Slipstream Dream

Slipstream Dream

(Regie: Anthony Hopkins – USA, 2007)

Bei der Arbeit an seinem neustem Werk gerät der tagträumende Drehbuchautor Felix Bonhoeffer zufällig in eine Schießerei auf dem Highway, die er und seine Begleiterin aber unbeschadet überstehen. Währenddessen machen sich zwei flüchtige Bankräuber in einem kleinen Restaurant breit und terrorisieren Angestellte und Gäste. Dabei beginnen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität allmählich zu verschwimmen…

In seinem ersten Filmprojekt, für das er ein Drehbuch schrieb, führt Anthony Hopkins (vor allem bekannt als Dr. Hannibal Lecter aus “Das Schweigen der Lämmer”) auch Regie, spielt die Hauptrolle und komponiert die Musik. Er verarbeitet darin persönliche Themen und Erfahrungen, die sich um das Leben in der Filmindustrie Hollywoods drehen, aber auch die Rezeption von Realität (oft in Gestalt der Zeit), von Film und Fernsehen, von Gedanken, (Wunsch)vorstellungen, Nahtod- und Todeserfahrungen.
Nach Sichtung von “Slipstream Dream” ist man erstmal ernüchtert, wie simpel der Plot ist, der eigentlich erzählt wird, weil Hopkins den Löwenanteil an visuellen Effekten, Schnitt- und Storytechniken ins Feld führt, die das amerikanische Kino zu bieten hat: Slow Motion, Zeitraffer, Standbilder, Farbfilter, Wiederholungen, Drop Outs, Überbelichtungen, Anschlussfehler…all das stürzt von Anfang an auf den Zuschauer ein und wird durch Zeitebenen innerhalb von Zeitebenen, Geschichten innerhalb von Geschichten, Filmplots innerhalb von Filmplots (inklusive deren Originalschauspielern!) und Träumen innerhalb von Träumen potenziert. Das reicht Hopkins aber noch lange nicht, er beschließt, seine Haupfigur Bonhoeffer (also quasi sich selbst) und viele der Nebencharaktere nicht nur abzubilden, sondern auch sporadisch ihre Gedankengänge in Bilder zu fassen. Meistens sind es simple Assoziationen während eines Gesprächs, so dass man die Welt des Fernseharchivs (Hitler, Stalin, Marilyn Monroe, James Dean) konkret und die Erinnerungen, Sehnsüchte und Wünsche der Protagonisten in Andeutungen erlebt. Dies ist teilweise stakkatohaft und grell aufblitzend geschnitten und erinnert an die unsäglichen Videoclips auf MTV oder den modernen Actionfilm, erreicht aber lange nicht deren Penetranz, weil diese Stilmittel klar als Interferenzen benutzt werden und nicht die Gesamtheit von “Slipstream” (Originaltitel) berühren, auch wenn es hier viel weniger ruhige Einstellungen als in den meisten anderen Streifen gibt.
Der eigentliche Ausgangspunkt des Filmes befindet sich am Ende der 90 Minuten, wenn das Leben des Sterbenden vor seinen Augen vorüberzieht. Dies ist nicht unbedingt ein Spoiler, denn “Slipstream Dream” bekennt sich zu einem erstaunlich breiten Nebeneinander der Zeit, das wirklich reizvoll ist. Sollte der Zuschauer den Film in eine logische Chronologie bringen wollen, ist ihm das auch möglich, nimmt aber viel von der Faszination, die nicht immer, aber über weite Strecken aufgebaut werden kann. Auch die Vermischung von Lebensrückblicken, Fernseh- und Kinogeschehen mit den Vorstellungen und Problemen eines Autors, geraten “Slipstream Dream” zur Zier. Jede Ebene kann von überall heraus auf eine andere übergreifen und diese beeinflussen. Nicht nur der Autor hat den Film in der Hand, sondern auch Charaktere und die Schauspieler dieser Charaktere, sowie Kameramänner und “script supervisors”. Gleich zu Beginn fällt einer der Charaktere “aus der Rolle” und richtet ein Blutbad an, weil er fühlt, dass etwas an der Handlung faul ist. Selbst Drehbuchschreiber Bonhoeffer verliert endgültig den Überblick, wenn ihn seine eigenen Figuren sowohl im Schlaf, wie auch als Teil seines Bildschirmschoners heimsuchen. Er kann seine Geschichte weder von der Realität, noch von seinen Erinnerungen oder Phantasien trennen. Was mit ihm geschieht, wird ihm vielleicht in einem kleinen, luziden Moment vor seinem Tod bewusst, doch auch dann reißt es ihn weiter in den Mahlstrom der Bilder und Erinnerungen; noch im Abspann führt Anthony Hopkins ein weiteres Level ein und zeigt Behind-The-Scenes-Shots der Dreharbeiten zu “Slipstream Dream” – um dann den gesamten Film, den man gerade gesehen hat, in Superzeitraffer rückwärts ablaufen zu lassen, bis der letzte Endtitel mit dem “opening shot” übereinstimmt.
Klingt nach viel Hirnwichserei und einem Autor gefangen im Sog der Postmoderne? Keine Sorge, das ist es mitnichten: “Slipstream Dream” erzählt eine recht konventionelle Drama-/Thriller-Geschichte, auf eine Art und Weise, die der menschlichen Wahrnehmung und dem menschlichen Erleben näher kommt, als der sonst übliche Kinofilm. Dabei entsteht ein surrealistischer Wirbelwind, der sich ebenfalls mit den Hunderten von Arten, wie man einer Katze das Fell abziehen bzw. einen Film editieren kann, beschäftigt, diese dabei ausgiebig vorführt und von allen Seiten betrachtet. The mind boggles, the eye follows. 6,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 22.01.2015)
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