I Want To Be A Soldier

I Want To Be A Soldier

(Regie: Christian Molina – Italien/Spanien, 2010)

Als kleiner Junge möchte Alex Astronaut werden. Dafür hat er sich sogar einen imaginären Freund zugelegt, von Beruf Raumfahrer bei der NASA. Dann bekommt Alex Geschwister, seine Eltern beginnen öfters zu streiten, und der Fernseher in seinem Zimmer wird sein neuer Berater. Dort laufen Nachrichtenbilder vom Krieg, und nun möchte Alex Soldat werden. Sein imaginärer Freund ist jetzt ein Marine, und der Feind sind die Schwachen und Außenseiter an seiner Schule. Als seine Eltern die Veränderung registrieren, ist es vielleicht schon zu spät.

Ärgerlich – ja, ärgerlich scheint mir das richtige Wort zu sein. Der Umgang mit Medien ist hochgradig ärgerlich. Seit dem Siegeszug der Massenmedien haben sich Eltern, Erzieher, Prediger und Moralisten auf einen Feld- oder besser Kreuzzug gegen die Massenmedien begeben. Ob in den 1950ern Comics und Rock ‘n’ Roll, in den 1980ern Videofilme und Heavy Metal und ab den 1990ern der Computer und das Internet, diese Krieger fürchten um ihre Erstgeborenen, fürchten um die Unschuld ihrer Kinder.
Es scheint sie wenig zu stören, Gesellschaftssystemen anzuhängen, die durch Druck und Gewalt funktionieren, die zur Konformität zwingen und ganz nebenbei die wirkliche Lebensgrundlage nach und nach auslöschen. All dies ist kein Problem. Aber das Fernsehen verdirbt die Jugend. Das Internet verdirbt die Jugend. Menschen, denen Waffenexporte grundsätzlich schnuppe sind, sprechen von “Killerspielen”. Schon die Terminologie beweist die mit Vorurteilen beladene Ignoranz dieser selbsternannten Kritiker und Jugendschützer.
Mit ihrer hetzerischen Geiferei gestehen sie sich jedoch nur ihre eigene Impotenz ein, ihre Kinder nicht vor miesen Ausbildungen in miesen Jobs schützen zu können. Nicht vor den geistlosen Tretmühlen, die sich Karrieren schimpfen. Dahinvegetieren und es Leben nennen. Stattdessen prügelt man auf Horrorfilme ein und feiert seine eigene Schlappschwänzigkeit mit wunderschön auswendig gelernten Idiotenphrasen wie “Lehrjahre sind keine Herrenjahre”. Es ist zum Speien.
In genau diese Kerbe des Ärgerlichen schlägt auch Christian Molinas Film “I Want To Be A Soldier”, der stets um ein wenig Eigenständigkeit bemüht (bloß nicht zuviel!), aber trotzdem dem konventionellen Erzählkino verhaftet, die Geschichte eines Zehnjährigen auf die Leinwand bringt, der sich mit familiären und schulischen Problemen plagt, die ihn früh in die Pubertät zwingen. Und zwar im buchstäblichen Sinne: Er möchte ein Mann werden, besser noch: ein Soldat!
Wie er auf diesen Trichter kommt? Nun, die eigentliche Handlung würde da die Geburt von Zwillingsgeschwisterchen anführen, welcher ein Kampf um die Stellung innerhalb der Familie folgt, vielleicht auch Rudelgerangel innerhalb der Hierarchie seiner Schule. Kinder, die ihre Grenzen austesten. Dies ist auch alles enthalten, wird um des Effekts Willen aber vom Regisseur konsequent kleingeredet und in den Schatten gestellt. Der Mann hat nämlich eine Überzeugung: Er glaubt zu wissen, dass übermäßiger und unbeaufsichtigter Fernsehkonsum zu einem degenerierten Dasein als schlechter Mensch führt. Dem Zuschauer wird dies in einer lachhaften Montage (man denke jetzt an “We need a montage!” aus Trey Parkers Puppentrick “Team America: World Police”) zugemutet, die innerhalb einer oder zwei Minuten aus einem umgänglichen Sohn einen angehenden Faschisten macht. Wow! Und das nur durch den Konsum von Nachrichten und Kriegsfilmen.
Ab diesem Augenblick wusste ich, dass hier nichts mehr zu holen ist, denn selten wird man im Kino für so dumm verkauft. (Obwohl sie’s ja immer wieder versuchen.)
Die spanisch-italienische Co-Produktion bemüht sich um einen seriösen Hollywoodanstrich (der in der deutschen Fassung durch die misslungene Synchronisation sofort wieder zunichte gemacht wird) und verpflichtet auch zwei alte Recken: Danny Glover (dessen Puppen-Avatar in “Team America: World Police” schön der Hals von einem Kätzchen zerfleischt wird) und Robert Englund (Nancy wird Freddy nie wirklich los, seit einigen Wochen möchte Robert Englund nicht aus meinem Fernseher verschwinden, egal ob “Masters of Horror”-Episode, eine “Married With Children”-Folge oder dieses Drama). Damit verrät Regisseur Molina dann auch die wenigen interessanten Punkte (z.B. den imaginären Freund der Hauptfigur). Gerade Robert Englunds Auftritt als Psychologe ist ein ziemliches Desaster. Er entspricht allen Klischeevorstellungen, die man in Bezug auf Psychologen haben kann, sogar bis aufs I-Tüpfelchen des Aufzugs. Die abgestandene Sülze von Grenzen und Tyrannen, die er über seinen imposanten Schreibtisch erbricht, setzt dem ganzen letztendlich die Krone auf. Ist das wirklich ernstgemeint?
Ich fürchte ja, ich habe zumindest keine stichhaltigen Beweise gefunden, die für Humor sprechen würden. Dieser Schinken nimmt sich bierernst. Ganz ohne Augenzwinkern.
Es bleibt eine nette Grundidee, über die der Regisseur strunzdumm und pathetisch defäkiert, weil er auf seiner Mission zum Schutz der Jugend den wahren Grund allen Übels erkannt haben will. Die melancholisch gemeinte Schlusspointe setzt dann nur noch ein kurzes, hysterisches Glucksen frei. Meine Fresse, denkt auch mal jemand an die Kinder? 4/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 03.03.2016)
Advertisements
This entry was posted in Film and tagged , , . Bookmark the permalink.

One Response to I Want To Be A Soldier

  1. Pingback: Die Kissen sind geschlachtet | PAURAnoia - Gedanken beim Betrachten des Messerblocks

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s