Van Diemen’s Land

Van Diemen’s Land

(Regie: Jonathan Auf Der Heide – Australien, 2009)

In einem absolut menschenunwürdigen Gefangenenlager der britischen Krone in Australien flüchten 1822 acht Häftlinge in die tiefe und unerforschte Wildnis von Tasmanien. Den Verfolgern vorerst entkommen müssen sie aber feststellen, dass es trotz der üppigen Vegetation eigentlich nichts essbares zu finden ist. Schon halb wahnsinnig vor Hunger, finden die Sträflinge einen Ausweg: Kannibalismus!
Ein Opfer ist schnell gefunden. Aber wie lange können sieben Männer von einem Toten essen und überleben…

Jonathan Auf Der Heide, Regisseur von “Van Diemen’s Land” und wirklich Träger dieses Namens, orientiert sich an den wahren Ereignissen um Alexander Pearce, die im frühen 19. Jahrhundert in Tasmanien stattfanden, das damals noch unter dem Namen Van Diemen’s Land bekannt war. Er lässt eine kaum näher beschriebene Gruppe von Männern durch die Wälder, Felder und Berge von Tasmanien irren. Die wenigen Hintergrundinformationen sagen uns, dass die Männer Häftlinge sind und größtenteils englischer Herkunft, mit wenigen Iren unter ihnen. Die Natur und die anstrengende Flucht fordern ihren Tribut und heizen die Animositäten unter Iren und Engländern an. Der ewig nagende Hunger führt schließlich zu Übergriffen und zum Totschlag eines Mitglieds der Gruppe, um durch dessen Fleisch das Überleben der Anderen zu sichern. Ist diese letzte Grenze erst einmal verletzt, die Büchse der Pandora geöffnet, gibt es kein Zurück mehr.
Die Männer schwanken zwischen Blutdurst, Opportunismus und dem Willen, um jeden Preis zu überleben. Dies hätte wirklich packend und berührend sein können, wenn man nicht so wenig über Auf Der Heides Figuren wüsste. Es gibt keinen Hinweis auf die Motivation, etwa durch Charaktereigenschaften der Protagonisten. Die Häftlinge sind immer nur ein Pulk von Männern, das gegen den Hunger kämpft. Wer daran glauben muss und wer dagegen die Axt führt, scheint völlig willkürlich. Die Konstellationen ändern sich dauernd in der Gruppe, ohne dass dies auf wirkliche Gründe (bis auf den Tod natürlich) zurückzuführen wäre. Die Andeutungen in den wortkargen Gesprächen über die Vergangenheit der Häftlinge hätte sich Jonathan Auf Der Heide schenken können. Sie fügen den Figuren nichts Wesentliches hinzu, lassen sie aber mehr wie durchschnittliche Film”helden”, also eher wie Schablonen, erscheinen.
Es hätte eine interessante Idee sein können, die Männer charakterlich alle bei Null starten zu lassen, so dass der Zuschauer keine Sympathien aufgrund ihrer persönlichen Vorgeschichte und Einstellungen verteilen kann – dann müssten sich die Charaktere aber auch entwickeln. Das tun sie nicht. Ob zur Beginn der Flucht oder im Angesicht des Todes, die Protagonisten bleiben stets gleich, der Zuschauer ihnen gegenüber stets gleichgültig.
Glücklicherweise rettet die grandiose Landschaft Tasmaniens “Van Diemen’s Land”, ohne sich zu sehr in poetischen Bildern zu verfangen. Die schroffe Realität spiegelt sich in den diesigen Grüntönen, egal wie berauschend die Wälder stehen oder sich die reißenden Flüsse ergießen. Der Dreck, der morastige Schlamm unter den Füßen der Männer wird von den Tälern bis in die Berge mitgeschleppt.
Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Pluspunkt ist die düstere Filmmusik aus knarzenden Geigen und sich hypnotisch dahinwindenden Gitarren, die die Stimmung bis aufs i-Tüpfelchen genau einfängt. Der Score sagt im Zusammenspiel mit den Naturbildern mehr über Tasmanien, die Gefangenenlager und die Flucht der Männer aus, als jegliche Handlungen und Dialoge.
Gewalt und Fressszenen hat man so gut wie komplett ausgespart, Auf Der Heide wollte keinen reißerischen Film drehen, sondern möglichst nahe an den Fakten bleiben.
“Van Diemen’s Land” überzeugt aber weder dokumentarisch, noch als reiner Spannungsfilm. Aufgrund der gelungenen Landschaftsaufnahmen, der hervorragenden Musikuntermalung und der tristen Atmosphäre, eignet sich der Film aber als Meditationshilfe und Projektionsfläche, um den eigenen Gedanken nachzuhängen. Vielleicht erhascht man dann einen kurzen Blick – ähnlich wie Pearce im Film – auf einen wild mit einer Axt tanzenden Gott. 6,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 04.12.2013)
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