Coherence

Coherence

(Regie: James Ward Byrkit – USA, 2013)

Acht Freunde treffen sich nach längerer Zeit mal wieder zum Essen. Dass am selben Abend ein Komet nahe der Erde vorbeifliegt, findet zunächst nur am Rande Beachtung. Als aber die Mobiltelefone plötzlich verrückt spielen und im ganzen Viertel der Strom ausfällt, werden erste Zweifel wach, ob es sich tatsächlich nur um ein harmloses Himmelsphänomen handelt. Doch ein Notstromgenerator schafft Abhilfe und die Zweifel sind schnell zerstreut. Bis jemandem ein paar Straßen weiter ein zweites Haus auffällt, das offensichtlich als einziges im Viertel ebenfalls noch Strom hat. Und dann das Klopfen an der Tür, und dann diese seltsame Nachricht in vertrauter Handschrift, und dann…wie gut kennst du eigentlich deine Freunde?

Lasst uns doch mal einen Film ohne Drehbuch, Story und Dialog machen. Nein, halt, lasst uns doch einen Film machen, den Akteuren aber ein Script, die Geschichte und die Dialoge vorenthalten. So weit der Grundriss der Idee des Regisseurs James Ward Byrkit zu seinem Debütfilm. Vorher als Co-Autor von “Rango” in Erscheinung getreten, einem Animationsfilm, dessen ganzer Entstehungsprozess minutiös vorgegeben war, möchte er in “Coherence” sich und seinem Team (das vorwiegend aus acht Schauspielern bestand, die auch Produktionsaufgaben übernahmen) größtmögliche Freiheit lassen.
So bekommen die Darsteller zu Beginn jedes Drehtages (von denen es ingesamt fünf gab) ein knappes Blatt Papier mit Informationen zu Kernhandlungen und -äußerungen ihrer Figur. Ohne zu wissen, was in den Anweisungen der Kollegen steht, ohne auch nur erahnen zu können, wie das Finale aussieht und wie das am Ende alles zusammenpassen soll, folgen sie der Direktive und improvisieren einen Großteil der Dialoge. Von Seiten der Schauspieler bedeutet ihre Freiheit vor allem einen großen Vertrauensvorschuss in das Talent von James Ward Byrkit und seinem Mitautoren Alex Manugian. Nur diese beiden kennen alle Eckpfeiler der Geschichte und das aufregende Finale. Die Schauspieler selbst erfuhren die komplette Geschichte erst bei der Ur-Aufführung von “Coherence”.
Ich stelle mir vor, dass die Ungewissheit, die die Schauspieler am Set erwartete, anfangs lähmend gewirkt haben kann, andererseits ist es sehr viel spannender, dem Verlauf, ähnlich wie der Zuschauer, folgen zu können. Die Idee machte es nötig, chronologisch zu drehen und so enträtselten die Mitwirkenden Tag für Tag ein Stückchen mehr, in welcher Art von Film sie da eigentlich mitspielen.
Am Anfang steht die Dinnerparty einer Gruppe Menschen aus der Mittelschicht der USA, die sich gerade in oder am Beginn ihrer “midlife crisis” befinden. Genau an diesem Abend passiert der (fiktive) Millernsche Komet die Erde und sorgt für seltsame Fehlfunktionen elektrischer Geräte und einen breit angelegten Stromausfall.
Dies gibt den Autoren die Chance eine der Filmfiguren die wahren Ereignisse von Tunguska (Sibirien) und die wiederum fiktiven in Finnland rekapitulieren zu lassen: Bemerkenswerte Fälle von Gruselgeschichten um Verwirrung, Zerstörung und Tod – ausgelöst durch Kometen. Gleichzeitig wird die Grundlage aus gescheiterten Beziehungen und vertanen beruflichen Chancen bereitet, die zusammen mit dem “Was wäre wenn…ich mich in dieser oder jener Situation anders verhalten hätte?” auf das Finale von “Coherence” zusteuert.
Vorher aber erwarten den Zuschauer achtzig Minuten Hochspannung und ein unglaublich gruseliges Setting, inklusive des ein oder anderen “scare jumps”. Im gewöhnlichen Horror- und Gruselfilm meist ausgelöst durch die Katze, die links ins Bild springt, hier durch Schrödingers Katze in ihrer viel zitierten Kiste.
Es ist schwer etwas über die Handlung zu erzählen, ohne den Film zu spoilern. Vielleicht reicht daher dieser Gedanke aus: Kann die Neugier, die Kiste zu öffnen, die Katze töten, auch wenn man selbst die Katze ist? Und was, wenn die vermeintliche Realität dann doch in die andere Zustandsrichtung kollabiert? Und was, wenn es nicht nur eine Realität gibt, sondern viele?
Mit minimalsten visuellen Mitteln – tragbare Kameras, Schwarzblenden und ein Wohnzimmersetting bilden den Mittelpunkt des Films, der durch wenige Außenaufnahmen (z.B. vom Kometen) ergänzt wird – versteht Regisseur James Ward Byrkit es, ein völlig faszinierendes Gedankengebilde zum Leben zu erwecken. Ohne Actionsequenzen, ohne vordergründigen Suspense ist “Coherence” einer der spannendsten Filme, die ich in letzter Zeit sah. Ohne einen schwarzen Mann oder eine übernatürliche Entität einer der gruseligsten Filme der letzten fünfzehn Jahre.
Wenn man will, liefert “Coherence” auch Denkanstöße zu gesellschaftlichen Fragen. Hier wird nicht nur jede Figur auf sich selbst, ihren Charakter, ihre Vorzüge und Fehler zurückgeworfen, auch die miese Eigenschaft des Menschen Probleme mit Gewalt und Hinterlist zu lösen, wird ausgiebig beleuchtet. (Kleiner Spoiler: In einer der großartigsten Szenen beschließt eine Figur ihren “Gegenpart” zu eliminieren. Gleichzeitig fällt ihr siedendheiß ein, dass dieser einen ähnlichen Gedanken haben muss. Ein Dilemma!)
Und das Beste: “Coherence” ist kein aufgeblasener und verquaster Laberquark, sondern interessant, “outright creepy” und packend. Eine “home invasion” der philosophischen Art in der “twilight zone”. Someone feed that cat a red herring! 9/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 14.05.2015)
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