Carnival of Souls

Carnival of Souls

(Regie: Herk Harvey – USA, 1962)

Bei einem schweren Verkehrsunfall kommt der Wagen von Mary und ihren beiden Freundinnen von der Straße ab und stürzt in einen Fluss. Nur Mary hat Glück und überlebt, doch sie ist traumatisiert und zieht in eine neue Stadt, wo sie eine Stelle als Kirchenorganistin annimmt. Aber irgendetwas ist seit dem Unglück anders: Zeitweise verliert Mary die akustische Wahrnehmung ihrer Umgebung und parallel dazu können ihre Mitmenschen Mary plötzlich nicht mehr wahrnehmen. Noch unheimlicher ist die Tatsache, dass sie immer öfter einen seltsam bleichen Mann mit dunklen Augenrändern sieht, der sie zu verfolgen scheint und sie anstarrt. Unwillkürlich wird sie auch von einem auswärts und sehr abseits gelegenen, verlassenen und heruntergekommenen Tanzpavillon angezogen. Eine neue Freundschaft zu einem Mann hilft ihr wenig – die unheimlichen Phasen nehmen zu und damit auch ihre Angst und Panik…

Für nur 33.000 US-Dollar und in weniger als drei Wochen, drehte Herk Harvey 1962 einen erstaunlichen Independent-Horrorfilm, der nicht nur das Debüt des Regisseurs markierte, sondern auch sein zugleich letzter Film blieb. Umso beeindruckender muten die hervorragend fotografierten Tableaus an, die konzisen Schwarz-Weiß-Bilder, die mit minimalsten Mitteln mondsüchtige Abbildungen des Verhängnisses, welches ab der ersten Minute schwer über “Carnival of Souls” lastet, einfangen und sie auf dem Weg zum Zuschauer poetisch verstärken; immer unterstützt vom eigensinnigen Orgelsoundtrack, der mal sakral tönt, weltlich blubbert oder sich nachts in die Geisterbahn schleicht.
Zugute kommt Harvey, dass er die Stimmung des damals verlassenen Saltair-Pavillons in Salt Lake City, der ihn zu seinem Film inspirierte (zusammen mit einer Kurzgeschichte von Ambrose Bierce), ohne Verlust auf die Leinwand bringen kann. Die “opening credits” fließen kreuz und quer mit der Anatomie des Unfallflusses über den Bildschirm und geben einen Vorgeschmack auf den durchgestylten Film, der bei allem gewollten “Design”, nie die Emotionalität der Aufnahmen verrät und einer Kühle preisgibt, die so viele durchkomponierte Werke umgibt und erstickt.
Kameramann Maurice Prather verbindet Bilder der Entfremdung mit dem brütenden Unheil, das sich durch den Film zieht: Mary ist für weltliche und kirchliche Genüsse nicht zugänglich, für sie ist Orgelspielen ein Job wie jeder andere. Und obwohl sie eigentlich Hilfe braucht, stößt sie die Menschen in ihrem Umfeld brüsk zurück.
Ein guter Ausgangspunkt für ein Drama, das sich mit dem zunehmenden Zerwürfnis einer jungen Frau und der Gesellschaft der USA in den frühen 1960ern beschäftigen könnte, glücklicherweise aber einfach nur der Aufhänger für einen furchtbar gruseligen Film, dessen Einfluss auf Horrorklassiker wie “Night of the living dead” und “Eraserhead” nicht übersehen werden kann. Bezeichnenderweise kümmerte sich in Deutschland bis in die 90er Jahre niemand wirklich um Herk Harveys zwielichtig-zwischenweltliche Jenseitsfahrt mit kurzem Aufenthalt im Nirgendwo und so wird der Film mittlerweile auf Billigst-DVDs an ein Publikum verramscht, welches den “Tanz der toten Seelen” (dt. Alternativtitel) im besten Fall für Kunstkacke hält.
Hier beweist sich auch wieder, dass man das Kino nicht den Geschichtenerzählern überlassen sollte, vielmehr kann man sich über die unzähligen Möglichkeiten klar werden, Stimmungen und Unbewusstes, Unausgesprochenes und Unerhörtes zu transportieren, ohne sich ins Korsett einer Geschichte zu zwängen, die einen schnurstracks von A nach B führt – ohne Gefühl für wirkliche Berührendes oder Beunruhigendes.
“Carnival of Souls” ist ein bedrohlicher Albtraum, der noch lange nachwirkt, nachdem man den verwaisten Rummelplatz verlassen hat und Sonnenschein und Vogelgezwitscher die Welt erhellen und ins “rechte” Licht rücken. Das Gefühl etwas im Spiegel gesehen zu haben, die Irritation bleibt. Mildly surreal creepfest. 8,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 11.11.2015)
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