Rare Exports – Eine Weihnachtsgeschichte

Rare Exports – Eine Weihnachtsgeschichte

(Regie: Jalmari Helander – Finnland/Frankreich/Norwegen/Schweden, 2010)

Bei Bohrungen auf dem russischen Berg Korvatunturi entdeckt ein Team unter amerikanischer Leitung das eisige Grab des echten Weihnachtsmanns. Die Freunde Pietari (Onni Tommila) und Juuso (Ilmari Järvenpää) beobachten heimlich die beginnende Bergung und fliehen anschließend über die finnische Grenze zu ihren Eltern. Am Folgetag beginnt die Rentierjagd, doch es scheint keine dieser lebensnotwendigen Tiere mehr zu geben. Am Grenzzaun wird schließlich eine gerissene Herde entdeckt, unweit des Loches, welches Juuso zur Grenzüberquerung in den Zaun geschnitten hatte. Pietaris Vater, Rauno (Jorma Tommila), und seine Freunde Piiparinen und Aimo verdächtigen die Bergarbeiter, finden wenig später an der Ausgrabungsstätte jedoch niemanden mehr vor.
In den Folgestunden häufen sich merkwürdige Ereignisse und Pietari verdächtigt den offenbar erweckten bösen Weihnachtsmann aus uralten Legenden. Als seinem Vater nun noch ein nackter alter Mann mit langem Bart in eine illegale Falle geht, sieht er sich bestätigt, zumal von seinen Freunden mittlerweile jede Spur fehlt. Rauno und dessen Freunde hingegen versuchen panisch die vermeintliche Leiche zu zersägen und setzen so weitere dramatische Ereignisse in Gang…

1984 konnte man in “Silent Night, Deadly Night” einen axtschwingenden Weihnachtsmann beobachten, der (aufgrund seiner in einem katholischen Kinderheim verbrachten Jugend) einen Hau weg hatte und unerzogenen Buben und Mädchen beim Rodeln die Köpfe vom Hals schlug. Ein bitterer Aufschrei ging durch das triste Leben etlicher Hausmütterchen der USA und sie versammelten sich, um mal wieder für das Wohl der Kinder zu demonstrieren. Mit Erfolg: Der Film wurde eine Woche nach Kinostart zurückgezogen und Santa Claus war nun wieder freundlicher Coke-Werbeträger, anstatt finsterer Psychoschlitzer.
Knapp dreißig Jahre später schert sich die Öffentlichkeit weniger um fiktive B-Filme, auch wenn es immer mal wieder ein Skandälchen an die Boulevardoberfläche schafft. Jalmari Helanders “Rare Exports”, der auf einem Internet-Kurzfilm der Helander-Brüder basiert, ist sicher nicht kinderfreundlich und noch weniger vegan, denn der Film porträtiert eine ruppige Männergesellschaft, die vom Fleisch ihrer Rentiere lebt. Einer der zentralen Orte des Films ist ein Schlachthaus, in dem gleich zu Beginn fröhlich ein Schwein zerlegt wird.
Der Halbwaise Pietari haust hier mit seinem Vater, der ein Pragmatiker ist, also kein Ohr und kein Auge für die seelischen Nöte seines Sohnes hat. Ein Empathiekrüppel, der sich am Besten in der John-Wayne-Pose des starken Mannes gefällt und unter gleichgesinnten Kumpels aufblüht. (Und so doof das auch sein mag: Das sorgt für einige witzige One-Liner.)
Bis zum Schluss wird man in “Rare Exports” keine Frauen- oder Mädchenfigur finden, allerhöchstens in Form einer Notiz oder repräsentiert durch Föne und Haartrockner. Das Dorf an der Grenze zu Russland ist durch und durch chauvinistisch. Und das in sämtlichen Bedeutungen des Wortes: Hier zählen die Werte weißer Männer in der Midlife-Crisis, die sich keine Blöße geben und sowohl gegenüber Russland (“In Russland ist ein Haartrockner High-Tech.”), als auch den USA, ihre Vorurteile pflegen. Im Endeffekt sind “die” doch alle Ausländer.
An diesem bitteren Ort muss der kleine Pietari seine ersten Schritte in die Pubertät machen. Das Träumerle ist eigentlich zu sensibel für sein Umfeld, wird aber zum Ende hin dazugehören, weil er in Jesus-Christus-Erlöserpose (sogar ein Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung “ursprüngliches” Weihnachten) sein selbstgewähltes Mannbarkeitsritual furchtlos übersteht.
Kompakt in 80 Minuten erzählt, funktioniert die Darstellung des Weihnachtsmannes als bockbeiniger, spindeldürrer, kinderverschlingender Bergteufel und seiner fiesen Wichtel auch so hervorragend, weil der abgründige Humor und die stellenweise sehr unheimliche Darstellung eher ungewöhnlich für einen Weihnachtsfilm sind. Teils richtig schön böse und makaber, wenn man z.B. an die Schlussszene und die Umerziehung der Weihnachtswichtel denkt. Die Gags sitzen, das Timing ist präzise und der Film bleibt trotz seiner hinterwäldlerischen Figuren in jedem Augenblick liebenswürdig. Die finnische Landschaft ist schön fotografiert und harmoniert mit dem symphonischen Score, der mal jubiliert, mal melancholisiert, also im besten Sinne als Gebrauchsmusik zur Emotionsverstärkung auf der Leinwand daherkommt.
Die Darstellungen des bösen Weihnachtsmannes, die Pietari in alten Büchern findet, erinnern in einem Fall deutlich an eine Zeichnung aus Heinrich Hoffmanns Buch “Der Struwwelpeter”; auch so ein pseudo-pädagogisches Instrument, wie das große Buch, in dem sich Santa Claus das Fehlbetragen der Kinder notiert.
Gut zu wissen, dass die “Gremlins” nicht mehr der einzige Spaß im überfrachteten und bräsigen Weihnachtsprogramm sind. 8,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 02.12.2015)
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