I Shot Andy Warhol

I Shot Andy Warhol

(Regie: Mary Harron – Großbritannien/USA, 1996)

Valerie Solanas verbringt nach ihrem Psychologiestudium ihre Zeit damit, ihre selbstverfassten revolutionären Texte in Umlauf zu bringen und Mitglieder für die von ihr gegründete S.C.U.M.-Gesellschaft (Society for Cutting Up Men) zu werben. Am 3. Juni 1968 betritt sie Andy Warhols Studio und schießt auf ihn…

Die irrwitzigste Schmähschrift des 20. Jahrhunderts ist ganz sicher Valerie Solanas “SCUM Manifesto”, ein klarsichtig geschriebenes Hass-Pamphlet, das sämtliche zeitgenössischen, revolutionären Schriften durch seinen Witz und seine Radikalität verblassen lässt. In ihm geht es nicht um eine wissenschaftliche Herangehensweise oder um das bürgerliche Bemühen um Ausgleich, um Pro und Kontra, vielmehr konzentriert sich in ihm die Wut einer Ausgestoßenen und Übergangenen, die sehr viel besser als der Durchschnittsabschaum ist, der seinen meist männlichen Arsch über die Bürgersteige dieser Welt schiebt. Man kann das “SCUM Manifesto” für biologistischen Unfug halten, für die durchgeknallten Zornesreden einer Irren oder seinen beschränkten Geist kurzfristig öffnen und Valerie Solanas auf den wütend niedergetrampelten, neuen Pfaden folgen. Für manche der He-Männchen, die sich amüsiert über den Genderwahn lustig machen, sicher eine unlösbare Aufgabe.
Umso mehr stößt “I Shot Andy Warhol” von Regisseurin Mary Harron (“American Psycho”) auf wenig Gegenliebe, einfach durch seine hemmungslos konventionelle Machart. Neben dialogreichen Szenen, die den Hintergrund von Solanas Tat erklären sollen, versucht man sich auch an längeren Sequenzen, die den Zeitgeist einfangen wollen und inszeniert z.B. eine Party in Warhols Factory und ein Zusammentreffen mit revolutionären ’68ern. Die Musikauswahl ist dabei entweder treffend, aber abgenudelt (Was hören Revolutionäre? Na, klar, die MC5 und Blue Cheer!) oder ein völliger Fehlgriff: “Love Is All Around” von den Troggs ist keine schlechte Nummer, aber 1967 gab es weder R.E.M., noch ihre Coverversion des Songs. Den absoluten Tiefpunkt mit Wet Wet Wet hat man sich (und uns) gnädigerweise erspart. Andere neuere Bands wie Yo La Tengo funkeln durch ihre Nähe zum Velvet-Underground-Sound heller, aber trotzdem zwielichtig – sie mimen im Film eine, im Abspann als “Band auf der Party”, benannte Truppe – sicher “The Velvet Underground”; aber Lou Reed verweigerte die Freigabe seiner Songs für den Film. Sein ehemaliger Kollege John Cale beteiligte sich hingegen am Soundtrack und sprang Mary Harron auch bei ihrem Folgeprojekt “American Psycho” musikalisch zur Seite.
Ich bin mit Andy Warhols Kunst nur oberflächlich vertraut. Ich kenne die berühmten Suppendosen, die Elvisse, Marilyns und ein paar von Paul Morrisseys Filmen, auf denen Warhols Name pappt. Ansonsten nehme ich den seltsamen Mann mit den platinblonden Haaren eher als Initiator für die eben schon erwähnten Velvet Underground wahr, oder als schmückenden Gast auf Rockstar-Partys. Alle im Film zu sehenden “Kunstwerke” wurden extra für die Leinwand erdacht und gebaut, angelehnt an Warhols echte Arbeiten. Um Warhol und seine Kunst geht’s hier also nicht. Worum dann?
Vielleicht um das Zelebrieren eines Wigfests, denn neben den Dragqueens aus dem Umfeld von Andy Warhols Factory (Stephen Dorff spielt z.B. Candy Darling), tragen auch viele andere Darsteller falsche Bärte, Schnauzer und Haare. Lili Taylor wurde für die Hauptrolle in den wuscheligen Hobo-Look des frühen Bob Dylan gesteckt und imitiert Mimik und Gestik des “Bringing It All Back Home”-Zimmermans. So wie dieser mit dümmlichen Journalisten und frenetischen Fans umging, behandelt sie ihre gesamte Umgebung. Da es nur wenig Filmmaterial der echten Solanas gibt, kann ich nicht sagen, ob dies zutreffend oder nur eine hilfreiche Finte ist.
Natürlich klappert man auch die “mythischen” New Yorker Orte ab, wie etwa das Chelsea Hotel, das gehört einfach zum Kolorit, zu der “Szene”, die uns “I Shot Andy Warhol” zeigen will. Leider in einer einfallslosen Art. Selbst die mitreißenden Zitate aus dem “SCUM Manifesto” werden in Stand-Up-Manier im Spot eines Scheinwerferlichts und in schwarz-weiß dargeboten!
Das klingt alles nach ziemlichem Murks, erstaunlicherweise unterhält Harrons Film über 100 Minuten richtig gut. Vielleicht hätte man sich aber doch die Mühe eines Dokumentarfilms machen sollen, der angedacht war, jedoch wegen Quellenmangels abgebrochen wurde. So ist das schönes Retro-Entertainment im Pseudo-Sixties-Style, das den lesenswerten Gedanken Valerie Solanas und ihren Erfahrungen mit der US-amerikanischen Gesellschaft in keiner Weise gerecht wird. Überspringen wir doch die kommenden und folgenden Genozide und beginnen direkt mit dem Sexozid? Vielleicht – aber wenn Sie das nächste Mal ein freundlicher Herr in der Fußgängerzone anspricht, um ihnen eine Bibel oder den Koran anzudrehen, lächeln Sie gewinnend, und schenken Sie ihm eine Ausgabe von Valerie Solanas “SCUM Manifesto”. Dropping out is not the answer, fucking up is. 6/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 27.11.2015)
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