Tusk

Tusk

(Regie: Kevin Smith – USA, 2014)

Wallace (Justin Long) betreibt mit seinem Partner Teddy (Haley Joel Osment) einen erfolgreichen Podcast. Dabei ist er stets auf der Suche nach kuriosen und schrulligen Zeitgenossen, die als Lachnummer für die Nation herhalten sollen. Im kühlen Kanada wird der Hipster fündig: der Tattergreis Howard Howe (Michael Parks) behauptet mit Hemingway gesoffen zu haben. Der ehemalige Seefahrer und Matrose empfängt den versnobten Großstädter bei sich zu Hause, jedoch nicht ohne Hintergedanken: Der durchgeknallte Hobbychirurg träumt davon, einen Menschen in ein Walross zu verwandeln, um mit ihm zu kuscheln…

Als mir die DVD von “Tusk” in die Hände fiel und ich einen ersten, kurzen Blick auf das Cover erhaschen konnte, dachte ich mir: “Sie werden doch nicht wirklich diesen obskuren, lange verschollen geglaubten Alejandro-Jodorowsky-Film wiederveröffentlicht haben?” Nein, armes Herz, schlage ruhiger, es handelt sich nicht um die Geschichte einer besonderen Verbindung zwischen einem Elefanten und einem indischen Mädchen, mit der Jodorowsky nie zufrieden war und die er versuchte, durch Vernichtung aller erreichbaren Filmkopien, auszulöschen. (Was ihm nicht ganz gelang. Ein französisches SECAM-Videotape geistert durch die Welt – und einige von diesem gezogene Bootlegs dazu.)
“Tusk” ist vielmehr die filmische Umsetzung eines Podcasts, nach einer Idee von Kevin Smith, der unter anderem in den “Clerks”-Filmen und bei “Dogma” Regie führte. Dem Rest der Welt auch als Silent Bob bekannt, stellt er hier, unter dem Titel eines Gedichts aus Lewis Carrolls “Through The Looking-Glass” namens “The Walrus And The Carpenter”, welches auch eine Inspiration zu John Lennons Beatles-Song “I Am The Walrus” war, ein gleichermaßen witziges, wie verrücktes, als auch trauriges und zärtlich-brutales Horrorlehrstück zusammen, in dem er all seine Vorzüge als Filmemacher ausleben und vorführen kann.
Man findet in “Tusk” nicht nur die geliebten schrägen Dialoge und Situationen vor, die schon in “Clerks” und “Dogma” so wunderbar funktionierten, auch Smiths obsessive Begeisterung für Fast-Food-Franchises und deren Mitarbeiter kommt wiederholt zum Ausdruck.
Neu ist das Gespür für auffallend gefühlvolle Szenen, die die ganze Palette menschlicher Regungen umfassen, einschließlich nackter Angst und purer Verzweiflung, sowie einen spürbaren Willen, den Zuschauer zu erschrecken und ihn ein paar geistige Abgründe besichtigen zu lassen. “Tusk” ist ebenso beängstigend, wie er zum Schreien komisch ist. Der absolute Drall zum Grotesken, ohne in die Tiefen des Trashs hinabsteigen zu müssen, der auch von den Darstellern erstaunlich gut mitgetragen wird. Eine Ausnahme bleibt Haley Joel Osment, der einfach zu sehr an die Rolle des tote Menschen sehenden Kindes in M. Night Shyamalans furchtbar überbewertetem Horrorquark “The Sixth Sense” gefesselt ist. Trotz des fusseligen Versuchs sich einen Bart stehen zu lassen. Oder gerade deshalb.
Nun wissen wir spätestens seit dem “Paul is dead”-Hoax (“Cranberry sauce, cranberry sauce”) um die angeblich mythische Bedeutung des Walrosses in unseren nordeuropäischen Nachbarländern. Ein Symbol des Todes sei es. In Kevin Smiths Film ist es eine Kreatur aus den Händen des umtriebigen Special-Effects-Meisters Robert Kurtzman, die erstaunlich oft dem ähnelt, was man an der Schwelle zum Schlaf um die Peripherie seiner Augenwinkel wahrnehmen kann – besonders in Verbindung mit diesem eingebetteten, menschlichen Gesicht.
“Tusk” bricht weiterhin eine Lanze für die Schnurre und das Seemannsgarn, welches Kevin Smith sowohl in seinen Podcasts verbreitet, als auch in weitere Filme einfließen lassen möchte. Dieser Film stellt den Auftakt zur einer geplanten “True North”-Trilogie dar, deren Teile alle in Kanada spielen sollen, was Smith dann wohl noch mehr Anlässe für Kanadier- und Franzosengags geben wird. Ganz im Sinne der Filmfigur Guy Lapointe (gespielt von Johnny Depp), die durch ihren völlig überzogenen frankokanadischen Duktus und einen ausgeprägten Mangel an Empathie für ein paar der augenzwinkernden und heiteren Episoden in “Tusk” sorgt.
Wundert es da noch, dass selbst Fleetwood Mac mit (genau!) “Tusk” auf dem stimmungsvoll kompilierten Soundtrack zu finden sind?
“Tusk” dürfte die bizarrste Groteske in Kevin Smiths Schaffen sein, welches an sich schon vor absurden und abstrusen Momenten strotzt. Eine kleine Moral kann sich Regisseur Kevin Smith zum Schluss nicht verkneifen, dafür ist die Liebesgeschichte hier zwingender und glaubwürdiger, als in seinen übrigen Filmen. And here’s another clue for you all: The walrus was…Wallace! (Einleuchtend, bei dieser phonetischen Nähe!) Goo goo g’joob! 8,5/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 24.05.2015)
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