The Cell

The Cell

(Regie: Tarsem Singh – USA, 2000)

In einem wissenschaftlichen Institut arbeitet man mit einer Apparatur, die es ermöglicht, in die Psyche von Menschen einzudringen, um so Problemen auf die Spur zu kommen. Zur gleichen Zeit kommt die Polizei dem Serienkiller Carl Stargher auf die Spur, der seine Opfer stets in einem gläsernen Käfig einsperrt und nach einer bestimmten Frist darin ertränkt. Leider erleidet Stargher bei seiner Festnahme einen epileptischen Anfall und fällt ins Koma, so dass man den Aufenthaltsort seines letzten Opfers nicht mehr feststellen kann. Zu diesem Zwecke dringt eine Wissenschaftlerin des Instituts in die Psyche des verdrehten Stargher ein – eine Mission mit unübersehbaren Gefahren.

Hätte ich “The Cell” vor “The Fall” gesehen, ich wäre mit meiner positiven Bewertung des zweiten Werks von Tarsem Singh wahrscheinlich zurückhaltender gewesen, denn alles was dort auftaucht, ist auch schon in “The Cell” enthalten: Die Looks, die Sujets, die Figuren.
In “The Fall” trennte man sich glücklicherweise von der Serienkillerstory, die seit den Erfolgen von “Das Schweigen der Lämmer” und “Sieben” extrem populär wurde und dadurch dauernd als Plagiat oder Variante auftauchte. Der Plot von Singhs Zweitling ist weniger angestaubt und sympathischer, als die erneut aufgekochte Serienkillerhatz in “The Cell”, die für die größten Schwächen im Film sorgt.
Wenn Tarsem Singh sich visuell austoben kann, ist er in seinem Element, dann bebildert er wundervoll das ins Dämmerlicht der Träume getauchte Unterbewusstsein und folgt dem Assoziationsprinzip, welches das Erzählkino oft verschmäht, aber im Schlaf von allen Menschen erlebt wird. Singh ist dabei nicht ansatzweise so radikal wie Alejandro Jodorowsky, auch wenn dessen Filme als Inspirationsquelle dienen (und im Falle von “The Fall” dort auch zitiert werden); man merkt ihm seine Herkunft aus der Welt der Werbung und Musikvideoclips jederzeit an. Es geht vor allem um aufwendig gestaltete, bunte Oberflächen, die trotz der Themen wie Mord, Nekrophilie, Schizophrenie, Folter und Wahnsinn immer wie aus dem Ei gepellt daherkommen.
Anlass zur Klage gibt auch das Wassermotiv, das sich omnipräsent in den Vordergrund drängt, um kalenderspruchartig als Spiegel der Seele, verklausulierte Sexualität, als Mordwaffe oder fehlgeleitete Religiösität “aufzutauchen”; von einigen der Motivationsgründen der Figuren (Kindesmissbrauch) ganz zu schweigen.
Ärgerlich wird es erst dann, wenn im Zusammenhang mit Polizeiermittlungen und Forensik auf Biegen und Brechen Erklärungen für die morbiden Traumsequenzen gefunden werden müssen. Hier fehlt Singh der Mut zur Lücke und einige der nun folgenden Scheußlichkeiten aus dem Kästchen der Trivialpsychologie sind im Serienkillerthriller normal, nichtsdestotrotz ein Ärgernis und Störfaktor, der zeitweise eine nervige Naivität freilegt, die “The Cell” wirklich schadet.
Ein weiteres Vorbild Singhs, “La planète sauvage” von René Laloux, flimmert sogar als Filmzitat über Jennifer Lopez Nachttischchen, die hier die Titelheldin gibt und auch die Chance eingeräumt bekommt, mit ihren körperlichen Vorzügen zu glänzen, ohne dass der Regisseur sich den Tugenden dieses psychedelischen Trickfilmklassikers verpflichtet fühlt. Tarsem Singh arbeitet lieber in der Werbung mit den Stars, er weiß sie in Szene zu setzen, um Nike und Pepsi zu verkaufen. Seinen eigenen Visionen tut dies nicht immer gut. Wenn J-Lo zum Schluss zwischen dem schwarzen Rächerkostüm Zorros und einer Mutter-Theresa-Kutte oszilliert, wird es lächerlich – und zwar im Sinne von lachhaft, nicht in der absurden Qualität, nach der Singh trachtet.
Der Score klingt profunder als die Bilder des Films aussehen, eine wirklich gelungene Arbeit Howard Shores, der sonst gerne mit David Cronenberg kooperiert. Die Musik verleiht der Oberfläche zumindest ein wenig Tiefe und lässt manche Standardsituation nicht ganz so unglücklich wirken.
“The Cell” ist ein guter Film, der nicht langweilt, aber so viel besser sein könnte, wenn man die kommerziellen Zugeständnisse an den konventionellen Thriller einfach mal weggelassen hätte. Wozu immer eine alles einordnende Rahmenhandlung? Verlass dich einfach auf deine Assoziationen, Tarsem, das würde für einen feinen Film sorgen. Glaub mir, Mann. 6,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 14.12.2015)
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