My Dinner With Jimi

My Dinner With Jimi

(Regisseur: Bill Fishman – USA, 2003)

Im Jahre 1967 macht sich die US-Rock-Band The Turtles – nach ihrem No.1 Hit “Happy Together” als die ‘amerikanischen Beatles’ bezeichnet – auf den Weg nach London, um ihre Idole, die wahrhaftigen Beatles, zu treffen. Doch die Reise in die Hauptstadt der Swingin’ Sixties verläuft völlig anders als geplant, denn sie müssen feststellen, dass sie dort ganz und gar nicht die Stars sind, für die sie sich halten. Das ändert sich, als sie eines Abends im berühmten Nachtclub “The Speakeasy” doch noch auf einige der ganz Großen der Rockgeschichte treffen…

Junge, ist dieser Howard Kaylan ein selbstverliebtes Arschloch. Nicht nur, dass er die Gelegenheit nutzt, um selbst das Drehbuch für einen Film über seine Band The Turtles zu schreiben, nein, er beutet diesen Glückstreffer auch noch soweit aus, sämtliche Beteiligte als grob gezimmerte Kasper darzustellen, was ihm selbst die Rolle des einzig “richtigen” Menschen (oder sagen wir: annähernd menschlichen Wesens) zukommen lässt, der stets im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Doch von vorne.
Nachdem sich Kaylans Surf-Truppe The Crossfires aus Los Angeles im Zuge des Folk-Rock-Booms in The Tyrtles (mit stilechtem Byrds-Ypsilon) umbenannt hatte und sich an Dylan-Covers versuchte, schafften sie es unter dem leicht veränderten Moniker The Turtles schließlich bis in die Charts der USA und sollten im Sommer 1967 einen Riesenerfolg mit “Happy Together” einfahren. “My Dinner With Jimi” setzt kurz vor diesen Ereignissen ein, um sich dann ganz auf die erste Englandreise der Band zu konzentrieren.
Schon zu Beginn nerven die naiven, unterbudgetierten Einstellungen von Regisseur Bill Fishman, die den Spirit des “Summer of Love” einfangen sollen, aber unglücklicherweise neben originale Archivaufnahmen gestellt werden, die die nachgestellten Szenen als das entlarven, was sie sind: Eine Ansammlung von falschen Bärten und Perücken, eine Kostümparty unter dem Motto “Let The Sunshine In”, eine unprofessionelle Ansammlung dämlicher Klischees, die man an Karneval erwartet, aber nicht von jemandem, der angeblich “dabei” gewesen ist. Für eine halbgare Klamotte zum Thema Drogen und Vietnam hätte es sogar ausgereicht, der Subplot um die Einberufung zur US-Army des Turtles-Sängers Howard Kaylan deutet das an. Er ist der einzige halbwegs gelungene Teil des Films, wenn auch nicht sonderlich originell oder herausragend umgesetzt. Sein großer Vorteil besteht in der Tatsache, dass Howard Kaylan seine Aufmerksamkeitsgeilheit hier an verhassten Figuren wie Musterungsärzten und Armeeangehörigen ausleben kann, ohne sich an Musikern der Rock- und Popmusik vergreifen zu müssen.
Während man die Turtles vor ihrem Englandtrip noch auf dem Sunset Strip bewundern kann, darf sich das Publikum an völlig grotesken Karikaturen der damals aufstrebenden kalifornischen Rockstars erfreuen. Die schamlos untalentierte Darstellerriege kotzt einem einen lächerlich betrunkenen Jim Morrison vor die Füße, zeichnet Frank Zappa als neunmalklugen Nasenbären und findet, dass Mama Cass vor allem fett und schrill war. Und wieder diese Perücken! Diese billigen Kostüme!
Einmal auf den britischen Inseln angekommen, wird es nicht besser. Graham Nash von den Hollies kommt zwar glimpflich davon, dafür muss Donovan als schlecht geschminkter Yogavogel mit Glückskeksweisheiten dran glauben, ganz zu schweigen von den Mitgliedern der Moody Blues, die als blasierte Snobs auftreten. Endgültig vor Lachen vom Stuhl gerissen hat es mich, als Brian Jones die Szenerie betrat: Ein grell-gelber Wischmop in einem peinlichen Anzug, der Howard Kaylan um ein Autogramm bittet. Erstaunlicherweise sind alle Popstars, die in “My Dinner With Jimi” vorkommen, große Fans der Turtles und ihrer Musik…sowie natürlich der Stimme von Howard Kaylan. Das heißt: Alle – bis auf einen. John Lennon darf die Rolle des Spielverderbers und Miesepeters ausfüllen; er beleidigt den Rhythmusgitarristen “Tucko” der Turtles, der daraufhin die Band verlässt und nie wieder professionell Musik macht. Dies ist einer der wenigen Momente im Film, in denen Kaylan einem Ereignis Platz lässt, das wirklich so stattgefunden haben könnte. Lennon war als miserabler Trinker bekannt, der schnell ausfallend wurde und im Vollsuff ein regelrechter Bastard sein konnte. Selbst sein Duktus ist recht gut getroffen, was man von den anderen beteiligten Rockstars nicht behaupten kann. Die Darstellung von Jimi Hendrix ist sogar eine üble Ansammlung von Manierismen, die gelegentlich ins Rassistische zu kippen droht. In der Szene, die das Abendessen mit Hendrix im Speakeasy schildert, beschmutzt Kaylan Hendrix gleich doppelt: Einmal mit seiner Kotzerei, zum anderen mit seinen Drehbuchdialogen – fast vierzig Jahre später. Das muss man erstmal schaffen. Congrats!
Manchmal tut es gut, wenn die vermeintlichen Götter und Legenden der Rockmusik von ihren Sockeln geholt werden und ein frischer Wind den Staub wegpustet, der sich über die Jahre angesammelt hat und zur Kruste zu erstarren droht. “My Dinner With Jimi” ist aber eine hohle, narzisstische und widerlich primitive Selbstbeweihräucherung eines Mannes, der es anscheinend nicht verkraften konnte, einen Sommer lang das heiße Ding zu sein (immerhin verjagten die Turtles die Beatles mit “Penny Lane” von Platz 1 der Charts) und später als Studiomusiker (u.a. für den geschmähten Zappa) sein Brot in der Anonymität verdienen zu müssen. Wäre da nicht die über jeden Zweifel erhabene Musik, “My Dinner With Jimi” wären einfach nur die verkalkten Memoiren eines ziemlichen Idioten. 4,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 11.04.2016)
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