Picknick am Valentinstag

Picknick am Valentinstag

(Regie: Peter Weir – Australien, 1975)

Am Valentinstag 1900 unternimmt eine Mädchenschulklasse aus Victoria in Australien einen Picknickausflug zu den Felsformationen von Hanging Rock. Als vier Mädchen einen Spaziergang machen, verschwindet die ganze Gruppe in der Mittagshitze und taucht nicht wieder auf. Das gilt auch für eine Lehrerin der Klasse. Eine Suchexpedition bleibt erfolglos, dann taucht plötzlich eines der Mädchen wieder auf…

Neben aggressiven Wespen oder emsigen Ameisen kann auch schlechtes Wetter einen Ausflug in die Natur zur Qual werden lassen, wenn nicht gleich ein Teil der Picknickgesellschaft verschwindet und sich in Luft auflöst. So geschieht es in Peter Weirs Romanadaption “Picnic At Hanging Rock” (Originaltitel), nach der 1967er Vorlage von Joan Lindsay, in der dieses Ereignis am Anfang einer Kette von Geschehnissen steht, die den Nachwirkungen des Viktorianischen Zeitalters in aller Stille und ohne Hast ein Totenbett bereiten; selbst die Kopfkissen werden noch einmal hübsch aufgeschüttelt.
Zwischen hübsch und wirklicher Schönheit pendeln dann auch die Aufnahmen der australischen Wildnis rund um den Hanging Rock, die Peter Weirs langjähriger Kameramann Russell Boyd einfängt, manche davon wie durch einen Weichzeichner verfremdet, in Wirklichkeit aber durch einen Brautschleier über der Linse fotografiert. In anderen Filmen würde ich dieses Detail vielleicht nur als kleine Skurrilität am Rande wahrnehmen, dieser künstlerische Kniff passt aber so hervorragend zum Sujet von “Picknick am Valentinstag”, dass man ihn sich eigentlich ausdenken müsste, wenn er nicht wirklich angewandt worden wäre.
Dem ersten Anschein nach ist Peter Weirs zweiter Spielfilm ein Mysterythriller, der sich um das Verschwinden junger Mädchen und einer älteren Frau dreht. Zieht man aber der obersten Schicht der Zwiebel die Haut ab, die das Publikum noch mit Vexierbildern von Schauergeschichten und Gänsehaut foppen will, entblättert sich ein kleines Sittenpanorama, welches das sexuelle Erwachen einer Gruppe von Teenagern durch ein Guckloch verfolgt und auch ihr Aufbegehren gegen die etablierten Regeln der Umgebung artikuliert.
Schon alleine die aus dem England des 19. Jahrhunderts in den Busch von Australien verpflanzte Mode bietet einen zur Heiterkeit verführenden Anblick, der treffend die Situation der Collegeschülerinnen belegt: Sie sind in absolut unpraktischen und einengenden Uniformen gefangen und den Launen der australischen Natur ausgesetzt. Diese Körperfeindlichkeit geht soweit, dass man selbst während des Ausflugs ins Grüne lieber Gedichte über die Natur rezitiert, als sich an ihr zu erfreuen. Eine lieblose, versteinerte Intellektualität, die vorgibt dem Leben zu huldigen, dieses jedoch am liebsten, auf eine Stecknadel gespießt, hinter Glas bringen und katalogisieren möchte.
Das Verschwinden ist dann auch eher ein Gefängnisausbruch der un(ter)bewussten Art. Überdeutlich erkennt man dies in den Kostümen: Während die Mädchen zu Beginn alle noch jungfräuliches Weiß tragen, kehrt eine der Geretteten in einem scharlachroten Aufzug wieder, der sich nicht nur durch den modischen Schnitt, sondern auch die Art ihn zu tragen, von der klösterlichen Keuchheitskluft unterscheidet. Ebenso verschwindet eine der Erzieherinnen, die von der matronenhaften Leiterin des Colleges wegen ihres “männlichen” Intellekts geschätzt wurde, mit den jungen Damen. Sie trägt von der ersten Szene an ein kräftiges Rot. Diese Bedürfnisse müssen der Oberaufseherin entgangen sein. Kein Wunder, in ihrem Bemühen eine idealisierte Vorstellung der Welt zu konservieren, hat sie ein Mausoleum geschaffen, in dem sie sich selbst beerdigen wird.
Das Zusammenspiel von jugendlicher Sexualität und angedeutetem Suizid ist so stark, es wäre verblüffend, wenn Sofia Coppola in “Picknick am Valentinstag” nicht ihre Ausgangsidee für “The Virgin Suicides” gefunden hätte. Natürlich nicht ohne diese mit “American Beauty” zu kreuzen.
Bemerkenswert erscheint mir auch der Soundtrack von Peter Weirs Film, der (neben klassischen Musikstücken von Bach, Mozart und Tschaikowski) eine eigentümliche Mischung aus Panflötenklängen und bedrohlichem Mellotronspiel auffährt, die die Atmosphäre stark suggestiv beeinflusst. In den impressionistischen Naturbildern mag man augenscheinlich keine Bedrohung finden, es gibt wenig Schatten, kaum Nacht – und bis auf ein paar eingestreute Zeitlupen auch keine Verfremdungen. Der mysteriöse, unheimliche Touch wird allein durch die Musik erzeugt.
So ist es zum Schluss auch eher irrelevant, was sich genau an diesem Nachmittag am Hanging Rock zugetragen hat; viel wichtiger scheint mir, dass das Aufbegehren der Mädchen Konsequenzen hat und für Risse im System sorgt, die tiefer gehen als nur bis zur strengen Fräulein-Rottenmeyer-Fassade. Wem die Aufklärung der Ereignisse aber wirklich am Herzen liegt, der kann sich mit dem letzten Kapital der Romanvorlage von Joan Lindsay, das nach ihrem Tod publiziert wurde, trösten: Dort findet der geneigte Leser eine banale Auflösung des Schreckens. 7,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 24.04.2016)
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