Barbarella

Barbarella

(Regie: Roger Vadim – Frankreich/Italien, 1968)

Im Jahr 40.000 wird die Erde durch den Wissenschaftler Durand-Durand bedroht, woraufhin der Präsident die hocherotische Barbarella (Jane Fonda) losschickt, um den Heimatplaneten zu retten. Barbarella und ihr Helfer, der blinde Engel Pygar (John Philipp Law) müssen daraufhin eine Menge seltsamer und sexueller Abenteuer bestehen, bis sie den Untergang abwenden können.

Meine Lavalampe hat den Raum erst so richtig gemütlich gemacht. Nach dem Genuss von “Barbarella”, basierend auf dem Comic von Jean-Claude Forest, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich meine originale Mathmos noch länger in meiner unmittelbaren Umgebung dulden soll. In Roger Vadims Sci-Fi-Spaß aus dem Jahre 1968 ist “Mathmos” die Verkörperung des Bösen in Lavaform, eine gedankenmanipulierende und seelenfressende Entität, die unterhalb der “City of Night” Sogo liegt und die Geschicke der Bevölkerung bestimmt. Wer nur ein Fünkchen Gutes in sich trägt, wird in das Labyrinth verbannt; eine Art Exiltrabantenstadt für die “Gutmenschen”.
Barbarella (gespielt von Jane Fonda, die zu diesem Zeitpunkt noch mit Regisseur Roger Vadim liiert war) kommt eigentlich vom befriedeten Planeten Erde und sucht nach dem verschollenen “mad scientist” Durand-Durand (ja, die Pop-Gruppe Duran Duran lieh sich ihren Namen aus diesem Film), der eine Überwaffe, die “positronic ray gun” gebaut hat, mit der er jedes Lebewesen komplett aus allen vier bekannten Dimensionen radieren kann. Nach knapp 40.000 Jahren “Peace & Love” sieht sich die “Republik Erde” einer neuen Bedrohung ausgesetzt.
So stelzt also Jane Fonda, immer etwas wackelig auf den langen Beinen, in Kostümen von Designer Paco Rabanne durch eine feindselige Weltraumlandschaft, deren Optik sowohl den klassischen Sagen und Mythen der Erde, wie dem psychedelischen Boom der End-60er einiges zu verdanken hat. Es ist weniger klischeehaft als zutreffend, wenn ich behaupte, dass Kameramann Claude Renoir sein Objektiv durch das Blubbern einer dieser Lavalampen ersetzt hat und auch sonst den zeitgeistigen Projektor- und Farbspielereien, wie sie z.B. auch auf den Gigs der frühen Pink Floyd zum Einsatz kamen, nicht im Mindesten abgeneigt erscheint.
“Barbarella” ist vornehmlich ein visuelles Bonbon, eine optische Süßigkeit, deren Plot man nicht zu ernst nehmen darf, gibt sich der Film doch selbst in jeder Minute augenzwinkernd und selbstironisch. Die Schauwerte variieren dabei von der schon erwähnten Psychedelia, über knuffige Fantasy-Weltraummodellbauten, zu scharfen Miezen in engen Fummeln, die ihre Rundungen neckisch (aber nicht exhibitionistisch) der Kamera präsentieren. Überhaupt hält “Barbarella” überraschend gut die Balance und droht nie in die frivolen Lächerlichkeiten der Sexklamotte, die in den frühen 70ern populär werden sollte, abzugleiten. So z.B. die Orgasmusszene zwischen Revolutionsführer Dildano (dargestellt von David Hemmings, einem englischen Star, der sich in Italien ganz wohl fühlte, wenn man z.B. seine Hauptrollen in “Blow-Up” und “Profondo Rosso” bedenkt) und Barbarella, die den auf der Erde entwickelten, neuartigen Pillensex vorführt: Slapstick, klar, aber mit Sinn fürs Detail, das eigentlich dem Hau-Ruck-Spiel von Jane Fonda entgegensteht. David Hemmings holt hier die Kohlen aus dem Feuer: Schon in den aufbauenden Szenen, in denen er sein dysfunktionales Untergrundlaboratorium ausreizen darf – einer Sequenz, die an die zwei tollpatschigen Wissenschaftler und ihr Instrumentarium aus Richard Lesters Beatlesfilm “Help!” erinnert.
Auch weitere Rollen glänzen mit bekannten Gesichtern: Etwa die schwarze Königin, verkörpert durch Anita Pallenberg (die eine Beziehung mit Brian Jones führte, bis dieser sie an Keith Richards verlor) oder den weisen, aber spitzbübischen Professor Ping, welchen Pantomime Marcel Marceau in seiner ersten Sprechrolle zum Leben erweckt.
Neben dem visuellen Einfallsreichtum, der verspielten Erotik und einigen sehr gut platzierten Einzeilern (Regisseur Vadim verlässt sich nicht auf Körperlichkeiten, auch nicht beim Humor), überzeugt auch der Soundtrack, der, zwischen gut gelauntem und manchmal symphonisch tönendem Easy Listening, hier und da auch experimentellen Psychedelic Rock ertönen lässt. Vielleicht etwas weniger zupackend als auf den Musikalben der damaligen Großmeister, aber charmant und präzise für Barbarellas Weltraumabenteuer ausgetüftelt.
Bleibt zuletzt noch die Frage nach dem Huhn und dem Ei: Die britische Firma, die die Lavalampe erfand, benannte sich wirklich nach dem liquiden Bösen aus “Barbarella” (um). Ein bisschen unheimlich, das Ganze. Ich werde nachher vorsichtshalber den Stecker ziehen, wenn ich im Bett verschwinde. This is really a much too poetic way to die. 8,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 03.04.2016)
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