DIG!

DIG!

(Regie: Ondi Timoner – USA, 2004)

DIG! verfolgt über sieben Jahre hinweg das Leben der talentierten Underground-Musiker Anton Newcombe, Bandleader von The Brian Jonestown Massacre, und Courtney Taylor-Taylor, Bandleader der Dandy Warhols, ein vom Unglück verfolgtes Freundespaar und erbitterte Rivalen. Anton und Courtney verstehen sich auf Anhieb, da sie beide nicht bereit sind, sich dem Geschmack des etablierten Musikbusiness unterzuordnen. Doch durch ihre unterschiedliche Art, Kreativität und Originalität in einer an Profitdenken orientierten Industrie auszudrücken, werden sie zu unversöhnlichen Feinden.

“People talk about Eric Clapton. What has he ever done except throw his baby off a fuckin’ ledge and write a song about it?” ist nur einer der Sätze, die Anton Newcombe, Kopf von The Brian Jonestown Massacre, Journalisten, Fans und Mitmusikern an den Kopf knallt. “Ich bin großartig. Euer Problem ist einfach, dass ihr nicht den Unterschied zwischen gut und großartig versteht. Ist Gott gut? Nein, er ist großartig. Lernt, Größe zu erkennen.” ist ein anderes Zitat, das die megalomane Selbstwahrnehmung Newcombes gut umreißt: Er hält sich für ein Genie, den Rest der Welt für völlig verblödet oder zumindest nur für Zuarbeiter – und unter dem Anspruch der vollständigen Revolution beginnt er den Tag erst gar nicht.
Ganz anders Courtney Taylor-Taylor, Songwriter und Bandleader der Dandy Warhols, der von Aura und Genie Newcombes angezogen und inspiriert wird, aber in seinem streberhaften Bemühen, alle Facetten eines Rockstars in sich zu vereinen, ganz schnell verspießert. Partys feiern und Drogen nehmen? Klar, aber nur wenn man tags darauf auch den Promotermin wahrnimmt.
Beide Musiker sind besessen von Geld und Erfolg. Während Anton Newcombe seine Karriere aber sabotiert und einen merkwürdigen Untergrund-Kodex vorschiebt, springt Taylor-Taylor gerne über jedes Stöckchen, das man ihm hinhält, wenn es nur weiter “nach oben” führt.
Ondi Timoner hat mit “DIG!” einen Musikdokumentarfilm über die zerbrechende Freundschaft der beiden Männer und ihre Bands gedreht, den sie im Alleingang aus 1.500 Stunden Filmmaterial montierte, das in einem Zeitraum von sieben Jahren aufgenommen wurde. Sie zeigt die Bands im Studio, bei Auftritten, wie sie feiern oder jammen, von der Polizei verhaftet werden oder sich prügeln und wüste Morddrohungen ausstoßen.
Nie hat ein Name den Kern einer Band so gut beschrieben wie The Brian Jonestown Massacre: Anton Newcombe ist ein versierter Multiinstrumentalist auf der Suche nach neuen Sounds und ein veritables Drogenopfer wie Brian Jones, darüber hinaus besitzt er eine charismatische, mitreißende Persönlichkeit, die ihm das Zeug zum Kultführer verleiht, in der Dimension eines Jim Jones oder Charles Manson. (Bekannte vergleichen ihn während des Films sogar mit Jesus Christus und Adolf Hitler.) Das Massaker veranstaltet die Band nicht nur auf der Bühne, sondern auch innerhalb ihres Lebens. Ein bisschen viel pubertärer Punkrockquatsch für eine Psychedelic-Rock-Band. Die Mitglieder von The Brian Jonestown Massacre sind sich jederzeit ihres Publikums bewusst und die Schlägereien on stage werden durch hasserfüllte Ansagen unterfüttert…natürlich immer schön ins Mikrofon, so dass der ganze Konzertsaal etwas davon hat. (Ein Spaßvogel aus dem Publikum ruft dazwischen: “Play a song about love!”)
Der narrative Faden, der alles zusammenhalten soll, ist ein Voice-Over von Courtney Taylor-Taylor, der im Laufe des Films zunehmend selbstgefällig wird. Er präsentiert seine Band The Dandy Warhols als professionelle Rocktruppe, die weiß, wie man sich im Showgeschäft benimmt. Ein ziemlich ekelhafter Zug, den man gnädigerweise nicht in der Musik der Dandys ausmachen kann. Ebenfalls traurig ist die Art und Weise, wie Anton Newcombe so gut wie alle frühen Mitstreiter aus der Band wirft oder ekelt. Gerade im Falle von Joel Gions ist das ein ziemlicher Schnitzer, denn der Hofnarr der Band, der im Film auch als spitzbübischer Griechischer Chor auftritt, scheint die einzige Person zu sein, die im Drogen- und Selbstzerstörungsrausch einen gewissen Überblick behält – und diesen den anderen Bandmitgliedern humorvoll beibringen kann. Der talentierte, wenn auch nicht geniale, Matt Hollywood verlässt die Band, als Newcombe live einfach einen seiner Parts singt und ihm nach der Show ein paar üble Schrammen zufügt.
Über all die Drogeneskapaden, die wahnwitzigen Ansagen, die erhitzten Streits und Kämpfe, sollte man eins nicht aus den Augen verlieren: The Brian Jonestown Massacre können ihren großspurigen Ansagen Taten folgen lassen. Anton Newcombe ist das Ausnahmetalent, für das er sich hält und viele seiner Ex-Musiker zogen weiter, um ähnlich genialische Bands wie etwa den Black Rebel Motorcycle Club zu gründen. Leider werden fast alle Songs nur angespielt, über die Einflüsse der Gruppen erfährt man so gut wie gar nichts. Die Musik ist es jedoch, die Genesis P-Orridge (Throbbing Gristle, Psychic TV) sowohl für das Brian Jonestown Massacre, als auch für die Dandy Warhols einnimmt. Er/Sie/Es äußert in einem Interview die unumwundene Bewunderung für beide Bands.
Bei den Beteiligten kam “DIG!” nicht sonderlich gut an, sie warfen der Regisseurin Sensationslust vor. Natürlich wird sie ein paar Weichen gestellt und den Film so montiert haben, dass eine stete Zuspitzung die Ereignisse vorantreibt. Aber auch für sich können die Bilder den Exzess nicht leugnen. So hatten Newcombe und Taylor-Taylor eine Ahnung davon, wie sich Paul McCartney und George Harrison fühlten, als sie ihre kleinlichen Kritteleien in “Let It Be” auf der Leinwand anschauen mussten. “Die Beatles”, sagt Anton Newcombe, “verkauften die Liebe, ich verschenke sie.” Thank God for mental illness. 8,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 22.11.2015)
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