Wonderwall

Wonderwall

(Regie: Joe Massot – Großbritannien, 1968)

Der Wissenschaftler Collins führt ein wohlgeordnetes Leben, das jenseits des Labors in erster Linie auf die Schmetterlingssammlung in seinen eigenen vier Wänden beschränkt ist. Eines Abends wird er durch laute Musik aus der Nachbarwohnung gestört. Er entdeckt ein kleines Loch in der Wand, durch das er das dort wohnende Fotomodell Penny beobachten kann. Die junge Frau und ihr Leben beginnen ihn derart zu faszinieren, dass er weitere Löcher in die Wand bohrt, um noch mehr Einblicke zu bekommen.

Nachdem die Beatles am 29. August 1966 ihr letztes Konzert im Candlestick-Park-Stadion in San Francisco spielten, war der hysterische Höhepunkt der Beatlemania, die George Harrison nach eigenen Angaben “sein Nervenkostüm gekostet” hatte, unwiderruflich vorüber und alle Mitglieder der Fab Four freuten sich entweder auf Freizeit und Reisen ohne Verpflichtungen oder die Möglichkeit, sich abseits der Tretmühle von Album-Konzerttournee-Album zu verwirklichen.
John Lennon war der erste der “mop tops”, welcher die Gelegenheit beim Schopfe griff und mit dem Regisseur der Beatlesfilme “A Hard Day’s Night” und “Help!”, Richard Lester, die Kriegssatire “How I Won The War” in Almeria, einer Filmstadt in Spanien, vor allem bekannt für Western, umsetzte. Neben einer durchaus ordentlichen Schauspielleistung, schrieb er am Set auch “Strawberry Fields Forever”, ließ sich die langen Haare schneiden und nahm allgemein Abstand vom Trubel um seine Band. Unterdessen werkelte Paul McCartney zusammen mit dem kürzlich verstorbenen Beatles-Produzenten George Martin am Soundtrack zu “The Family Way” und auch George Harrison ließ sich zu einer Filmarbeit breitschlagen: Er steuerte die Musik zu “Wonderwall” bei. (Ringo urlaubte inzwischen und besuchte John Lennon bei den Dreharbeiten mit Richard Lester.)
Harrison bemerkte zwar, er habe “keine Ahnung, wie man Filmmusik schreibt”, als Regisseur Joe Massot ihm aber zusicherte, er würde jede Musik verwenden, die Harrison für “Wonderwall” komponiere, machte dieser sich auf den Weg nach Indien, um seinem neuen Hobby zu frönen: Der traditionellen hinduistisch-indischen Musik, popularisiert durch Ravi Shankar. So finden sich auf dem Soundtrack zu “Wonderwall” viele Etüden Harrisons aus dem Feld der Musik Shankars, wenn auch in weniger poppigen Formen, als man sie auf den Beatles-Alben finden kann. Die Sessions zu “Wonderwall”, die Harrison mit einheimischen Musikern einspielte, warfen auch die B-Seite “The Inner Light” der Beatles-Single “Lady Madonna” ab. Dazu gibt es ein paar herrliche Ausflüge in die gitarrenlastigen Sphären des Psychedelic Rocks, unterstützt von Harrisons Langzeitfreund Eric Clapton.
Ich kannte die LP “Wonderwall Music” schon einige Zeit, bevor ich den Film sah. Sie ist ein unebenes Flickwerk von gelungenen Melodien und Sounds, neben manchmal etwas uninspiriert wirkenden Klangteppichen und -landschaften. In Verbindung mit Joe Massots Film ergibt vieles, das auf dem Album einfach an einem vorüberzieht, jedoch plötzlich Sinn: Die kurzen Stücke bringen die Szenen auf den Punkt, sie öffnen für einen Augenblick ein Fenster durch die “Wunderwand” und untermalen nicht nur das Leinwandgeschehen, sondern gehen eine Symbiose mit ihm ein. “Wonderwall” ist ohne Harrisons Musik nicht vorstellbar, so wie Harrisons Musik ohne “Wonderwall” eine Dimension einbüßt.
