelen- und gesichtslose Killermaschine, dazu höchst profan – und effizient.
Trotzdem bilden die meisten dieser Szenen die Höhepunkte von “Rubber”, sei es nun die surreale und kinoselbstreferenzielle Eingangssequenz oder Zitate aus Filmen wie “Dawn Of The Dead” (Fressszene), die so als verdoppelte Kritik am Konsum der Menschen daherkommen.
“Doppelt gemoppelt” beschreibt Quentin Dupieuxs dritten Film jedenfalls ziemlich gut. Vielleicht wäre “Rubber” ein noch besserer Film geworden, wenn ein von sich selbst überzeugter, humorloser Regisseur den gleichen Stoff bearbeitet und einen ernsthaften, geradlinigen Slasher aus “Rubber” gebastelt hätte. Stichwort: Unfreiwillige Komik.
Damit möchte ich nicht behaupten, “Rubber” sei nicht komisch, im Gegenteil: Der recht kurze Film (ca. 75 Minuten) hält einige witzige Momente, Sprüche und auch ein paar gelungene Bluteffekte bereit. Außerdem ist es beeindruckend wie Dupieux wirklich jede ausgelutschte Drehbuchaktion der letzten 50 Jahre augenzwinkernd präsentiert (Kleiner Spoiler: Die Seelenwanderung des Bösen von einem Reifen in ein Dreirad gehört zu den gelungensten Beispielen.) und dabei weder langweilt, noch als unsympathischer Besserwisser rüberkommt.
Dennoch fehlt “Rubber” der letzte Schritt zu einem überragenden Werk oder zu einem Lieblingsfilm. Auch der Status als Kultfilm wird ihm wohl verwehrt bleiben, weil er dafür zu augenscheinlich in diese Richtung geschrieben und produziert wurde. Kult mit Ansage, wenn man so mag. Bleibt also ein gewitzter, unterhaltsamer Film über Genrefilme. Na, wenn das nichts ist! 7,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 15.07.2014)
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