Alexandra’s Project

Alexandra’s Project

(Regie: Rolf de Heer – Australien, 2003)

Alexandra ist eine treu sorgende Mutter und Ehefrau – scheinbar. Denn unter ihrer Fassade verbirgt sie, dass sie im Schatten ihres beruflich erfolgreichen Gatten Steve ein trostloses Leben als Hausfrau und Mutter führt. An Steves Geburtstag will sie ihrem Ehemann aber mal ein ganz tolles Geschenk machen, das dieser niemals vergessen soll…

Zum Schluss von Rolf de Heers 1993 entstandener Tragikomödie “Bad Boy Bubby” zoomt die Kamera aus einer irritierend kitschigen Spießeridylle, die der Hauptfigur nach einer langen Odyssee eine Heimat verspricht, heraus und verschwindet, den gutbürgerlichen Vorort immer kleiner werdend unter sich lassend, im Himmel über Australien.
Zehn Jahre später steigt das cineastische Auge erneut hinab, um – knapp einen Meter über dem Boden schwebend – diesem (oder einem ähnlichen) Viertel einen Besuch abzustatten. Äußerlich hat sich nichts geändert: Die Häuschen sind herausgeputzt, der Rasen akurat geschnitten, die Blumen gegossen und die australische Sonne lacht so freundlich, dass sie das Ozonloch und den fürchterlichen Hautkrebs vergessen macht.
Mittlerweile haben sich an der Oberfläche jedoch Risse gebildet, die unterirdisch zu Gräben auswachsen: Der Traum von Familie und Haus im Grünen erweist sich in den zähen Rückschlägen und Demütigungen des Alltags als nicht greifbare Projektion eines Wunschtraums, als anerlerntes Glück, welches alle Beteiligten stranguliert und in Schach hält.
Ganz gemächlich baut Regisseur Rolf de Heer seinen niedrig budgetierten Film auf und nutzt lange Kamerafahrten und bedächtige Kranschwenks, um zusammen mit der farblich gedämpften und gedeckten Stimmung innerhalb des Hauses, in dem sein Kammerspiel aufgeführt wird, eine angespannte Atmosphäre zu entwerfen, die blitzt und grollt, wie lange vor einem Gewitter, aber erst nach und nach den Regen prasseln lässt, der die Unklarheiten beiseite wischt und das hässliche Skelett freilegt, das lange unter dem Staub des Anstandes und der Fügsamkeit begraben war: Alexandra hat einen Plan. Sie hat ein Geburtstagsgeschenk für ihren Mann Steve.
Dieses Geburtstagsgeschenk ist ein Fluchtversuch und ein erfolgreicher Befreiungsschlag Alexandras, sowie eine hinterhältige und fiese Attacke auf Steve. Sie kommt in Form einer Videokassette, die hübsch verpackt neben dem Fernseher drapiert wurde.
Den Großteil der 100 Minuten von “Alexandra’s Project” wird der Zuschauer nun mit Schuss-Gegenschuss, den filmischen Porträtaufnahmen der Protagonisten, verbringen und einem Dialog lauschen, wenn man diese Art der Kommunikation denn wirklich einen Dialog nennen kann: Ein monologisierendes Videoband trifft auf die verzweifelten Verwünschungen und Einwürfe des attackierten Ehemanns.
Dieser muss sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass er seine Frau nie geliebt, nur ihren Körper begehrt und im Endeffekt auch dieses Stück “Fleisch” geheiratet hat. Alexandra spielt ein paar böse Spielchen, die Steve ein für alle mal klarmachen sollen, wie einseitig fixiert er in dieser Beziehung war. Das “Fleisch” soll mehrmals zerstört werden: Von Pistolenkugeln, von Krebs. Sie führt seine Interessen vor, indem sie das, was er für sein exklusives Recht hält, freigiebig an den verhassten Nachbarn verteilt: Die Berührung des “Fleischs”, die Penetration des “Fleischs”.
An dieser Stelle des Films mag sich der Zuschauer fragen, womit Steve die Terroranschläge auf sein Selbstbewusstsein und seine Einstellung zum Leben verdient hat. Wahrscheinlich hat er das gar nicht, es ist bloß der einzige Ausweg für Alexandra aus einer Beziehung, die sie zermürbt und in aller Konsequenz irgendwann töten wird. Vor der Verwirklichung ihres Plans, der Umsetzung ihres Projekts, scheint ihr Leben nur noch eine grausame Aneinanderreihung von Schmerz und Lappalien zu sein. Ihr ist jedes (und auch das letzte) Mittel recht, um nicht mehr auf diese Art leben zu müssen. Ihr Ausbruch ist nicht fair, er ist schlicht überlebensnotwendig.
“Alexandra’s Project” ist durch und durch ein Gedankenspiel, daher auch hochgradig konstruiert, selbst in den wenigen Zufällen, die de Heer zulässt. Chronologisch gedreht, minutiös geplant und fast mathematisch genau ausgeführt, sind es die darstellerischen Leistungen von Gary Sweet und Helen Buday, die den Film mit Leben füllen und die (oftmals) ohnmächtigen Gefühle gegen die absolute Kopfgeburt der Rahmenhandlung setzen. Der sparsame, ja, eher knauserige oder geizige Umgang mit Musik im Film verstärkt diesen Eindruck enorm. Die audiovisuelle Ebene mag hinter den erzählerischen Gemeinheiten verschwinden, die Gier des Spannungskinos auf die Auflösung der Ereignisse die hübsche Verzahnung von Bild und Ton überdecken, letztendlich sind sie es jedoch, die “Alexandra’s Project” zusammenhalten und zum gewünschten Ergebnis führen. De Heer inszeniert Ehekrise und Aufbruch in ein neues Leben unter Einbeziehung des größtmöglichen Kollateralschadens. Kompromisslos und dennoch hochgradig beherrscht in der Form. Don’t be sorry. Never be sorry. 7,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 13.03.2016)
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