Love

Love

(Regie: Gaspar Noé – Frankreich, 2015)

An Neujahr wird der junge Amerikaner Murphy von einem Anruf der Mutter von Electra geweckt: Sie macht sich Sorgen um das Wohlbefinden ihrer Tochter. Electra ist seine große Liebe, die er nie so recht überwunden hat – obwohl er mittlerweile mit seiner ehemaligen Nachbarin Omi verheiratet ist, mit der er auch ein gemeinsames Kind hat, das in der Hitze der Leidenschaft eines One-Night-Stands entstand. Von Erinnerungen an die zügellose Zeit mit Electra gequält, zieht er los ins Pariser Nachtleben, um sie ausfindig zu machen.

Die großen Kinopaläste in Leipzig hatten Ende des Jahres 2015 eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung mit Über-Bullshit wie “James Bond: Spectre” und dem Disney-Aufguss der lahmen Blockbusterente “Star Wars” sichergestellt, so dass ich nicht in den Genuss einer 3D-Vorführung von Gaspar Noés neuestem Projekt “Love” kam. Einige Wochen später konnten sich wenige Nischen- und Programmkinos aufraffen, diesen Film zu zeigen, allerdings “bloß” in 2D.
Grund genug für mich, um auf den DVD-Release zu warten und “Love” in Ruhe zuhause anzuschauen. Der Regisseur selbst bevorzugt die 3D-Variante, allerdings scheint mir die Erklärung, die er dafür anführt, wenig einleuchtend zu sein: 2D und 3D seien wie Mono und Stereo und es mache eben mehr Spaß, sein Lieblingslied in Stereo zu hören. Selten einer weniger geglückten Analogie gelauscht. Whatever, Gaspar.
Die Ursprünge von “Love” können bis in die Zeit nach seinem ersten Achtungserfolg “Menschenfeind” zurückverfolgt werden, als das Drehbuch zu “Enter The Void” schon stand, es aber noch nicht abzusehen war, ob sich dieses Projekt jemals finanzieren ließe. Der kommerzielle Erfolg stellte sich erst mit “Irréversible” ein.
So skizzierte Noé schnell ein fünfseitiges Treatment mit seinen Gedanken zu den Themen Liebe und Beziehung und reichte es an Vincent Cassel weiter, den er kurz zuvor in einem Club kennenlernte. Dieser zeigte sich interessiert und schlug seine damalige Ehefrau Monica Bellucci plus seine eigene Wenigkeit als Besetzung vor, was Noé einleuchtete, obwohl er ursprünglich ein deutlich jüngeres Paar im Sinn hatte. Bei genauerer Betrachtung des Projekts, flößten den bekannten Schauspielern die intimen Momente mehr Respekt ein, als zunächst angenommen. Sie cancelten “Love” nach einer durchdiskutierten Nacht. (Die Zusammenarbeit wurde aber nicht verworfen. Mit den großen Namen im Gepäck war es leichter eine gescheite Filmfinanzierung zu regeln und so entstand “Irréversible”. Ein “rückwärts erzählter Rape & Revenge-Film”, dessen Plot Vincent Cassel erst für einen Scherz hielt.)
In “Love” dominieren ruhige Bilder (für die Kameramann und Langzeitkollaborateur Benoît Debie verantwortlich zeichnet), die eine alltägliche Liebesgeschichte erzählen, welche an der Unreife des männlichen Protagonisten scheitert. Schon früh wird man als Schüler im Deutschunterricht davor gewarnt, den Autoren mit der Hauptfigur (oder dem Ich-Erzähler) gleichzusetzen, aber Gaspar Noé gibt so viele Hinweise auf seine eigene Person (Vor- und Nachname tauchen als Rollennamen auf. “Gaspar” ist ein Kleinkind, keines der Liebe, sondern ein gedankenloser Fick, der die Beziehung zur Mutter mit Müh und Not flickt; “Noé” ein burgeoises Kunstgaleristenarschloch, das wohl den Teil des Regisseurs verkörpern soll, der sich hin und wieder an den Kunstbetrieb verkaufen muss), dass der Beruf der Hauptfigur (Filmemacher), neben dem immer wieder prominent in Szene gesetzten “Salò”-Filmplakat (Noés Lieblingsfilm), schon penetrant und aufdringlich wirkt. Auf Nachfrage bestätigt Noé er habe die Hauptfigur aus den Charaktereigenschaften von Kumpels und jungen Männern, die früher seinen Freundeskreis bildeten, montiert. (Und ich behaupte, die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin Lucile Hadzihalilovic kann auch ein Fundus für Ideen und Versatzstücke gewesen sein.)
Die Öffentlichkeit interessierte in Bezug auf “Love” vor allem die Frage, ob dies nun noch ein Film oder schon Pornographie sei. Dazu gibt es eine einfache und klare Antwort: “Love” beschäftigt sich mit der Beziehung eines Paares, er zeigt Liebesszenen, keine Sexszenen (mit wenigen Ausnahmen).
Ich bin durch den gedankenlosen und schablonenhaften Umgang der meisten Filmemacher mit Sexualität und Liebe so konditioniert, dass ich meine Aufmerksamkeit bewusst auf die Bilder zurücklenken musste, weil ich es gewohnt bin, dass nichts (Interessantes) mehr passiert, sobald ein Pärchen auf der Leinwand liebt. Die Distraktion wird noch durch den bemerkenswerten Soundtrack verstärkt, der Arbeiten von John Carpenter neben Stücke von John Frusciante stellt, einen grandiosen Einsatz von Funkadelics “Maggot Brain” inszeniert und auch die Goblins das Kinderlied aus Dario Argentos “Profondo Rosso” anstimmen lässt. Alles Lieblingsstücke des Regisseurs, alle eine Klasse für sich selbst – und alle mit Assoziationen aufgeladen, die mich immer wieder rausbrachten.
Der Anblick der Liebe war weniger reizvoll, als den Gedankengängen zu folgen, die die Musik weckte. Ein Problem, das sicher auch durch die eher nüchterne Herangehensweise verursacht wird: “Love” vermisst das Rauschhafte seines fabelhaften Vorgängers “Enter The Void”.
Dafür hat Noé seine Schauspieler recht gut gewählt, vor allem Karl Glusman (der in manchen Szenen wie Eminem, in anderen wieder wie Steve-O wirkt) nimmt man die Rolle des überforderten Twens ab, der nicht begreift, dass er durch seinen Leichtsinn vielleicht alles zerstören wird, was er vom Leben erwartet. Aomi Muyock passt in dieses Bild, wirkt aber ernsthafter – trotz der gelegentlichen Ausraster. Die Rollennamen sind ähnlich dick aufgetragen wie die Selbstreferenzialität: “Murphy” nach Murphy’s Law und “Elektra”, das weibliche Pendant zu Ödipus.
Wie man es auch dreht und wendet: “Enter The Void” bleibt die Sonne in Gaspar Noés Universum, um die sich Planeten wie “Love” oder “Menschenfeind” drehen, auf genialischen Umlaufbahnen, sicher, die richtigen Einstellungen für den Weg zum Herzen der Galaxie, finden sich jedoch ausschließlich in seinem 2009er Meisterwerk. “Love” ist nur ein Satellit, wenn auch ein fuckin’ großartiger. 8/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 03.02.2016)
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