Escape From Tomorrow

Escape From Tomorrow

(Regie: Randy Moore – USA, 2013)

Es sollte eigentlich ein schöner Ausflug ins Walt Disney World Resort mit der ganzen Familie werden. Dann erfährt Oberhaupt Jim White, dass er gefeuert wurde. Er behält die unerfreulichen Neuigkeiten jedoch brav für sich, um seiner Frau und den beiden Kindern den restlichen Urlaub nicht zu vermiesen. Jim hat derweil nur Augen für die Damenwelt. Der Trip entwickelt schnell eine eigene Dynamik, als ihn dabei wirre Visionen zu verfolgen scheinen. Als seine Frau Emily dann noch Wind davon bekommt, dass Jim schon den ganzen Tag zwei jungen Mädels aus Frankreich hinterher eifert und zudem seine elterlichen Pflichten vernachlässigt hat, steuert das Ganze auf eine Katastrophe zu…

“Escape From Tomorrow” machte im Vorfeld damit Furore, dass den Filmemachern etwas gelungen war, was man bisher schlichtweg für unmöglich hielt: Sie hatten einen Featurefilm in Disneyland und Walt Disney World gedreht, ohne Teil des Maus-Konzerns zu sein, ja, sogar ohne eine Genehmigung für diesen Vorgang einzuholen.
Nachdem das Drehbuch stand, welches Regisseur Randy Moore aus den Diskrepanzen zwischen seinen Kindheitserinnerungen und einem erneuten Besuch in Disneyland im Erwachsenenalter als Familienvater entwickelte, übten Cast und Crew den kompletten Film in acht bis neun “trockenen” Durchläufen ein, ehe man damit begann, Szene für Szene mit Guerilla-Filmtaktiken auf kleinen, portablen Kameras festzuhalten.
Dabei war es äußerst wichtig einen originären Kinolook einzufangen, wie Moore in Interviews betonte, da er den Homevideo-Style des in den letzten Jahren prosperierenden Found-Footage-Genres einfach nur grässlich findet. Selbst die eigenen Homevideos sind manchmal eben unerträglich.
Nun hatte es Mickey Mouse in den letzten Jahrzehnten schon wahrlich nicht leicht, war sie doch zuerst der leicht humorlose Störfaktor in den ehapa-Comics, der einem zwischen den Abenteuern des Duck-Clans auf die Nerven ging, oder gleich die Inkarnation des Kulturimperialismus der USA, nur noch übertroffen von McDonald’s und Coca-Cola. Die klägliche Politik der Bush-Regierung, vor allem nach 9/11, befeuerte dann auch weltweit einen stärkeren Antiamerikanismus, der sich immer wieder am Konterfei des Galans von Minnie Mouse abarbeitete.
Wer schon mal an einem Samstagmorgen aus der Welt der Erwachsenen (Sex, Drogen, Gewalt…eine Freitagnacht eben) in den bunten Irrsinn des Kinderfernsehens gestolpert ist, wird wenig verwundert sein, dass man damit locker die Attribute psychedelisch, surreal oder einfach nur geisteskrank verbinden kann. Auch frühe Disney-Filme wie “Fantasia”, “Alice im Wunderland” oder “Dumbo” (eine Sequenz entstand unter der Mitarbeit Salvador Dalís) sind dankbare Vorlagen für eine Runde Kifferkino, ohne dass man an ihnen etwas verändern müsste.
Dies tun Randy Moore und seine Crew. Als erstes verbannen sie den allgegenwärtigen Farbenoverkill aus Disneys Freizeitpark, eine naheliegende Idee, die aber extrem wirkungsvoll ist. Gleichzeitig überbetont der Soundtrack den psychotisch-entnervenden Charakter der Disney-Filmmusiken und schon ist man mittendrin in der Geisterbahn. Was aber wirklich die gewünschte Wirkung bringt, ist, Disney beim Wort zu nehmen, dass diese Rummelattraktion der “happiest place on earth” sei – und dann die wirkliche Welt einbrechen zu lassen.
Gleich zu Beginn erfährt die Hauptfigur von ihrer zukünftigen Arbeitslosigkeit. Leicht bis mittelschwer geschockt, besinnt sie sich, an welchem Ort sie ist, um darauf diesen Vorfall zu übertünchen und zu überspielen, gilt es schließlich einen Familienurlaub zu retten. Nun geht Randy Moores Attacke aber erst richtig los, denn in der Parodie, die “Escape From Tomorrow” in all seiner psychedelisch-surrealen Schwarzweißpracht ist, zerfleddert er Disneys Familienbild und flutet den aseptischen Park mit Sex und Tod.
Einige der irrwitzigen Ideen reichen von einem Callgirl-Ring der Prinzessinnen, über “cat flu” bis hin zu verborgenen wissenschaftlichen Versuchen von Siemens. Auch die längere Abwesenheit der eigenen Kinder kann ziemlich plausibel, wenn auch etwas düster geklärt werden.
Randy Moore weist sein Publikum immer wieder darauf hin, dass uns Disney eine Traumwelt verkauft, die wir gar nicht aus eigenem Antrieb erstreben. Besonders zum Schluss gibt es ein paar eindeutige Bilder zum Thema subtiler Gehirnwäsche. (Wo wir gerade über Bilder reden: Die Rückprojektionen entstanden aus der puren Not, an manchen Schauplätzen in den Disney Resorts keine Handlung filmen zu können. Dieser Look verweist jedoch, ob nun unfreiwillig oder nicht, auf Disneys bzw. Hollywoods große Zeit in den 40er bis 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Ein kleines, charmantes Detail.)
Es braucht keine besondere Beobachtungs- oder Auffassungsgabe, um den Gruselfaktor dieser falschen und aufgesetzten Plastikwelt zu entdecken, es brauchte aber die Entschlossenheit von Randy Moore, um ein paar allgemeine Beobachtungen zum weltweiten Maus-Media-Konzern geschlossen auf den Punkt zu bringen. Und das ist zwar nicht im Disneyschen Sinne “Entertainment”, aber trotzdem jederzeit unterhaltsam. Aus Angst vor Repressalien durch die Walt Disney Company und ihre Anwälte, ließ Randy Moore den Film in Südkorea schneiden. Doch Disney klagte nicht, Disney schwieg und ignoriert den Film bis heute. 8/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 15.05.2015)
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