Theater des Grauens

Theater des Grauens

(Regie: Douglas Hickox – Großbritannien, 1972)

Ein vom Feuilleton gekränkter Theatermime täuscht einen Suizid vor, um nach dem Vorbild von Morden in Shakespeare-Dramen seine Kritiker einen nach dem anderen zur Rechenschaft zu ziehen.

Es ist ein besonderes Vergnügen, einen Film zu rezensieren, der blumige Todesdrohungen und Verwünschungen gegenüber Kritikern wie ein edles Wappen vor sich herträgt.
Von der ersten Sekunde an lässt Regisseur Douglas Hickox die Zuschauer nicht im Unklaren darüber, dass Theater- und Filmkritiker eine inzuchtgeschädigte, pseudoelitäre, weinerliche, versoffene und sexuell pervertierte Bande von selbsternannten Meistern ihres Fachs sind, das ausschließlich darin besteht, anderen Leuten, die im Gegensatz zu ihnen kreativ aus sich selbst schöpfen können, die Karriere und das Leben zu vermiesen.
Vincent Price, altgedienter Recke aus vielen Horrofilmen, ist damit die perfekte Besetzung für Edward Lionheart, denn auch Price musste sich zeitlebens mit schlechter Kritik für seine Filme herumschlagen. Horror ist in den Augen des Feuilletons immer noch dieser Unrat, den man gleich hinter Pornographie einordnet, es sei denn, der Trend wechselt kurzzeitig und es gilt einem Hype gerechtzuwerden.
Die Handlung des Films ist deswegen simpel: Lionheart sammelt die Rezensionen der Kritiker, die ihm einen wichtigen Preis verwehrt haben, und schaltet diese dann nacheinander im Zehn-kleine-Negerlein-Stil aus. So weit, so gut, das klingt nach solidem Slashermaterial.
Der besondere Dreh an dieser Geschichte sind die Morde. Sie alle stammen aus den Werken Shakespeares und werden in einer Art Live-Action-Theater von einer Gruppe von Freaks, Aussteigern und Pennern aufgeführt, die Lionheart nach seinem Suizidversuch in einem alten, verlassenen Theater um sich sammeln konnte.
Die brutalen Gewaltphantasien des Dichterfürsten sind oft mit trockenem Humor angereichert. In Shakespeares Original “Titus Andronicus” werden die Kinder der Königin gebacken und ihr zum Verzehr angeboten. In Hickox Film ist die “queen” ein Schwuler, seine beiden Pudel sind seine “babies”. Wenn Vincent Price in voller Kochmontur für eine (fiktive) Fernsehkochshow die Pudelpastete mit dem Stopfer in den Schlund des beleibten Mannes drückt, bleibt kein Auge trocken.
Der Clash von (vermeintlicher) Hochkultur und trashigem Horror ist besonders reizvoll, weil man neben der eigentlichen Handlung immer wieder Ausschnitte aus Shakespeares Werken dargeboten kriegt, die Vincent Price höchst theatralisch umsetzt. Die meisten davon hat man leicht modernisiert, der Ursprung bleibt jedoch stets erkennbar – selbst wenn sich Lionheart im Falle des “Merchant of Venice” ein paar kleinere Änderungen erlaubt. Wer würde dies dem (nach eigenem Bekunden) größten Shakespeare-Darsteller aller Zeiten schon verwehren?
Die fadenscheinige Ablehnung von Horrorfilmen wirkt besonders absurd, wenn man sich vergnügt durch dieses 100-minütige Shakespeare-Schlachtfest gegrinst hat; in seinen finstersten Momenten hätte der gefeierte englische Dichter einen passablen Torture-Porn-Regisseur abgegeben.
Der in Stil und Humor extrem britische Film (Originaltitel: “Theatre of Blood”) weist darüber hinaus eine sehr eigene Atmosphäre auf, die ein unterschwelliges Grauen beschwört, das nie ganz weicht, als läge hinter all den Verkleidungen und Ränkespielen eine tiefere, bedrohliche Wahrheit.
Die Bluteffekte sind ebenfalls für die Zeit recht ordentlich, wenn man auch den Voyeurismus des Splatterfilms ausspart und manchmal nur andeutet, was Fuchtbares geschehen wird.
Obwohl Lionheart ein Blutbad unter seinen Kritikern anrichtet, behält die Kritik zum Schluss doch die Oberhand: Als er mit dem Leichnam seiner Tochter in den Armen in die brennenden Überreste seines Theaters fällt, bemerkt einer der überlebenden Schreiberlinge trocken: “Yes, it was a fascinating performance. But, of course he was madly overacting as usual. But you must admit he did know how to make an exit.” 7,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 26.02.2014)
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