The Psychic

The Psychic

(Regie: Lucio Fulci – Italien, 1977)

Die Innenarchitektin Virginia (Jennifer O’Neill) hat Visionen, die sich bewahrheiten. So ahnte sie schon als Kind den Selbstmord ihrer Mutter. Nun kommen die Visionen wieder: In einem Autobahntunnel tauchen vor Virginia scheinbar unzusammenhängende Bilder wie ein zerbrochener Spiegel, ein gelbes Taxi, eine frische Mauer und eine erschlagene Frau auf. Angekommen in dem Landhaus ihres Mannes Francesco (Gianni Garko) findet sie eine neu verputzte Stelle in der Wand und dahinter ein Skelett. Doch das ist nur der Anfang einer Reihe von Ereignissen, die für Virginia immer bedrohlicher werden.

Zu den Filmen Lucio Fulcis zurückzukehren, bedeutet immer eine große Freude, im Falle von “Sette note in nero” (Originaltitel) beinhaltet es sogar ein Wiedersehen mit einer Todesszene aus “Don’t Torture a Duckling”: Der Selbstmord der Mutter der Protagonistin findet auf die gleiche Weise statt, wie die des Priesters in Fulcis Giallo-Klassiker aus dem Jahr 1972. Durch viele seiner Arbeiten ziehen sich Kopf-, Gesichts- und Augenverletzungen und -verstümmelungen, die oft auf einen verwirrten, verletzten, betäubten oder ähnlich beeinträchtigten Geist hinweisen. Ganz wie im Hinterwäldler-Horror eine Flucht durch das gezielte Attackieren, Durchtrennen und Verstümmeln der unteren Extremitäten unmöglich gemacht werden soll, malträtiert Fulci den Geist (in Gestalt der Augen und des Gesichtes), um die Zuflucht in die Rationalität zu unterbinden.
Beim Betrachten von Fotos des italienischen Regisseurs, fällt es leicht, sich vorzustellen, dass dieser knautschgesichtige Gnom ein unleidliches Rumpelstilzchen sein konnte. Dies behauptet zumindest Drehbuchautor Dardano Sacchetti, der durch seine Kollaborationen mit Dario Argento und Mario Bava bekannt wurde. Im Verlauf des Schreibens eines ersten Treatments gerieten Sacchetti und Fulci heftig aneinander, was Sacchetti mit der unterschiedlichen Herangehensweise der beiden Heißsporne erklärte: Sacchetti glaubte an eine plausible, ausformulierte Geschichte, Fulci wollte eher seinen poetischen Eindrücken freien Lauf lassen. Eine ziemlich witzige und ironische Sicht der Dinge, warf man Argento doch vor, dass sein (von Sacchetti ausgearbeitetes) Drehbuch zu “The Cat O’ Nine Tails” eher wenig plausibel und glaubwürdig sei.
Lucio Fulci war, wie viele seiner italienischen, zeitgenössischen Kollegen, von seinem Können überzeugt. Ein Selbstbewusstsein, das sich bis zur Arroganz steigern konnte, die den künstlerischen und sensiblen Kern eines belesenen Mannes verstecken sollte, der kein Problem damit hatte, kommerzielle Filme zu drehen, um sich sein Segelhobby zu finanzieren. Fulci lieferte Komödien, Western, Gialli, Horror- und Splatterfilme ab, wenn es der Trend verlangte. Im Gegensatz zu vielen seiner Mitstreitern, die auch aufs Geld aus waren, behielt er aber einen eigenen Stil bei, der einen Fulci-Film unverkennbar als Fulci-Film auswies. Nicht nur die schrägen und verschobenen Bilder, die extravaganten Kamerawinkel und ausgefallenen Zooms, etwa auch der Glaube an Schicksal, welcher in “The Psychic” besonders stark hervortritt, gehören dazu.
Die Hauptfigur entwickelt aus Bildern, die vermeintliche Flashbacks aus dem Unterbewusstsein sind, eine Mordtheorie, die später in die Zukunft weisen soll. Eine finstere Hellsichtigkeit, die ihr eigenes Leben in Gefahr bringt. Fulci greift diese Gedankenblitze auf und baut sie in den Film ein, um später eine Auflösung zu präsentieren, die von Sacchetti so gewollt scheint. Zumindest behauptet er, auch gegen den Widerstand Fulcis, seine ursprünglichen Ideen im Film untergebracht zu haben. Am ersten Entwurf des Drehbuchs seien nur etwa zehn Prozent geändert worden – und beide Parteien waren damit hochzufrieden.
Viel faszinierender als die eigentliche Detektivgeschichte, fand der Regisseur jedoch die Uhr und das Musikstück (die titelgebenden sieben Noten des Originals), welches diese zur vollen Stunde ertönen ließ und setzte sie in Edgar Allan Poes “The Tell-Tale Heart”-meets-“The Black Cat”-Manier ein. In der Filmmusik erkennt man leicht die Mitwirkung Fabio Frizzis, ein weiterer langjähriger Mitstreiter Fulcis, wenn zu Beginn auch ein voll ausgespielter Track, im Stil der damals modernen Popmusik, ein eher ungewöhnliches Muskvideosetting etabliert, bevor dann der italienische Prog Einzug hält, der für den Giallo so typisch und liebenswürdig ist.
Visuell nicht halb so marktschreierisch wie “A Woman in a Lizard’s Skin” und etwas städtischer, wenn doch genauso provinziell wie “Don’t Torture a Duckling”, gehört “The Psychic” zu den präziseren, weniger ausgefaserten Gialli, am ehesten erkennbar an den zurückgeschraubten Dialogen, die sich in anderen Genre-Produktionen ausufernd durch den Plot ranken.
Sehr hübsch auch das Rot-Motiv, welches Fulci zielsicher und geschmackvoll (mit Hilfe seines Kameraexperten Sergio Salvati) durch “Die sieben schwarzen Noten” (dt. Titel) führt. Er mag in späteren Filmen mehr Experimente gewagt haben, auch das Gewaltlevel ist hier eher niedrig, trotzdem muss man “The Psychic” zu den Höhepunkten des Giallos zählen. Vielleicht sogar ein guter Einstieg für Cineasten, die man nicht direkt durch Surrealismus und Gewalt vergraulen will. Die beiden Streithähne Sacchetti und Fulci, die sich anfangs auf dem falschen Fuß erwischten, sollten noch weitere fünf Jahre zusammenarbeiten – mitunter am Besten, was das Italienische Kino zu bieten hat. 8/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 12.11.2015)
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