Gospel According To Harry

Gospel According To Harry

(Regie: Lech Majewski – Polen/USA, 1994)

Die Ehe von Karen und Wes zerfällt wie die Ruinen einer Sandburg. Karen kann nicht mal mehr mit ihrem Mann schlafen – der Sand ist buchstäblich in jede Ritze gedrungen. Harry, ein Steuereintreiber, sieht zu wie die Ehe auseinanderfällt. Als Beamter nimmt er Wes Beichte auf. Trotzdem ist er nicht im Stande ihm zu helfen. Das allmächtige Auge des Fernsehens glitzert über der Wüste…

Lech Majewski, Regisseur von “Gospel According To Harry”, konnte nicht nur David Lynchs Produktionsfirma Propaganda Films zur Co-Finanzierung und Veröffentlichung seines Wüstenstückes über den “everyday struggle” gewinnen; der spätere Star Viggo Mortensen übernimmt hier die männliche Hauptrolle Wes, während Jennifer Rubin, die man kurz zuvor in Oliver Stones “The Doors” sehen konnte, seinen weiblichen Gegenpart Karen spielt.
Alle Figuren in Majewskis Film sind Stereotype, auf das Niveau von Groschenromanen geschrumpfte Charaktere, die den alltäglichen Weg durch ihr Leben beschreiten – und zwar so, als sei es für eine seichte Fernsehsendung inszeniert worden. Man behandelt die großen Themen wie Liebe, Tod, Gott und das Finanzamt, jedoch äußerst oberflächlich und widerwillig. Es scheint, als würden Wes und Karen ihre Zeit lieber “sinnlos” vertrödeln und sich an Kinkerlitzchen ergötzen.
Im Umfeld eines Reihenhäuschens aus der Vorstadt hätte man damit sicherlich den langweiligsten und überflüssigsten Film aller Zeiten drehen können, aber Lech Majewski ändert kurzerhand den Ort der Begegnung und verfrachtet das Paar in die Wüste.
Dies ist ein angenehmer Ort für Filmemacher, liefert er doch fast von alleine brauchbare Bilder, ist mit existenziellen Dingen und Fragestellungen aufgeladen und bringt einen gehörigen Schuss Mystik und Exotik mit. Andere Regisseure wie Alejandro Jodorowsky, Fernando Arrabal oder Michelangelo Antonioni waren sich diesem Sachverhalt sehr bewusst und nutzten die offensichtlichen Vorteile ebenfalls für ihre Filme, die sich mit den grundlegenden Dingen unserer Gesellschaft auseinandersetzen.
Es mag ein wenig nach Theater klingen, wenn die Inneneinrichtung eines Einfamilienhauses in den Sanddünen steht und alle Darsteller ihren Auf- und Abgang haben, zeitlich und räumlich getrennt. Lech Majewski widmet sich eben auch der Leinwand, versteht sich selbst jedoch vor allem als Poet, der nicht nur schreibt, sondern genauso Theaterstücke inszeniert. Eine der bekanntesten Aufführungen in Heilbronn (nicht zu verwechseln mit Robert Wilsons Inszenierung in Hamburg) unter seiner Regie, war Anfang der 1990er “The Black Rider”; ein Stück, das von Tom Waits und William S. Burroughs nach Motiven des “Freischütz” erarbeitet wurde.
Allein die weiter oben erwähnte, kleine Änderung der Perspektive macht “Gospel According To Harry” interessant und führt zu den wichtigen Momenten des Films: Momente der Freude, des Schmerzes und der Erlösung, in einer sonst eher gleichgültig-gedämpften Umgebung des Materialismus und der Sinnfreiheit. Manchmal ist die Kritik an der energie- und lustlosen Lebensweise der US-Amerikaner und Mitteleuropäer etwas dick aufgetragen, auch die Schlüsse, die Majewski zieht, sind nicht neu, teilweise sogar trivial, aber in so schöne Szenen und Sequenzen verpackt, die den Weltschmerz um die Isolation des Individuums (Niemand wird dir beistehen, sei dir dessen sicher!) in flirrender Hitze und gleißender Sonne präsentieren, dass man sich einfach erneut bestätigen lässt, was man eh schon dachte. (Vielleicht eine Falle, wird man dadurch doch genauso passiv wie Wes vor seinem Fernsehgerät. Aus dieser Lethargie erwacht er nur kurz, um seinem Vater genervt darum zu bitten, er solle doch nicht mehr versuchen ihm Versicherungen anzudrehen, schließlich sei er sein Sohn.)
Die satirischen Elemente stehen klar im Vordergrund, wenn sich ein schwarzer Jesus Christus, der Präsident der USA, das Finanzamt, die Ärzteschaft (plus Schuldeneintreiber des Krankenhauses im schmierigen Polyesterfreizeitanzug) und die Jungs vom Umzugsservice ein Stelldichein geben und vor allem ihre Rat- und Tatenlosigkeit, ihre Sinn- und Nutzlosigkeit unter Beweis stellen. Glücklicherweise sind auch die poetischen Augenblicke des Films in großer Zahl vorhanden, repräsentiert durch surreale Shots und Einfälle, die “Gospel According To Harry” über die eher nüchternen bis egalen Inhalte seiner Rahmenhandlung hinweg heben.
Regisseur Majewski gelingt eine alchemistische Glanzleistung: Er verwandelt Ur-Triviales in etwas Besonderes, er entdeckt winzige Augenblicke der Schönheit und der Erhabenheit in ca. 77 Jahren Alltagstrott.
Die religiösen Motive und auch die Unterteilung des Filmes in Kapitel, die sowohl nach Büchern der Bibel, wie auch nach Geschichten und Vorgängen aus derselben benannt sind, würde ich nicht überbewerten; es ist der christliche Firlefanz, der das Leben im Westen eben umgibt. Von völliger Gleichgültigkeit bis zum geifernden Fanatismus evangelikaler Kultführer reicht die Spannweite, die vor allem die Beliebigkeit und die Hilflosigkeit Gottes unterstreicht. Ein Fernsehgerät kann genauso gut die Absolution erteilen oder die Verkündigung des Herrn in alle Winkel der Welt tragen. Ach ja, Harry ist der Typ vom IRS, wir sahen hier also das Evangelium nach der Finanz- und Steuerbehörde der USA. Jesus H. Christ! 7/10

Ausschnitt

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 27.01.2016)
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