EMR – Swallow Your Fear

EMR – Swallow Your Fear

(Regie: James Erskine/Danny McCullough – Großbritannien/USA, 2007)

Der Epileptiker Adam Jones verbringt die meiste Zeit im Internet, wo er sich über diverse Verschwörungstheorien informiert. Als er während mehrerer Anfälle an immer anderen Orten aufwacht und sein Alltag immer mysteriösere Züge annimmt, glaubt Adam, Teil eines gigantischen Komplotts zu sein, in dessen Verlauf sich alles und jeder gegen ihn verschworen zu haben scheint…

Seit der weiten Verbreitung des Internets in so gut wie jeden Winkel (und damit Haushalt) der westlichen Welt, kommen immer mehr Menschen mit Verschwörungstheorien in Berührung, die in einer solch erstaunlichen Farbenpracht erblühen, dass hier jeder sein Thema, seine Ecke oder Nische finden kann. Von geheimen UFO-Basen über Attentate der Geheimdienste auf öffentliche Personen bis zur manipulierten Trinkwasserversorgung der Bevölkerung, gibt es kaum einen Themenkomplex, der nicht von diesem Phänomen betroffen wäre.
Die beiden Autoren und Filmemacher James Erskine und Danny McCullough konzentrieren sich in ihrem Independentfilm “EMR – Swallow Your Fear”, den die beiden neben ihren “9 to 5”-Jobs mit geliehenem Geld von Freunden (einem Budget von etwa 90.000 Pfund) und eigenem Equipment realisierten, auf die Machenschaften von Pharmafirmen, die ihre Produkte auf Kosten der Menschheit vertreiben und einsetzen wollen – gerne auch in Kooperation mit der örtlichen Regierung.
Hauptfigur Adam, ein Engländer, ist seit etwa zehn Jahren Patient und schluckt Pillen gegen die Epilepsieerkrankung, die man bei ihm diagnostizierte. Er arbeitet in einem schlechtbezahlten Job als Packer in einer Spedition und schert sich wenig um die Außenwelt. Er verbringt die Zeit gerne zusammen mit seiner Katze ALF in der eigenen Wohnung und tauscht sich über das Internet mit Gleichgesinnten zu den neusten Verschwörungstheorien aus. Sein Hauptaugenmerk liegt dabei auf medizinischen Versuchen und Verbrechen, etwa die berühmte “Urban Legend” des Übernachtklaus einer Niere oder den nächtlichen Entführungen und Experimenten extraterrestrischer Wesen.
So lernt er auch seine Freundin Lily kennen, die am anderen Ende der Welt in San Francisco wohnt. Ihr Treffen steht kurz bevor, Adam hat endlich das Ersparte zusammen, um den Trip an die Westküste der USA finanzieren zu können, da wird er plötzlich gefeuert. Man teilt ihm mit, er sei eine ganze Woche nicht zur Arbeit erschienen; er schwört dagegen Stein und Bein, er habe erst gestern noch mit einer Kollegin geschäkert.
Sollte hinter seinen Träumen und Halluzinationen doch mehr stecken, als er vermutet?
Von hier an springt der Film zwischen vermeintlicher Wirklichkeit und Traumszenen hin- und her, bis bald niemand mehr weiß, ob Adam an seiner Paranoia verzweifelt oder wirklich Opfer böser Mächte ist, die ein Spielchen mit ihm treiben.
Trotz niedrigem Budget und letztendlich einer Freizeitproduktion, ist das hervorragend gespielt, in ansprechende Bilder gepackt, professionell fotografiert, ausgeleuchtet und editiert. Manche Multimillionendollarproduktion würde sich eine ähnlich talentierte Crew wünschen. Nachlässigkeiten gibt es vor allem im Script, welches mit einem eher offenen Ende aufwartet, das mir nicht bissig genug ist. Es stellt zwar die Möglichkeit heraus, dass Adam wirklich ein Opfer von Medikamententests ist, die krassen Erfahrungen aber allein auf Einbildung basieren. Das schmälert den Effekt der paranoiden Geschichte merklich und verwundert ebenso, weil man sich extra die Mühe gab, im Internet zwei gefakete Websites unterzubringen, die im Film vorkommen. Einmal den “Truth Vendor”, eine Verschwörungsplattform, von der Adam vor allem seine Informationen bezieht, sowie die firmeneigene Homepage von “Pfenal”, eines fiktiven Pharmariesen, der Adams Medikament, Herztabletten und ähnliches vertreibt.
Neben dem spannenden Thrillerplot, stellt “EMR – Swallow Your Fear” in Teilen auch noch das Porträt einer Person dar, die durch sozialen Status, einer krankheitsbedingten Disposition und die völlige Sinnlosigkeit des Lebens für eine Anfälligkeit für Verschwörungstheorien prädestiniert zu sein scheint. Der Film selbst versteht sich nicht als Dokumentation der Symptome eines Erkrankten oder Verwirrten, er sieht sich als schnurgerader Unterhaltungsfilm, der sich einem interessanten Thema widmet. Darunter liegt aber eine weitere Ebene, wenn auch nicht ausformuliert und vielleicht in dieser Form auch gar nicht beabsichtigt.
Also Daumen hoch für dieses völlig geglückte Projekt des Independentkinos, das in Deutschland sogar einen größeren DVD-Vertrieb durch i-on/Warner Brothers finden konnte. Und daran ist wahrlich nicht nur der gut kompilierte Soundtrack mit u.a. Belle & Sebastian und The Flaming Lips schuld. 6/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 23.01.2015)
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3 Responses to EMR – Swallow Your Fear

  1. Pingback: Die Kissen sind geschlachtet | PAURAnoia - Gedanken beim Betrachten des Messerblocks

  2. alexapprich says:

    Toller Review. Hab den Film heute entdeckt. Nachdem du den Soundtrack erwähnst… weisst du wie der Song heisst der bei ca. 22:23 gespielt wird als Adam in die Bar kommt?

    Vielen Dank & Gruss

    Alex

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