Es begann um Mitternacht

Es begann um Mitternacht

(Regie: Osman F. Seden – Türkei, 1974)

Eine Gruppe blutrünstiger Verbrecher ist aus dem Gefängnis ausgebrochen. Von der Polizei verfolgt, dringt sie in ein Haus ein, in dem ein Arzt mit seiner Frau und seinem Kind wohnt und nimmt sie als Geisel. Der Arzt, begleitet von einem der drei Verbrecher, geht zur Bank, um ein hohes Lösegeld abzuheben. Währenddessen bewachen die beiden anderen Verbrecher die Frau und das Kind. In einem Amoklauf töten sie das Kind und vergewaltigen die Frau. Als der Arzt nach Hause zurückkommt, findet er das tote Kind und die Frau verrückt geworden vor. Er schwört Rache.

Das Türkische Kino? Terra incognita. Bis auf den unter Liebhabern des Trashfilms bekannten “Dünyayı Kurtaran Adam” (auch unter dem Titel “Turkish Star Wars” geläufig) und dem von der Presse zum Skandalfilm gemachten “Tal der Wölfe – Irak” fallen mir auf Anhieb keine türkischen Produktionen ein, wenn man von jenen absieht, die die BPjM ab und zu in ihrem “Einkaufsführer” veröffentlichte, nachdem mal wieder der Indexhammer kreiste. Wohl auch ein Grund dafür, dass “Çirkin dünya” (Originaltitel) für den internationalen Verleih Credits verpasst bekam, die ausschließlich italienische und englische Namen featuren – so wird hier gleich der Bezug zu ähnlichen italienischen Filmen wie “La casa sperduta nel parco” hergestellt. Die Alternativtitel “Mondo Brutale II” und “Last House In Istanbul” verweisen dann auf einen weiteren Klassiker des Rape & Revenge-Genres, nämlich Wes Cravens Schocker “The Last House On The Left”.
Die Geschichte lässt sich ganz einfach mit “Ich komm’ auf die Party und mach’ Stress ohne Grund!” zusammenfassen: Eine übliche Bande von Kleinkriminellen, die aus einem soziopathischen Mastermind und seinen debilen Helferlein besteht, führt eine perfide “home invasion” durch. Ursprünglich mit dem Ziel der Polizei zu entkommen und das nötige Kleingeld beizuschaffen, das man nach der Flucht aus dem Knast so braucht, eskaliert das Ganze sehr schnell heftig und unschön.
Die brutalen Eindringlinge schleichen sich ins großbürgerliche Leben einer Arztfamilie und lassen ihren Launen freien Lauf. Während ihr Anführer (hinreißend charismatisch von Savaş Başar dargestellt ) auf halbgare Psychospielchen steht, befassen sich seine Mitläufer eher damit, ihre grundlegenden Bedürfnisse zu befriedigen, die durch ihr schmieriges Auftreten in speckigem Leder, inklusive Klappmessern und Ketten, mehr als nur angedeutet werden.
Die Stärken von “Es begann um Mitternacht” (der von 1983 bis 2008 in Deutschland indiziert war) liegen auch gar nicht im Bereich der Figurenzeichnung oder einer ausgefallenen Story, viel interessanter ist die zunehmend psychotische Entwicklung der Stimmung des Films, die sich über gute 75 Minuten kontinuierlich steigern kann. Regisseur Osman F. Seden (hier unter dem Pseudonym “Rowland Kramer” aufgeführt) weiß nicht nur an der Spannungsschraube zu drehen, er beginnt beim simplen Kriminalfilm und sublimiert diesen über Elemente des Psychodramas bis hin zum Horror des Finales, der den Zuschauer im Unklaren lässt, ob das abrupte Ende nur eine Rachefantasie, eine Vision im Delirium oder echte Morde sind.
Die visuelle Umsetzung des Themas beginnt zurückhaltend, die räumlichen Begrenzungen der Villa in den Hügeln Istanbuls reichen aus, um die isolierte Notlage der Familie sichtbar zu machen. Ein Gefängnis, das durch die pralle Farbgebung der Klamotten und die schwelgerisch-kitschige Innenausstattung konterkariert wird. Sobald wir im zweiten Teil des Films die sonnendurchflutete Terrasse des Anwesens betreten und diese von nun an den Hauptort der Handlungen darstellt, beschränkt Regisseur Seden sofort die Sicht auf das atemberaubende, mediterrane Panorama, indem er den Bildhintergrund verkleinert und perspektivisch stark vergrößerte, zum Teil bedrohliche Objekte (wie z.B. Stiefel) den Bildvordergrund dominieren lässt. Hier fallen auch erstmals die schrägen Einstellungen auf, die sich bis zum Ende des Films weiter häufen. Die Familie befindet sich immer noch in der Hand einer Gruppe wankelmütiger Gewalttäter und dies bleibt einem in jeder Minute bewusst, trotz satter Farben und Urlaubsflair.
Den gedankenlosen und rohen Umgang mit Tieren ist man im Exploitationkino der 70er gewohnt, selbst Tiertötungen sind keine Seltenheit. So rabiat wie in “Es begann um Mitternacht” aber mit einem Kleinkind (von etwa vier oder fünf Jahren) umgesprungen wird, wundert es mich, dass der Film nicht mehr diskutiert wurde. Neben “full frontal nudity”, die in meinen Augen nicht zu beanstanden ist, gibt es eine Szene, in der man deutlich erkennen kann, wie das Kind mehrmals unter Wasser gedrückt wird. Es folgen ähnlich rücksichtslose Szenen zusammen mit der Darstellerin der Mutter (gespielt von Hülya Koçyiğit), wieder unter Wasser, sowie eine letzte Einstellung, in welcher der Knirps in den Pool geworfen wird. (Hier erkennt man dann auch endgültig, dass dies nicht die Puppe war, die man später leblos am Grund des Pools treiben sieht, denn sofort nachdem der Junge ins Wasser eintaucht, ziehen ihn zwei starke Arme wieder aus dem Wasser.) Der Kleine macht seine Sache übrigens sehr gut und alle Szenen mit ihm kann man getrost als Highlights verbuchen.
Während zu Beginn noch konventionell und dialogreich die Verhandlungen mit den Eindringlingen im Vordergrund stehen, entfernt sich Regisseur Seden im Verlaufe des Films immer mehr von der erzählerischen Ebene, um alleine die Bilder wirken zu lassen. Im epilogisch anmutenden Finale, welches nach einem aufreibenden Klimax und Gewaltausbruch stattfindet, bebildert er nur noch den Geisteszustand der Mutter, den er mit den Mitteln des Horrorfilms gestaltet und beendet “Es begann um Mitternacht” mit einem Knall.
Selten habe ich einen Film gesehen, der sich so konsequent steigert und ein eher gebräuchliches Sujet kontinuierlich in kleinen Schritten umgestaltet, um von einem herkömmlichen Krimiplot zur impressionistischen Innenansicht des zerstörten Familien-, Liebes- und Lebensglücks zu gelangen. Wirklich sehenswert. 7,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 12.03.2016)
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