Auf erzählerischer Ebene passiert in Massots Film nicht viel. Er zeigt uns einen zerstreuten, älteren Herren, Professor Collins (gespielt von Jack MacGowran, bekannt aus Roman Polanskis “Tanz der Vampire”), der sein wissenschaftliches Interesse nur in einen Job bei den Stadtwerken ummünzen konnte und auch ein bisschen den Anschluss an das Leben um sich herum verloren hat. Ihn plagen Albträume, die Beziehung zu seiner toten Mutter und er erlebt Fugen, die ihn ratlos zurücklassen. Sein einziger Zeitvertreib, der sich zu seinem neuen Lebensinhalt entwickelt, ist das Spannen. Er beobachtet seine Nachbarin, ein Model des Swingin’ London (gespielt von Jane Birkin, Rollenname “Penny Lane”), durch ein Loch in der Wand, das lange durch seine Schmetterlingssammlung verdeckt war. Diese zerbrach und ließ die aufgespießten Gesellen plötzlich in einem Farbenrausch die zugestopfte Wohnung des Professors, die eher einer Höhle (oder vielleicht auch einem Kokon) gleicht, verlassen. Wie bei jeder guten Psychedelia ziehen die auffälligen und knallbunten Blüten der Pflanze ihre Energie aus dem zwielichtigen Mutterboden des Unterbewusstseins und der Träume. So verbindet auch “Wonderwall” ausgelassene Albereien mit dunklen Untertönen und Bildern, die auf der Kante des Spiegels balancieren, wo sie gefährlich schnell in ein anderes Extrem kippen können.
Auf diesem minimalen Narrativgerüst nutzt die niederländische Designergruppe The Fool, die unter anderem auch das Gebäude der Apple-Boutique in London gestaltete und als Protegé der Beatles gesehen werden kann, “Wonderwall” als Ausstellungsfläche für ihre Ideen und Arbeiten, die sie in farbenprächtigen “set pieces” aufleben lässt, welche Regisseur Massot im Sinne des psychedelischen Zeitgeists umsetzt, indem er einen alten, aber aufgeschlossenen Menschen, der seinen Platz in der Gesellschaft nie finden konnte, einen Ausblick (als Spanner!) auf die vitalisierende Aufbruchsstimmung der Jugend erhaschen lässt.
“Wonderwall” könnte auch ein direkter Wildwuchs aus Michelangelo Antonionis “Blow-Up” sein, immerhin teilen sich beide Filme nicht nur die Atmosphäre des Swingin’ London und Jane Birkin als Darstellerin, sondern finden ihr Hauptthema im Beobachten, vielleicht sogar im Voyeurismus. Für Jane Birkin war der Dreh sicherlich keine all zu anspruchsvolle Aufgabe, hat sie doch keine einzige Dialogzeile und muss nicht mehr tun als posieren und gut aussehen. Dies führt zu einigen Stellen, die wie aus Werbefilmen wirken und das ist gewollt, denn die Oberflächlichkeit der Beziehungen, die die Menschen miteinander führen, kritisiert Joe Massot. Sie bedingen sogar das eher traurige Ende des Films, das leicht als Happy-End missverstanden werden kann, welches stattdessen aber das Verhältnis zwischen “altem” und “neuem” Leben relativiert.
“Barbarella” mag der unterhaltsamere, vergnüglichere und auch durchgeknalltere Film dieser Zeit sein (Anita Pallenberg ist ebenfalls wieder mit von der “Party” und spielt in “Wonderwall” eine Kleinstnebenrolle), aber wer ein Herz für Style und Message des “Summer of Love” hat, dabei auch die verschobenen Untiefen und Dissonanzen der End-60er wahrnehmen kann, kommt an “Wonderwall” nicht vorüber, gerade auch, weil Harrisons Soundtrack hier den Unterschied macht. 7/10

Trailer

(Zuerst veröffentlicht bei http://hhp-hangover.de am 10.04.2016)
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